Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-the-banner-saga-rundenstrategie-fuer-harte-kerle-1401-104023.html    Veröffentlicht: 20.01.2014 14:20    Kurz-URL: https://glm.io/104023

Test The Banner Saga

Rundenstrategie für harte Kerle

Die Sonne steht still, zwei Karawanen mit streitlustigen Kriegern bewegen sich aufeinander zu, und zu allem Übel greifen mysteriöse Steinmonster an: The Banner Saga erzählt eine außergewöhnliche Geschichte und bietet dazu gut gemachte, rundenbasierte Kämpfe.

Aus dem Westen kommen die Varl. Das sind hünenhafte Fantasykrieger, die wie Wikinger mit Horn aussehen. Aus dem Osten reisen die Menschen in einer zweiten Karawane auf sie zu. Eigentlich verbindet die beiden Gruppen eine brüchige Allianz gegen die mysteriösen Steinwesen Dredge. Aber natürlich stellt sich die Frage: Was passiert wohl, wenn sich Varl und Menschen in der Mitte der Karte treffen? Zumal in der Welt von The Banner Saga viele seltsame Dinge passieren - unter anderem steht die Sonne still.

Die rund acht bis zehn Stunden lange Kampagne des Programms erzählt abwechselnd aus der Sicht der Varl und der Menschen, was bei der Reise geschieht. Immer wieder sieht der Spieler seine Heldentruppe aus der Ferne durch die Welt marschieren. In Siedlungen oder anderen Orten auf dem Weg wird die Geschichte erzählt. Und meist dort kommt es auch zu Kämpfen.

Die laufen rundenbasiert ab und bieten vor allem zwei Besonderheiten: Zum einen ziehen Spieler und KI abwechselnd mit jeweils einer Figur statt dass eine Seite allen Einheiten auf einmal Befehle erteilt. Die Reihenfolge der Züge kann der Spieler vor den Gefechten bestimmen, allerdings meist ohne zu wissen, was ihn erwartet - was manchmal ein Problem ist und zum Abbruch und anschließendem Neustart verleitet.

Eine zweite Besonderheit ist, dass die Verteidigung eine etwas größere Rolle spielt als in ähnlichen Titeln. Der Spieler sieht bei allen Figuren nämlich neben dem Reststärkewert einen Schutzwert hervorgehoben. Dadurch kommt Taktik ins Geschehen, nämlich mit der Frage: Greife ich erst den Schutz des Gegners an und laufe Gefahr, dass er mich währenddessen in Grund und Boden verprügelt? Oder setze ich alles auf eine Karte und attackiere seine Stärke und damit die Gesundheitspunkte?

Taktische Abwägungen

In den meisten Fällen ist natürlich eine ausgewogene Mischung zu empfehlen. Das System ist gut gemacht, auch dank der sorgfältigen Erklärungen verständlich und macht Spaß. The Banner Saga richtet sich allerdings auch im einfachsten der drei Schwierigkeitsgrade an erfahrene Spieler, denn mit seinen weiteren Feinheiten wie zusätzlichen Bewegungspunkten und dem Abwägen zwischen Rast und Vorräten geht es nach dem simplen Start schnell sehr komplex zu.

Das gilt auch für den Rest: Außerhalb der Kämpfe muss der Spieler seinen Trupp organisieren und trainieren sowie schlicht der Handlung folgen und dabei immer wieder Entscheidungen treffen - die auch mal ohne große Vorwarnung zum Abschied von einem bis dahin wichtigen Krieger führen können.

Die Story selbst wird in englischer Sprachausgabe erzählt, zu der schöne Zeichnungen der gerade sprechenden Figuren zu sehen sind. Allerdings passen die Bilder meist nur zufällig zur Story: Es kommt also vor, dass ein Varl oder Mensch von hochdramatischen Ereignissen berichtet, er auf dem Bild dabei aber völlig unbewegt und stoisch dasteht.

Finanzierung und Fazit

The Banner Saga ist nach Broken Age das zweite über Kickstarter finanzierte Spiel, das diesen Monat erscheint. Hinter dem Titel steckt Stoic Games - ein Studio, dessen Gründer früher bei Bioware gearbeitet haben. Im April 2012 hatten ihnen rund 20.000 Unterstützer per Crowdfunding über 723.000 US-Dollar zur Verfügung gestellt - das Mindestziel lag gerade mal bei 100.000 US-Dollar.

Das Programm ist jetzt für Windows-PC und Mac OS auf Steam verfügbar und kostet dort rund 23 Euro. Ende Januar 2014 soll eine Version ganz ohne DRM auf Gog.com erhältlich sein. Später sollen auch Fassungen für Linux, das iPad sowie für die Playstation 3 und die Xbox 360 als Download erscheinen. Die Entwickler haben bereits angekündigt, dass es zwei weitere Episoden geben soll. Für die muss der Spieler vermutlich erneut zahlen - ganz klar ist das aber nicht.

Das Spiel ist derzeit nur in schwer verständlicher englischer Sprache mit starkem Pseudo-Wikinger-Akzent erhältlich. Untertitel gibt es nicht, allerdings wird die Handlung mit vielen Texttafeln erzählt. Die Erklärungs- und Hilfetexte etwa zu den Spielmechaniken sind sehr gut gemacht. Was es ebenfalls nicht gibt: Grafikoptionen. Das Spiel wählt seine Auflösung selbst, derzeit muss die vertikale Auflösung mindestens bei 768 Pixeln liegen. Die Entwickler haben angekündigt, das im nächsten Build zu ändern. Derzeit kann der Spieler nur zwischen Fenster- und Vollbilddarstellung wählen.

Das Hauptspiel hat keinen integrierten Multiplayermodus, aber seit Anfang 2013 gibt es das separat erhältliche The Banner Saga: Factions. Dessen Basisversion ist kostenlos, für Inhalte wie Einheiten ist aber Geld fällig.

Fazit

The Banner Saga hat Fans von Atmosphäre und Rundentaktik einiges zu bieten: harte Entscheidungen mit spürbaren Auswirkungen, spannende Rundenkämpfe und stilvolle Grafik und Präsentation - klasse!

Die Aufmachung ist aber mittel- und langfristig etwas störend: Die Schere zwischen Inhalten und Bildern geht mit der Zeit so weit auseinander, dass das Geschehen auf dem Monitor merkwürdig wirkt. Fortgeschrittene Sprachkenntnisse sind wegen des Wikinger-Englischs ein Muss.

Wer allerdings das nordisch angehauchte Szenario und Runden-Spielprinzip wirklich liebt und entsprechend konzentriert aufpasst, für den dürfte The Banner Saga so etwas wie das Gegenstück zu Walhalla sein.  (ps)


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