Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/radeon-r9-290x-im-test-teilzeit-boost-macht-hawaii-fast-zum-titan-killer-1310-102331.html    Veröffentlicht: 24.10.2013 06:01    Kurz-URL: https://glm.io/102331

Radeon R9 290X im Test

Teilzeit-Boost macht Hawaii fast zum Titan-Killer

AMD hat nach wochenlangem Warten die Radeon R9 290X mit Hawaii-GPU doch noch auf den Markt gebracht. Die Grafikkarte stellt nur bei der Lautstärke oft neue Rekorde auf, kann aber ruhiggestellt werden und ist vergleichsweise günstig. Mit dem neuen Boost schlägt sie manchmal Nvidias Titan - aber das hat Nebenwirkungen.

Alles neu macht Hawaii - zumindest, was das Preisgefüge im Grafikkartenmarkt mit seinen manchmal seltsamen Regeln betrifft. Die Preisempfehlung für die Radeon R9 290X liegt bei rund 450 Euro, zumindest nach AMDs bisherigen offiziellen Angaben. Ab dem 24. Oktober 2013 sollen die Karten verkauft werden. Bei den kleineren Modellen der R-Serie dauerte es bis zur Verfügbarkeit aber ein paar Tage länger als angekündigt, und erst dann zeigten sich stabile Preise, das ist auch diesmal nicht auszuschließen.

Im Gegensatz zu Modellen wie 270X und 280X handelt es sich bei der 290X um eine Neuentwicklung, was vor allem für die GPU selbst gilt. Sie basiert allerdings noch auf der GCN-Architektur und wird weiterhin mit 28 Nanometern Strukturbreite hergestellt.

Gegenüber der Tahiti-GPU der Radeon HD 7970 ist der neue Chip Hawaii mit 2.816 statt 2.048 Rechenwerken ausgestattet. Zusammen mit einem 512 Bit breiten Bus und 4 statt bisher 3 GByte Speicher will AMD mindestens die Geforce GTX 780, also den Titan LE, schlagen, schielt aber auch auf die 900-Euro-Karte Geforce Titan.

Wie Nvidias Prestigemodell reizt AMD aber die Leistungsfähigkeit seiner GPU voll aus: Die neue Version der Funktion "Powertune 2.0", wir nennen sie wie bei anderen CPUs und GPUs "Boost", kann für sehr hohe Leistung, aber auch ebensolche Lautstärke und Energiebedarf sorgen. Daher gibt es einen Umschalter für den sogenannten "Quiet Mode", der viel leiser ist.

Die Radeon R9 290X ist also bei fairer Betrachtung wie zwei verschiedene Grafikkarten zu sehen, und gerade beim schnelleren "Uber Mode" ist im Umgang mit dem Gerät an vielen Punkten Umdenken gefordert. Wir testen im Folgenden ein von AMD gestelltes Modell im Referenzdesign mit nur einem Radiallüfter auf unserer neuen Testplattform rund um Intels Core i7-4960X.

Die Nanometer-Falle und die Folgen

Die Zeiten, in denen es spätestens alle 18 Monate eine neue Grafikkartengeneration gab, welche die Leistung verdoppelte, sind schon lange vorbei. Viel mehr als früher sind die Chipentwickler von der Verkleinerung der Strukturbreiten abhängig, auch Shrinks genannt. Diese werden aber bei den Produzenten der Halbleiter vorgenommen, bei AMD und Nvidia kommen die PC-GPUs für Desktop-Grafikkarten von TSMC.

Dort können die besonders schnell schaltenden Transistoren, die für Grafikprozessoren nötig sind, aber seit Ende 2011 unverändert nur mit 28 Nanometern Strukturbreite hergestellt werden. Auch Monate nach dem Beginn der Serienproduktion lag die Ausbeute der Chips immer noch unter dem Bedarf der Kunden. Selbst dem Vorreiter bei Shrinks, Intel, macht die eben nicht ganz zu überlistende Physik der kleinen Halbleiter inzwischen zu schaffen: Die erste 14-Nanometer-CPU, Broadwell, ist um ein Quartal verschoben worden.

Insbesondere die GPU-Entwickler bekommen das Stocken von Moore's Law zu spüren, denn sie entwerfen ohnehin schon sehr große Chips, die dadurch sehr teuer sind. Um mehr Leistung zu erhalten, sind bei den gut parallelisierbaren Aufgaben der 3D-Grafik aber stets noch mehr Funktionseinheiten gefragt. Die wiederum lassen sich wirtschaftlich sinnvoll nur mit stetig verkleinerten Strukturbreiten herstellen.

So weit ist TSMC aber noch nicht: Erst im ersten Quartal 2014 soll die 20-Nanometer-Fertigung aufgenommen und ein Jahr später auf 16 Nanometer gewechselt werden. Wohl aufgrund der Erfahrungen mit dem schleppenden Anlaufen der 28-Nanometer-Produktion wollten sich AMD und Nvidia bei der Grafikgeneration des Jahres 2013 nicht mehr darauf verlassen.

Also preschte zuerst Nvidia vor und machte aus dem Supercomputer-Chip GK110 mit Kepler-Architektur die Geforce Titan. Statt der maximal möglichen 2.880 Rechenwerke des Designs wurden auch dabei, offenbar wegen geringer Ausbeute, nur 2.688 freigeschaltet. Großer Unterschied zu anderen Grafikkarten war aber auch der mit 6 GByte gegenüber der damals aktuellen Radeon HD 7970 GHz Edition verdoppelte Speicher.

Einen so großen Chip hatte AMD aber nicht zu bieten, die Tahiti-GPU der 7970 war zwar mit 352 Quadratmillimetern schon recht üppig, mit Hawaii ist der Chip aber auf 438 Quadratmillimeter gewachsen. Statt 4,3 hat der Baustein nun 6,2 Milliarden Transistoren. Nvidia gibt für den GK110 schon 7 Milliarden an.

Bei Hawaii wird diese Fülle an Schaltelementen für eine recht einfache Erweiterung genutzt: Die bereits ausführlich vorgestellte GCN-Architektur bleibt gleich, nur sind statt 32 nun 44 Compute Units (CU) vorhanden. Jede davon besteht aus 64 ALUs, den Rechenwerken, klassisch bei GPUs auch Shader genannt. Somit ergibt sich auch die Zahl der 2.816 Funktionseinheiten. Hawaii ist, stark vereinfacht gesagt, ein Tahiti mit knapp 40 Prozent mehr Rechenleistung - wenn sich alles so parallelisieren lässt, wie AMD das vorhat. Zudem gibt es ein erweitertes Backend, unter anderem mit mehr Rasterprozessoren, um auch 4K-Displays anzutreiben.

Titan und 290X sind ähnlich, aber im Boost sehr verschieden

Da sich dieser Test auf einen Technologievergleich konzentriert, ist bei ähnlicher Chipgröße - und sogar geringerer Leistungsaufnahme - Titan der Gegner der 290X., in diesem Fall ein Referenzdesign von Asus. Beide sind die schnellsten Single-GPU-Grafikkarten der Anbieter, und beide holen das gerade noch technisch Mögliche aus der 28-Nanometer-Fertigung.

Die Architekturen sind jedoch trotz der ähnlichen Zahl der Rechenwerke sehr unterschiedlich, Titan sind seine Supercomputer-Wurzeln schon beim Speicher von 6 GByte anzumerken. AMD konnte bei der Überarbeitung von Tahiti nur 4 GByte erreichen, hat diesen Speicher aber statt über einen 384-Bit-Bus wie bei Titan gleich mit 512 Bit angebunden. Dadurch ergibt sich die enorme Transferrate von 320 GByte pro Sekunde.

Damit hat die 290X bei Auflösungen weit über Full-HD, zum Beispiel mit drei Monitoren oder 4K-Displays, noch Reserven - Titan kommt aber dann besser zurecht, wenn kleinere Auflösungen mit sehr großen Texturen verwendet werden, denn ihr Speicher ist immer noch 50 Prozent größer.

Um noch im üblichen Rahmen von 250 Watt für eine Grafikkarte zu bleiben, hat sich Nvidia bei Titan entschieden, mit GPU-Boost 2.0 eine dynamische Regelung von Takt, Spannung und Lüfter zu verwenden. Ohne ein modifiziertes Bios mit allen Risiken hat der Anwender dabei kaum Eingriffsmöglichkeiten.

In vielen Tests der Titan zeigte sich, dass die Karte ihren spezifizierten Takt von maximal 876 und minimal 837 MHz per Boost aber nicht halten kann. Nach einigen Minuten hoher Last fällt die Grafikkarte weit darunter, insbesondere, wenn sie in einem PC steckt. Das ist bei den kurzfristigen Tests von neuen Grafikkarten aber nicht üblich, sie werden unter anderem wegen schnelleren Umbaus mit weniger Risiko von mechanischen Schäden auf offenen Testplattformen betrieben.

Daher ist es inzwischen gängige Praxis, die Grafikkarten "vorzuheizen": Sie werden mit einem Programm wie Furmark erst auf maximale Temperatur der GPU gebracht, danach werden die Tests in schneller Folge ausgeführt. Auch Golem.de hat sich für dieses Verfahren entschieden.

Das ist insbesondere bei der 290X sinnvoll, denn vor allem in ihrem leiseren "Quiet Mode" fällt die Leistung stark ab. Besonders gut beobachten lässt sich das beim integrierten Benchmark von Tomb Raider. Im ersten Durchlauf kommt die Karte bei 1.920 x 1.080 Pixeln und maximalen Details noch über 80 Bilder pro Sekunde, mit jedem weiteren Test hintereinander wird sie langsamer und pendelt sich dann bei knapp 74 fps ein - immerhin acht Prozent weniger. Das ist beim Spielen zwar kaum bemerkbar, kann aber in Benchmark-Diagrammen den Sieg kosten.

Powertune 2.0 mit vielen Eingriffsmöglichkeiten

Weil sich die Variation von Takt, Spannung und Lüftertempo in Verbindung mit der Umgebungstemperatur so stark auswirken kann, hat AMD im Catalyst Control Center (CCC) die Einstellmöglichkeiten komplett verändert. Statt den Takt direkt vorzugeben oder die Drehzahl des Lüfter festzusetzen, gibt es nun Prozentbereiche.

Für die Leistungsaufnahme und den Takt können die anteiligen Werte in einem 2D-Diagramm mit einem Klick eingestellt werden. AMD zufolge garantieren Schutzmechanismen, dass die Karte dadurch dennoch keinen Schaden nimmt, auch wenn die Werte extrem erscheinen. Erlaubten die bisherigen Radeons höchstens 20 Prozent mehr Leistungsaufnahme, so sind mit der 290X nun 50 Prozent einstellbar.

Wie sinnvoll und zuverlässig das ist, können wir leider nicht beurteilen: Unser schon durch einige Hände gegangenes Muster stürzte bei jeder Veränderung über 5 Prozent reproduzierbar ab. AMD gab zu Protokoll, dass genau dieser Effekt nicht auftreten sollte. Rücksprache mit anderen Testern ergab, dass es sich wohl um einen Einzelfall handeln dürfte.

Reizvoll ist an dem neuen Powertune-Panel auch das Festsetzen der maximalen Lüfterdrehzahl, denn damit kann der Nutzer die Karte an das eigene Geräuschempfinden anpassen. Der Lärmpegel ist auch bei einem gut gedämmten Gehäuse unter dem Schreibtisch anders als bei einem kompakten Case, das neben dem Monitor steht. Die Karte lässt sich damit auch indirekt massiv drosseln: Stehen alle Regler für Leistung und Takt auf minus 50 Prozent, kommt unser Tomb-Raider-Test mit Full-HD im Quiet Mode zwar nur noch auf 43 fps, aber die 290X ist mit nur einem Klick auch beim Spielen kaum noch hörbar.

Alle Möglichkeiten von Powertune sind sowohl im Quiet- als auch im Uber-Mode zugänglich. Umgeschaltet wird wie beim Ausum-Schalter der 6990 - davon ist auch der Name abgeleitet - an der Oberseite der Grafikkarte. Zeigt der Schalter in Richtung des Slotblechs, ist der Quiet Mode aktiv, in der anderen Stellung der Uber-Mode. Geändert werden kann das auch im Betrieb ohne Absturz, aber erst nach einem Neustart des Rechners ist die neue Einstellung aktiv.

Anders als bei den bisherigen Radeons der 7000-Serie ist also nicht mehr einer der beiden Bios-Speicherplätze - denn zwischen diesen wechselt der Schalter - für eigene Experimente vorgesehen. Wenn die findigen Ersteller eines Mod-Bios ihre Versionen veröffentlichen, muss sich der Anwender wohl entscheiden, ob er den Quiet- oder den Uber-Mode überschreibt.

Einen sicher für AMD ganz praktischen Effekt hat die ganze dynamische Regelung auch: Bei einem einzelnen Durchlauf des 3DMark Fire Strike im Quiet Mode wird die Karte in einem abgekühlten System nur gegen Ende deutlich hörbar, aber nicht lästig laut. Das liegt aber auch an den langen Ladesequenzen des Programms. Mit vorgeheizter Karte im Uber-Mode ist die 290X unangenehm laut.

Testsystem, Verfahren und Marketing-Sperenzchen

Nicht einmal zwei Tage Zeit hatte Golem.de für den Test der Radeon R9 290X in beiden Modi. Daher haben wir uns für eine kleine Auswahl von Benchmarks entschieden, für welche die Karte stets vorgeheizt wurde. Jeder der Tests zur Rechenleistung wurde mindestens viermal ausgeführt, bis sich keine Änderungen mehr ergaben, das erste Ergebnis haben wir gestrichen und aus dem Rest den Mittelwert gebildet.

Die Reihe der Ergebnisse sieht dann beispielsweise bei Crysis 3 im Uber-Mode bei 2.560 x 1.440 Pixeln mit maximalen Details so aus: 44,1, 44,5, 43,4, 43,7 fps. Die Karte wird also im Rahmen der Messgenauigkeit nicht mehr langsamer. Um die Benchmark-Diagramme übersichtlich zu halten, haben wir nur die gemittelten Ergebnisse darin verzeichnet und mit der Geforce Titan mit ebenfalls oft bremsendem Boost genauso verfahren. Nach einer Diskussion in der Redaktion schien uns dieses Verfahren am besten abzubilden, was der Spieler in der Praxis von einer der Grafikkarten hat.

Dabei ist auch zu beachten, dass es sich bei allen High-End-Karten über 400 Euro um sehr schnelle Geräte handelt, die mit einem einzelnen Full-HD-Monitor leicht zurechtkommen. Die Unterschiede bewegen sich höchstens im Bereich von 20 Prozent und sind damit für technisch interessierte Spielefans relevant, aber beim Spielen nicht drastisch unterschiedlich. Im Einzelfall kann je nach Art des Spiels schon der Verzicht auf eine Funktion wie Bewegungsunschärfe (Motion Blur) oder das stark auf AMD-Karten optimierte TressFX bei Tomb Raider deutlich höhere Bildraten ergeben.

Für den Test der neuen Grafikkarten setzt Golem.de seit den kleineren Radeons der R-Serie eine neue Plattform ein, die Ergebnisse sind folglich nicht mit früheren Tests vergleichbar. Wir verwenden ab sofort Intels Core i7-4960X mit sechs Kernen und 3,7 bis 4,0 GHz Standardtakt auf dem Mainboard X79A-GD65 8D von MSI. 4 x 4 GByte DDR3-1600 mit 9-9-9-24-Timings nutzen die vier Speicherkanäle aus.

Auch wenn die meisten Spiele mit vier Kernen leicht auskommen und in der Single-Thread-Leistung Intels Haswell schneller ist, dürften Games durch die acht Kerne der neuen Konsolen in Zukunft viel stärker in Threads aufgeteilt werden. Die sechs Cores von Intels Extreme-CPU samt sechs virtueller Hyperthreading-Kerne sollen dem Rechnung tragen.

Auch die Messungen zur Leistungsaufnahme ändern sich, bedingt durch das Netzteil AX760i von Corsair. Es ist sowohl bei geringer als auch bei sehr hoher Last sehr effizient und bietet zudem Funktionen zum Monitoring der Spannungen. Als Massenspeicher dient die SSD 520 mit 240 GByte von Intel, getestet wird unter Windows 7, 64 Bit, mit einem Betatreiber von AMD und dem WHQL-Treiber R331 von Nvidia.

Durch den kurzen Testzeitraum war auch eine GTX 780 nicht mehr zu beschaffen, sie findet sich jedoch auch samt Tests mit vielen weiteren Spielen bei unseren Kollegen von PC Games Hardware.

Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch, dass AMD den Hype um die neuen Radeons fast überreizt hat - zahlreiche Leaks seit der ersten Ankündigung vier Wochen vor dem offiziellen Test stifteten Verwirrung, und von Grafikkartenherstellern bestätigte Preise gibt es immer noch nicht. Selbst eine Nvidia-Veranstaltung in Montreal versuchte AMD mit vorschnellen Veröffentlichungen von eigenen 4K-Benchmarks zu stören - und zog bis auf einen der Werte dann alle zurück.

Synthetische Benchmarks und Spiele

Wie sehr sich der Boost auswirkt, wenn die Karte kurz belastet wird und immer wieder Pausen einlegen kann, zeigen 3DMark Fire Strike und der ältere 3DMark11: Die 290X kann sich fast immer vor die Titan setzen. Das klappt aber nur, weil beide Benchmarks auch auf schnellsten Rechnern zwischen den Szenen lange laden.

Das lässt sich umgehen, zum Beispiel mit dem Benchmark von Tomb Raider, der auf unserer Testplattform nur vier Sekunden für einen Neustart braucht, und ebenso wenn dieselbe Szene in Crysis 3 mehrfach hintereinander gespielt wird. Dann kann sich die Radeon R9 290X nicht mehr immer deutlich von der Titan absetzen.

Bis auf die von PC Games Hardware getesteten Spiele Metro 2033 und Skyrim, beide mit Super-Sample-Anti-Aliasing, kann sich die 290X aber immer vor die dort getestete GTX 780 setzen, was recht beachtlich ist.

All das gilt aber nur für den lauten Uber-Mode, im viel leiseren Quiet-Mode ist die Grafikkarte bis zu 15 Prozent langsamer. Das reicht noch für einen deutlichen Vorsprung vor der 7970, aber nicht mehr meistens für die 780 und selten für die Titan. Damit rechtfertigt die neue Radeon ihren Preis recht genau.

Leistungsaufnahme und Lärm - viel Lärm

Fünf Minuten spielen im Uber-Mode reichen, um mit der 290X zu erleben, wie laut eine Grafikkarte in der Praxis wirklich werden kann. Vielleicht mit Ausnahme der ersten GTX 480, die aber weniger nervig klingt, ist das die lauteste Grafikkarte, die Golem.de bisher getestet hat. Das Geräusch der neuen Radeon ist, ganz charakteristisch für AMD-Karten im Referenzdesign, nicht nur ein lautes Rauschen.

Je schneller der Lüfter dreht, umso mehr hochfrequente Anteile gibt das System durch die schnell bewegte Luft von sich, was am Ende fast wie ein Pfeifen klingt. Mehrere Personen fanden das sehr unangenehm.

Dagegen hält der Quiet-Mode, was der Name verspricht: Zumindest in einer offenen Plattform ist die Karte dann zwar deutlich hörbar, aber keineswegs lästig. Eine parallel in einem zweiten Mainboard betriebene Radeon HD 7970 GHz Edition im Referenzdesign fällt wesentlich störender auf. Selbst im stillen Modus ist die 290X noch lauter als die Geforce Titan, die dafür aber auch viel mehr kostet.

Vielleicht sollte AMD sein seit vier Jahren gepflegtes Konzept der Radiallüfter am Ende der Karte aber doch einmal gründlich überarbeiten. Zahlreiche Kartenhersteller zeigen, dass es viel leiser geht, doch die kommen vorerst nicht zum Zuge, denn anfangs sollen nur R290X im Referenzdesign erscheinen.

Der Krach der Hawaii ist aber nötig, weil viel Wärme abzuführen ist. Auf dem Windows-Desktop hat sich auch im Quiet-Mode mit 54 Watt gegenüber der 7970 nichts verändert, unter 3D-Last benötigt das Gesamtsystem jedoch schon 20 Watt mehr. Der Extremfall Furmark treibt den Rechner dann schon über 330 Watt bei nur geringer CPU-Last, hier schwitzt nur die Grafikkarte. Fast 370 Watt sind es dann im Uber-Mode, da wir wissen, dass die Plattform ohne Grafikkarte unter 40 Watt benötigt, kratzt die 290X schon am Limit ihrer Stromversorgung von 300 Watt.

All das lässt sich mit dem Catalyst Control Panel aber ändern, zum Beispiel durch eine feste maximale Drehzahl des Lüfters auf Kosten der Leistung. Da das sehr schnell und einfach geht, empfiehlt es sich, einmal die optimale Einstellung für den eigenen PC zu suchen und die künstliche Bremse nur dann zu lösen, wenn ein Spiel einmal mehr Leistung benötigt.

Die Unterschiede zur auf geringe Lautstärke getrimmten Titan zeigen sich auch in einer Messung mit einem Digitalthermometer samt drahtgebundenem Messfühler an den Luftauslässen. Beide Karten besitzen sie am Slotblech und der Kante darüber, die Titan auch noch am Ende der Karte. An den vergleichbaren Positionen erreicht die 290X oben maximal 76 Grad und am Slotblech 74 Grad. Die Titan kommt oben auf nur 68 Grad und an den Displayanschlüssen auf 76 Grad. Dafür bläst sie hinten auch direkt in den PC und strahlt zusätzlich durch ihr Metallgehäuse ab. Damit nehmen sich die Karten hier nur im Rahmen der gesamten Leistungsaufnahme etwas, für beide sind gute Gehäuselüfter unverzichtbar.

Richtig ärgerlich ist die Tatsache, dass AMD auch bei der neuen GPU die erhöhte Leistungsaufnahme für mehr als ein Display nicht geändert hat: 20 Watt mehr sind es mit zwei oder drei Monitoren, auch im 2D-Betrieb. Das kann Nvidia, das lange AMDs Multi-Display-Technik Eyefinity hinterherentwickeln musste, inzwischen viel besser.

Fazit

Es gibt nicht eine Radeon R9 290X, sondern zwei - welches ihrer beiden Gesichter die Grafikkarte zeigt, entscheidet der kleine Schalter, der zwischen Uber- und Quiet-Mode wechselt. Die leise Einstellung führt zu einer Karte, die dem direkten Vorgänger 7970 auch als GHz-Edition deutlich überlegen ist und dabei deutlich leiser arbeitet.

Wechselt man in den Uber-Modus, so bekommt man unter Last eine der lautesten Grafikkarten, aber auch ein Technikspielzeug, mit dem man der rund 300 Euro teureren Geforce GTX Titan manchen Rekord abjagen kann. Aber auch der eigenen Stromrechnung.

Einzigartig ist in beiden Modi die bisher nicht auf so einfache Weise mögliche Eingriffsweise in die Verhältnisse von Leistung, Krach und Energiebedarf. Hier sollte AMD aber noch mehr Möglichkeiten schaffen, denn gerade für Benchmark-Fans fehlen exakte Werte und eine unveränderliche Lüfterdrehzahl. Immerhin den Speichertakt, so sagte das Unternehmen Golem.de, soll aber bald jeder genau einstellen können.

Umstritten bleiben wird der schon bei der Titan als Bremse aufgefallene Boost, bei AMD Powertune genannt. Er kann in einem gut durchlüfteten PC oder bei kurzen Tests die Leistung deutlich steigern, beim mehrstündigen Spielen verpufft der Effekt jedoch. Wir würden im Zweifel den Quiet-Mode bevorzugen und die Einstellungsmöglichkeiten nutzen, um die Karte an die eigenen Vorlieben anzupassen. Dass die Boosts verschwinden werden, da sie nach Nvidia nun auch AMD konsequenter als bei der 7970 einsetzt, ist kaum anzunehmen.

Sehr zweifelhaft bleiben zudem Preis und Verfügbarkeit. AMD nannte als offiziellen Preis für die gesamte Euro-Zone nur "399 Euro plus Mehrwertsteuer", was in Deutschland rund 475 Euro wären. Golem.de rechnet eher mit 499 Euro oder mehr, denn die Grafikkarte kostet nach US-Empfehlung ohne die dort örtlich verschiedenen Steuern 549 US-Dollar.

Nvidia will offenbar nicht mit Preissenkungen reagieren, allenfalls dürfte die GTX 780 billiger werden. Ihre Erweiterung namens 780 Ti hat das Unternehmen bereits angekündigt - nach AMDs aktuellem Vorbild mit dem wochenlangen Raten um die 290X, aber ohne jegliche technische Daten.

Nachtrag vom 24. Oktober 2013, 18:20 Uhr

Wir haben die Bildergalerie um Screenshots von Furmark auf der 290X und der Titan ergänzt. Darauf ist deutlich zu sehen, dass die Radeon nach dem Erreichen ihrer spezifizierten Maximaltemperatur von 95 Grad für die GPU kurz einbricht - Powertune regelt hier ab. Bei der Titan gibt es diesen Einbruch nicht, sie taktet sich schon früher und kontinuierlich herunter.

Außerdem gibt es nun die ersten bestätigten Preisempfehlungen inklusive Mehrwertsteuer: Asus will für seine 290X mit einem Code für Battlefield 4 nur 529 Euro, MSI verlangt für das gleiche Angebot 549 Euro. Asus will in der kommenden Woche auch eine Version ohne das Spiel anbieten, sie kostet dann 499 Euro, was sich mit unseren Prognosen deckt.

Am Markt sind diese Preisempfehlungen, wie immer bei neuer High-End-Hardware, aber Makulatur - keine der Karten, auch von anderen Herstellern wie HIS, Powercolor oder Sapphire, ist nach den Listungen in Preisvergleichen bisher unter 550 Euro zu haben. Immerhin sind die Geräte schon lieferbar, hier war AMD also schneller als bei den kleineren Grafikkarten der R-Serie.  (nie)


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