Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/omni-rom-cm-waere-ohne-freiwillige-nicht-da-wo-es-heute-ist-1311-102555.html    Veröffentlicht: 05.11.2013 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/102555

Omni ROM

"CM wäre ohne Freiwillige nicht da, wo es heute ist"

Erst programmierte Xplodwild alias Guillaume Lesniak Cyanogenmods neue Kamera-App Focal, dann trennte er sich im Streit von den CM-Machern. Jetzt arbeitet er an seinem eigenen Android-ROM. Golem.de hat sich mit ihm über Vergangenes und Künftiges unterhalten.

Als Guillaume Lesniak alias Xplodwild Mitte 2013 eine neue Kamera-App für Cyanogenmod (CM) entwickelte, dürfte er nicht geahnt haben, dass diese nach einem halben Jahr wieder aus der alternativen Android-ROM verschwunden sein würde. Nach Meinungsverschiedenheiten über die weitere Verwendung seiner App nach der Umwandlung des Cyanogenmod-Projekts in ein Unternehmen trennten sich Lesniak und CM-Chef Steve Kondik im Streit.

Streit mit Cyanogenmod über Lizenz von Focal

Mittlerweile ist der Ärger beim Franzosen allerdings verflogen: "Ich bin kein nachtragender Mensch. Es hat einfach nicht sollen sein", sagt er im Interview mit Golem.de. Statt zu schmollen, widmet er sich lieber seinem eigenen Projekt Omni ROM, das anders als Cyanogenmod unter anderem stabile tägliche Updates liefern will.

Nachdem Lesniak von CM-Gründer Steve Kondik erfahren hatte, dass das Projekt in ein Unternehmen umgewandelt würde, hoffte auch Lesniak zunächst, in Zukunft dank seines Beitrags zum Betriebssystem etwas Geld verdienen zu können. Allerdings machte sich schnell Ernüchterung breit. Die bisherige GPL-Lizenz sei nicht ideal, erklärte ihm CM-Programmierer Koushik Dutta. Das CM-Team müsse Lesniaks App neu lizenzieren.

Den Grund für die Lizenzänderung glaubt Lesniak zu kennen: Cyanogenmod Inc. wird künftig Anpassungen an bestimmten Teilen des Betriebssystems vornehmen müssen, um es besser an Hersteller verkaufen zu können. "Es ist keine Überraschung für ein Unternehmen, dass es Geld verdienen muss, um überleben zu können", sagt Lesniak. "Da ist Cyanogenmod keine Ausnahme."

GPL hat Copyleft-Prinzip

Dafür müssen bei der Kamera beispielsweise bestimmte Hardwarespezifikationen im Quellcode der Kamera-App berücksichtigt werden. Das Copyleft-Prinzip der GPL besagt aber, dass Änderungen an einem Werk nur dann erlaubt sind, wenn das Folgewerk unter derselben Lizenz veröffentlicht wird. Da das Cyanogenmod-Betriebssystem aber verkauft werden soll, hätte das Endprodukt dementsprechend keine GPL mehr - das Copyleft-Prinzip wäre verletzt.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Außerdem fühlte sich Lesniak bei dem Gedanken unwohl, dass seine Software modifiziert und weiterverkauft werden würde. Nach zahlreichem Hin und Her einigte er sich mit dem CM-Team schließlich darauf, Focal wieder aus der Android-Distribution herauszunehmen. Der Trennung seien einige unschöne Gespräche mit Steve Kondik und anderen CM-Mitgliedern vorausgegangen, sagt Lesniak. In einem privaten Posting auf Google+ hatte er bereits kurz danach die Trennung als "Drama" beschrieben.

CM-Unterstützer haben kaum Chancen auf nachträgliche Bezahlung

Über den Streit ist Lesniak inzwischen hinweggekommen, wie er sagt; mit unentgeltlichen Beiträgen zahlreicher freiwilliger Unterstützer Geld zu verdienen, findet er allerdings weiter unfair. "Natürlich ist es das", sagt er. "Cyanogenmod wäre ohne die ganzen freiwilligen Unterstützer und Programmierer nicht da, wo es heute ist."

Programmierer, die bisher zum Quelltext Cyanogenmods beigetragen haben, hätten aber kaum Chancen auf eine rückwirkende Bezahlung. "Die Quelltextteile der freiwilligen Unterstützer laufen unter der Apache-Lizenz, also kann jeder Änderungen daran vornehmen." Die Apache-Lizenz kennt anders als die GPL kein Copyleft-Prinzip: Apache-Software beinhaltende Programme können auch unter einer anderen Lizenz unter Nennung des Urhebers weitervermarktet werden.

"Die Cyanogenmod-Macher könnten mit den Autoren reden und versuchen, eine gute Lösung zu finden. Sie sind aber nicht gezwungen, den bisherigen Unterstützern etwas zu zahlen", erklärt Lesniak. "Entweder sie lassen es einfach, oder sie müssten wohl allen Unterstützern etwas zahlen. Und das könnte das ganze Projekt gefährden."

Lesniak ist nicht nachtragend

Das wünscht Lesniak dem CM-Chef Steve Kondik und seinem Projekt nicht, denn im Grunde gehe es ihnen um dasselbe, sagt er: "Hoffentlich können wir in der Zukunft an etwas zusammenarbeiten und unser gemeinsames Ziel verfolgen: die Entwicklung von Android voranzutreiben."

An dieser Entwicklung arbeitet Lesniak derzeit selbst: Zusammen mit den Android-Programmierern Chainfire und Dees_Troy hat er vor kurzem die alternative Android-Distribution Omni ROM vorgestellt. "Omni war schon länger in den Köpfen einiger Leute, lange bevor ich den Streit mit Cyanogenmod hatte. Deren Kommerzialisierung und der Streit waren der Funke, der Omni letztlich entzündet hat."

Omni ROM soll stabile Nightly Builds bringen

Omni ROM soll anders als Cyanogenmod und andere ROMs Nightly Builds bieten, die stabil laufen und keine ungeprüften Testversionen für neue Funktionen sind. Einen Plan, wie das in der Praxis realisiert werden soll, hat Lesniak bereits. "Unsere Nutzer sollen neue Funktionen testen, bevor sie in die Nightly Builds eingebaut werden. Im Falle von mehreren Änderungen könnten wir beispielsweise verschiedene experimentelle Versionen anbieten, die jeweils nur eine der Änderungen beinhalten. Daneben werden wir sogenannte verifizierte Nightly Builds haben."

Automatisierte Testsequenzen spüren Fehler auf

"Diese werden von Nutzern oder einer automatischen Testsequenz als funktionsfähig bestätigt", erklärt Lesniak. Mit der Testsequenz und der Nutzerbestätigung möchte er verhindern, dass schädliche Builds in Umlauf kommen. "Die verifizierten Nightlies erscheinen idealerweise nur wenige Stunden, nachdem wir die neuen Funktionen als experimentelle Versionen veröffentlicht haben."

Um trotz des momentan recht kleinen Teams aus ungefähr zwölf Leuten zusätzlich zur Überprüfung der Nightly Builds die von den Nutzern erwünschten Fehlerberichte bearbeiten zu können, arbeiten die Omni-Macher auch hier an einer automatisierten Lösung.

Speziell für ein Gerät verantwortliche sogenannte Device Maintainer soll es bei Omni in der Form wie bei Cyanogenmod und anderen ROMs sowie Linux nicht geben. Hier agieren sie mehr wie Moderatoren. "Wir haben eine rudimentäre Organisationsstruktur, ohne die geht es nicht. Tatsächlich wird Omni ROM aber durch die Nutzergemeinschaft betreut. Jede Funktion wird mit allen diskutiert, und wenn die Gemeinschaft eine Funktion möchte, werden wir sie einbinden", erläutert Lesniak.

Multi-Window und abgesicherter Arbeitsbereich

Bei der Vorstellung von Omni ROM hat er bereits einige Funktionen bekanntgegeben, unter anderem einen Multi-Window-Modus. "Die Multi-Window-Funktion erlaubt es, zwei Fenster im Split-Screen-Modus parallel zu verwenden", erklärt er. Das klingt nach einer vergleichbaren Lösung wie bei Samsung.

Mit der Multi-Workspace-Funktion können Nutzer mehrere voneinander getrennte Bereiche auf dem Smartphone verwenden. "Diese Funktion ähnelt dem Multi-User-Betrieb auf Tablets, nur halt für Smartphones. Nutzer können beispielsweise einen privaten und einen geschäftlichen Bereich mit unterschiedlichen Apps und Daten einrichten. Texte und andere Daten können zwischen den Bereichen umhergeschickt werden", beschreibt Lesniak die Funktion. "Für jeden Bereich können unterschiedliche Verschlüsselungen und andere Sicherheitsmaßnahmen eingestellt werden." Damit ähnelt das Konzept Verschlüsselungssystemen wie Samsungs Knox. Der geplante Installationsassistent soll auch zügig erscheinen. "Wir haben bereits einen funktionierenden Prototyp, der ein Nexus 4 und ein Oppo Find 5 automatisch flasht."

Erste Nightly Builds erscheinen in Kürze

Einen Veröffentlichungstermin für Omni ROM nennt Guillaume Lesniak noch nicht. "Wir arbeiten hart daran, die geplanten Funktionen so schnell wie möglich einzubauen und werden sehr bald die ersten Nightly Builds verteilen." Lesniak ist sich sicher, dass Custom ROMs in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden: "Custom ROMs ermöglichen es Nutzern, Dinge zu tun, die sie sonst nicht mit ihrem Smartphone machen könnten. Außerdem haben Entwickler von Custom ROMs nur begrenzte Ressourcen, weshalb sie sich mehr auf die wichtigen Dinge konzentrieren."  (tk)


Verwandte Artikel:
Omni ROM: Neues Android-ROM setzt auf stabile Nightly Builds   
(14.10.2013, https://glm.io/102114 )
Android-ROM: Lineage OS bindet Android 7.1.2 ein   
(19.04.2017, https://glm.io/127369 )
Meltdown und Spectre: "Dann sind wir performancemäßig wieder am Ende der 90er"   
(18.01.2018, https://glm.io/132224 )
Jessica Barker im Interview: "Die Kriminellen sind bessere Psychologen als wir"   
(28.11.2017, https://glm.io/131261 )
Zukunft des Autos: "Unsere Elektrofahrzeuge sollen typische Porsche sein"   
(19.09.2017, https://glm.io/130095 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/