Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mail-pilot-im-kurztest-ein-sehr-spezieller-schlechter-e-mail-client-1401-104088.html    Veröffentlicht: 22.01.2014 16:46    Kurz-URL: https://glm.io/104088

Mail Pilot im Kurztest

Ein sehr spezieller, schlechter E-Mail-Client

Mail Pilot für den Mac macht die Inbox leer. Mit einem anderen Bedienungskonzept macht sich das Programm von Mindsense Funktionen von IMAP zunutze. Wer mit verschiedenen Systemen arbeitet, merkt allerdings schnell, dass dies dem IMAP-Gedanken nicht entspricht. Im Test enttäuscht das Programm vor allem bei komplexen Mailboxen.

Mindsense bietet mit Mail Pilot ein E-Mail-Programm an, das vor allem für Nutzer gedacht ist, die ihre Inbox grundsätzlich leer räumen wollen. E-Mails werden in Mail Pilot weniger als Briefe angesehen, sondern als Teil einer abzuarbeitenden To-do-Liste. Dementsprechend wird jede bearbeitete E-Mail in passende Ordner verschoben und mit einem Status versehen, der dafür sorgt, dass etwa eine E-Mail als noch zu lesen wegsortiert wird oder als vollständig abgearbeitet gilt. E-Mails können auch mit einem Erinnerungsdatum versehen werden, zu dem sie dann wieder auftauchen.

Das stark auf Tastaturkommandos ausgelegte Programm soll eine schnelle Bedienung ermöglichen. Als Basis verwendet der Client das IMA-Protokoll. Per IMAP werden die Zustände einzelner E-Mails zwischen den Clients synchron gehalten. Die englischsprachige Presse feiert den Client teilweise als den besten E-Mail-Client im App Store, und in der Theorie des Einführungsvideos des Herstellers klingt alles sehr vielversprechend:

Schon bei der Synchronisation und der Organisation fragten wir uns, wie das funktionieren soll. IMAP ist dafür eigentlich nicht geschaffen worden. Im Fall von Mail Pilot zeigten sich auch schnell Nachteile. Das Programm baut sich seine eigene Ordnerstruktur auf. Das ist an sich kein Problem, solange der Anwender überall Mail Pilot verwendet. Wer hingegen IMAP als geräte- und programmübergreifendes Protokoll versteht und verwendet, wird sich schnell ärgern. Per Mail Pilot konnten wir zwar die angelegten Ordner anderer Programme ohne Probleme sehen. Doch die Inhalte wurden zunächst nicht angezeigt. Sie gelten als bearbeitet und die Box ist leer.

Das ist besonders dann lästig, wenn der Anwender serverseitig seine E-Mails wegfiltert. Wir haben dieses Problem auf zwei verschiedenen Rechnern mit unterschiedlichen IMAP-Accounts nachvollziehen können. Seltsamerweise wurden irgendwann E-Mails auf einem Client doch angezeigt, nachdem wir eine E-Mail per Hand in einen angeblich leeren Ordner verschoben hatten. Plötzlich ließen sich die Inhalte aller Ordner anzeigen. An der Bandbreite lag es jedenfalls nicht. Beide Clients auf den unterschiedlichen Rechnern hatten ausreichend Zeit, die Boxen zu synchronisieren.

Mail-Pilot-Bedienung beschränkt sich auf das Nötigste

Mail Pilot ist auf den ersten Blick sehr übersichtlich. Die Entwickler haben es damit allerdings übertrieben. So gibt es in der Ordnerübersicht nicht einmal ein Kontextmenü. Die Möglichkeit, über das Menü einen Ordner zu löschen, wurde gar ausgegraut. Dazu passt dann auch, dass Mail Pilot kein Drag-and-Drop für Ordner unterstützt. Offenbar fehlt die gesamte Ordnerverwaltung. Das zeigt sich auch an anderer Stelle. Mindsense betont zwar die IMAP-Fähigkeit, doch tatsächlich genutzt wird das Protokoll kaum. Die Möglichkeit des Abonnierens von Ordnern fehlt Mail Pilot komplett. Es werden immer alle Ordner angezeigt. Das gilt auch für IMAP-Ordner, die serverseitig über mehrere Accounts geteilt werden.

Es fehlt zudem an einer sehr wichtigen Funktion: der Quota-Überwachung. Füllt sich der Server, kann der Anwender das gar nicht überprüfen. Da ist selbst Apple Mail dem Mail Pilot weit voraus, obwohl Apple selbst bei der IMAP-Unterstützung nicht gerade vorbildlich arbeitet.

Die Unterstützung von IMAP-Flags konnten wir ebenfalls nicht erkennen. Das geht sogar so weit, dass Mail Pilot nicht einmal die sehr wichtige Delete-Flag erkennt. Eine gelöschte E-Mail, also mit dem Flag Delete und sogar dem Flag Read, wird von Mail Pilot gar als neue und unbearbeitete E-Mail interpretiert. Immerhin erkennt Mail Pilot einen Mülleimer und unseren Sent-Ordner als Ordner und bindet diese ein. Sogar E-Mails werden dort angezeigt. Wer also auf herkömmliche Art E-Mails löscht und die IMAP-Funktion dafür nicht verwendet, sieht wenigstens etwas von seiner alten Struktur, und auch gesendete E-Mails sind vernünftig über Client-Grenzen verwendbar. Das Umbewegen von E-Mails ist hingegen möglich. Bewegte E-Mails sind dann auch in anderen Ordnern sichtbar.

Eine Zuordnung von Ordnern zu Funktionen geht selbstverständlich auch nicht. Ein kurzer Test mit anderen IMAP-Funktionen wie etwa Flags oder Ordnern, die keine E-Mails beinhalten dürfen, brachte noch mehr Ernüchterung. Auch hier funktioniert nichts, was wir von anderen IMAP-Clients gewöhnt sind.

Fazit und Verfügbarkeit von Mail Pilot

Das E-Mail-Programm ist im Mac App Store für derzeit rund 9 Euro zu haben. Eine Testversion gibt es nicht. Im App Store für iOS-Geräte gibt es den Mail Pilot ebenfalls, die Entwickler rücken allerdings vor allem die kommende Version 2 in den Vordergrund. Erst diese basiert auf derselben Entwicklungsbasis, der auch die Mac-Version zugrunde liegt.

Fazit

Der Ansatz von Mail Pilot ist sehr interessant. Wer sich komplett umstellt, kann dieses Konzept auch effektiv nutzen, muss dann allerdings alles vergessen, was er über IMAP weiß. Denn Mail Pilot ist kein IMAP-Client, auch wenn es das Protokoll verwendet. Der Gedanke hinter dem Protokoll wird nicht nur nicht umgesetzt, er arbeitet auch gegen das Prinzip von Mail Pilot.

Wer sich auf Mail Pilot einlässt, sollte am besten neu anfangen. Komplexe Mailboxen sind nichts für eine Umstellung, die zu viel Zeit kostet, verwirrt und für unnötigen Stress sorgt. Zudem haben wir den Eindruck, dass Mail Pilot vor allem für private Kommunikation ideal ist. Wer ohnehin nur in der Inbox lebt, wird sich schnell mit den neuen Funktionen vertraut machen können und einen Mehrwert entdecken.

Alle anderen sollten tunlichst die Finger von diesem E-Mail-Programm lassen. Der notwendige Umbau, um eine aufwendig verwaltete IMAP-Box für den Mail Pilot lauffähig zu machen, ist viel zu schwierig. Zudem muss der Nutzer wegen der unbrauchbaren IMAP-Unterstützung einen anderen Client für die Vorbereitung des Umzugs verwenden und auf serverbasierte Filterregeln verzichten.  (ase)


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