Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/seidenstrasse-retro-netzwerk-im-schlauch-1312-103600.html    Veröffentlicht: 27.12.2013 17:34    Kurz-URL: https://glm.io/103600

Seidenstrasse

Retro-Netzwerk im Schlauch

Ganz sicher ist es noch nicht. Aber als Experiment ist es ein Anreiz für die Hacker auf dem 30C3. Seidenstrasse heißt das moderne Rohrpostsystem, das auf dem Hackerkongress in Hamburg die Hallen durchzieht. Noch wird gebastelt und die letzten Meter von insgesamt zwei Kilometern Plastikrohren werden verlegt.

Für den 30C3 gibt es zwar kein offizielles Motto, aber hinter vorgehaltener Hand steht die Rückbesinnung auf alte und bessere Zeiten; als Gegensatz zu dem Alptraum und der bitteren Realität sowie dem Ausmaß der massenhaften Überwachung durch Geheimdienste, der die Hacker vom Chaos Computer Club nicht unbedingt überraschte, aber dennoch schockierte.

Deshalb gibt es das Projekt Seidenstrasse. Es geht nicht um Darknet oder die versteckten Dienste des Tor-Netzwerks, das auch für illegale Geschäfte genutzt wird, etwa über das inzwischen zerschlagene Portal Silk Road. Im Gegenteil: Allein schon die Rohre aus gelbem Kunststoff, die die Kongresshalle in Hamburg durchziehen, sind alles andere als unsichtbar. Ebenso wenig wie die Staubsauger, die das moderne Rohrpostsystem mit genügend Luft versorgen. Sie saugen Plastikkapseln mit Nachrichten kreuz und quer zwischen Knoten und Endpunkten auf dem Kongress.

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Seidenstrasse 2.0b heißt das Projekt richtig. Das Rohrpostsystem als Beta. Noch wirkt alles improvisiert. Die Knotenpunkte sind einfache Holzbretter mit zwei oder mehr Schlauchenden. Hier muss der Mensch noch eingreifen, muss die Plastikkapseln aus einem Schlauch herausnehmen und in den nächsten stecken.

Auf der Kapsel steht der Empfänger. Auch die Knotenpunkte, über die die Kapseln weitergegeben werden sollen, stehen darauf - per Hand auf einen Aufkleber geschrieben. Die Adressierung erfolgt nach dem Vorbild von IPv6, getrennt durch Doppelpunkte. Es gibt gegenwärtig 14 Endpunkte und Knoten auf dem 30C3. Das Netz werde aber dynamisch erweitert, sagte CCC-Sprecher Frank Rieger in seinem Vortrag.

Drainagerohre und Plastikflaschen

Zwei Kilometer Drainagerohre habe er besorgt, sagte Rieger. Teilstücke dürfen etwa zehn Meter lang sein, das Gefälle ist abhängig von dem eingesetzten Gebläse. An der Außenwand des Hamburger Kongresszentrums führt ein mehrere Meter langer Teilabschnitt vom Erdgeschoss in den vierten Stock. Für die Kapseln gibt es hingegen enge Vorgaben: Sie dürfen maximal 90 mm im Durchmesser sein, optimal sind 85 mm mit abgerundeten Ecken. PET-Flaschen sind gefragt. Wer versuche, Mateflaschen zu transportieren, müsse hinterher die Sauerei selbst wegmachen, drohte Rieger.

Die Plastikflaschen müssen auf die optimale Länge von 180 mm durchgeschnitten werden. Denn die Rohre wurden auch um Ecken verlegt. Sind die Kapseln größer als 220 mm, könnten sie in dem weit verzweigten Rohrsystem stecken bleiben. Deshalb müssten die selbst gebauten Kapseln auch LEDS haben, damit sie im Notfall aufgespürt werden könnten - und um das System zu debuggen, sagte Rieger. Die maximale Nutzlast beträgt 500 Gramm. In der ersten Version des pneumatischen Transportsystems namens Octo dienten Bierdosen als experimentelle Geschosse.

Seidenstrasse als geschlossenes Netzwerk

Das von Rieger und Mey Lean Kronemann vorgestellte CCC-Projekt Seidenstrasse basiert auf Octo, das unter anderem von Jeff Mann und der Künstlergruppe Telekommunisten entwickelt wurde. Ein erster Prototyp wurde im Haus der Kulturen in Berlin zusammengebaut im Rahmen der Transmediale 2013. Nach einer missglückten Finanzierung über Crowdfunding wurde Octo Open-Source-Hardware und jetzt unter anderem von Kronemann weiterentwickelt.

Seidenstrasse ist als dezentrales Netzwerk gedacht. Die Hacker sollten dabei bitte an Store und Forward aus alten Mailbox-Zeiten denken. Der Empfänger wird über ein Audiosignal kontaktiert - also per Telefon. Oder über das Rohr selbst, sofern es eine direkte Verbindung gibt. Das Rohr leitet Schwallwellen ziemlich weit. Nicht alle Knotenpunkte auf dem 30C3 sind besetzt. Dort sollen Teilnehmer des Kongresses die Kapseln von einem Rohrende ins andere befördern.

Staubsauger sorgen für Luft

Für die nötige Luft sorgen leistungsfähige Staubsauger, die sowohl Luft ansaugen als auch blasen können. Noch sei das System nicht vollduplexfähig, denn das Verlegen des Rohrsystems sei schwierig, sagte Rieger. "Das schlaucht ganz schön", sagte einer der Engel, der eine Rolle durch die Kongresshalle schleppte. Jeweils ein paralleles Drainagerohr zu platzieren, sei aus Zeitmangel noch nicht möglich. Einige Hacker basteln auch schon an Alternativen für die Staubsauger, die mit Industrieklebeband an den Rohren fixiert werden. Schläuche werden mit Klebeband und Stoffstreifen an Treppengeländern oder Lüftungsrohren festgemacht.

Die Sicherheit der Seidenstrasse besteht in erster Linie darin, dass es ein geschlossenes System ist. "Betrachtet es als ein Netzwerk unter Freunden", sagte Rieger. Man-in-the-Middle-Angriffe seien beispielsweise trotzdem möglich, sagten Rieger und Kronemann und zeigten ein Bild eines mit einer Säge ausgestatteten Hackers. Solche Angriffe könnten aber akustisch entdeckt werden, denn "das macht einen Höllenlärm". Schnitte mit einem heißen Draht seien da nicht ganz so einfach zu entdecken.

Es gebe ohnehin eine lange To-do-Liste, bei der auch weitere Sicherheitsaspekte abgearbeitet werden sollen. So wollen die Hacker das Onion-Prinzip anwenden: Auf der Kapsel soll immer nur die Adresse des nächsten Knotens zu sehen sein. Bis zum nächsten Kongress soll Seidenstrasse dann in Version 3.0 für die Kommunikation sorgen.  (jt)


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