Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/http-2-0-entwurf-fuer-ueberwachungsproxies-1402-104742.html    Veröffentlicht: 24.02.2014 12:48    Kurz-URL: https://glm.io/104742

HTTP 2.0

Entwurf für Überwachungsproxies

Ein Entwurf für eine Erweiterung des künftigen HTTP-Protokolls entfacht viel Aufregung, denn er sieht vor, dass Internetzugangsprovider verschlüsselte Datenströme mitlesen und verändern können.

"Einer der alarmierendsten Vorschläge für das Internet, den ich je gesehen habe" - so überschreibt der Google-Berater Lauren Weinstein seinen Blogeintrag über einen Entwurf, den Mitarbeiter der Telekommunikationsanbieter AT&T und Ericsson für das künftige HTTP-2.0-Protokoll eingereicht haben.

Der Vorschlag sieht die Einrichtung sogenannter vertrauenswürdiger Proxies vor. Die Idee dabei: Ein beim Internetzugangsanbieter installierter Proxy soll künftig die Möglichkeit haben, den Datenverkehr eines Nutzers zu entschlüsseln. So soll etwa das Caching von Daten möglich werden, aber dieselbe Technologie eignet sich auch zur Überwachung des Datenverkehrs. Weinstein bezeichnet den "vertrauenswürdigen Proxy" daher als "Man-in-the-Middle"-Proxy.

Bislang wird bei HTTPS-Verbindungen eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zwischen dem Browser des Nutzers und dem Webserver eingesetzt. Ein Internetzugangsanbieter wie die Telekom kann zwar Metadaten mitlesen und den Datenverkehr theoretisch stören, ein Mitlesen der Inhalte wird aber durch die TLS-Verschlüsselung ausgeschlossen. Aus sicherheitstechnischer Sicht ist das ein klarer Vorteil, es unterbindet aber beispielsweise, dass Internetprovider häufig abgerufene Dateien cachen und dem Nutzer somit schneller zum Download anbieten können.

Bei mobilen Internetzugängen ist es teilweise üblich, dass Internetzugangsanbieter die per HTTP übertragenen Daten optimieren und beispielsweise den HTML-Code von Webseiten verändern. Derartige Mechanismen sind bei verschlüsselten Verbindungen unmöglich.

Der bei der Internet Engineering Task Force eingereichte Entwurf sieht vor, dass die Nutzung der "vertrauenswürdigen" Proxies freiwillig geschehen soll, ein Opt-out soll in jedem Fall möglich sein. Doch Weinstein zweifelt daran, dass dies in der Praxis tatsächlich so wäre. So könnte etwa ein Mobilfunkanbieter auf einem Telefon einen vorinstallierten Browser mitliefern, der automatisch dem Proxy des Anbieters vertraut. Dass sich diese Möglichkeit dann deaktivieren lässt, ist nicht unbedingt gewährleistet. Aber selbst wenn eine Option vorhanden ist: Die wenigsten Nutzer dürften sich über derartige Details informieren und viele würden mit der Standardeinstellung surfen.

Ein derartiger Proxy wäre eine perfekte Überwachungsschnittstelle. Sämtlicher Datenverkehr könnte beim Provider entschlüsselt werden. Falls das Zertifikat einer Webseite korrekt ist, muss ein Nutzer bei einer üblichen HTTPS-Verbindung nur seinem eigenen PC und dem Betreiber der aufgerufenen Webseite vertrauen. Im Falle des "vertrauenswürdigen" Proxies würde mit dem Zugangsprovider eine weitere Stelle hinzukommen, an der Daten abgegriffen werden können.

Im Moment hat der Vorschlag für vertrauenswürdige Proxies den Status eines Entwurfs in der Httpbis-Arbeitsgruppe. Die Httpbis-Arbeitsgruppe diskutiert zurzeit, wie der Nachfolger des heutigen HTTP-1.1-Protokolls aussehen soll. Ein Entwurf hat keinen offiziellen Charakter und kann von beliebigen interessierten Personen eingereicht werden.  (hab)


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