Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/qt-project-phoenix-aus-der-asche-1310-102043.html    Veröffentlicht: 09.10.2013 14:19    Kurz-URL: https://glm.io/102043

Qt-Project

Phönix aus der Asche

Vor eineinhalb Jahren wurde von Pessimisten der Niedergang des Qt-Frameworks prophezeit. Das Interesse der Industrie ist aber ungebrochen und Qt wächst weiter, was die überwältigende Teilnehmeranzahl der Qt Developer Days in Berlin bezeugt.

Der Saal des Berliner Kinos International war zu Beginn der Qt Developer Days überfüllt. Mehr als 600 Personen sind zu der Keynote des Qt-Chief-Maintainers Lars Knoll am vergangenen Dienstag gekommen. Einige Teilnehmer der Konferenz, die etwas zu spät kamen, mussten sich mit einem Stehplatz oder gar dem Fußboden begnügen. Dieses große Interesse mag angesichts der unsicheren Lage Qts noch vor eineinhalb Jahren Außenstehende überraschen.

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Doch für die Qt-Entwickler und -Nutzer ist dies nur die logische Konsequenz der Entwicklung des Frameworks in den vergangenen Jahren. Ende 2011 überführte Nokia die von Trolltech übernommene Technik in das offene Qt-Project und "plötzlich war der interne und externe Arbeitsablauf der gleiche", wie Knoll betont. Das heißt, jeder kann vergleichsweise einfach beitragen, und dabei muss der Chefentwickler Knoll auch so gut wie nie Konflikte der Entwickler lösen.

Unsicherheit unter Nokia-Führung

Diese Erfolgsgeschichte trug sich im vergangenen Jahr aber nicht direkt nach außen. Denn nachdem sich Nokia unter Stephen Elop von freier Software langsam abgewendet hatte, wirkte die Gründung des Qt-Projects vermeintlich als Abstellgleis für das C++-Framework. Zumal Nokia seine Entwickler und Investitionen in diesen Geschäftsbereich reduzierte und sich die Veröffentlichung von Qt 5 im vergangenen Jahr dadurch mehrfach verzögerte.

Die Teilnehmer der KDE Akademy vergangenes Jahr standen den Unklarheiten in Bezug auf die Weiterentwicklung Qts aber größtenteils gelassen gegenüber. Sorge über ein Fortbestehen Qts bestand unter den Entwicklern nicht, da nicht zuletzt KDE selbst ein großes Interesse an dem Framework hat. Unklar blieb jedoch lange, in welche Richtung und mit wie viel kommerziellem Interesse Qt weiterentwickelt werden würde.

Digia mit großer Community

Schließlich verkaufte Nokia die Reste seines Qt-Geschäfts samt Entwicklern an die finnische Unternehmensberatung Digia, was dem gesamten Projekt einen neuen Schub verlieh. Denn unter Digia wurde schließlich Qt 5.0 veröffentlicht und die Community wechselte zu einem sechsmonatigen Veröffentlichungszyklus.

Neben Digia selbst, Intel, der Qt-Beratungsfirma KDAB oder Blackberry samt QNX tragen mittlerweile auch viele Einzelpersonen oder kleinere Firmen zu der Codebasis bei. Dazu zählen etwa die Bemühungen KDEs, kleinere Bibliotheken direkt in Qt einzupflegen, wie QTimezone. Mittlerweile tragen monatlich im Schnitt etwa 100 verschiedene Entwickler zu Qt bei, was zu 18.000 eingebrachten Patches im Jahr führt, wie Knoll sagte.

Auf den Qt Developer Days wird aber auch deutlich, dass die Qt-Community nicht nur aus Beitragenden besteht, sondern vielmehr noch von Nutzern getragen wird, die ihre Produkte auf Qt aufbauen. Dabei ist die Spannbreite dessen, was mit Qt hergestellt wird, riesig: von der Kaffeemaschine über die Literaturverwaltung Mendeley, die Boardelektronik des S-Klasse-Konzepts von Mercedes bis hin zu Flughafenleitsystemen und den Systemen der Deutschen Flugsicherung.

Qt wird mobil

Die Folge des stetig wachsenden Interesses ist ein Ausbau der von Qt unterstützten Plattformen. Mit dem für Ende November geplanten Qt 5.2 werden erstmals offiziell die Mobilbetriebssysteme Android und iOS voll unterstützt. Dort stehen sämtliche Kernbestandteile bereit, also auch Qt QML, Qt Quick und Qt Multimedia, sowie unter anderem die Addons Qt Sensors oder Qt Graphical Effects.

Allein der Qt-eigene Webkit-Bestandteil lässt sich auf den mobilen Systemen noch nicht verwenden, da die Hersteller dies nicht wollen. Die Qt-Entwickler arbeiten allerdings an einer Lösung dieses Problems.

Neben den Ports bestehender Bestandteile auf neuen Plattformen, wozu demnächst auch WinRT für Modern-UI-Apps und Windows Phone gehören sollen, unterliegt das Framework ebenso laufenden Veränderungen. So wird künftig die auf Googles Blink basierende Webengine verwendet, zudem erhielt der Qt-QML-Stack ein eigenes Javascript-Backend, das gegenüber dem bisherigen V8 schneller mit C++-Code zusammenarbeiten soll.

Der neue Scene-Graph-Renderer von Qt Quick reduziert in vielen Fällen die Last auf CPU und GPU deutlich und steigert klar die Leistung. QMX möchte das zum Beispiel nutzen, um die Kommunikation zwischen Autoelektronik und Smartphones so umzusetzen, dass statt wie bisher komprimierte Bilder bald die reinen OpenGL-Aufrufe verschickt und anschließend ausgeführt werden. Wie QNX-CEO Dan Dodge verriet, könnte diese GLCast genannte Technik möglicherweise als freie Software veröffentlicht werden.

Digia baut also mit einiger Hilfe seine Produkte aus und schafft mit Boot to Qt oder der Qt Mobile Edition sogar neue. Das Framework ist wohl einfach zu wichtig, als dass es einfach verschwindet.  (sg)


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