Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/rezension-arbeitsfrei-computerwelt-denn-zeit-ist-geld-1310-102099.html    Veröffentlicht: 12.10.2013 10:11    Kurz-URL: https://glm.io/102099

Rezension "Arbeitsfrei"

Computerwelt, denn Zeit ist Geld

Maschinen sind längst dabei, unsere Welt zu verändern, uns zu ersetzen. Constanze Kurz und Frank Rieger vom CCC haben für ihr Buch "Arbeitsfrei" die Roboter besucht.

Constanze Kurz und Frank Rieger haben sich auf den Weg gemacht, unsere technische Welt auseinanderzunehmen und sie uns zu erklären. Sie haben das schon einmal getan, Datenfresser hieß das Ergebnis und erforschte eben Daten und Netze. Nun haben die beiden Maschinen und Fabriken besucht.

Unsere Welt wandelt sich, das ist ihr Prinzip. Diesen Wandel von Zeit zu Zeit zu untersuchen und zu beschreiben, hilft, seine Wirkung zu verstehen. Um eine solche Beschreibung geht es Kurz und Rieger. Sie gehen an exemplarische Orte, an denen sich die Disruption, die sogenannte schöpferische Zerstörung, beobachten lässt. Orte, die sich in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark gewandelt haben: Landwirtschaft und Druckereien, Ölindustrie und Versandhandel. Kurz und Rieger schauen sich dort um, sie beschreiben vor allem.

Sie tun das ohne Vorurteile. Sie kommen als möglichst neutrale Beobachter. Kathrin Passig und Sascha Lobo, ebenfalls zwei lesenswerte Technikerklärer, haben in ihrem Buch Internet: Segen oder Fluch zum Wandel geschrieben: "Häufen Sie kein schlechtes Karma durch Verhöhnung derer an, die ein paar Tage früher als Sie selbst herausgefunden haben, dass die schöpferische Zerstörung nicht nur das zerstört, was man sowieso nicht leiden konnte."

Kurz und Rieger häufen kein schlechtes Karma an, sie beklagen nicht, dass auf einem Hof nur noch anderthalb Bauern arbeiten statt wie früher fünfzig. Sie dokumentieren, sie werten nicht. Das ist interessant genug. Wer war schließlich schon mal in einem Werk, in dem Mähdrescher gebaut werden oder in dem Leitstand einer Ölraffinerie?

Je industrialisierter unsere Welt, desto weiter entfernen wir uns von ihr. Vor 200 Jahren kannten die meisten Menschen eine Mühle von innen, sie lebten auf dem Land und brauchten ihre Dienste. Außerdem gab es viele tausende Müller und Bauern, die über die Arbeit dort berichten konnten.

In den Fabriken, die Kurz und Rieger sich angeschaut haben, arbeiten kaum noch Menschen. Sie sind damit für den Normalkunden der Produkte, die dort hergestellt werden, verschlossen, sie sind black boxes - genau wie das Innere von Computern und Programmen.

Menschen sind den Robotern nur im Weg

Arbeitsfrei schaut in diese schwarzen Kästen. Dabei zeigt sich vor allem eines: Früher waren Arbeitsabläufe auf den Menschen zugeschnitten, den Arbeiter. Maschinen sollten ihm helfen und ihm seinen Job erleichtern. Dieses Verhältnis kehrt sich gerade um. In den Fabriken, die die Autoren besuchten, bestimmen die Maschinen das Aussehen der Arbeitsplätze. Ihre Bedürfnisse, ihre Wartungsintervalle und Möglichkeiten stehen im Vordergrund. Die wenigen Menschen, die dort noch arbeiten, sollen den Robotern helfen beziehungsweise sich am besten gar nicht einmischen.

In Lagern beispielsweise. Die Anschaffung fahrerloser Gabelstapler lohne nur, "wenn das gesamte Lager (...) darauf umgestellt wird. Denn die Gabelstaplerroboter sind darauf angewiesen, dass die Paletten korrekt, im richtigen Winkel und nur in zulässiger Weise übereinander abgestellt werden. Diese gründliche Disziplin und Ordnung im Lager verträgt sich häufig nicht mit den Gewohnheiten von arbeitenden Menschen, denen ein halber Meter, den die Palette neben der Markierung steht, keine Arbeitsstörungen verursacht". Menschen führen eben nicht immer vorhersagbare Wege, irrten sich beim Sortieren der Paletten, sie seien insgesamt "unvorhersehbar und unberechenbar".

Komplett automatisierte Systeme, das beschreiben Kurz und Rieger immer wieder, arbeiten am besten, wenn Menschen sich heraushalten, wenn sie nur dann noch eingreifen, wenn etwas schiefgeht.

An den Schnittstellen, dort wo Maschine und Mensch zusammenarbeiten müssen, sind es inzwischen die Arbeiter, die sich anzupassen haben, damit alles reibungslos läuft. Zitat: "Das Optimierungsziel: Die verbliebenen Arbeiter sollen zu neunundneunzig Prozent ausgelastet werden, schließlich kosten sie jede Stunde Geld. Das bedeutet in der Praxis, wann immer der Mensch an der Packstation vom Bildschirm hochblickt, auf dem er gerade die Fertigstellung eines Pakets bestätigt hat, steht schon eine kleine Schlange Roboterregale mit den Waren für die nächsten Pakete neben seinem Tisch an. Verschnauft werden kann nur in den regulären Arbeitspausen." Oder, wie die Band Kraftwerk einst sang: "Computerwelt, denn Zeit ist Geld".

Wir alle sorgen dafür, dass Maschinen uns ersetzen

Ein anderes Beispiel, dieses Mal von einem Hersteller für Mühlensysteme: "Bei Bühler wird parallel daran geforscht, den notwendigen Anteil an qualifiziertem Personal in einer Mühle noch weiter zu reduzieren. Durch immer ausgereiftere und intelligentere Sensoren und eine ausgefeilte Steuerungstechnik soll es zum Beispiel möglich werden, dass die Nachtschicht der Mühle nicht mehr von einem voll ausgebildeten Müller gefahren werden muss. Automatisches Nachregeln der Walzeneinstellungen und anderer Parameter des Mahlprozesses soll dafür sorgen, dass der Routinebetrieb (...) auch von weniger erfahrenem Personal bewältigt werden kann."

In den Augen vieler Leser dürfte das eine Dystopie sein, eine nicht erstrebenswerte Welt. Gleichzeitig sorgt jeder, der bei Amazon ein Buch kauft oder der nur 42 Cent für einen Liter Milch bezahlen will, dafür, dass diese Welt nach und nach Realität wird. Massenfertigung können Maschinen genauer, ausdauernder, besser.

Maschinen machen dabei vor allem monotone und gefährliche Arbeit überflüssig. Aber das geschieht natürlich nicht um der Arbeiter willen. Kein Unternehmen schafft Roboter an, um die Gelenke und den Rücken des Packers der Paletten zu schonen und ihm das Leben zu erleichtern. Es geht darum, Waren in immer größeren Mengen und immer billiger zu produzieren und zu verteilen. Wir können diese technisierte Welt schrecklich finden, aber wir schaffen sie mit, indem wir ihre Produkte konsumieren.

Kurz und Rieger beleuchten den letzten Punkt nur am Rand, darüber nachzudenken überlassen sie dem Leser. Sie beschreiben vor allem die Auswirkungen unseres Verhaltens auf die Arbeitswelt, was vollauf genügt, um sich ein Bild zu machen. Manchmal ist ihr Blick dabei zu stark auf die Technik fokussiert, ihre Begeisterung für Sensoren und Automatisierung zu groß. Alles, was ihnen begegnet, ist "gigantisch", "hochkomplex" oder mindestens "riesig". Immer wieder ist von "Wunderwerken der Technik" die Rede. Das ist verständlich, beide sind Programmierer, Informatiker, Sprecher des Chaos Computer Clubs; Computer und Programme begeistern sie, dort kennen sie sich aus. Aber es ist für den, der nicht in der Automatisierung zu Hause ist, auch etwas befremdlich.

Automatisierung des Geistes

An anderen Stellen fremdeln auch die Autoren offensichtlich mit dem, was sie sehen. Dann werden ihre Sätze so mechanisch wie die Vorgänge, die sie beschreiben, dann wirken ihre Worte steril, ohne plastische Bilder: "Der Trend zum Outsourcen der maschinenintensiven Arbeiten geht immer weiter, das Ausbringen von Pestiziden und anderen Agrarchemikalien wird mittlerweile auch oft in Lohnarbeit erbracht, um Zeit und die Anschaffung der relativ selten gebrauchten Spritzanhänger zu sparen." Das ist sicher korrekt beschrieben, klingt aber nach einer Doktorarbeit in Ingenieurwissenschaft. An solchen Stellen schreiben sie Technologie statt Technik, Kennzahlen statt Zahlen, Steuercomputer statt Computer. Das klingt nach Maschinensprache.

Kurz und Rieger können anschaulich erklären und schreiben, das haben sie nicht zuletzt in ihrem ersten Buch bewiesen. Was zeigt, wie beeindruckend die besuchten Hochregallager, Druckereien und Raffinerien sein müssen, wenn sich selbst jene, die sich täglich mit Technik befassen, ihrer Komplexität nicht entziehen können.

Es zeigt auch, wie fremd die Fabriken und Maschinen uns geworden sind. Aber nicht nur diese. Im zweiten Teil des Buches beschreiben die Autoren Entwicklungen, die weniger offensichtlich sind als große, vollautomatisierte Fabriken, aber ebenso umwälzend.

Bankberater beraten längst nicht mehr

Kurz und Rieger nennen es die "Automatisierung des Geistes": "Erfahrung, Wissen und Intuition werden durch Software nachgebildet, Statistiken, Optimierungs- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzen die oft eher unscharf begründeten, einfach zu beeinflussenden Entscheidungen des Menschen. (...) Der zuweilen irrationale und unzuverlässige Mensch soll durch die vermeintlich perfekte Maschine ersetzt werden."

Ihre These dazu lautet, dass auch diese Automatisierung längst stattfindet, in Banken, Krankenhäusern, Unternehmen. Deren Werkzeug sind Algorithmen, mathematische Modelle, die Verhalten nachbilden und vorwegnehmen. Wie beim Bankberater, der längst nicht mehr selbst entscheidet, wer einen Kredit bekommt und wer nicht, sondern dem Kunden nur noch vorliest, was der Computer errechnet hat und dessen Job es eigentlich ist, die vom Computer vorgegebenen "Finanzprodukte" zu verkaufen.

Einen Moment lang schauen sie dabei auch in die Zukunft, streifen selbstfahrende Autos, Roboter im Operationssaal und autonome Fluggeräte. Doch geht es ihnen vor allem darum, den Ist-Zustand zu zeigen. Sie kommen zu dem gleichen Fazit wie Lobo und Passig: Jeder Beruf, jede Tätigkeit, wird durch Technik verändert, umgebaut, vielleicht ganz ersetzt.

Manchem mag das als eine eher düstere Zukunft erscheinen, bedeutet es doch für jeden, dass er sich ändern, dass er lernen und somit Mühe aufwenden und mit Enttäuschungen klarkommen muss. Das aber wird sich nicht vermeiden lassen - wenn unsere Umwelt sich ändert, müssen auch wir das tun. Die wesentliche Frage dabei ist lediglich, in welche Richtung die Änderung sich bewegt.

Wer Einfluss haben will, muss Maschinen verstehen

Kurz und Rieger beschreiben kurz, wie so etwas aussehen könnte, dass es bei der Erforschung solcher Systeme darum gehen kann, dass die Maschinen sich wieder mehr auf den Menschen einstellen, dass sie lernen, mit seinen Unwägbarkeiten klarzukommen. "Die Vision der Robotik für die nahe Zukunft ist es, Maschinen zu bauen, die in Werkstätten, Labors, Kleinbetrieben und Pflegeheimen zu Hause sein können. Statt sie umständlich zu programmieren, soll man sie anlernen können, wie man heute einen menschlichen Arbeiter anlernt. Statt auf komplizierte Programmierbefehle sollen sie auf Gesten und Sprache ansprechen. Statt hilflos zu piepen und stehen zu bleiben, wenn etwas schiefgeht oder im Weg steht, sollen sie flexibel, selbstständig und situationsangemessen reagieren. Menschen sollen sich in ihrer Gegenwart wohlfühlen und keine Angst haben."

Doch ist diese Utopie genau das, eine schöne Hoffnung. Dass sie eintritt, ist nicht garantiert. Denn das Ziel der Veränderungen und Optimierungen muss - wie Kurz und Rieger immer wieder erwähnen - von den Betroffenen in jedem Fall neu ausgehandelt werden. Geschieht etwas allein, um Geld zu sparen? Oder vielleicht doch vorrangig, um eine Arbeit zu erleichtern oder um eine Therapie zu verbessern?

Was letztlich heißt: Wenn wir wollen, dass Maschinen und Programme uns unterstützen und nicht dazu dienen, uns auszubeuten, müssen wir diese Maschinen und Programme gestalten. Wir müssen sie dazu also zuerst einmal verstehen. Kurz und Rieger versuchen, ein wenig dabei zu helfen.  (zeit-kb)


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