Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/steamos-im-test-beta-mit-dampf-in-valve-spielen-1312-103409.html    Veröffentlicht: 17.12.2013 14:41    Kurz-URL: https://glm.io/103409

SteamOS im Test

Beta mit Dampf in Valve-Spielen

Die SteamOS-Beta Alchemist verbindet den Big Picture Modus von Steam mit einem auf Spiele hin optimierten Debian-Unterbau. Die Geschwindigkeit überzeugt je nach Titel, das eingeschränkte Linux und die ausbaufähige Controller-Unterstützung trüben den sonst guten Eindruck des Betriebssystems.

Die erste Betaversion von SteamOS, Codename Alchemist, steht seit dem 13. Dezember 2013 zum Download bereit und könnte Linux für Spieler interessanter machen. Entwickler Valve hat auf Basis der Linux-Distribution Debian ein kostenloses Betriebssystem entworfen, das einen schnellen Kernel mit dem Big Picture Modus von Steam kombiniert - ein Linux für das Wohnzimmer mit Fokus auf Spieler also.

SteamOS ist nicht nur für Linux-Hacker

Valve beschreibt zwei Arten der Installation, wir haben für unseren Test die Version mit Debian-Installer gewählt. Nach dem Download der SteamOS-Dateien werden diese auf einen FAT32-formatierten USB-Stick kopiert. Dieser muss mindestens 4 GByte groß sein. Die Installation funktioniert ohne Workaround nur mit UEFI-fähigen Mainboards und setzt laut Valve eine Festplatte oder SSD mit 500 GByte voraus. Da SteamOS nur etwa 6 GByte belegt, ist in der Praxis auch eine SSD mit 120 GByte ausreichend. Nötig ist zudem ein 64-Bit-Prozessor und offiziell eine Geforce-Grafikkarte, womit SteamOS prinzipiell auch für Notebooks geeignet ist.

Wichtig ist, dass der USB-Stick als alleiniges Bootmedium ausgewählt ist. Wir mussten alle anderen Optionen deaktivieren, da das System ansonsten nicht vom UEFI-Eintrag des USB-Sticks starten wollte. Dabei muss zudem auch die UEFI-Version des Booteintrags gewählt werden. Manche Firmware zeigt den USB-Stick doppelt an, einmal mit der klassischen Floppy- oder CD-Emulation eines BIOS und einmal als UEFI-Medium. Weil der Bootvorgang mit einem UEFI-Datenträger anders abläuft als per BIOS ist in der Anleitung von Valve auch kein Schritt enthalten, der den USB-Stick formatiert und mit einem Bootsektor versieht. UEFI sucht bei Wechselmedien nur nach einer bestimmten Dateistruktur auf dem Laufwerk, ein eigener Bootsektor ist nicht nötig.

Wenn diese Hürde überwunden ist, läuft die eigentliche Installation mit selbsterklärenden Nachfragen - in erster Linie mehrere Anmeldungen samt Passworteingabe - recht zügig ab. Wir benötigen auf einem System mit einem Core i7-3770K und einer älteren Adata-SSD mit 120 GByte nur knapp zehn Minuten. Umständlich sind aber das danach erforderliche zweimalige Anmelden unter verschiedenen Accounts sowie der letzte Schritt, der die Shell (in der englischen Version von SteamOS "Terminal" genannt) erfordert.

Insgesamt sind keine ausgesprochenen Linux-Kenntnisse nötig, um SteamOS zu installieren. Jeder, der sich mit Betriebssystemen etwas auskennt und einen Befehl in eine Kommandozeile tippen kann, dürfte das bewerkstelligen können. Vergessen sollte man aber nicht, dass das ausgewählte Medium mit allen Partitionen und Daten auf jeden Fall neu formatiert sowie partitioniert wird. Alle vorher darauf gespeicherten Informationen gehen verloren. Allerdings lässt sich diese Vorgabe mit etwas Aufwand von erfahrenen Linux-Nutzern umgehen, und wer zwei Festplatten oder SSDs nutzt, kann SteamOS zusammen mit einem anderen Linux, Mac OS X oder Windows als Dualboot verwenden.



Big Picture Modus mit Gnome-Desktop trifft Compositor-Bugs

Nach dem flotten Bootvorgang startet direkt der Big Picture Mode, wie man ihn von anderen Linux-Distributionen, Mac OS X und Windows kennt. Die Bedienung erfolgt per Maus und Tastatur oder mit einem Controller. Die großen Symbole sind in erster Linie für Großbildfernseher ausgelegt. Im Gegensatz zur regulären Steam-Oberfläche fehlt bei manchen Titeln die Option, die es Spielen ermöglicht, sich im Hintergrund zu aktualisieren, während ein anderer Titel gestartet wurde.

Das In-Home-Streaming fehlt bisher, dafür bietet SteamOS die Option, auf den Gnome-Desktop 3.4.2 zu wechseln - diese Version ist schon vergleichsweise alt. Um für "einen nahtlosen Übergang zwischen Steam und den Spielen" zu sorgen, hat Valve dem System einen eigenen Compositing-Manager beigefügt, wie das Unternehmen in den FAQ schreibt. Bei der Software handelt es sich um eine stark angepasste Version des Xcompmgr, die noch fehlerbehaftet ist. So stürzt die Anwendung beim Wechsel auf den Desktop regelmäßig ab, ein Wechsel in das laufende virtuelle Terminal oder das Neustarten des X-Servers durch Tastaturkürzel ist nicht möglich.

Gute, aber nicht ideale Controller-Unterstützung

Standardmäßig können unter Linux die Controller für Xbox 360 sowie Playstation 3 und 4 als Eingabegeräte verwendet werden - aber nur per USB-Kabel. Die Bluetooth-Funktionen bereiten unter SteamOS, wie auch in anderen Linux-Distributionen, noch Probleme. Der Controller der Xbox One läuft derzeit unter Linux gar nicht und darüber hinaus irritierte uns, dass das digitale Steuerkreuz des Dualshock 4 im Big Picture Mode ohne Funktion blieb. Für unseren Test verwendeten wir den Controller der Xbox 360, welcher in allen Steam-Spielen mit vollständiger Gamepad-Unterstützung tadellos funktionierte.



Benchmarks und Fazit

Als Kernel für SteamOS nutzt Valve Linux 3.10, der durch die Langzeitpflege der Upstream-Entwickler noch mindestens zwei Jahre unterstützt werden dürfte. Im Gegensatz zu den meisten Linux-Distributionen nutzt SteamOS allerdings den Realtime-Preemption-Patch (RT-Preempt), der häufig im Embedded-Bereich eingesetzt wird. RT-Preempt sorgt für ein hartes Echtzeitsystem, wovon Valve sich bessere Reaktionszeiten und damit schnellere Spiele erwartet.

Für eine optimale Leistung empfiehlt Valve Steam-Nutzern unter Linux die proprietären Grafiktreiber von Nvidia oder AMD, dementsprechend sind diese auch in SteamOS vorhanden. Dabei stehen die aktuelle Version 331.20 für Nvidia-Karten mit OpenGL-4.4-Unterstützung sowie die Beta-Version von AMDs Catalyst 13.11 bereit. Für abenteuerlustige Spieler legt Valve die freien Intel-, Radeon- und Nouveau-Treiber bei. Anstelle der vor wenigen Wochen erschienenen Mesa-Version 10.0 wird die ältere 9.2.2 genutzt.

Windows mit Direct3D gegen SteamOS mit OpenGL

Für Spieler interessant ist die Frage, ob SteamOS bei gleicher Hardware eine höhere Leistung erzielt als Windows. Im Vergleich von SteamOS Alchemist und Windows 7 x64 zeigt sich, dass unter Valves Linux-Distribution Spiele auf Basis der Source-Engine deutlich mehr Bilder pro Sekunde darstellen als unter Windows. Dies passt zu den Messungen von Valve selbst.

Die Unigine-Benchmarks Heaven und Valley zeigen hingegen leichte Vorteile für Direct3D. Ein Detail am Rande: OpenGL ist wie üblich unter Windows langsamer als OpenGL unter Linux. Serious Sam 3 läuft unter Windows 7 rund doppelt so schnell wie unter SteamOS, eine Anfrage an Entwickler Croteam zu den Hintergründen ist bisher unbeantwortet. Bei Metro Last Light fehlt der integrierte Benchmark der Windows-Version, zudem gibt es kein Grafikmenü - nur einen Schieberegler für die Qualität, was einen Vergleich erschwert. Trine 2 verfügt unter Linux über eine fps-Grenze bei 30 Bildern pro Sekunde. Grafikfehler oder Abstürze traten in den von uns geprüften Spielen nicht auf.

Als Testsystem diente ein Core i7-3770K samt einer Evga Geforce GTX 680 Classified 4GB und 16 GByte DDR3-1600-Speicher, das Betriebssystem und die Anwendungen liegen auf einer 120-GByte-SSD. Alle Benchmarks wurden in 1.920 x 1.080 Pixeln bei maximaler Qualität durchgeführt. Als Windows-Treiber kam der Geforce 331.81 WHQL zum Einsatz.



Fazit

Die Alchemist-Beta von SteamOS gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was Valve in den kommenden Monaten mit dem kostenlosen Betriebssystem vorhat. Bisher fehlen elementare Funktionen wie das In-Home-Streaming. Im Big Picure Mode sind zudem nicht bei allen Spielen jegliche Optionen verfügbar, die im normalen Steam-Client geboten werden. Der Composition-Manager sorgt überdies häufig für Abstürze beim Wechsel auf den Gnome-Desktop.

Aus Sicht eines Windows-Nutzers bietet SteamOS derzeit keinen Grund, das Betriebssystem zu wechseln: Die Spieleauswahl unter Linux ist bis auf viele Indie-Titel relativ eingeschränkt, zudem bietet SteamOS zumindest in den von uns getesteten Spielen und Benchmarks im Mittel nur wenige Geschwindigkeitsvorteile. Sollten in Zukunft jedoch alle Funktionen implementiert sein und SteamOS höhere Bildraten als Windows bei einem ähnlichen Spieleangebot liefern, ist das Valve-Betriebssystem eine interessante Option.  (ms)


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