Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/iphone-5s-im-test-ein-ring-zum-abschaffen-der-passwoerter-1309-101725.html    Veröffentlicht: 20.09.2013 22:43    Kurz-URL: https://glm.io/101725

iPhone 5S im Test

Schnelle Technik ohne Wow-Effekt

Das iPhone 5S hat nette Funktionen und ist schneller als der Vorgänger. Mit Touch ID macht Apple unsichere Passwörter überflüssig, und die Kamera eignet sich dank des neuen Blitzes besser für Schnappschüsse. Und doch zeigte sich im Test, dass die iPhone-Welt nicht mehr so spannend ist wie früher.

Gut ein Jahr nach unserem iPhone-5-Test hat Apple nun ein neues Modell vorgestellt, das iPhone 5S. Damit hat Apple nicht nur den üblichen Speedbump der vergangenen S-Modelle umgesetzt - das neue Gerät ist deutlich schneller -, sondern auch eine 64-Bit-Entwicklungsplattform für die Zukunft auf den Markt gebracht. Außerdem integriert Apple ein Sicherheitssystem namens Touch ID samt Fingerabdruckleser und eine neue Kamera mit einigen netten Funktionen.

Das iPhone 5S hat auch noch einige Zusatzfunktionen, die allerdings erst in der Zukunft richtig von Nutzen sein werden oder passive Beiwerke darstellen. So hat Apple einen M7 genannten Koprozessor, der für die Erkennung von Bewegungen und Lagen zuständig ist. Das soll Energie sparen, da der neue A7-Prozessor sich nicht mehr um diese Funktionen kümmern muss. In vielen Bereichen gleicht das iPhone 5S dem Vorgänger, etwa beim Display, der Bauform oder dem Lightning-Anschluss.

Das iPhone 5S testen wir in der Modellvariante mit 64 GByte (A1457) und bereits mit iOS 7.0.1. Apple hat das Update kurz vor dem Verkaufsstart freigegeben, das nur für die neuen iPhones von Bedeutung ist und die Build-Nummer von 11A465 auf 11A470a erhöht. Neuerungen, die iOS 7 betreffen, betrachten wir in diesem Test ausdrücklich nicht. Wer daran interessiert ist, findet Informationen in unserem ausführlichen Test von iOS 7.

Der Fingerabdrucksensor funktioniert besser als viele andere

Fingerabdrucksensoren in IT-Hardware sind an sich nichts Besonderes. Viele Notebooks im Geschäftskundenbereich werden standardmäßig mit einem Fingerabdrucksensor ausgeliefert und Windows bietet Schnittstellen, die mitgelieferte Software des Hardwarepartners nutzt, um etwa das Login zu integrieren. Bei Apple kommt alles aus einer Hand. Der Hersteller kümmert sich um das Hardwaredesign und die Integration der Software in das neue iOS 7.

Der Prozess der Integration des Fingerabdrucks ist recht einfach gehalten. Nachdem sich der Anwender mit seinem Passwort authentifiziert hat, kann er bis zu fünf Finger registrieren lassen, auch die Finger anderer Personen. Die Registrierung mehrerer Finger ist sinnvoll. In der Praxis nutzen wir mal den linken und mal den rechten Daumen. Liegt das Telefon auf dem Tisch, benutzen wir auch die Zeigefinger.

Die Registrierung beinhaltet zwei Phasen: eine Grunderkennung und eine Erkennung der Kanten des Fingers. Der Anwender muss für beide Phasen seinen Finger wiederholt auf den Sensor drücken. Eine Animation in Form eines sich auffüllenden Fingerabdrucks, der aber nicht der Realität entspricht, zeigt den Fortschritt. In der Grunderkennung wird nur der Hauptabdruck gescannt. In der zweiten Phase sollen noch unterschiedliche Fingerpositionen abgedeckt werden. Wir konnten diese Phase aber auch abbrechen, und der Scanner funktionierte trotzdem.

Aufgrund des 360-Grad-Sensors ist es egal, wie der Knopf angefasst wird. Verglichen mit vielen PC-Lösungen ist das ein großer Vorteil. Wir kennen Fingerabdruckleser, die sehr stark von der Position des Fingers abhängig und demzufolge frustrierend zu benutzen sind. Beim iPhone 5S ist das anders.

Den Fingern kann im System jeweils ein eigener Name gegeben werden. Notwendig ist das aber nicht. Sollte der Nutzer vergessen, welcher Finger schon registriert wurde, reicht ein kurzes Antippen. Ist der Finger registriert, leuchtet der gewählte Fingername im Menü kurz auf.

In der Praxis funktioniert der Scanner ziemlich gut. Es gibt anfangs vereinzelt Aussetzer, was sich dann aber legt. Zwar gibt es eine kleine Verzögerung, aber die ist immer noch kürzer als der Zeitverlust, der durch das typische Überstreichen herkömmlicher Sensoren passiert. Zudem muss sich der Anwender keine großen Sorgen über den Winkel des Ansetzens machen. Das nervt uns beispielsweise bei einigen HP-Notebooks. Der Anwender ist mit dem Fingerabdruck sogar schneller angemeldet als mit dem simplen vierstelligen Sperrcode, der auch erst einmal eingetippt werden muss. Ein kompliziertes Passwort ist nochmal deutlich langsamer als der kurze Fingerabdruckscan.

Apple verspricht, nichts mit dem Touch-ID-Fingerabdruck zu machen

Hacker fühlen sich bereits herausgefordert und sammeln per Crowdfunding eine Prämie für den Ersten, dem es gelingt, Touch ID zu hacken und so an einen Fingerabdruck zu kommen. Laut Apple ist das nicht möglich. Die Daten des Fingerabdrucks werden in einem gesicherten Bereich gespeichert und können weder in die iCloud noch in ein lokales Backup gelangen. Das heißt allerdings auch: Wer sein iPhone neu installieren muss, muss seine Fingerabdrücke neu registrieren.

Wer Bedenken gegen den Fingerabdrucksensor hat, der wird ihn vermutlich nicht einsetzen. Ob er sich wirklich komplett abschalten lässt, lässt sich nicht sagen. Grundsätzlich muss der Nutzer dem Hersteller hier einfach vertrauen, dass der Fingerabdruck nicht doch aus dem System extrahierbar ist. Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie etwa iOS 7 zeigt, das zahlreiche Sicherheitslücken in iOS 6 beseitigt, aber gleichzeitig eine neue Sicherheitslücke im Sperrbildschirm offenbart.

Ein derartiges Grundvertrauen ist aber auch für viele andere Funktionen notwendig. Niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass sich die Kamera oder das Mikrofon nicht hacken lassen und ein Angreifer so Gespräche mithören oder das Umfeld beobachten kann. Diese beiden Komponenten sind konzeptionell sogar dafür ausgelegt, mit der Außenwelt zu kommunizieren, und die darüber gewonnenen Informationen sind mindestens genauso wertvoll wie der Fingerabdruck.

Der Anwender sollte den Fingerabdruck als einfaches, komfortables Mittel sehen, unnütze Passwörter zu ersetzen. Wir haben in der Vergangenheit zahlreiche Smartphone-Nutzer ihre vierstelligen numerischen Passwörter eingeben sehen. Zwar steht an jedem Bankautomaten, dass die Eingabe lieber verdeckt erfolgen sollte, aber auch wir neigen dazu, ohne nachzudenken kurze Smartphone-Passwörter einzugeben, und achten nicht darauf, dass die Überwachungskameras einer U-Bahn das Passwort aufzeichnen könnten. Touch ID senkt mit einfachen Mitteln das Risiko, dass ein Fremder sich schnell Zugriff verschafft.

Kamera mit größeren Pixeln und verschiedenfarbigen Blitzen

Die Bildqualität der iPhone-5S-Kamera und die des Vorgängers iPhone 5 wirken auf den ersten Blick erstaunlich gleich. Unterschiede zeigen sich aber in der Farbqualität. Während beim 5er die Farbtöne noch recht grau und der Himmel nicht blau, sondern eher etwas blaugrünlich wirkt, wird der natürliche Farbton beim 5S wesentlich besser wiedergegeben.

Die Detailauflösung erscheint aber gleich gut, obwohl der Sensor beim neuen Apple-Smartphone bei gleichgebliebener Auflösung etwas größer ist, was auch die Pixelgröße beeinflusst. Auch das Objektiv ist mit f/2,2 eigentlich etwas lichtstärker als beim iPhone 5 mit f/2,4. Daraus ergeben sich etwas kürzere Belichtungszeiten. Das reduziert die Verwacklungsgefahr.

Der neue Blitz des iPhone 5 mit zwei LEDs in unterschiedlichen Farben ermöglicht erheblich bessere Fotos bei schlechtem Licht. Passend zur Farbtemperatur der Umgebung wird mit den LEDs ein Licht erzeugt, das der Umgebung entspricht. Dadurch wirken die so geblitzten Bilder deutlich harmonischer.

Der schnelle Prozessor des iPhone 5S tut auch der Kamerabenutzung gut. So sind beim Schwenken kaum Ruckler im Display zu sehen und die Kamera reagiert insgesamt zügiger. Die Filmfunktion ermöglicht Zeitlupenaufnahmen mit 120 Bildern pro Sekunde im 720p-Modus. Ansonsten filmt die Kamera mit 30 Bildern pro Sekunde in Full-HD.

64-Bit-Plattform für die Zukunft

Das iPhone 5S ist gleichzeitig Apples erstes 64-Bit-iPhone. Es hat zwar laut Geekbench nur 1 GByte RAM, allerdings ist die Umstellung auf 64 Bit nicht unbedingt etwas, was erst bei Notwendigkeit gemacht werden sollte. Ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt das deutlich: Die Entwicklung zu 64-Bit-Rechnern begann vor mehr als zehn Jahren. AMD und Microsoft haben beispielsweise sehr früh daran gearbeitet, 64 Bit zu unterstützen. Zuerst kam der Prozessor von AMD in Form eines Athlon 64 - zu einer Zeit, als nur sehr wenige Nutzer 4 GByte Speicher nutzten.

Microsoft folgte ein paar Jahre später mit Windows XP in der x64-Edition, die kaum ein Nutzer einsetzte. Selbst Windows Vista, das von Anfang an als 32- und als 64-Bit-Version erschien, wurde überwiegend als 32-Bit-System eingesetzt. Erst mit Windows 7 kehrte sich das langsam um. 4 GByte RAM wurden langsam zum Standard.

Apple will offenbar ähnliche Wege gehen. Hier kommt allerdings alles aus einer Hand. Sowohl das iPhone als auch das Betriebssystem sind von Apple, was die Entwicklung beschleunigen kann. Das neue iPhone bringt dem Anwender wegen der 64 Bit trotzdem nicht viel. Zwar gibt es mehr Platz in den Registern und spezielle Aufgaben wie Encoding sollten schneller laufen, nachprüfen lässt sich das jedoch nicht. Die meisten Geschwindigkeitsvorteile bringt der allgemein schnellere A7-SoC. Außerdem ist zu erwarten, dass erst einmal nur Apple tatsächlich die Hardware ausnutzen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass Anwendungen sowohl 64 Bit als auch 32 Bit unterstützen und die Plattform die entsprechenden Binaries auswählt. Update: Anand Lal Shimpi hatte die Möglichkeit, Geekbench 3.0 (32 Bit) auf dem iPhone 5S auszuprobieren. Die Testergebnisse zeigen für spezielle Tests deutliche Unterschiede zu den Werten von Geekbench 3.1 (64 Bit). Das iPhone 5S ist beispielsweise bei Verschlüsselungen erheblich schneller im 64-Bit-Betrieb.

Der Entwickler unter den iPhone-Nutzern hat es besser. Er kann sich mit dem neuen Gerät und iOS 7 bereits auf die Zukunft vorbereiten, in der iOS-Geräte viel RAM besitzen werden. Bis es so weit ist, kann es allerdings durchaus ein paar Jahre dauern. Gerade Apple wird vermutlich eher und früher die Hardware ausreizen, die nun als Plattform bereitsteht.

Benchmarks und vorläufige Akkuergebnisse

Das neue iPhone ist schnell, sogar schneller, als Futuremark erwartet hat. Sowohl der Test Ice Storm als auch der Test Ice Storm Extreme des Benchmarks 3DMark sind zu einfach für das iPhone 5S. Die Ergebnisse sind dementsprechend nicht valide, aber trotzdem beeindruckend. Während das iPhone 5 auf rund 3.300 Punkte kommt, erreicht das iPhone 5S mehr als 10.000 Punkte im Extreme-Test. Ergebnisse für den einfachen Ice-Storm-Test werden gar nicht erst angezeigt. Das liegt daran, dass die Framerate zu häufig an die 60-fps-Grenze stößt, während das iPhone 5 im Bereich von 25 Bildern pro Sekunde arbeitet. Das passiert sogar im ersten Grafiktest von Ice Storm Extreme, während das iPhone 5 hier gerade mal 14,5 fps erreicht, also etwa ein Viertel der Leistung des iPhone 5S. Für beide Benchmarks kann nicht ausgeschlossen werden, dass das iPhone 5S möglicherweise höhere Ergebnisse liefert.

Erst mit Ice Storm Unlimited kommen Ergebnisse heraus, die Futuremark zulässt. Das iPhone 5S erreicht 13.997 Punkte, das iPhone 5 nur 5.690 Punkte. Im CPU-lastigen Geekbench 2 sind die Unterschiede nicht ganz so deutlich. Mit 2.236 zu 1.670 Punkten ist das iPhone 5S aber immer noch deutlich schneller als der Vorgänger. Der GL Benchmark 2.1.5 stürzt leider ab. Hier liegt offenbar eine Inkompatibilität mit iOS 7 vor, da dieser Absturz bei beiden Geräten auftritt. Geekbench 3.1.2 zeigt 1.254 zu 2.551 Punkten zugunsten des iPhone 5S an.

Die verbesserte Leistung zeigt sich auch in der Praxis. Apps starten beispielsweise etwas schneller. Die Vorschau beim Fotografieren arbeitet flüssiger, was gerade bei Schwenks auffällt.

Während der Tests haben sich kaum Unterschiede bei der Akkulaufzeit gezeigt. Das bedeutet, dass der deutlich leistungsfähigere A7-SoC keine negativen Auswirkungen auf die Akkulaufzeit hat. Allerdings müssen wir unsere Ergebnisse noch als vorläufig betrachten. In der Praxis müssen wir ein iPhone 5 einmal pro Tag aufladen, das war beim iPhone 4 noch nicht nötig. Sobald wir beim iPhone 5S Erfahrungswerte haben, was ein bis zwei Wochen dauern kann, werden wir den Test entsprechend aktualisieren. Wir fürchten jedoch, dass es bei einer ähnlich schlechten Akkulaufzeit bleibt. Nachtrag: Nach einigen Wochen des Betriebs zeigt sich, dass das iPhone 5S etwas besser durchhält. Wir müssen bei unserem Praxiseinsatz nur alle 1,5 Tage das iPhone 5S aufladen.

Verfügbarkeit des iPhone 5S und Fazit

Das iPhone 5S ist bereits im Handel verfügbar. Für das kleinste 64-Bit-Modell mit 16 GByte Speicher werden rund 700 Euro fällig. Für 800 Euro gibt es die 32-GByte-Variante, und das 64-GByte-iPhone-5S kostet 900 Euro. Das iPhone 5S ist nicht zu verwechseln mit den 32-Bit-Modellen mit Plastikschale, die 100 Euro weniger kosten, aber weder den Fingerabdruckleser noch den Doppelblitz haben. Zudem gibt es keine Variante mit 64 GByte Speicher.

Fazit

Das neue iPhone ist besser als das alte, in jeder Hinsicht, und die Firma bemüht sich, neue Funktionen einzubauen, die nicht nur eine Geschwindigkeitssteigerung darstellen. Die einzelnen Neuerungen sind sehr praktisch. Dank Touch ID müssen wir uns nicht mehr umdrehen, um zu schauen, ob nicht doch jemand vom toten Winkel aus das Passwort mitliest. Eine Erweiterung für weitere Dienste erscheint uns sinnvoll. Und besser als ein Entsperren mit einer Gesichtserkennung, die häufig mit einem Foto überlistet werden kann, ist Touch ID auf jeden Fall.

Die neue Kamera ist mit ihrer Hochgeschwindigkeitsaufnahme ebenfalls eine nette Ergänzung. Für den Alltag reichen 120 Bilder pro Sekunde aus, und gerade der neue Blitz zeigt Stärken, die wir nicht erwartet hatten.

Wer ein iPhone 5 hat, dem bieten sich zu wenige Gründe zum Umsteigen. Die teils speziellen Verbesserungen rechtfertigen nicht den Austausch dieses iPhones. Ein 64-Bit-iPhone bringt dem Nutzer noch nicht viel, aber Apple legt die Grundlage für die Zukunft.

Das iPhone 5S ist ein gutes Smartphone, macht aber deutlich, dass auch Apple Erscheinungen von Entwicklungsmüdigkeit zeigt. Empfehlenswert ist es für Neukunden oder iPhone-Nutzer, denen die alten Geräte zu langsam sind oder zu schlechte Fotos schießen. In Aufregung versetzt uns das neue iPhone 5S allerdings nicht.  (ase)


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