Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/scharfschuetzengewehr-smart-rifle-das-internet-der-toedlichen-dinge-1401-104050.html    Veröffentlicht: 21.01.2014 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/104050

Scharfschützengewehr Smart Rifle

Das Internet der tödlichen Dinge

Die US-Army testet "Smart Rifles" der Firma Tracking Point. Der Computer der Gewehre macht aus jedem einen Scharfschützen und gibt einmal markierte Ziele per WLAN weiter.

John McHale hat gewissermaßen das Smartphone unter den Gewehren erfunden. Sein Smart Rifle, sein schlaues Gewehr, besitzt einen Computer mit Linux-Betriebssystem und ein WLAN-Modul, um sich mit anderen Gewehren übers Internet zu verbinden, und es gibt Apps dafür.

Seit Mai 2013 verkauft McHales Firma Tracking Point die Techno-Gewehre. Nun ist die amerikanische Armee auf die vernetzten Waffen aufmerksam geworden. "Mehrere Testexemplare" habe die Armee erworben, sagte ein Unternehmenssprecher vergangene Woche auf der Waffenmesse Shot Show in Las Vegas.

Das Internet der Dinge hält Einzug in den Krieg. Überraschend ist das nicht wirklich. Wenn schon Zahnbürsten, Kloschüsseln und Topfpflanzen online sind, warum dann nicht auch Schusswaffen?

Ans Militär hatte McHale ursprünglich gar nicht gedacht, er hatte eine ganz andere, pardon, Zielgruppe im Sinn: Hobby-Jäger mit wenig Talent und viel Geld. Ein Smart Rifle kostet je nach Modell zwischen 10.000 und 27.000 US-Dollar. Dafür bekommt der Käufer eine elektronische Zielerfassung, wie man sie aus Kampfjets und Panzern kennt. Sie nimmt dem Schützen das Zielen mehr oder weniger ab. Danebenschießen wird zum Kunststück, selbst wenn das Ziel weit entfernt ist.

Mit dem integrierten WLAN-Server kann der Schütze zudem jeden Schuss aufnehmen und das Video davon in Echtzeit an ein Tablet oder Smartphone übertragen. Um mit dem kill zu prahlen, beziehungsweise um es mit Freunden auf Facebook oder Twitter zu teilen, wie der Hersteller sagt.

Die Vernetzung ermöglicht es aber auch, dass ein Schütze ein Ziel markiert und diese Markierung an einen weiteren Schützen weitergibt - beispielsweise weil dieser einen besseren Schusswinkel hat.

Kein Wunder also, dass die Armee an der Waffe interessiert ist. Jeder Soldat kann damit zum Scharfschützen werden. Möglicherweise steht das kleine texanische Unternehmen mit seinen 75 Mitarbeitern vor einem ganz dicken Geschäft. Bisher produziert es nur 400 bis 500 Smart Rifles im Jahr.

Schon jetzt übersteigt die Nachfrage das Angebot, die Warteliste ist lang. Käufer bekommen ein Gerät, das aus dem Zielgebiet eine digitalisierte Umgebung macht. Der Computer sammelt über seine Sensoren verschiedene Daten zu Temperatur, Luftdruck, Neigung und Gefälle. Alle Informationen werden auf einem Display im Zielfernrohr sichtbar.

"Es sieht aus wie ein Videospiel", bestätigt eine Journalistin, die das Gewehr vor einem halben Jahr ausprobiert hat.

Mit PIN-Code für die Zielerfassung

Hat der Schütze sein Ziel einmal erfasst, markiert er es mit einem Knopfdruck. Ein kleiner roter Kreis erscheint. Der bleibt auch am Ziel "haften", wenn sich das bewegt. Anschließend justiert der Schütze die Waffe so lange, bis ein Fadenkreuz deckungsgleich mit dem Punkt ist. Schießen kann er erst, wenn das Fadenkreuz genau über dem roten Punkt liegt. Das macht es schwer, ein Ziel noch zu verfehlen.

Die Vereinigung Coalition to Stop Gun Violence kritisiert die Hersteller der Techno-Waffe: "Damit kann jeder Tom, Dick oder Harry ganz ohne Können und komplett unerkannt einen Politiker oder jemand anderen aus großer Entfernung erschießen."

Die zivile Version des smarten Gewehrs hat als Sicherung eine Zahlensperre. Um die elektronische Zielerfassung zu nutzen, muss der Schütze zunächst eine PIN eingeben, ähnlich wie beim Smartphone. Schießen kann er aber auch ohne die Elektronik. Sollte die US-Armee die Waffe haben wollen, dürfte sie wohl auf einer Version ohne Codesperre bestehen.

Wie sinnvoll die WLAN-Verbindung der Waffen untereinander im Einsatz wäre, ist schwer zu sagen. Zuerst einmal müsste es auf dem Schlachtfeld eine Netzverbindung geben. Das Netzwerk müsste dann auch in Kampfsituationen stabil und sicher vor Störsendern und Hackern sein. Und schließlich könnte das Signal der Waffe dem Feind sogar helfen, die Soldaten zu orten. Aus dem Gewehr würde eine Zielscheibe.  (zeit-pb)


Verwandte Artikel:
Remote Desktop: Teamviewer kommt für IoT-Geräte wie den Raspberry Pi   
(22.01.2018, https://glm.io/132291 )
HPE: Apps aus dem App-Marktplatz für die Fabrik herunterladen   
(04.10.2017, https://glm.io/130417 )
Software AG: Cumulocity IoT bringt das Internet der Dinge für Einsteiger   
(14.09.2017, https://glm.io/130046 )
Zitis: Bundeshacker im Verzug   
(30.08.2017, https://glm.io/129774 )
Microsoft: Arduino-Entwicklerwerkzeuge werden Open Source   
(10.07.2017, https://glm.io/128827 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/