Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-jazzpunk-ein-freizeitpark-aus-irrsinn-1402-104578.html    Veröffentlicht: 15.02.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/104578

Test Jazzpunk

Ein Freizeitpark aus Irrsinn

Im Comedy-Adventure Jazzpunk steht die Erzählung im Vordergrund. Golem.de klärt im Test, ob das Spiel mit seinem kruden Humor einen Volltreffer landet.

Ohne ersichtlichen Grund liegt sie im ersten Level von Jazzpunk herum: eine Schachtel Pizza. Erfüllt von Hunger und Neugierde öffnen wir die Schachtel. Doch statt etwas Essbarem finden wir bloß ein kleines Display, eingelassen in den Deckel des Kartons, sowie ein digitales Zahlenpad auf ein paar Pixeln, die zufällig einer Pizza ähneln, aber selbst für die Spielfigur ungenießbar sein dürften. Zaghaft klicken wir erneut auf den Karton und werden in das Display gesogen - nur um uns kurz darauf in einer Welt wiederzufinden, in der vom Boden bis zu den Bäumen alles aus Pizza besteht.



Nach einigen Zombie-Angriffen finden wir in der Ferne einen sicheren Unterschlupf: eine Holzhütte. In ihr sticht lediglich eine Schreibmaschine auf einem einzelnen Tisch hervor. Auf dem Papier folgende Worte: "All pizza and no pizza makes pizza a pizza." Ein Satz, der in seiner Simplizität nicht nur René Magrittes Beziehung zwischen Objekt und seiner Bezeichnung infrage stellt, sondern auch Stanley Kubricks filmisches Meisterwerk "The Shining" zitiert, in dem der ähnliche Satz "All work and no play makes Jack a dull boy" eine zentrale Rolle spielt. Kluge Parodien, aber teils auch absurd alberne Wortwitze - das sind die Stärken von Jazzpunk.

Das beginnt bei solch einfachen Dingen wie den Figuren, die statt Augen und Mund zwei Spiegeleier und Bacon als Platzhalter im Gesicht spazieren tragen. Oder dem Imbiss "Fission Chips", in dem der Spieler ohne Geigerzähler lieber keine Mantaplatte bestellen sollte.

Jazzpunk ist vor allem mutig genug, kulturelle, belanglose oder umstrittene Themen aufs Korn zu nehmen: egal ob Musik, Rasse, Klassengesellschaft, Film, Berufe oder beliebte Kaffee-Franchise-Unternehmen. Manchmal passiert das durch kleine Geschichten in der Geschichte, manchmal nur durch einen kurzen Gesprächsfetzen, den der Spieler beim Durchforsten der Welt aufschnappt. So sitzt auch jeder IT-Joke an der richtigen Stelle und ein Schmunzeln lässt sich trotz der Simplizität von "Do I look Fat32?" oder "Let's grab a byte to eat" kaum unterdrücken.

Jazzpunk bedient somit vor allem Spieler mit einem Faible für Popkultur und Filmklassiker: Wer die Anspielungen nicht nur findet, sondern auch versteht, wird wesentlich mehr Spaß haben als jemand, der noch nie in seinem Leben Hot Shots! oder Die Nackte Kanone gesehen hat.

Viele Nebenmissionen und Fazit

Während Jazzpunk grob der Geschichte eines Agententhrillers folgt, in der der Spieler regelmäßig Aufgaben für den obskuren Director erfüllt oder Nebenmissionen annimmt, bleibt der Reiz des Spiels doch bei der puren Entdeckung von Nebenquests und witzigen Kleinigkeiten. Dieser sekundären Aufgabe geht der Spieler in der Egoperspektive mit Blick auf unterschiedliche Oberwelten im simplen Pop-Art-Look etwa zwei Stunden lang nach.

Die Steuerung ist simpel: laufen, springen und mit der Maus auf jeden Mülleimer, jede Tür und jeden auf der Straße spazierenden Sexroboter klicken. Mal dem abstrakten Gebrabbel eines Saxophonisten lauschen, mal im Kino Pfeife rauchen und dem Vordermann den Rauch entgegenpusten.

Einige Interaktionen schalten zudem befriedigend aufgebaute, aber stets hervorragend zur Szene passende Minispielchen frei: Auf einem PC im russischen Konsulat lässt sich Space Invaders spielen, während ein Frosch mit Laptop das Wifi-Passwort von "Starbux" nur dann findet, wenn der Spieler eine kurze Runde Frogger erfolgreich bewältigt. Das ergibt ein spielbares Sammelsurium aus Quatsch, welches das zuletzt so erfolgreiche Genre der Explorationsspiele um den wohl bis dato humorvollsten, aber gleichzeitig auch geschmacklich schwierigsten Eintrag ergänzt.

Jazzpunk ist seit dem 7. Februar 2014 als Download für Windows-PC erhältlich und kostet rund 14 Euro. Wer kein Englisch beherrscht, wird hier aufgeschmissen sein. Das Spiel ist nicht in deutscher Sprache erhältlich, eine Übersetzung würde wohl auch viele nur schwer zu lokalisierende Anspielungen unwirksam machen.

Fazit

Jazzpunk ist gleichermaßen Jazz wie Punk: Es spielt sehr gut mit wenig eingängigen Referenzen und pfeift darauf, von jedem verstanden zu werden.

Wer es versteht, wird für einen Zeitraum von zwei bis drei Stunden viel zu lachen haben - sich nach dem Abspann aber doch nicht ganz zufrieden fühlen. Denn der Irrsinn hat durchaus Charme, passiert aber stellenweise einfach zu plötzlich, um richtig wahrgenommen zu werden. Ein erneuter Durchgang mag Abhilfe schaffen und auch das letzte Geheimnis lüften.

Immerhin darf der Spieler jedes Detail noch selbst entdecken, statt mit Kamerafahrten oder Hinweisen auf einen möglichen Kalauer hingewiesen zu werden. Dies befriedigt jedoch nicht das Bedürfnis nach etwas mehr als ein paar intelligenten Zitaten in dem absurden Vergnügungspark von Jazzpunk. Das darf Necrophone Games gern in einem zweiten Teil nachholen.  (kk)


Verwandte Artikel:
Black Mirror im Test: Abenteuer mit Gruselgarantie   
(06.12.2017, https://glm.io/131504 )
Into the Breach im Test: Strategiespaß im Quadrat   
(02.03.2018, https://glm.io/133111 )
The Beast Inside: Photogrammetrie plus Horror   
(01.03.2018, https://glm.io/133087 )
PUBG Mobile im Test: Chicken Dinner auf dem Smartphone   
(02.03.2018, https://glm.io/133052 )
Smoke & Sacrifice angespielt: Ewige Nacht in offener Welt   
(08.03.2018, https://glm.io/133223 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/