Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windows-8-1-im-test-nicht-mehr-die-suche-suchen-1310-102145.html    Veröffentlicht: 17.10.2013 13:35    Kurz-URL: https://glm.io/102145

Windows 8.1 im Test

Nicht mehr die Suche suchen

Windows 8.1 ist mehr als nur ein einfaches Service Pack von Microsoft. Es ist die Anerkennung der Kritik der Anwender und eine deutliche Verbesserung, wie sich im Test zeigt. Windows-7-Anhänger werden trotzdem unzufrieden sein.

"Wir hören zu" - sagte Microsofts Marketingmanager Boris Schneider-Johne bei einer Vorstellung von Windows 8.1, und das bedeutet nichts anderes, als dass Microsoft nach langem Zögern die Kritik vieler Anwender annimmt. Endlich, denn auch wir hatten in unserem Test von Windows 8 viele störende Neuerungen entdeckt, trotz der zahlreichen und sehr sinnvollen Funktionen unter der Haube. Windows 8.1 soll diese Funktionen nun zugänglicher machen, vor allem für Anwender, die den Wechsel auf Windows 8 bisher nicht wagen wollten.

Wir haben Windows 8.1 seit der Preview auf drei Geräten begleitet: einem Elitebook 2740p, das bei uns stellvertretend für gut ausgestattete Altgeräte steht, der Microsoft-Referenz Surface Pro und einem Surface RT. Getestet haben wir mit den ersten beiden Geräten sowie einem Dell Optiplex 990 als Desktop. Eine finale Version von Windows RT 8.1 stand uns noch nicht zur Verfügung.

Vorweg lässt sich sagen: Der Umstieg von Windows 8 fällt leicht. Zum Glück, denn das neue Windows ist keine neue Version, sondern wird wie ein Service Pack behandelt. Der Anwender muss binnen zwei Jahren das kostenlose Update auf Windows 8.1 installieren, sonst endet der Support, was auch Sicherheitspatches betrifft.

Manche Geräte müssen per DVD neu installiert werden

Wir haben den Weg einer sauberen Neuinstallation gewählt. Auf dem Elitebook und dem Surface Pro war das ohne Probleme von einem USB-Stick möglich. Nur der Optiplex-Desktop bereitete Schwierigkeiten. Zwar konnten wir vom Stick booten, der Installer versagte allerdings bei der Erstellung von Partitionen. Auf diesem Gerät, mit aktuellem Bios (A18, unabhängig von Legacy oder AHCI-Modus), verweigert die Installationsroutine weitere Schritte zur Einrichtung des Rechners, solange ein USB-Stick angeschlossen ist. Ein bekanntes Problem, bei dem nicht klar ist, ob die Hardwarehersteller die Schuld tragen oder Microsoft.

Die Lösung ist simpel. Wir haben das Image einfach auf eine DVD gebrannt. Darauf hätte Microsoft mit Windows 8.1 auch während der Installation hinweisen können, statt die wenig sinnvolle Fehlermeldung über nicht erzeugbaren Partitionen zu zeigen.

Auf dem Desktop tut sich wenig

Während Microsoft sehr viel an dem Modern UI getan und dafür gesorgt hat, dass die Touchscreen-Oberfläche besser mit Maus und Tastatur funktioniert, hat sich auf dem Desktop erstaunlich wenig getan. Es bleibt dabei: Windows 8 ist - ohne Modern UI - immer noch schlecht mit den Fingern bedienbar.

Nach Microsofts Ansicht ist Touch aber unvermeidbar, weshalb Modern UI, vormals bekannt als Metro, als Aufsatz entwickelt wurde. Auch wir gewöhnen uns langsam daran, die Möglichkeiten zu nutzen. Selbst auf einem Desktop oder Notebook kann Touch Vorteile haben. Wer einmal zwei Dokumente verglichen und mit zwei Fingern parallel auf beiden hinuntergescrollt hat, will das nicht mehr missen. Mit der Maus benötigt der Dokumentenvergleich mehr Zeit. Zudem ist Touch beim Bestätigen eines OK-Buttons deutlich schneller als die Maus, sofern der Bildschirm nah genug ist. Für viele Arbeitsschritte braucht es jedoch die Präzision einer Maus, eines Touchpads oder eines Pointing Sticks. Auch ein Digitizer hat deutliche Vorteile verglichen mit Touch. Denn genau auf dem Desktop tut sich fast gar nichts, was die Fingerbedienung angeht.

Dropdown-Listen sind nicht touchfreundlich

Hat der Anwender etwa eine große Dropdown-Liste vor sich, versucht er als an Touch Gewöhnter automatisch, mit dem Finger durch diese Liste zu scrollen. Nur gelingt das nicht, da Microsoft auf dem Desktop weiterhin keine Anpassung vorgenommen hat. Viele Elemente und integrierte Programme sind noch immer touchunfreundlich, weil pixelgenau und damit ungenügend angepasst. Das gilt sogar für Miniprogramme wie den Taschenrechner, dessen Menü mit dem Finger nur schwer bedienbar ist. Immerhin wurde der Taschenrechner zusätzlich als App fertiggestellt. Microsoft steckt wenig Zeit in das Redesign der Standardprogramme, selbst wenn diese halbwegs touchfreundlich sind. Dazu gehört die klassische Systemsteuerung mit ihren großen Schaltflächen, aber viel zu kleinen Links.

In der Konsequenz bedeutet das nicht nur eine Inkonsistenz zu Modern UI, sondern auch eine Inkonsistenz innerhalb des Desktops, die mit Windows 8.1 weiterbesteht. Ein paar Teile der alten Oberfläche und der Programme sind touchfähig und darauf ausgelegt, wie beispielsweise die Charms, die essenziell für den Desktop sind, oder der Internet Explorer. Der Task Manager gehört ebenfalls zu den Desktopanwendungen der neuen Generation und wäre ein gutes Vorbild für ein Redesign des weiterhin wichtigen Desktops. Der Rest verursacht hingegen Frust. Das gilt für einige Standardschaltflächen abseits der großen OK-Buttons wie dem Schließen-Button von Anwendungen oder Slidern. Sie haben im Unterschied zu vielen Mobilbetriebssystemen und Microsofts Modern UI keine Trefferzonen und bleiben im Unterschied zu Modern-UI-Slidern pixelgenaue Elemente.

Eine signifikante Weiterentwicklung des Desktops gab es mit Windows 8.1 also nicht. Microsoft hat nicht einmal aufgeräumt. Das Windows Mobility Center hat schon lange keine Daseinsberechtigung mehr und hätte dementsprechend aus dem System entfernt werden sollen. Wer etwas tiefer schaut, erkennt noch Elemente von Windows 2000 und noch früheren Versionen. Ergo bleibt Windows 8.1 ein Betriebssystem, das viel Speicher benötigt. Fast 15 GByte nimmt unsere Neuinstallation auf dem Surface Pro ein. Gerade für Tablets, die mit Android oder iOS konkurrieren sollen, ist das zu viel.

Wir würden uns wünschen, dass Microsoft zumindest die Standardanwendungen einmal programmiertechnisch durchgeht und etwas touchfreundlicher macht und ein paar Altlasten aus dem System wirft, da Flash-Speicher noch immer teuer und ein Tablet mit einer Festplatte nicht robust genug ist.

So hätte Modern UI von Windows 8 von Anfang an sein müssen

Grundsätzlich verbessert wurde mit Windows 8.1 die Suchen-Funktion. Unter Windows 8 mussten wir die Suche selbst regelmäßig suchen. Die Oberfläche war so stark vereinfacht worden, dass der Anwender sich kaum zurechtfand. Mit Windows 8.1 ist das anders. An vielen Stellen gibt es Lupen, die darauf verweisen: Hier könnte etwas gefunden werden. Zudem sucht die Suche nun global, nicht nur auf dem eigenen Rechner, sondern zusätzlich im Internet via Bing.

Noch immer gibt es aber Elemente, deren Benutzung nicht ganz so eingängig ist. Dazu gehören die Charms-Leiste an der rechten Seite und das Windows+Tab-Konzept. Microsoft blendet neuerdings nach der Neueinrichtung eines Accounts immer wieder große Hinweisfelder ein, die auf die Eckennavigation und das Umschalten von Apps hinweisen.

Apps bei 1.280 Pixeln

Mehrere Apps gleichzeitig zu benutzen, funktionierte mit Windows 8 nur ab einer bestimmten Auflösung. In der Breite schrieb Microsoft 1.366 Pixel vor und setzte das konsequent durch. So manchem Benutzer eines 16:10-Displays, das typischerweise 1.280 Pixel in der Breite hat, fehlte das Verständnis für die Entscheidung, Modern-UI-Side-by-Side zu sperren - insbesondere, wenn er Desktop-Side-by-Side seit Jahren nutzte.

Wie sich herausstellt, war die Entscheidung auch gar nicht notwendig. Mit Windows 8.1 funktioniert Side-by-Side mit Kachel-Apps auf kleinen Bildschirmen, die noch immer weit verbreitet sind. Microsoft fördert dies neuerdings sogar, denn Windows 8.1 soll auch auf kleinen Tablets installiert werden und alle Vorteile bieten.

App-Multitasking auf einem Bildschirm

Anwendungen, die vom neuen Windows 8.1 wissen, können zudem sehr nah an Multitasking des Desktops arbeiten. So kann eine Modern-UI-App eine weitere App als halbes Fenster öffnen. Das macht Vergleiche oder das Übertragen von Inhalten sehr angenehm. Es verwirrt mitunter aber auch, da der Anwender nicht vorher weiß, was passiert. Ein geöffnetes PDF vom Desktopbrowser aus startet die PDF-App beispielsweise im Vollbild. Der Anwender muss dann erst Side-by-Side aktivieren. Ein geöffnetes PDF vom Modern-UI-Browser hingegen verkleinert den Browser auf die Hälfte und startet die PDF-App in der anderen Hälfte.

Es ist ein wenig von der Aktualität der Apps abhängig, was passiert. Daran merkt der Nutzer, dass das Konzept mit Windows 8 nicht zu Ende gedacht wurde, was zu etwas Durcheinander führt. Zudem wird Drag-and-Drop bisher nicht in vollem Umfang unterstützt. Inhalte einer App lassen sich nicht immer bewegen oder in andere Fenster verschieben. Einen Link von einer PDF-Datei im Browser in die PDF-App zu schieben, ist unmöglich.

PC-Einstellungen ersetzen große Teile der Systemsteuerung

Mit Windows 8 war der Desktop noch ein wichtiger Bestandteil des Systems. Zwar wurde immer wieder behauptet, dass der Tabletnutzer auf den Desktop verzichten kann, doch in der Praxis war das eben nicht der Fall. Das liegt auch an der Systemsteuerung, über die viele Funktionen exklusiv erreichbar waren, was mit dem Finger auf einem kleinen Tablet jedoch eine Qual war.

Für Windows 8.1 wurden die PC-Einstellungen in der Modern-UI-Oberfläche komplett überarbeitet. Dank der neuen prominenten Suche findet der Anwender schnell das, was er einstellen will. Selbst ohne Suche wirken die PC-Einstellungen mit ihren Untermenüs überwiegend durchdacht. Microsoft gelingt es, viele Einstellungen fingerfreundlich zusammenzufassen. Die Trennung von Bluetooth und Druckern oder Monitoren ist eine gute Idee, und auch der Zugang zu den drahtlosen Schnittstellen wurde verbessert.

Multidisplay und verbessertes Side by Side

Windows 8.1 erleichtert vor allem die Verwendung mehrerer Programme gleichzeitig. Apps und Desktopprogramme lassen sich jetzt parallel nutzen. Die Verwendung mehrerer Monitore hatte Microsoft schon mit Windows 8 verbessert, die Verbesserungen durch die Modern-UI-Einschränkungen aber vor allem auf mehreren Breitbildschirmen wieder zunichtegemacht. Das lag vor allem an den festen Einstellungen. Eine verkleinerte Modern-UI-App brachte weniger Funktionen. Ein verkleinerter Desktop war in der Side-by-Side-Ansicht sogar nahezu nutzlos, da er auf eine simple Taskleiste reduziert wurde.

Durch die flexiblere Aufteilung der Apps und den Wegfall der Obergrenze von zwei Apps je Monitor lässt sich komfortabler arbeiten. Der Anwender kann sich etwa in der PDF-App das Datenblatt zu einem Produkt anschauen, das er gerade im Browser geöffnet hat, und beide gleichzeitig scrollen, was beispielsweise bei Produktvergleichen sehr praktisch ist. Je nach Situation gibt der Nutzer dem Browser oder der PDF-App mehr Platz. Leider lässt sich eine PDF-App bei unserer RTM-Version nicht zweimal öffnen, um PDF-Dateien direkt zu vergleichen. Hier muss der Anwender eine zweite PDF-Anwendung installiert haben, die er dann beispielsweise auf dem Desktop startet.

Zwei Internet Explorer gleichzeitig

Der IE-11-Browser als Modern-UI-App kann hingegen mehrfach geöffnet werden. Die Bedienung ist jedoch umständlich. Wir hoffen, dass Microsoft viele der Standard-Apps an das neue Bedienungskonzept anpasst. Microsoft deutet es zumindest an, hat jedoch bis heute noch nicht geschafft, alle Standardprogramme des Systems auch als Modern-UI-App zu veröffentlichen. Neu hinzugekommen sind immerhin der Wecker und der Taschenrechner.

Weil der Betrieb mit mehreren Monitoren vereinfacht wurde, werden einige Apps sehr nützlich. Sie lassen sich auf den Bildschirmen per Drag-and-Drop anordnen. Unabhängig vom Bildschirm kann der Startknopf verwendet werden. Die Benutzung mehrerer Desktops wird so parallel zu Apps möglich.

Im Zusammenspiel mit Multimonitoring und Side-by-Side-Ansichten nervt die fehlende Anpassung des Desktops. Wird der Desktop durch Side by Side mit Modern UI verkleinert, so verkleinert Windows auch die Desktopanwendungen, die nicht im Vollbild arbeiten. Wehe der Anwender positioniert seine Fenster per Hand und ändert ihre Größe und benutzt mehrere Fenster! Dann schiebt Windows 8.1 beim Drehen des Displayinhalts oder des seitlichen Einschiebens einer Modern-UI-App alles zusammen, stellt aber den ursprünglichen Zustand nicht wieder her, sobald wieder der volle Bildschirm vorhanden ist.

In der Konsequenz muss der Anwender seine Fenster neu ordnen. Sogar Elemente auf dem Desktop werden bei bestimmten Situationen durcheinandergewürfelt. Bei Tablets wie dem Surface ist das besonders ärgerlich, da ein versehentliches oder beabsichtigtes Drehen häufig vorkommt. Es empfiehlt sich in diesem Fall, Desktopfenster ausschließlich über die Side-by-Side-Funktion (Desktop-Side-by-Side) anzuordnen, wenn der Nutzer auch Modern-UI-Side-by-Side verwenden will.

Das Umsortieren wird bei der Verwendung vieler Apps grundsätzlich zu einem Geduldsspiel. Wer sich etwa mühsam drei Apps auf dem zweiten Bildschirm und drei Apps auf dem ersten Bildschirm zurechtsortiert hat und dann versehentlich auf den Desktop geht, verliert auf einem Monitor die Sortierung und muss die Side-by-Side-Ansicht erst mühsam wieder zusammenbauen. Fraglich ist aufgrund der zwei unterschiedlichen Bedienungskonzepte von Modern UI und Desktop, ob sich dieses Problem überhaupt lösen lässt. Microsoft hat sich viel Mühe gegeben, die Schwierigkeiten zu umgehen. Hier merkt der Anwender dennoch, dass die Konzepte nicht zusammenpassen.

Modern UI kann teilweise versteckt werden

Ein großes Zugeständnis an Anwender, die bisher noch Windows 7 einsetzen, sind neue Funktionen, die alle in den Taskleisteneinstellungen zu finden sind. Mit Windows 8.1 lassen sich viele der neuen Windows-8-Funktionen verstecken. Wer mit der Kachel-Oberfläche partout nichts anfangen kann und sie nicht sehen will, stellt sie einfach ab. Dann bootet das System auf den Desktop und beim Drücken der Windows-Taste werden keine Kacheln mehr angezeigt, sondern das moderne, aber altbekannte Startmenü. Zwischen Startmenü und Startbildschirm kann trotzdem mit einem einfachen Wisch oder Klick gewechselt werden.

Ganz ohne die Apps geht es allerdings nicht, sie werden wie normale Programme in dem Starmenü angezeigt. Sie lassen sich aber mit niedriger Priorität in dem Startmenü sortieren, wenn nach Kategorie sortiert wird. Die Kachel-Apps sind dann bei einem normal installierten System einige Tausend Pixel weit von dem Anfang des Startmenüs entfernt. Dazwischen können die administrativen Werkzeuge eingeblendet werden. In der Standardeinstellung sind die Verknüpfungen nicht sichtbar.

Nur vier Sortiertypen im Startmenü

Eine Funktion werden alte Windows-Nutzer weiterhin vermissen: das direkte Sortieren im Menü. Es gibt nur vier direkt erreichbare Sortiertypen: nach Kategorie, nach Nutzung, nach Installationsdatum und alphabetisch. Mal eben den nutzlosen Link auf die Support-Homepage eines Programms entfernen - geht nicht. Den im Startmenü untergebrachten Uninstaller-Link entfernen - geht ebenfalls nicht. Auch irgendwelche Lizenzabkommen bleiben im Startmenü. Der Entfernen-Knopf wird durch das neue Startmenü einfach ignoriert und das Sortieren per Drag-and-Drop geht ebenfalls nicht - wie schon mit Windows 8.

Das heißt aber nicht, dass der Anwender gar nichts tun kann, denn das Startmenü ist im Kern noch immer dasselbe. Es befindet sich in Teilen in c:\ProgramData oder im Roaming-Ordner des Nutzers. Ein Verweis zum Ort eines Startmenüeintrages gibt es im Startmenü, und sofern die Rechte stimmen, kann ein Startmenüeintrag gelöscht oder bewegt werden. Das ist allerdings nur etwas für erfahrene Nutzer, die sich der Roaming-Ordner und der Programdata-Struktur bewusst sind.

Vor allem Nutzer eines Pointing Sticks nervt die Eckennavigation. Bei der Navigation in eine Ecke wird sie immer wieder versehentlich ausgelöst, insbesondere wenn ein Programm geschlossen werden soll oder die Scrollleitse das Ziel ist. Da wir an die Maus gewöhnt sind, fiel uns das nicht so sehr auf, wir mieden automatisch die Ecken. Wen das zu sehr stört, der kann die Eckennavigation deaktivieren.

Die Zugeständnisse an Nutzer alter Windows-Systeme durch das Abschalten einiger Modern-UI-Eigenarten funktionieren in der Praxis ganz gut. Es sollte aber niemand denken, dass sich Windows 8 dann wie ein altes Betriebssystem anfühlt. Ganz ohne Modern UI geht es auch mit Windows 8.1 nicht.

Geht es noch ohne Windows 8.1?

Mit Windows 8.1 stellt sich die Frage: Lässt sich das Betriebssystem überhaupt noch umgehen? Schließlich können Unternehmen bis heute mit wenigen Problemen sogar Windows XP einsetzen und Einkäufer für Firmen oder Systemadministratoren finden eine stattliche Auswahl an Windows-7-Geräten. Manch ein neuer Rechner wird sogar ausschließlich mit Windows 7 ausgeliefert, da die Geschäftskunden noch nicht umstellen wollen. Lenovo entschied sich etwa beim jüngst vorgestellen Thinkcentre M93p Tiny zu diesem Schritt. Windows 8 wird nur als Recovery-Datenträger beigelegt.

Für den Endkunden sieht das anders aus. Wer einen beliebigen Elektronikmarkt aufsucht oder in Onlineshops stöbert, findet derzeit meist nur Notebooks und Desktops mit Mac OS oder Windows 8. Einen Windows-7-Rechner zu ergattern, erfordert einige Kenntnisse oder der Anwender muss eine Neuinstallation wagen und hoffen, dass es Windows-7-Treiber gibt.

Windows-7-Hardware für Endkunden wird seltener

Der Heimanwender hat also keine Wahl mehr: Im regulären Handel für Endkunden findet sich allenfalls bei den Restposten noch Windows-7-Hardware. Zudem werden in den nächsten Wochen und Monaten Windows-8.1-Geräte die alte Generation weiter verdrängen. Spätestens zur Unterhaltungselektronikmesse CES im Januar 2014 werden die Hersteller ihre Neuheiten mit Windows 8.1 präsentieren.

Prinzipiell kann gesagt werden: Wird ein Rechner in Unternehmen eingesetzt und gehört zu den nachhaltigen Geräten, dann gibt es nicht nur Ersatzteilsupport, sondern auch Windows-7-Unterstützung bis hin zur Auslieferung mit dem alten Betriebssystem. Allerdings muss der Anwender den besseren Support bezahlen: Geschäftskundenhardware ist deutlich teurer als Endanwenderhardware. In der Regel ist dieser Typ von Hardware nicht von der geplanten Obsoleszenz betroffen, da Hersteller gerne Garantien über fünf und mehr Jahre verkaufen wollen.

Verbesserte Synchronisation und der Assigned Access Mode vereinfacht den Windows-8.1-Kiosk-Betrieb

Einige Funktionen von Windows 8.1 sind nicht für jeden gedacht. Vieles davon fällt unter die Rubrik Synchronisation, und die verlangt zumindest in einigen Bereichen, dass der lokale Account in einen Microsoft-Account umgewandelt wird. Das war zwar schon mit Windows 8 so, doch der Trend zum Account in der Cloud wird mit Windows 8.1 noch einmal verstärkt. Ist der Account erst einmal umgewandelt, können auch andere Apps davon durch eine automatische Anmeldung profitieren. Dazu gehört der Windows Store, der dann direkt verknüpft ist, oder Skydrive. Manch einer zieht die gezielte Nutzung von seinen Microsoft-Zugangsdaten vor. Das geht beispielsweise mit dem Windows Store, bei der Synchronisation zwischen Rechnern ist uns das jedoch nicht gelungen.

Die Synchronisation selbst wurde deutlich verbessert und fällt in den PC-Einstellungen komplett unter die Rubrik Skydrive. So kann der Anwender nicht nur Speicher im Web benutzen, der im Explorer fest integriert ist, sondern auch das Layout des Startbildschirms samt Hintergrund synchronisieren. Neu erworbene Apps werden ebenfalls auf allen Rechnern angezeigt. Den automatischen Download lässt Microsoft nicht zu, um kein unnötiges Datenvolumen zu verwenden. Stattdessen erscheint eine Kachel samt Pfeil. Das bedeutet: Die Anwendung wurde auf einem anderen Rechner installiert. Ein Drücken des Pfeils reicht, um die App auf einem weiteren Computer zu installieren. Zudem gibt es eine Backup-Funktion via Skydrive für die zu synchronisierenden Einstellungen eines einzelnen Rechners.

Für die berufliche Nutzung ist Skydrive nicht vorgesehen. Dafür gibt es die neuen Arbeitsordner alias Work Folders. Dafür braucht es aber eine Infrastruktur in der Firma in Form eines Windows Server 2012 R2, die analog zu Windows 8.1 entwickelt wurde.

Der einfache Kiosk-Mode ist für Unternehmen praktisch

Für Gästerechner sehr praktisch ist der sogenannte Assigned Access Mode, eine Art Kiosk-Modus für Windows-Apps. Einem Account kann der Administrator in den PC-Einstellungen eine einzelne App zuweisen. Der Rechner kann dann in der Theorie etwa als Surfstation in einem Unternehmen aufgestellt werden. Der Anwender kann sich mit einer Tastenfolge abmelden, aber sonst an so einem Gerät keinen Unsinn treiben. Die Funktion hat aber Macken. Um einem Nutzer mit Standardrechten den Internet Explorer als App zuweisen zu können, muss der Administrator den Internet Explorer als Standardbrowser verwenden und dann neu starten. Sonst steht der Internet Explorer nicht zur Auswahl. Die Apps, die ein Kiosk-Nutzer verwendet, müssen auf dem Kiosk-Account erst installiert werden. Bis auf die Standardanwendungen, die ohnehin in jedem Account installiert sind, können Apps des Administrators nicht zugewiesen werden.

Eine Einschränkung, welche App für den Kiosk-Modus verwendet werden kann, haben wir nicht entdeckt. Wir konnten unseren Anwendern beispielsweise ohne Probleme nur die Golem.de-App für Windows 8.1 zuweisen. Eine spezielle Anpassung an den Assigned Access Mode hat diese nicht. Kindern kann damit ein bestimmtes Spiel oder Lernprogramm zugewiesen werden. Für Unternehmen sieht Microsoft noch ein anderes Einsatzszenario. Leichte Tablets könnten etwa mit einer Speisekarten-App ausgestattet und im Kiosk-Modus im Restaurant ausgehändigt werden. Der Desktop kann übrigens nicht als Kiosk-App ausgewählt werden.

Ein Kiosk-Modus ist an sich nichts Neues. Er ist sogar mit älteren Windows-Versionen möglich oder indem der Browser in einen Kiosk-Modus geschaltet wird. Windows 8.1 macht die Konfiguration nun so einfach, dass jeder den Modus einrichten kann, der Administratorenrechte hat. Ein bereits existierender Account wird kurz ausgewählt und eine Anwendung zugewiesen. Nach einem Neustart und dem Einloggen in den Kiosk-Account ist alles fertig. Gerade kleine Unternehmen, die sich nicht mit einem Embedded-Windows beschäftigen wollen, werden das zu schätzen wissen.

Mit dem simplen Kiosk-Modus hat Microsoft zudem eine Konkurrenz zu Android aufgebaut. Mit der Version 4.3, die sich derzeit nicht auf allen Android-Geräten installieren lässt, gibt es beispielsweise die Restricted Profiles, die sich auch für den Kiosk-Betrieb verwenden lassen. Mit iOS ist die Konfiguration etwas komplizierter, da iOS kein Mehrbenutzersystem ist.

Der Rechtsklick ist weg und andere Macken von Windows 8.1

Zu den frustrierenden Eigenschaften von Windows 8.1 gehört der fehlende Rechtsklick in der Netzwerkübersicht von Modern UI. Der Rechtsklick wurde ersatzlos gestrichen und damit fehlt ein Mittel für den leichten Zugang zu Netzwerkinformationen unter Modern UI. Immerhin hatte Microsoft doch ein Einsehen. Unter Windows 8 beschwerten wir uns noch darüber, dass Microsoft es bei einem Rechtsklick auf eine Netzwerkverbindung für wichtig hielt, dem Anwender die Verschlüsselungsoptionen im Detail anzuzeigen, obwohl es bei Netzwerkproblemen normalerweise an anderen Stellen hakt. Diese Informationen sind nun in den PC-Einstellungen versteckt, darunter die Anzeige für das verwendete Datenvolumen und die IP-Adresse. Die Verbindungsgeschwindigkeit bleibt aber den alten Dialogen vorbehalten und bei uns funktionierte häufiger der Tooltip über einer Verbindung nicht.

Durch die Änderung wird das Wechseln des Netzwerktyps, zum Beispiel zwischen öffentlichen und Firmennetzen, sehr kompliziert. Der Wechsel war bereits in Windows 8 unlogisch aufgebaut und wurde über Dateifreigaben definiert. Windows 7 ließ noch eine direkte Anwahl des Netzwerktyps in den Netzwerkeinstellungen zu. Unter Windows 8.1 gibt es einige Verweise auf die PC-Einstellungen in der Hilfe, die den Nutzer jedoch in die Irre leiten. Tatsächlich findet er die Umstellung zwischen privaten und öffentlichen Netzwerken an einem sehr klassischen Ort: dem Explorer. Gleichzeitig gibt es dort einen alternativen Verweis auf die Netzwerkeinstellungen, in denen die Umstellung früher unter Windows 7 möglich war. Das zeigt zweierlei: Ganz ohne den Desktop geht es weiterhin nicht, und die gewisse Unordnung durch die alten Betriebssysteme konnte Microsoft auch mit Windows 8.1 nicht beseitigen.

Rechteausweitung in den PC-Einstellungen fehlt

Ebenfalls aufgefallen sind uns Mängel im Rechtemanagement. Eine der Stärken von Windows ist eigentlich die leichte Unterscheidung zwischen Standardnutzern und Administratoren. Mit Windows Vista hat Microsoft über User Account Control zudem eine simple Möglichkeit geschaffen, bei Bedarf höhere Rechte per Authentifizierung zu erlangen. Gerade in der Systemsteuerung ist das wichtig und ein Grund dafür, dass auch Privatanwender ohne Probleme mit Standardrechten arbeiten können. Modern UI erlaubt ebenfalls das Ausführen von Anwendungen mit höheren Rechten. Doch in den PC-Einstellungen fehlt diese Möglichkeit. Menüteile werden ausgeblendet, und so muss der Heimanwender sich zum Teil doch ummelden, um bestimmte Funktionen wie etwa den Kiosk-Modus zu konfigurieren.

Nach wie vor bietet Windows 8 nur eingeschränktes Drag-and-Drop in Modern UI. Zwar können innerhalb von Anwendungen wie dem E-Mail-Programm Inhalte per Drag-and-Drop verschoben werden, doch die Interaktion zwischen den Apps ist mangelhaft. So kann der Anwender nicht PDF-Dateien vom Desktop in das Modern-UI-PDF-Leseprogramm verschieben. Auch die Anzeige von zwei PDFs ist uns nicht gelungen. Zudem sorgt Alt-F4 in der Standardkonfiguration innerhalb einer App weiter dafür, dass der Anwender auf den Startbildschirm geschickt wird und nicht etwa zum Dateimanager, von dem aus eine PDF-Datei aufgerufen wurde.

Ob sich das ändern wird, weiß derzeit niemand. Microsoft sieht Windows 8.1 in der Version "Release to Manufacturing" nicht als final an, was die Apps angeht. Mit diesem ungewöhnlichen Kniff kann Microsoft jederzeit behaupten, dass das Betriebssystem noch nicht fertig sei, da eine App, und damit ein kleiner Programmbestandteil des Betriebssystems, noch nicht final sei. Tatsächlich hat Microsoft in der RTM-Phase immer wieder Apps aktualisiert, weshalb wir die grundsätzlichen Verbesserungen von Apps in der Bedienung noch nicht abschließend beurteilen können. Wir gehen davon aus, dass Microsoft viele Apps erst nach der Veröffentlichung von Windows 8.1 aktualisieren wird. Basierend auf unseren Erfahrungen mit Windows 8 kann das aber mehrere Wochen dauern. Damals gab es vor und nach der Veröffentlichung immer wieder kleine App-Updates.

Verfügbarkeit des neuen Windows 8.1 und Fazit

Wer eine Lizenz von Windows 8 hat, bekommt das Update auf Windows 8.1 ab sofort kostenlos über den Windows Store, nicht aber das Windows Update. Nach der Installation sind noch einmal drei separate Updates über das Windows Update notwendig. Es ist zu erwarten, dass das Update die Server überlasten wird. Wer noch keine Lizenz hat, muss Microsofts aktueller Strategie zufolge Windows 8.1 als Vollversion kaufen, die mit 90 Euro für die Non-Pro- und 125 Euro für die Pro-Version als OEM-Variante zu haben ist. Im Handel sind aber weiterhin Updatepakete von Windows XP aufwärts bis zu Windows 8 Pro für rund 50 Euro verfügbar. Eigentlich soll es zudem Retail-Pakete von Windows 8.1 geben, doch die werden hierzulande offenbar zugunsten der OEM- und System-Builder-Versionen nicht angeboten.

Fazit

Windows 8.1 ist ein sehr lohnenswertes Update für alle Windows-8.0-Nutzer. Es spricht nichts dagegen, das ohnehin kostenlose Paket zu installieren. Microsoft ist mit viel Mühe auf die Kritik eingegangen, mit der Anwender zu Recht nicht gespart haben. Die ganze Bedienung mit Modern UI passt besser zum Desktop und wirkt stimmiger. Zudem lässt sich Windows 8.1 besser als der Vorgänger mit Maus und Tastatur bedienen. Ein Touchscreen ist aber nach wie vor für Windows und seine Kachel-Welt zu empfehlen.

Gerade Tabletnutzer freuen sich über den Umstand, dass viele Einstellungen jetzt auch in der Modern UI zu erreichen sind und Apps freier aufgeteilt werden können. Das hat Windows vielen anderen Tablet-Betriebssystemen voraus. Wer allerdings den Desktop benötigt und die Fenster präzise anordnet, ist irgendwann davon genervt, dass sich die unterschiedlichen Side-by-Side-Ansichten gegenseitig stören können. Uns gefällt aber, dass Microsoft einige Einschränkungen von Windows 8 aufgehoben hat.

Bleibt die Frage, ob sich ein Update von Windows 7 oder früheren Versionen lohnt. Nach unseren Erfahrungen hat Microsoft hier viele Hürden abgebaut. Der Windows-7-Nutzer fühlt sich schneller heimisch, muss aber umkonfigurieren, um vom besseren Windows-8-Unterbau zu profitieren, ohne durch die Kachel-Welt gestört zu werden. Vollständig gelingt das jedoch nicht und der Nutzer wird sich fragen, ob Modern UI auf alter Hardware ohne Touchscreen sinnvoll ist.

Die schönen neuen Apps machen vor allem mit einem Touchscreen Spaß. Modern-UI-Apps, die uns richtig überzeugen, sind allerdings rar. Große komplexe Anwendungen wie Photoshop CS oder Mailprogramme wie The Bat wird es wohl kaum als Modern-UI-Variante geben, und so bleibt das neue UI ein unnötiger Aufsatz für Windows-7-Nutzer. Für diese Gruppe hat Microsoft zu wenig getan, als dass sich ein Update lohnen würde, und beschränkt sich auf die Möglichkeit, Windows-8-Funktionen besser zu verstecken.

Windows 8.1 ist damit, wie schon Windows 8, vor allem ein Betriebssystem für Tablets, Detachables und Convertibles. Hier lohnt sich ein Wechsel von Windows 7 zu 8.1. Auch für Notebooks sowie Desktops mit moderner Hardware und idealerweise einem Touchscreen ist Windows 8.1 eine Überlegung wert, denn solche Geräte profitieren am ehesten von den vielen internen Veränderungen, die bereits Windows 8 brachte.  (ase)


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