Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pagewide-drucktechnik-feststehender-druckkopf-gegen-feste-koepfe-1310-101941.html    Veröffentlicht: 07.10.2013 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/101941

Pagewide-Drucktechnik

Feststehender Druckkopf gegen feste Köpfe

Es muss nicht immer ein Laserdrucker sein. Tintenstrahler mit unbeweglichem Druckkopf und Tausenden Düsen versprechen niedrige Druckkosten und wenig Wartung. Doch selbst der mächtige Druckerkonzern HP setzt die Technik zögerlich ein. Wir haben mit dem Hersteller über Akzeptanzprobleme und konservative Nutzer gesprochen.

HP verkauft in Deutschland schon länger Bürodrucker, die mit einem feststehenden Druckkopf arbeiten. Sie sind sehr schnell, arbeiten dokumentenecht und sehen aus wie klassische Laserdrucker. Doch im Inneren arbeitet Tintenstrahltechnik mit kleinen Tanks, hoher Druckreichweite und ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit. Es muss also nicht immer ein Laserdrucker für das Büro sein, könnte man meinen. Besonders neu ist die Technik zudem nicht. Brother und Kyocera arbeiten schon seit Jahren an unbeweglichen Druckköpfen mit Tintenstrahltechnik, doch erst jetzt beginnt sich die Technik sehr langsam zu verbreiten.

Im Gespräch mit Golem.de gab HP zu, dass die Technik, die HP Pagewide-Druck nennt, dem Kunden nur schwer zu vermitteln ist. In vielen Jahren hat sich in den Köpfen der Kunden die Lasertechnik als Bürodruckertechnik eingebrannt und Tintenstrahler stehen im Ruf, dass die Düsen irgendwann verstopfen. Das stellt selbst Hersteller wie HP, die für ihre Drucker bekannt sind, vor schwer zu überwindende Schwierigkeiten. Als Geschäftskundendrucker steht diese Art von Technik nicht zur Demonstration in Elektronikmärkten, und der Einkäufer einer Firma, der einen Drucker benötigt, schaut im Onlineshop erst einmal nach Laserdruckern, weil er früher schon so handelte.

Es gibt keine Beratung im Einkaufsprozess. Kunden werden laut HP am besten durch eine Demonstration der Technik überzeugt, doch diese Gelegenheiten gibt es selten. Anders gelingt es HP aber anscheinend nicht, die Kunden zu überzeugen. Dabei sind die Kritiken bisher gut. Kollegen anderer Redaktionen, die den Typ schon testweise einsetzen, sind bisher zufrieden und Druckerchannel.de zeigt sich ebenfalls überzeugt von der neuen Drucktechnik und den Kosten. An der reinen Technik liegt die zögerliche Markteinführung nicht.

Nachteile der Drucktechnik

Was HP nicht erwähnt, ist der Umstand, wie wenig Erfahrung es mit feststehenden Druckköpfen gibt. Den jahrelangen Betrieb in Unternehmen kann noch keiner nachweisen. So mancher Laserdrucker bleibt ein halbes Jahrzehnt und länger im Betrieb und auf diesen Erfahrungen kann eine Firma aufbauen. Zudem sind nur wenige Hersteller mit der Technik auf dem Markt: Dazu gehören HP, Brother und der nicht gerade durch Modellvielfalt auffallende Hersteller Lomond.

Auch der Preis schreckt für ein Experiment ab. Unter 300 Euro ist die Technik offiziell nicht zu bekommen, wenngleich die Straßenpreise zeitweise darunter liegen. Der billige 100-Euro-Laserdrucker, der über Verbrauchsmaterialien finanziert wird, erscheint da auf den ersten Blick günstiger als ein Tintenstrahler - und ist es bei sehr geringem Druckvolumen auch.

Laut HP stören sich zudem einige Kunden an dem matten Druck, der aus dem Drucker kommt, und ziehen die leicht glänzende Optik von Laserdruckern vor. Dazu kommt eine sehr konservative Haltung der Anwender und Einkäufer. Die Druckersparte ist allerdings nicht gerade dafür bekannt, grundlegend Neues zu präsentieren, und alte Technik hält sehr lange. Schließlich haben selbst Nadeldrucker noch ihre Daseinsberechtigung.

Profidrucker ohne Trommeltausch und ohne bewegliche Druckköpfe

Drucker mit unbeweglichem Druckkopf unterscheiden sich deutlich von herkömmlichen Tintenstrahlern. Der Druckkopf muss dank Tausender kleiner Düsen über nahezu die gesamte Seitenbreite nicht bewegt werden. Das Papier läuft unter dem Druckkopf durch und wird Zeile für Zeile bedruckt. Es gibt allerdings auch hier bremsende Elemente. Die Duplex-Einheit oder eine hohe Qualität gehen zulasten der Druckgeschwindigkeit.

Bedenken, dass die Düsen mit eingetrockneter Tinte verstopfen könnten, zerstreute HP im Gespräch. Die Köpfe werden bei Nichtbetrieb fast luftdicht verschlossen, so HP. Es wurde bereits getestet, was passiert, wenn der Drucker ein paar Monate stillsteht. HP verspricht, dass dies keine Nachteile hat. Sollte doch einmal eine Düse ausfallen, übernehmen zudem andere Düsen. Es gibt offenbar genug.

Ein herkömmlicher Tintenstrahler muss hingegen mit weniger Düsen auskommen und seinen Kopf schlimmstenfalls über die gesamte Zeile bewegen, bevor sie vollständig ist. Ein schneller Druck ist damit nicht möglich, da die Ankunftszeit des Druckkopfs berücksichtigt werden muss. Der Drucker bremst also das Papierlaufwerk, sofern der Kopf nicht schnell genug hinterherkommt.

Die Vorteile der Technik sind auch abseits der reinen Geschwindigkeit deutlich. Fixier- und Transfereinheiten, Trommel und Müllbehälter gibt es bei den neuen Druckköpfen nicht. Der Anwender muss sich nur um die vier Kartuschen Schwarz, Cyan, Magenta und Gelb kümmern, die seitlich eingeklickt werden. Ein Rausziehen der Trommel und das Reinigen von Drähten entfallen. Allerdings gibt es bei den HP-Modellen Resttintenschwämme. Welche Druckreichweite die haben, gibt HP nicht an. Dieser gehört nicht zu den Verbrauchsmaterialien und einen Hinweis auf diese Schwämme gibt es nicht einmal in der Bedienungsanleitung. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass einige Laserdrucker auch kaum Verbrauchsmaterial anbieten. Hier gilt dann: Ist die Trommel kaputt, ist auch gleich der ganze Drucker kaputt. Reparaturen oder Austauschteile, die es durchaus gibt, lohnen sich kaum.

Kleine Tintentanks mit hoher Druckreichweite

Ein weiterer Vorteil sind die Tintenkartuschen selbst: Sie sind wesentlich kleiner als typische Tonerkartuschen und schaffen doch Druckreichweiten von 6.000 (Farbe) bis 9.000 (S/W) Seiten. Der Müllberg oder der Rückversand verbrauchter Teile reduziert sich erheblich. Zudem ist verkleckerte Tinte nicht so bedenklich wie durch die Gegend staubendes Tonermaterial nach einem Bedienfehler.

Dazu kommen recht niedrige Druckkosten der Drucktechnik. Eine 80-Euro-Kartusche soll immerhin für 9.200 Seiten reichen. Die Farbkartuschen zum selben Preis liegen bei 6.000 Seiten. Das ist zwar unserer Erfahrung nach keine Halbierung der Druckkosten, wie HP es als optimistischen Idealfall angibt, aber doch erheblich weniger als viele andere Farblaserdrucker. Im Vergleich von Druckerchannel.de ist vor allem der Druck von Farbseiten den Laserdruckern deutlich überlegen. Schwarz-Weiß-Seiten liegen bei 1 Cent und Farbseiten sind 5 Cent teuer (ISO-Dokumente). Nur für den Fotodruck ist der Officejet Pro X mit laut Druckerchannel 30 Cent nicht so gut geeignet. Ähnliche Preise erreichen auch einige herkömmliche Farbtintenstrahler, die allerdings langsamer arbeiten und damit für Arbeitsgruppendrucker nicht so gut geeignet sind.

Doch günstige Seitenpreise sind nicht alles. Wer im Heimbereich einen 100-Euro-Farblaserdrucker für gelegentliches Drucken einsetzt, wird diese Mehrkosten der neuen Tintenstrahltechnik kaum hereinholen können. Die Anfangsinvestition ist schlicht zu hoch. Hier ist der billige Laserdrucker mit teuren Verbrauchsmaterialien oder der herkömmliche Tintenstrahler mit beweglichem Kopf klar im Vorteil. Für die breite Akzeptanz der Technik fehlt ein echtes Einstiegsmodell.

Viele Vorteile werden erst bei Vieldruckern relevant

Andere Vorteile machen sich ebenfalls erst bei hohem Volumen bemerkbar. Die 600 Watt eines Laserdruckers und die Aufwärmphase stören bei wenigen Drucken kaum. HPs Pagewide-Drucker braucht höchstens 100 Watt, kommt ohne Aufwärmphase aus und liefert den ersten Druck in weniger als 10 Sekunden. Druckerchannel hat sogar nur 8 Sekunden gemessen.

Druckerlaufwerk von Brother schafft mit der neuen Technik 100 Seiten pro Minute

Die anderen Seiten folgen allerdings bereits beim Einstiegsmodell (X451dw) in einem atemberaubenden Tempo von teils über 50 Seiten pro Minute (typisches HP-Office-Dokument, Simplex, Farb- oder Schwarzdruck). Mit einem Iso-Dokument reduziert sich das auf immer noch schnelle 36 Seiten pro Minute. Brother schafft eigenen Angaben zufolge mit dem HL-S7000DN 100 Seiten pro Minute und braucht wegen der hohen Geschwindigkeit in bestimmten Ausbaustufen extra eine Stabilisierungseinheit.

Die Lautstärke ist ebenfalls geringer. Weder gibt es einen sich schnell bewegenden Druckkopf, der diskettenlaufwerkähnliche Geräusche abgibt, noch laute Lüfter, wie sie Laserdrucker der Abwärme wegen benötigen, auch wenn sie gerade nicht drucken. Allerdings ist der Officejet Pro X wegen des schnellen Papierlaufwerks kein flüsterleiser Drucker.

Es fehlt noch immer die Modellvielfalt

HP bietet gerade einmal vier Modelle des Officejet Pro X seit Februar 2013 an. Alle HP-Drucker richten sich laut Empfehlung an kleinere Unternehmen mit einem durchschnittlichen Druckvolumen zwischen 500 und 4.200 Seiten pro Monat. Es fehlt die Modellvielfalt, und so bleibt herkömmliche Tintenstrahltechnik oder die Laserdruckertechnik meist die sinnvollere Wahl - mangels Auswahl.

Auch Brother ist sehr vorsichtig und bietet mit dem HL-S7000DN weiterhin nur ein Modell an. Der Drucker ist immerhin für größere Unternehmen gedacht und seit 2012 auf dem Markt. Allerdings nur als Leasingdrucker oder Kaufgerät für 3.000 Euro.

Immerhin zeigt sich, dass HP die Technik weiter fördern will: Erst jetzt beginnt der Verkauf in weitere Länder. Bei der erneuten Vorstellung der Pagewide-Drucker auf seiner Geschäftskundenveranstaltung überraschte HP jedoch damit, die Technik nicht zu erklären, obwohl viel Erklärungsbedarf für den Erfolg notwendig ist. Den Tod von Laserdruckern bedeutet dies also nicht, was auch ein Sprecher eilig betonte. HP ist sich sicher, dass die alte Lasertechnik weiterhin eine Daseinsberechtigung haben wird. Wer weiß, ob das aber nicht auch an den Vorurteilen zur Tintenstrahltechnik liegt, die so schnell nicht aus den Köpfen verschwinden werden.  (ase)


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