Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/amazon-prime-air-wie-realistisch-amazons-drohnenflug-wirklich-ist-1312-103082.html    Veröffentlicht: 02.12.2013 15:39    Kurz-URL: https://glm.io/103082

Amazon Prime Air

Wie realistisch Amazons Drohnenflug ist

In vier bis fünf Jahren sollen Amazons Drohnen die Pakete des Onlineversandhändlers in den USA ausliefern. Technisch ist das heutzutage schon machbar. Die Antworten auf wichtige Fragen.

Drohnen, die Amazon-Pakete ausliefern: Wer das Video des Internetversandhändlers anklickt, mag es zunächst für eine Parodie halten. Aber die Amerikaner sind nicht die einzigen, die einen solchen Luft-Lieferservice planen. So will der australische Buchhändler Zookal im kommenden Jahr zusammen mit dem Startup Flirtey in Sydney Bücher per Minihubschrauber ausliefern. Das US-Startup Matternet arbeitet bereits seit mehreren Jahren an einem Drohnennetzwerk für Entwicklungsländer, um etwa Medikamente in schwer zugängliche Dörfer zu transportieren. In Kenia startet gerade ein Millionen-Dollar-Wettbewerb rund um unbemannte Flugtransporter. Das Ziel der Flying Donkey Challenge: Teams sollen Drohnen bauen, die bis zu 60 Kilogramm schwere Pakete transportieren. Damit sollen sogar Landwirte ihre Ernte zu Märkten in der Region fliegen. Auch die Forschungsabteilungen von Transportfirmen wie etwa DHL beobachten die technische Entwicklung aufmerksam. Vom 9. bis 12. Dezember bringt der DHL-Paketkopter zu Testzwecken Medikamente an Kunden, die sich an der Aktion beteiligt haben.

Ist der Flug durch den Luftraum überhaupt gestattet?

"Aus heutiger Sicht ist Amazons Vorhaben vollkommen unvorstellbar", sagt eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS). Drohnen dürfen in Deutschland aktuell nur manuell gesteuert werden und müssen sich stets in Sichtweite des Piloten befinden. "Angeblich sollen die Amazon-Drohnen gerade im städtischen Bereich zum Einsatz kommen. Und hier sind auch andere Flugobjekte wie Rettungs- oder Polizeihubschrauber unterwegs", heißt es seitens der DFS. So lange die Drohnen nicht in der Lage seien, sich automatisch den Regeln des Luftverkehrs anzupassen, dürften sie in Deutschland nicht auf weiten Strecken eingesetzt werden.

Drohnen als Postboten: Ist das technisch machbar?

Die Technik ist aus drei Gründen längst weit genug, um Kollisionen im städtischen Luftraum zu vermeiden. Erstens sind sogar Spielzeugdrohnen wie die AR Drone 2.0 des französischen Anbieters Parrot bereits mit GPS-Sensoren ausgestattet, die die Position der Fluggeräte jederzeit auf wenige Zentimeter genau bestimmen. Lieferdienste könnten also genaue Flugkorridore, etwa entlang von Straßen, bestimmen, durch die sich die Drohnen bewegen würden, ohne sie zu verlassen. Zweitens sind Computerchips und die Bildverarbeitung so weit entwickelt, dass sich Drohnen in der Luft gegenseitig Bälle zuwerfen, in Formation fliegen können und sogar im Flug Dinge greifen wie ein Greifvogel. Drittens sind Drohnen heute schon in der Lage, ihre Umgebung mit Radarsensoren und Kameras zu scannen, Hindernisse zu erkennen und ihnen blitzschnell auszuweichen.

Wie schnell und weit können Drohnen fliegen?

Binnen 30 Minuten will Amazon Pakete per Drohne ausliefern. Technisch dürfte das möglich sein, denn handelsübliche Octocopter fliegen heute schon 80 Kilometer pro Stunde. Obendrein können die Flieger den direkten Weg nehmen - und sind damit Transportern weit überlegen, die an jeder roten Ampel halten, oft im Stau stehen und sich durch Einbahnstraßen auf Umwegen zum Ziel navigieren.

Nachteil allerdings ist die Reichweite: Amazon will bis zu 2,3 Kilogramm schwere Pakete bis zu 16 Kilometer weit transportieren. Mit mehreren Hochleistungsakkus dürfte das möglich sein; weitere Strecken können heute nur benzinbetriebene Drohnen zurücklegen. Wenn Amazon nicht nur Haushalte in der Nähe seiner Versandzentren beliefern will, müsste der Konzern also Umladestationen einrichten, an denen Drohnen entweder den Akku wechseln oder ihre Fracht an Flieger mit frischem Akku weitergeben.

Werden Sie automatisch gesteuert? Wer kommt für Fehlsendungen auf?

In seinem Video zeigt Amazon Lieferdrohnen, die komplett autonom agieren: Sie greifen im Lieferzentrum ein Paket, starten und fliegen ihr Ziel selbstständig an. Technisch ist das machbar, sobald die GPS-Koordinaten des Empfängers bekannt sind. Offen ist, ob die Drohnen das Ziel auf direkter Luftlinie ansteuern sollen oder möglicherweise durch vorgegebene Flugkorridore.

Unklar ist auch, wie Amazon sicherstellen will, dass der Empfänger das Paket erhält - und nicht etwa ein Passant auf der Straße. Auch das Startup Flirtey hat hierzu noch keine Informationen gegeben. Denkbar wäre, dass der Empfänger die Auslieferung über eine Smartphone-App bestätigt.

Sind Drohnenflüge teuer?

Spielzeugdrohnen gibt es im Internet schon ab 150 Dollar - aber größere Flieger, wie sie Amazon verwenden dürfte, kosten schnell mehrere tausend Dollar. Lohnt es sich, sie als Transporter einzusetzen? Für die Standardlieferung vom Schuhhändler dürfte das nicht zutreffen. Doch wer es eilig hat, kann heute schon bei Amazon für 13 Euro eine Expresslieferung bestellen. Das Startup Shutl bietet in Großbritannien sogar Lieferungen binnen 90 Minuten an.

Diesen Trend zum Expressversand könnten Drohnen künftig befeuern. Das australische Startup Flirtey etwa will ab 2014 Bücher zu Kosten von 0,80 australischen Cent liefern - statt bisher 8,60 australische Dollar. Das ist ambitioniert. Aber die Rechnung könnte zumindest in der Tendenz aufgehen: Drohnen verursachen keine Personalkosten - und auch die Betriebskosten der Leichtgewichte dürften je nach Route und Beladung geringer liegen als bei herkömmlichen Vertriebswegen mit der Post.

Warum meldet Amazon sein Projekt ausgerechnet jetzt?

Trotz aller Machbarkeit benutzt Amazon bei der Beschreibung des Projekts noch viele Konjunktive. Frühestens 2015 könnten die Drohnen für den Einzelhändler in den USA zum Einsatz kommen. Ob und wann es in Deutschland so weit sein wird, ist offen. Dass Amazon die Meldung trotzdem jetzt zum Weihnachtsgeschäft publiziert, kann nur als gute Eigen-PR gewertet werden.

Gerade in Europa musste das Unternehmen in den vergangenen Wochen mit negativen Schlagzeilen kämpfen. Streitigkeiten um den Einsatz von Leiharbeit, Grabenkämpfe zwischen Gewerkschaften und Geschäftsführung - und jetzt auch noch erste Mitarbeiterstreiks zur Hauptsaison.

Mit den Ausständen droht Verdi das Weihnachtsgeschäft zu blockieren.  (wiwo-am)


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