Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-beyond-two-souls-geisterwesen-mit-begrenzten-moeglichkeiten-1310-102020.html    Veröffentlicht: 08.10.2013 16:59    Kurz-URL: https://glm.io/102020

Test Beyond Two Souls

Geisterwesen mit begrenzten Möglichkeiten

Jodie Holmes ist keine gewöhnliche junge Frau: Sie hat für die CIA gearbeitet, und sie befindet sich immer in Begleitung eines mysteriösen Geisterwesens. Beyond, das jüngste Werk von Quantic Dream, erzählt ihre Geschichte - nimmt sich dabei aber stellenweise zu viel Zeit.

Wenn es irgendwann persönliche Geister zu kaufen gibt, kann der Hersteller vermutlich auf glänzende Geschäfte hoffen. Jedenfalls, wenn die Wesen in der Lage sind, das Bad zu schrubben, die Einkäufe zu erledigen und die Fernbedienung zu finden. Sollten sie sich allerdings wie Aiden verhalten, sieht die Sache schon anders aus.

Die mysteriöse Kreatur ist in Beyond: Two Souls untrennbar mit Jodie Holmes verbunden und bestimmt deren Leben von Anfang an auf eher problematische Weise. Der Kontakt mit Gleichaltrigen gestaltet sich schwierig, weil Aiden gerne ausrastet und eine Geburtstagsparty in einen Höllentrip verwandelt. Außerdem steht Jodie von Kindesbeinen an unter Aufsicht durch die CIA: Sie wächst in einem Labor auf, muss sich rund um die Uhr untersuchen und begutachten lassen.

Das ist die Grundidee von Beyond: Two Souls vom französischen Entwicklerstudio Quantic Dream. Das hat nach Heavy Rain erneut ein Werk abgeliefert, das deutlich mehr Film sein will als andere Spiele - was sich schon daran zeigt, dass Beyond unter Mitwirkung von Hollywood-Schauspielern entstanden ist: Ellen Page hat Jodie ihr Aussehen, die per Motioncapturing erfassten Bewegungen und ihre Stimme geliehen, Willem Dafoe dem Wissenschaftler Nathan.

Die rund zehnstündige Kampagne ist in sehr viele Episoden unterteilt, die der Spieler in vorgegebener Reihenfolge absolviert. Dabei springt die Handlung immer wieder quer durch die Zeit: Mal erlebt der Spieler Jodie, wie sie als Kleinkind eine Schneeballschlacht erlebt, dann folgt ein Sprung in die Erwachsenenzeit, bevor es wieder zurückgeht in die Kinderjahre in den CIA-Laboren.

Viele dieser Episoden kommen ganz ohne Action oder besondere Herausforderungen aus, sondern erzählen einfach nur Jodies Leben. Zwischendurch gibt es immer wieder längere Abschnitte, die dann etwas mehr auf Action setzen. So muss der Spieler in einen unterirdischen Bunker einsteigen und erlebt Abenteuer in der Wüste von New Mexico - mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Keine Anarchie mit Aiden

An bestimmten Stellen kann der Spieler durch Druck der Dreieckstaste zu Aiden wechseln. Der ist durch eine Art magische Nabelschnur immer mit Jodie verbunden, schwebt aber ansonsten frei in der Luft und kann sich durch dünne Türen oder Wände bewegen - jedenfalls, wenn das spielerisch Sinn ergibt. Allzu viele Möglichkeiten hat der Spieler als Aiden nicht: Er kann sich auf Gegenstände aufschalten, wenn sie von Quantic Dream mit einem blauen Punkt markiert sind, und sie dann manipulieren, was in den meisten Fällen einfaches Schubsen oder Umstoßen bedeutet. Außerdem kann Aiden andere Menschen übernehmen - sofern sie orange umrandet sind. Die Betroffenen machen dann allerdings grundsätzlich nur das, was die Handlung von Beyond ihnen vorgibt.

So richtig austoben kann man sich als Aiden also nicht. Nur an bestimmten, vorgegebenen Stellen darf der Spieler in sehr engen Bahnen mal seinen anarchistischen Gelüsten nachgehen und nach Herzenslust ein paar Gegenstände mehr zerdeppern - im Allgemeinen ist das Geisterwesen aber wie Jodie sehr eng an die Vorgaben der Handlung gebunden.

Wie schon für Heavy Rain gilt auch für die Bedienung von Beyond: Banale Dinge sind ziemlich oft kompliziert, komplizierte Dinge dafür oft sehr banal. Für einen Treppenabsatz an einer halbwegs besonderen Stelle etwa muss der Spieler im richtigen Moment die eingeblendeten Tasten drücken, aber eine Hightechmaschine schaltet Jodie einfach per Zwischensequenz mit einem Griff aus. In Kämpfen muss der Spieler außerdem dann, wenn das Programm in einen Zeitlupenmodus schaltet, per Analogstick der Richtung von Jodie folgen: Wenn sie nach rechts schlägt, muss auch der Spieler nach rechts drücken, sonst geht der Schlag unter Umständen ins Leere - oder was auch immer die Skripts gerade vorgesehen haben.

Sonderlich herausfordernd geht es also nicht zu. Beim Test haben wir es auch in den ganz gefährlich wirkenden Momenten nicht geschafft, Jodie mal sterben zu lassen. Der größtmögliche "Negativerfolg", als wir in einem Kampf probehalber grundsätzlich immer in die falsche Richtung gedrückt haben, war eine extrem verkürzte Episode, nach der es aber auch bei der erfolgreichen Wiederholung genauso weiterging.

Beyond Two Souls erscheint am 9. Oktober 2013 nur für die Playstation 3 und kostet rund 70 Euro; eine Special Edition ist nochmals 10 Euro teurer. Die deutsche Sprachausgabe hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Die wichtigen Sprecher, inklusive Jodie und Nathan, sind sehr gut ausgesucht und professionell. Zwischendurch sind aber ab und zu auch Stimmen zu hören, die fast amateurhaft wirken, teils passt die Abmischung nicht ganz - bei Heavy Rain gab es beide Probleme übrigens auch schon. Wer mag, kann allerdings einfach übers Menü zur englischen, italienischen oder französischen Sprachausgabe wechseln.

Deutsche Version und Fazit

Einen echten Multiplayermodus hat Beyond nicht. Im sogenannten Dual Mode können zwei Spieler mit zwei Gamepads zusammen antreten, indem einer der Teilnehmer für Jodie und der andere für Aiden zuständig ist; allerdings nicht gleichzeitig, sondern wie im Solomodus jeweils dann, wenn die jeweilige Figur dran ist. Für Android und iOS soll es ein kostenloses Programm geben, mit dem Spieler ebenfalls Jodie oder Aiden steuern können sollen. Zum Test lag die App noch nicht vor.

Die hierzulande veröffentlichte Version ist laut Sony an einer gewalthaltigen Stelle leicht entschärft - uns ist das nicht aufgefallen. Dafür soll in der US-Fassung eine dezent erotische Stelle wohl etwas keuscher gehalten sein. Die USK hat dem Spiel hierzulande eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Und wieder lädt Quantic Dream zum Diskutieren ein: Ist Beyond noch ein Computerspiel, oder eher ein interaktiver Film? Ansätze von echter spielerischer Freiheit gibt es wie in Heavy Rain lediglich sporadisch. Schade, dass auch der angeblich so mächtige Aiden nur die engen, vom Programm vorgegebenen Aktionsmöglichkeiten hat und deshalb sogar mitten im dramatischsten Kampf mit blauen Aktionspunkten interagieren muss.

Die Hauptfigur Jodie ist dagegen ein großer Wurf. So schwierig es in diesem Fall ist, so etwas wie die schauspielerische Leistung von Ellen Page einzuschätzen: Ihr Typ passt hervorragend zur Rolle, und gemeinsam haben sie und die Animationsabteilung die vielleicht stimmigste Figur geschaffen, die bislang in einem Computerspiel zu sehen ist. Das Innenleben von Jodie mit ihrer Trauer, Wut und Distanz zur Welt wirkt jederzeit nachvollziehbar.

Die Handlung selbst ist teils brillant und hoch dramatisch. Einige der längeren Episoden wirken bis ins Detail ausgetüftelt, etwa das Abenteuer rund um den fahrenden Zug oder mysteriöse Vorgänge in der Wüste von New Mexico. Es gibt aber auch einige langatmige Abstecher in Jodies Kindheit und Jugend. Die sind zwar teils berührend, aber irgendwann wiederholt sich der Stoff und der Spieler erfährt nichts Neues mehr.

Die Grafik im vermutlich letzten großen Exklusivspiel für die Playstation 3 ist sehr gut. Highlight sind die Gesichter, insbesondere natürlich das von Jodie, das an einigen Stellen wie gefilmt wirkt. Wer schon frühere Spiel-Filme von Quantic Dream mochte, bekommt mit Beyond Two Souls erneut erstklassige Unterhaltung für zwei, drei Abende. Allen anderen bleibt die Hoffnung, dass die Entwickler vielleicht für ihr nächstes Werk auch in Sachen Gameplay zulegen.  (ps)


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