Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ingress-wenn-die-welt-zum-spielbrett-wird-1310-102289.html    Veröffentlicht: 22.10.2013 13:01    Kurz-URL: https://glm.io/102289

Ingress

Wenn die Welt zum Spielbrett wird

Mit dem Augmented-Reality-Spiel Ingress macht Google die Spieler zu Sammlern und modernen Revolverhelden. Im Gegenzug profitiert das Unternehmen davon, dass Millionen Menschen freiwillig Fotografien ihrer Umgebung machen und kostenfrei zur Verfügung stellen.

Wer die Betaversion von Googles Augmented Reality Game Ingress spielt, kommt zumindest für die Erstellung neuer Portale nicht darum herum, dem Unternehmen kostenfrei jede Menge eigener Fotos zur Verfügung zu stellen. Die Google-Tochter Niantic Labs benötigt derzeit rund zwei Wochen, um das Motiv zu überprüfen. Erst danach erhält der Spieler die Möglichkeit, das neue Portal in Anspruch zu nehmen, um es mit Energie auszustatten. Ziel von Ingress ist es, die Welt mit gigantischen Flächen zu überziehen, die von den eigenen Portalen beschützt werden. Es kämpfen die Erleuchteten in grüner Farbe gegen die Blauen vom Widerstand. Umgangssprachlich bezeichnen sich beide Fraktionen als die grünen Frösche und die blauen Schlümpfe.

Wien, Sommer 2013. Es regnet in Strömen. Um halb 3 Uhr nachts läuft Manfred Krejcik auf die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland zu. Nach wenigen Minuten Aufenthalt vor dem Botschaftsgebäude wird er freundlich von einem Wiener Polizisten gefragt, ob er ihm helfen könne. Krejcik verneint, zeigt auf sein Smartphone und behauptet, er habe seine E-Mails bearbeitet. In Wahrheit ist er, obwohl er zu den aktivsten Datenschützern Wiens gehört, zu einem passionierten Ingress-Spieler geworden. Ihm ist bewusst, wie viele Informationen er über sich und Dritte preisgibt. Wer sich bei diesem Augmented-Reality-Spiel anmeldet, nutzt die von Google zur Verfügung gestellte Weltkarte Intel Map. Unter Insidern ist die inoffizielle IITC-Schnittstelle sehr beliebt, die in Echtzeit den Aufenthaltsort der Spieler per GPS bis auf 5 Meter genau anzeigen kann.

Jeder Spieler macht sich gläsern, sobald er seine Ingress-App startet. Die Software verrät nicht nur, wo sich die nächsten Portale befinden. Sie teilt Google auch mit, wo die Mitspieler gerade mit ihren tragbaren Geräten unterwegs sind. Wer will, kann sich den Aufenthaltsort der Mitspieler auch nach vorheriger Installation zusätzlicher Software auf dem Browser des heimischen PCs anzeigen lassen. Von hier bis zur totalen Überwachung ist es nicht mehr weit.

Manfred Krejcik wurde im Frühjahr 2013 vom Ingress-Fieber angesteckt. Wer mitspielen will, benötigt die Einladung eines aktiven Spielers. Alternativ kann man die Teilnahme auf der Website des Projekts beantragen und muss sich mitunter mehrere Wochen gedulden. Da Google primär die Geräte der eigenen Firmware unterstützt, gibt es die App bislang nur für Smartphones und Tablet-PCs, auf denen Android läuft. Für iOS wurde bislang keine offizielle Software vorgestellt, frühestens Anfang 2014 dürfen auch die Besitzer eines Apple iDevice mitspielen. In der Vergangenheit gab es illegale Programme, die flüssiger als das Original laufen sollen. Wer selbst entwickelte Applikationen benutzt, riskiert aber seinen Ingress-Account. Google sperrt manchmal Mitspieler, die sich vom offiziellen Weg entfernen.

Ähnliche Erfahrungen machte auch die Programmiererin Hakin Dazs, die einen Zusatz für Ingress erstellt hat. Mit dem Addon für IITC war es möglich, automatisch die Portale in der Nähe ausfindig zu machen, wo die meisten Punkte zu holen sind. Doch optimierte Spielabläufe oder modifizierte Software, die in Eigenregie programmiert wird, toleriert Google nicht. Wer sich nicht an die allgemeinen Geschäftsbedingungen hält, fliegt aus dem Google Play Store.

Kein tiefer Sinn vorhanden

"Nach einem tieferen Sinn darf man nicht fragen", erklärt der Wiener Datenschützer zum Spielprinzip. Seine persönliche Motivation, Ingress zu spielen, ist es, der eigenen körperlichen Bewegung einen Grund zu geben. Bis er den höchsten Level erreicht hat, nutzte er ein Paar Turnschuhe ab. Zehn Kilogramm hat er bislang verloren und bis Level 8 zu Fuß über 100 Kilometer zurückgelegt. Manchmal vergeht eine ganze Nacht, bis der eigene Stadtbezirk in der Farbe der Erleuchteten grün eingefärbt werden kann. "Andere gehen mit ihrem Hund hinaus. Ich gehe mit meinem Smartphone spazieren", sagt Krejcik. Doch wer alleine spielt, dessen Möglichkeiten sind begrenzt. Wer dem Gegner wirklich effektiv schaden will, muss sich mit Gleichgesinnten treffen, um die Energie aller Spieler zu bündeln.

Doch bei Ingress geht es noch um mehr. Der Erfinder John Hanke, der lange Zeit an der Umsetzung von Google Maps und Google Earth gearbeitet hat, wollte mit seinem Game lauffaule Menschen aktivieren und zusammenbringen. Die Mitspieler einer Fraktion stehen über einen Chat im ständigen Kontakt. In den größeren Städten gibt es bereits die ersten Stammtische, in Wien wird im Frühjahr 2014 das erste Ingress Barcamp veranstaltet.

Wie wird Google das Spiel monetarisieren?

"Wäre ich der Betreiber eines Restaurants, die Mitspieler würden beim Besuch meiner Lokalität extra Punkte oder besondere Gegenstände erhalten", führt Krejcik seine Geschäftsidee aus, der in der virtuellen Welt als @netwatcher bekannt ist. Als Sponsor ist bereits Vodafone aufgesprungen, dessen Verkaufsstellen prominent in der Karte von Ingress angezeigt werden. Weitere zahlungskräftige Partner dürften dem Mobilfunkanbieter schon bald folgen.

Doch was macht das Unternehmen mit den ganzen Bildern? Manche Spieler vermuten, mit Hilfe der eingereichten Informationen und unzähliger Korrekturen würden die Karten von Google Maps, Google Earth und Google Street View optimiert. Die Mitarbeiter bekommen nicht nur unzählige Fotos inklusive der Beschreibung und die Bewegungsprofile aller Spieler frei Haus geliefert. Das Unternehmen könnte mit diesem modernen Augmented-Reality-Game als Trendsetter fungieren. Als netter Nebeneffekt wird zum eigenen Wohl das soziale Netzwerk Google Plus als Treffpunkt für alle Spieler eingesetzt.

Auf Dauer wird sich zeigen, ob das Spiel dem Unternehmen genug bringen wird. Zweifelsohne werden so mehrere Google-Produkte um eine spielerische Dimension erweitert, die Nutzern ohne zusätzliche Geräte gänzlich verborgen bleibt. Das Phänomen ist aber vielen Teilnehmern bekannt. Auf der Straße werden sie komisch angeschaut, weil sie längere Zeit ohne erkennbare Handlung an einem Ort verweilen. Außenstehende können die Begeisterung für die Eroberung der Weltherrschaft nicht nachvollziehen. Wer es aber einmal ausprobiert hat, den lässt das Spielprinzip so schnell nicht wieder los.

Ich will loslegen, doch wie?

Wer eine umfangreiche Erklärung für Ingress braucht, der sollte sich die Anleitung von Kristian Köhntopp genauer anschauen. Das umfangreiche Dokument wurde mit Unterstützung der Ingress-Community erstellt und wird ständig aktualisiert.

Krejcik sieht Ingress als einen Remix aus Geocaching und einem modernen Revolverhelden. Zudem wurden Aspekte aus Matrix, Star Wars und anderen Science-Fiction-Filmen implementiert. Im Kern soll Ingress aber kein Spiel, sondern ein soziales Netzwerk sein. Zwar kann man auch alleine auf Streifzug gehen, doch das Miteinander steht klar im Vordergrund. Einziger Haken ist, dass man nicht mehr als Level 8 erreichen kann, weswegen schon mehrere Spieler abgesprungen sind.

Niantic Labs wird nach eigener Auskunft mehrere Monate für das nächste große Update benötigen. Auch ist nicht damit zu rechnen, dass das Spiel so bald über den Betastatus hinauskommen wird. Doch wer weiß, vielleicht hat diese Verzögerung auch ihre Vorteile. Möglicherweise hat sich die Polizei in Wien und anderswo bis dahin an die wachsende Zahl an Passanten gewöhnt, die minutenlang scheinbar untätig auf die Displays ihrer Smartphones starren.  (ls)


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