Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-broken-age-zwei-abenteuer-in-einem-adventure-1401-103947.html    Veröffentlicht: 16.01.2014 15:08    Kurz-URL: https://glm.io/103947

Test Broken Age

Zwei Abenteuer in einem Adventure

Tim Schafer war an der Erschaffung von Computerspiele-Ikonen wie Guybrush Threepwood beteiligt. Jetzt schickt er in Broken Age Vella und Shay in ein Abenteuer - eigentlich sogar in zwei. Aber die dafür nur halb. Egal: Spaß macht es trotzdem.

Es könnte so ein schöner Tag werden. Die bildhübsche Vella Tartine lebt mit ihrer Familie in einem Märchendorf, das Wetter ist super, ein Fest steht bevor - und Vella im Mittelpunkt. Das einzige, nicht ganz nebensächliche Problem: Die junge Dame soll dem Monster Mog Chothra zum Fraß vorgeworfen werden! Und das nur, damit das Dorf die nächsten Jahre weiter in Frieden leben und feiern kann.

Das ist eine der beiden Geschichten von Broken Age, jenem Adventure, für dessen Produktion das Entwicklerstudio Double Fine und der Designer Tim Schafer von fast 90.000 Unterstützern rund 3,34 Millionen US-Dollar über Kickstarter zur Verfügung gestellt bekommen haben. Das jetzt veröffentlichte, gut drei Stunden lange Programm ist nur die erste Hälfte von Broken Age; die Fortsetzung soll im Laufe des Jahres erscheinen.

In der Parallelhandlung ist alles anders, zumindest auf den ersten Blick. Da steht der Junge Shay Volta im Mittelpunkt. Er lebt, vom Bordcomputer behütet, absolut sicher auf einem Raumschiff. Zur Unterhaltung darf er mit seinen einzigen Freunden - Sockenpuppen - die immer gleichen virtuellen "Abenteuer" erleben. Etwa eine Eislawine, die er entschlossen, aber mit zunehmendem Widerwillen weglöffelt.

Vella und Shay sind beide Gefangene. Sie innerhalb der tödlichen Regeln ihrer Sippe, er durch das Raumschiff. Der Spieler kann in Broken Age nahezu jederzeit von der einen Handlung in die andere springen. Es ist eine der Stärken des Spiels, dass die Entwickler keinen Oberboss zeigen und keine Katastrophen ankündigen müssen, und dass trotzdem klar ist: Das Schicksal der beiden Figuren hängt zusammen, und es geht um Größeres - nur um was, und wie treffen sie sich?

Unkomplizierte Bedienung

Um das herausfinden, schickt der Spieler die Protagonisten per Maus durch teils verschachtelte Umgebungen und löst Rätsel. Die Steuerung ist sehr unkompliziert gehalten: Das Inventar öffnet sich mit einem Klick auf den Bildschirmrand. Aktionen werden passend zum Kontext ausgeführt; die Verbensammlungen früher Scharfer-Spiele gibt es nicht. Ebenso wenig wie eine Hotspot-Funktion - allerdings sind alle nutz- und sammelbaren Gegenstände groß und einfach zu finden, sodass das nie ein Problem darstellt.

Außerdem sind die Rätsel nicht allzu schwer, selbst im Vergleich zu den nicht allzu herausfordernden Klassikern alter Lucas-Arts-Zeiten. Meistens ist es in Broken Age ziemlich offensichtlich, welche Objekte wie kombiniert oder sonstwie verwendet werden müssen. Zwar steigt der Schwierigkeitsgrad im Rahmen der gut drei Stunden langen Kampagne leicht an, aber Kopfnüsse mit höherem Frustfaktor gibt es auch dann nicht. Der Spielstand lässt sich manuell sichern, das Programm legt aber auch automatisch an Speicherpunkten Savegames an.

Übrigens muss Vella etwas mehr dem Klischee von Weiblichkeit entsprechen, indem sie viele Multiplechoice-Gespräche führt, während Shay deutlich mehr technische Gegenstände bauen, manipulieren und verwenden darf.

Verfügbarkeit und Fazit

Bei der Grafik hat sich Tim Schafer mit seinem Team für einen Stil entschieden, der deutlich an Kinderbücher erinnert. Die Umgebungen und Animationen sind liebevoll gezeichnet, das Ganze ist in sich stimmig und bietet Abwechslung. Richtige Hingucker, die man auch mal im Freundeskreis vorführen kann, gibt es aber so gut wie gar nicht.

Von den 3,34 Millionen US-Dollar der Kickstarter-Kampagne dürfte nur wenig in die Technik von Broken Age geflossen sein. Das Programm lief im Test zwar sehr stabil, aber selbst auf etwas schnelleren Rechnern gibt es gelegentlich kleinere Ruckler, etwa bei Kameraschwenks. Herangezommte Texturen wirken immer wieder etwas grobpixelig.

Derzeit gibt es nur englische Sprachausgabe, wahlweise lassen sich deutsche Untertitel und Bildschirmtexte einblenden - sogar einige Ingame-Grafiken zeigen dann übersetzte Worte. Unter den Synchronsprechern befinden sich Berühmtheiten wie Elijah Wood, Jack Black und Wil Wheaton. Die weibliche Hauptrolle hat eine weniger bekannte kanadische Schauspielerin namens Masasa Moyo übernommen, die bereits an vielen Computerspielen beteiligt war. Allen gemein: Sie haben ihren Job sehr gut gemacht, die Sprachausgabe ist eine der Stärken des Spiels.

Bislang haben nur Unterstützer der Kickstarter-Kampagne einen Code für das Programm erhalten. Alle anderen müssen bis zum 28. Januar 2014 warten. Dann gibt es für rund 21 Euro auf Steam einen sogenannten Season Pass, der Zugriff auf die erste Hälfte und später im Jahr 2014 ohne weitere Kosten auf die zweite gewährt. Broken Age ist für Windows-PC, Mac OS und Linux verfügbar. Weitere Plattformen wie iOS und Android sollen später folgen. Das Programm ist noch nicht von der USK geprüft worden, eine Altersfreigabe dürfte nach Einschätzung von Golem.de bei 6 oder 12 Jahren liegen.

Fazit

Tim Schafer hätte mit dem Geld aus der Kickstarter-Kampagne eine kunterbunte Gag-Parade mit ein paar Nerdwitzchen machen können - die Community wäre dankbar gewesen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er mit Broken Age den mutigeren Weg gewählt hat. Die Handlung ist vergleichsweise ruhig, und der Grafikstil wirkt fast kinderbuchkompatibel - dabei dürften so gut wie nur Erwachsene das Adventure unterstützt haben.

Der Mut hat sich gelohnt: Broken Age erzählt rund um die beiden Helden eine stimmige und interessante Story, die Spaß macht. Trotz der unterschiedlichen Handlungsstränge wirkt das Programm wie aus einem Guss und es macht einen beträchtlichen Teil der Spannung aus zu erfahren, wie die beiden Geschichten zusammenfinden.

Broken Age entwickelt sogar eine Art "Flow". Es geht ohne die genreüblichen Durchhänger stetig voran - sogar der "Nur noch fünf Minuten"-Effekt stellt sich ein, für den Programme sonst schwerere Geschütze auffahren müssen. Das liegt daran, dass man bei Knobelblockaden stets zum anderen Protagonisten wechseln kann, und sicher an den eher einfachen Rätseln - aber es zeigt, dass die Designer auch sonst viel richtig gemacht haben.

Broken Age ist so gut, dass wir es gerne jetzt schon ganz spielen würden. Wirklich gestört haben uns nur die teils überlangen Dialoge, vor allem im Vella-Teil der Handlung. Und das arg abrupte Ende.  (ps)


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