Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/intelligente-stromzaehler-rasen-maehen-bei-vollmond-1311-102986.html    Veröffentlicht: 27.11.2013 15:56    Kurz-URL: https://glm.io/102986

Intelligente Stromzähler

Rasen mähen bei Vollmond

Der verpflichtende Einbau "intelligenter" Stromzähler könnte für die Verbraucher teuer werden. Noch ist unklar, wie stark die Bundesregierung die Verbreitung der Geräte forcieren will, deren Nutzen sehr umstritten ist.

Wer bezahlt die Kosten der Energiewende? In wenigen Wochen wird die Bundesregierung eine Entscheidung fällen, die viele Verbraucher teuer zu stehen kommen könnte. Auf der Basis eines Gutachtens soll entschieden werden, welche Stromkunden in Zukunft ihre Verbrauchsdaten in detaillierter Form an die Netzbetreiber übermitteln müssen. Was vor einigen Jahren noch als gut gemeinter Versuch gestartet wurde, um den Energieverbrauch in privaten Haushalten zu senken, stößt inzwischen auf viel Kritik. Die Verbraucherzentrale Bundesverband warnt vor höheren Kosten von teilweise mehr als 100 Euro jährlich, die durch den Nutzen der Geräte nicht gerechtfertigt sein könnten. Datenschützer verteufeln die sogenannten intelligenten Messsysteme als "Spionagezähler". Dennoch werden vermutlich Millionen Verbraucher und Betreiber von Solarstrom- und KWK-Anlagen davon betroffen sein.

Hintergrund des Gutachtens ist eine Richtlinie der EU zur Energieeffizienz. Demnach sind "mindestens 80 Prozent der Verbraucher bis 2020 mit intelligenten Verbrauchserfassungssystemen auszustatten, wenn die Einführung intelligenter Zähler als kostenwirksam angesehen wird". Es gibt jedoch Messsysteme und Zähler mit sehr unterschiedlichem Grad von "Intelligenz", was die Erfassung und Weitergabe der Verbrauchsdaten betrifft. Und sich stark auf die Kosten auswirkt. Um diesen Punkt entscheiden zu können, erstellte das Beratungsunternehmen Ernst & Young eine umfangreiche Kosten-Nutzen-Analyse. Die rund 240 Seiten umfassende Studie vom Juli dieses Jahres lohnt die Lektüre. Denn, wie Johanna Kardel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen auf Golem.de-Anfrage sagte: "In der Kosten-Nutzen-Analyse sind eine ganze Reihe von Problemen deutlich geworden, auch was Technik und Datenschutz betrifft." Dies betrifft vor allem die Frage, welche Geräte tatsächlich an jeden Stromzähler angeschlossen werden sollen.

Messsysteme ermöglichen direkte Kommunikation

Seit der Reform des Energiewirtschaftsgesetzes im Sommer 2011 müssen bei Neubauten, umfangreichen Renovierungen, größeren Verbrauchern (ab 6.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch) sowie Stromerzeugern (ab sieben Kilowatt Leistung) moderne Messsysteme eingebaut werden. Derzeit beschränken sich die Netzbetreiber meist darauf, statt der konventionellen Ferrariszähler neue elektronische Zähler einzubauen, die später mit Kommunikationsmodulen und anderen Geräten erweitert werden können. Laut Vattenfall sind in Berlin vier Prozent der Haushalte mit solchen Zählern ausgestattet. Nun stellt sich die Frage, in welchem Umfang die Aufrüstung bei den über 44 Millionen Strommessstellen in Deutschland erfolgt.

Die Studie beschreibt verschiedene "Rollout-Szenarien". Diese unterscheiden sich darin, welche Verbraucher in welchem Zeitraum mit einer bestimmten Art von Geräten ausgestattet werden sollen. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen intelligenten Zählern und Messsystemen. Letztere sind in ein bidirektionales Kommunikationssystem mit dem Netzbetreiber eingebunden, wodurch dieser wesentlich mehr Zugriff auf die Daten und das Stromsystem des Verbrauchers hat.

Auch Stromabschaltungen sind durch Erweiterungen möglich. Als Schnittstelle fungiert dabei ein sogenanntes Smart Meter Gateway, das hohe Anforderungen an Datenschutz und technische Sicherheit erfüllen muss, die das BSI bereits festgelegt hat. Bislang bieten Hersteller noch das Vorgängermodell an, den sogenannten Multi-Utility-Communication-Controller (MUC). Dieser erfüllte ähnliche Funktionen und wurde in einigen Pilotprojekten eingebaut. Wegen des anstehenden Systemwechsels wird er aber kaum noch nachgefragt.

EU-Pläne weder wirtschaftlich noch umsetzbar

Die Kosten für solche Messsysteme liegen wesentlich höher als bei intelligenten Zählern. Darunter werden in der Studie elektronische Zähler verstanden, die über eine gesonderte Anzeige dem Endkunden den genauen Energieverbrauch darstellen, allerdings keine Fernablesung ermöglichen.

Die Studie macht klar: Das von der EU-propagierte Ziel, 80 Prozent der Haushalte mit den teuren intelligenten Messsystemen auszustatten, ist "weder wirtschaftlich noch umsetzbar". Es führe "für den Großteil der Endkunden zu unverhältnismäßig hohen Kostenbelastungen".

Einbau und Betrieb der Geräte sollen pro Stück jährlich 89 Euro kosten und sich auf 21 Milliarden Euro zwischen 2014 und 2022 summieren. Dem stehen Effizienzgewinne von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Umgelegt auf alle Endkunden müssten diese ab 2014 zusätzlich 29 Euro im Jahr zahlen. Doch selbst diese Summe lasse sich vor allem für Kleinverbraucher mit weniger als 2.000 Kilowattstunden Energieverbrauch pro Jahr nicht durch Einsparungen kompensieren, heißt es in der Studie. Das Einsparpotenzial liege bei bis zu 4,50 Euro, wobei viele Verbraucher erst später mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet würden.

Noch teurer werden die Kosten pro Messsystem, wenn die bisherigen Einbauvorschriften laut Paragraf 21c Energiewirtschaftsgesetz beibehalten werden. Dann wären bis 2022 nur 23 Prozent der Zählpunkte mit Messsystemen ausgestattet, was pro System 109 Euro jährlich kosten würde. Das wäre gerade bei Neubauten und Renovierungsfällen zu teuer, "wenn sie nicht ein reduziertes Entgelt zu zahlen haben". Da wesentlich weniger Geräte eingebaut würden, könnten die Kosten ab 2014 mit 14 Euro auf alle Verbraucher umgelegt werden. Aber selbst diese Variante sei gesamtwirtschaftlich unrentabel, schreiben die Autoren der Studie. Damit sich der Einbau der Millionen Zähler und Messsysteme überhaupt rentiert, sollen die Netzbetreiber die Geräte nutzen, um die Einspeisung der erneuerbaren Energien damit zu steuern.

Aktives Einspeisemanagement gefordert

"Erst durch die Möglichkeit zu einem aktiven Einspeisemanagement wendet sich bei einem betrachteten Szenario das Blatt", heißt es weiter. Ein großes Potenzial von Smart Metering liege "nicht in der reinen Verbrauchsmessung, sondern im intelligenten Einsatz als wichtiges Element eines intelligenten Netzes". Dadurch ließen sich Investitionen in den Ausbau der Stromnetze deutlich verringern. Um die Kosten für die Verbraucher möglichst gering zu halten, sollten in zwei von drei Fällen lediglich intelligente Stromzähler und keine aufwendigen Messsysteme eingebaut werden. Zudem sollte es zu einem turnusmäßigen Wechsel aller konventionellen Zähler kommen, so dass die Austauschquote bis 2022 schon bei 68 Prozent läge.

Aber selbst solch intelligente Zähler, die weder für Verbraucher noch für das Gesamtnetz von großem Nutzen sind, kosten den Verbraucher jährlich eine beachtliche Summe. Der Studie zufolge kosten intelligente Zähler 40 Euro jährlich. Wenn das Maximalszenario umgesetzt würde, müssten selbst in der Million deutscher Kleingärten die Zähler installiert werden.

Die Möglichkeit für eine zeitabhängige Lastverlagerung geht dort aber wie bei vielen anderen Abnehmern gegen null: Rasen mähen bei Vollmond wäre die Alternative. Der eigentliche Nutzen für die Verbraucher soll sich daraus ergeben, dass unter anderem die Kosten für den Netzausbau reduziert werden können. Dies hätte auch eine Auswirkung auf die Strompreise, die nicht so stark steigen würden.

Alptraum für die Privatsphäre

Datenschützer haben auch noch aus anderen Gründen Probleme mit den Plänen. Ihrer Ansicht nach bedeutet die "zwangsweise Fernübertragung unseres Stromverbrauchs in Echtzeit" einen "Alptraum für unsere Privatsphäre in den eigenen vier Wänden". Mit diesen Daten der "Spionagezähler" könnten "unsere An- und Abwesenheit, unsere Besucher, unsere Geräte und unsere Gewohnheiten im eigenen Heim enthüllt werden - ein unglaublicher Angriff auf die Unverletzlichkeit der Wohnung", heißt es auf der Website Daten-Speicherung.de.

Dabei übersehen die Datenschützer wie der schleswig-holsteinische Piratenfraktionschef Patrick Breyer offenbar, dass die von der Studie vorgeschlagenen elektronischen Zähler eben nicht direkt mit dem Messstellenbetreiber und dem Energieversorger verbunden sind. Betroffen wären vor allem die Nutzer elektronischer Messsysteme. Laut Studie wären das Verbraucher, "die effizient zur Netzdienlichkeit beitragen können". Das sind Betreiber von Anlagen mit erneuerbaren Energien und Kraft-Wärme-Kopplungen sowie größere Verbraucher.

Es ist daher gut möglich, dass für diese Kunden auch der Einbau eines intelligenten Messsystems Pflicht wird. Der Studie zufolge könnten Großverbraucher mit mehr als 6.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch die Kosten dafür durchaus einsparen. Solche Verbraucher wären möglicherweise an Mehrwertdiensten interessiert, die auf einer Analyse der Daten aufbauen und mit einer Hausautomatisierung verknüpft werden können. Eine etwas verquere Logik offenbaren die Autoren der Studie in der Frage, ob die Dienstleister für die Daten bezahlen sollen. "Die explizite Bezahlung der Messsysteme für eine weitergehende Nutzung der Daten durch Dritte könnte zu erhöhten Datenschutzbedenken führen, die in der Phase der Einführung vermieden werden sollte." Ohne Entgelt sollen die Daten offenbar weitergegeben werden.

Koalition befürwortet Einspeisemanagement

Dass ein Szenario mit Einspeisemanagement Realität wird, deuten auch die Pläne der möglichen großen Koalition an. Im Koalitionsvertrag heißt es: "Wir wollen bereits in 2014 verlässliche Rahmenbedingungen für den sicheren Einsatz von intelligenten Messsystemen für Verbraucher, Erzeuger und Kleinspeicher auf den Weg bringen. Gegenstand des Paketes werde die Festlegung hoher technischer Standards zur Gewährleistung von Datenschutz und Datensicherheit, bereichsspezifischer Datenschutzregeln für die Marktkommunikation sowie Regelungen im Zusammenhang mit dem Einbau von intelligenten Zählern zur Ermöglichung von intelligentem Last- und Erzeugungsmanagement sein."

Die Verbraucherschützer warnen aber vor einem übereilten Vorgehen. "Es ist noch lange nicht alles geklärt. Eine Roll-out-Verpflichtung vonseiten der Bundesregierung wäre auf jeden Fall ein Problem", sagte Kardel. Orientieren könnte sich die Regierung am Beispiel Österreichs. Dort wurde der Einbauzwang für Smart Meter vor zwei Monaten wieder aufgehoben. Das wäre für die meisten Verbraucher sicher die intelligenteste Lösung.  (fg)


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