Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-forza-motorsport-5-rennspektakel-und-profitcenter-1311-102947.html    Veröffentlicht: 25.11.2013 18:10    Kurz-URL: https://glm.io/102947

Test Forza Motorsport 5

Rennspektakel und Profitcenter

Eine erstklassige Fahrphysik, tolle Strecken und detaillierte Traumautos: In vielen Bereichen ist Forza Motorsport 5 ein Rennspiel der Extraklasse für die Xbox One. Schade, dass die Entwickler über den Kaufpreis hinaus so stark auf Gewinnmaximierung setzen.

Mit einem lauten Fauchen jagt die orange Bestie über die Karlsbrücke von Prag, fegt durch eine enge Straße mit schönen alten Häusern - aber dafür haben wir jetzt keinen Blick. Stattdessen geben wir noch mal Vollgas und schaffen es, mit unserem Luxussportwagen von Lotus als Erster über die Ziellinie zu preschen. Der Sieg im ersten Rennen von Forza Motorsport 5 gehört uns. Es ist ein großartiges Gefühl, mit so einem tollen Schlitten durch so eine schöne Stadt zu sausen. Diese erste Fahrt kann jeder Spieler direkt nach dem Start der Kampagne absolvieren. Es ist eine Art Ausblick darauf, was uns an Edelkarossen noch so alles erwartet.

Schade allerdings, dass wir anschließend in kleineren Autos um die Wette fahren müssen - jedenfalls dann, wenn wir im Kampagnenmodus von Forza 5 nur mit Ingame-Geld auf Einkaufstour gehen. Dann müssen wir uns erst in durchaus spaßig zu fahrenden, aber halt einfach etwas weniger spektakulären Karossen in einer Meisterschaft nach der anderen bewähren, um genug Credits für wirklich tolle Anschaffungen zu erhalten.

Es geht aber auch anders: Wer bereit ist, echte Euros zu investieren, kann gleich in die Luxusschlitten klettern. Je nach Modell sind für einen Ferrari, Lotus oder klassische Rennautos um die 40 bis 70 Euro nötig. Wer vorübergehend schneller im Fahrerlevel aufsteigen möchte (was unter anderem mehr Ingame-Credits bringt), kann das ebenfalls per Echtgeld veranlassen.

Die Zahlungsoption ist sehr präsent in Forza 5, immer wieder bekommt der Spieler in dem Vollpreisspiel die Option geboten, zusätzliche Euros zu investieren. Und das in einem Programm, bei dem einige Hersteller auffallend sichtbar sind, wofür ebenfalls Geld an den Entwickler Turn 10 und an Publisher Microsoft geflossen sein dürfte.

Wer damit leben kann, bekommt allerdings Konsolenrennsport vom Feinsten. Solange wir in einem der 200 Autos auf der Piste um die Wette fahren, überzeugt uns das Programm. Die Steuerung mit dem Gamepad der Xbox One ist erstklassig umgesetzt, auch die Rumble-Funktion der Trigger macht Spaß und liefert nebenbei Informationen über den Untergrund oder darüber, ob unsere Reifen schon am Durchdrehen sind. Apropos Reifen: Natürlich gibt es auch in Forza 5 die Möglichkeit, die Autos in der Tuningwerkstatt zu verbessern und ihnen neue Motoren und Getriebe oder einen anderen Lack zu verpassen.

Das Fahrverhalten lässt sich im Optionenmenü dem eigenen Können anpassen. Wenn alle Fahrhilfen aktiviert sind, kommen auch Einsteiger mit wenig Übung prima über die Runden. Wer die Traktions- und Stabilitätskontrolle abschaltet und auf Lenk- und Bremsunterstützung verzichtet, sollte schon ein einigermaßen erfahrener Pilot sein. Standardmäßig haben Karambolagen nur kosmetische Auswirkungen auf unser Auto. Wenn wir das ändern, müssen wir uns nach Zusammenstößen - die praktisch unvermeidbar sind - unter Umständen auch mit einem stotternden Motor oder einem nach links oder rechts ziehenden Wagen in die Ziellinie retten.

Streckendesign und Drivatar-KI

In Forza 5 fahren wir auf 13 Pisten um die Wette. Im Angebot sind unter anderen das legendäre Rund von Indianapolis, der Kurs in Prag, eine Autobahn in den Berner Alpen sowie eine Landstraße im Hinterland von Australien. Die meisten Strecken sind schön ausgeleuchtet und eher ein bisschen idyllisch gestaltet, lediglich das britische Silverstone wirkt sehr trist (dafür ist es spielerisch sehr interessant). Die Strecken sind toll gestaltet und bieten an sich viel Abwechslung - aber es sind zu wenige. So schön es auch ist, rasch alle wichtigen Stellen zu kennen und sich auf die Wettkämpfe konzentrieren zu können: Wir hatten sehr bald das Gefühl, dass sie sich zu schnell wiederholen und wir sie fast schon blind fahren konnten. Daran ändert übrigens auch die Tatsache wenig, dass sie je nach Modus in dezent unterschiedlichen Längen und Varianten Verwendung finden.

Publisher Microsoft legt bei der Vermarktung von Forza 5 besonderen Wert darauf, dass es keine klassische Piloten-KI, sondern sogenannte Drivatare gibt. Das Kunstwort (Driver und Avatar) bedeutet, dass das Konsolen-Fahrverhalten auf Basis menschlicher Fahrer erstellt und in der Cloud gespeichert wird, von wo aus es dann per Download auf den Rechner des Nutzers gelangt - ohne Internetverbindung fährt die KI minimal schwächer.

Wer in einem Rennen mit Serververbindung antritt, fährt gegen Drivatare auf Basis der Kumpel aus der Freundesliste, die ebenfalls Forza 5 besitzen. Der Rest des Feldes wird mit Zufallsbekanntschaften aufgefüllt. Angenehmer Nebeneffekt: Auch unser eigener Pilot landet in der Cloud und nimmt selbst dann, wenn wir offline sind, an Rennen teil und verdient so ein bisschen Ingame-Geld nebenbei.

In der Praxis entpuppt sich die KI einfach als sehr gut und sehr glaubwürdig. Ob da jetzt besonders ausgeklügelte Algorithmen klassischer Art am Werkeln sind oder eben Cloud-Gedöns, ist nicht feststellbar und im Grunde auch egal. Jedenfalls würden wir uns im Blindversuch schwertun, einen Unterschied zwischen KI-Kumpeln und Multiplayergegnern festzustellen. Beide verwenden typische Taktiken etwa für Kurven und für Überholmanöver.

Eines ist allerdings anders: Die KI in Forza 5 unterlässt es glücklicherweise, den Spieler in Grund und Boden zu fahren - auch wer sich (absichtlich) richtig blöd am Steuer anstellt, muss also nicht damit rechnen, dass ihn ein Spitzenfahrer nach drei Kurven überrundet. Dabei hilft natürlich auch die schon bekannte Zurückspulfunktion, mit der sich grobe Schnitzer auf Kosten weniger Siegprämien-Credits wieder ausbügeln lassen.

Für Konsolenverhältnisse macht die 1.080p-Grafik einen erstklassigen Eindruck. Die geparkten Autos sehen in der Nahansicht schlicht atemberaubend aus: Da ist fast jedes Bläschen im Lack zu erkennen, das Leder im Inneren wirkt beinahe so, als könne man es anfassen, und selbst kleinste Feinheiten sind zu erkennen. Im Rennen sind die Vehikel natürlich nicht so detailreich, sehen aber immer noch gut aus. Dafür punktet die Grafik dort mit schönen Lichteffekten - wenn die untergehende Sonne durch die Cockpitscheiben ins Wageninnere scheint und die Sicht blendet, wirkt das schon sehr nah an der Realität.

Echte Wetterveränderungen oder -effekte wie Regen oder gar Eis gibt es nicht. Schade auch, dass die Strecken durchgehend etwas steril wirken. Das aktuelle Need for Speed kriegt es besser hin, mit Ereignissen am Streckenrand und ab und zu einer ordentlichen Portion Matsch für Leben auf der Piste zu sorgen. Nicht so schön sind auch die Ladezeiten: Beim Aufruf einer neuen Strecke muss der Spieler bis zu einer Minute warten, bis die Daten in den Speicher geschaufelt sind - immerhin fangen die eigentlichen Rennen dann ohne größere Verzögerung an.

Kinect und Fazit

Im Multiplayermodus bietet das Forza 5 neben Splitscreen-Duellen den Mitgliedern von Xbox Live Gold auf hohem Niveau die üblichen Funktionen in Wettbewerben mit bis zu 16 Teilnehmern. Das Ganze ist sehr gut umgesetzt, es gibt monatliche Rennen plus Ligen plus Sonderveranstaltungen - sehr viele Wünsche bleiben da nicht offen.

Forza Motorsport 5 ist nur für die Xbox One verfügbar und kostet rund 70 Euro. Die Bewegungssteuerung Kinect wird lediglich dazu verwendet, dass wir durch das Bewegen des Oberkörpers im Spiel zur Seite blicken können - wir haben diese Funktion nach wenigen Minuten deaktiviert und sie nicht vermisst.

In der deutschen Version sind alle Bildschirmtexte und Teile der Sprachausgabe übersetzt; ein paar Reden der Moderatoren von Top Gear zur Faszination des Motorsports sind untertitelt. Nach der Installation von Blu-ray mit rund 31 GByte ist noch der Download eines 6 GByte großen Updates nötig. Die USK hat eine Freigabe ohne jede Altersbeschränkung erteilt.

Fazit

Es ist ziemlich einfach, Forza Motorsport 5 richtig klasse zu finden - aber ebenso leicht, sich über das jüngste Werk der Turn 10 Studios mit seinen nervig langen Ladezeiten zu ärgern. Solange wir mit einem der rund 200 Autos herumsausen, macht das Spiel sehr viel Spaß. Das Fahrgefühl ist glaubwürdig und stimmig bis ins Detail in Szene gesetzt, selbst Kleinigkeiten an der Technik wie ein Wechsel der Reifen oder des Getriebes sind besser als in anderen Programmen spürbar.

Die KI macht einen erstklassigen Eindruck. Ob sich die computergesteuerten "Drivatar"-Fahrer ihr Verhalten nun wirklich per Cloud-Download bei anderen Spielern abschauen oder nicht, ist im Grunde ja egal. Sie fahren jedenfalls sehr menschlich, was an neuralgischen Stellen wie engen Kurven gelegentlich fast schon zu sehr in das aus Multiplayerrennen bekannte Gedrängel mündet.

Auch die Strecken gefallen uns ausgesprochen gut, vom tristen Rund in Silverstone abgesehen. Da fangen dann aber auch die Probleme von Forza 5 an: 13 Pisten für ein derartiges Rennspiel sind einfach zu wenig. Selbst Einsteiger, die sich vielleicht noch freuen, relativ rasch alle wichtigen Stellen kennenzulernen, dürften sich nach kurzer Zeit sattgesehen und -gefahren haben.

Auch der Karrieremodus ist im Vergleich zum Open-World-Vorgänger eine Enttäuschung. Die vielen Ligen sind unübersichtlich gestaltet, echte Belohnungen fehlen. Motivation ergibt sich eigentlich nur aus dem Freischalten der richtig teuren Autos, und ausgerechnet da erinnert die Bezahloption uns immer wieder daran, dass wir Kunden und in erster Linie zum Bezahlen da sind.

Das ist eine Frechheit bei einem so teuren Programm, die uns nachhaltig den Spaß verdirbt. Die Rennspielelemente von Forza Motorsport 5 sind richtig gut - aber nicht so gut, dass wir uns das gefallen lassen möchten. Die Kombination aus zu wenigen Strecken, der öden Kampagne und der Bezahloption hat dazu geführt, dass wir trotz der vielen Stärken sehr schnell die Freude an diesem Programm verloren haben.  (ps)


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