Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/maks-russlands-raumfahrt-in-der-krise-1308-101241.html    Veröffentlicht: 28.08.2013 11:09    Kurz-URL: https://glm.io/101241

MAKS

Russlands Raumfahrt in der Krise

Wie schlecht es um Russlands Raumfahrt bestellt ist, zeigt sich bei der Luft- und Raumfahrtmesse MAKS. Vom Stolz der Raumfahrernation ist nicht mehr viel übrig geblieben. Dennoch wird die russische Raumfahrt Bestand haben.

Kreml-Chef Wladimir Putin lässt sich nicht bei der Luft- und Raumfahrtmesse MAKS in Moskau blicken. Anders als in früheren Zeiten gibt es auf dem Flugfeld Schukowski in diesem Jahr auch nichts zu feiern. Keiner der Aussteller erwartet einen Großauftrag, wie auch der Sprecher der Veranstalter, Boris Rybak, bestätigt. Rund 500 Teilnehmer aus 44 Ländern präsentieren bis zum 1. September 2013 in Schukowski ihre jüngsten Entwicklungen. Die Veranstalter erwarten etwa eine halbe Million Besucher auf der Messe.

Der Trubel um die Veranstaltung kann über die Realität nicht hinwegtäuschen. Lediglich Abkommen im Wert von zehn Milliarden US-Dollar sind 2013 geplant. Das ist ein Drittel weniger als noch vor zwei Jahren. Die Pariser Luftfahrtmesse Le Bourget verzeichnete zuletzt Aufträge von 150 Milliarden US-Dollar. Außerdem versagten wenige Tage vor Messestart die Triebwerke von gleich fünf Jets, die eigentlich hätten präsentiert werden sollen. "Wenn sich eine solche Panne vor den Augen von Gästen aus aller Welt wiederholt, möchte Putin nicht neben ihnen auf der Ehrentribüne sitzen", sagt Militärexperte Pawel Felgenhauer. Daher eröffnete Regierungschef Dmitri Medwedew die Messe.

Schlechte Presse für die Raumfahrt

Doch nicht nur in der Luftfahrt, gerade in der Raumfahrt hat Russland in diesem Jahr bereits mehrfach mit Negativschlagzeilen Aufsehen erregt. Erst im Juli gingen beim Absturz einer Proton-M-Rakete gleich drei Satelliten verloren. Zudem hatte die Trägerrakete 600 Tonnen des hochgiftigen Treibstoffs Heptil an Bord. Nur 17 Sekunden nach dem Start in der kasachischen Steppe fiel die Rakete wieder zu Boden und zerbrach. Die Russen konnten dem Desaster live zuschauen. Der staatliche Fernsehsender Rossija 24 strahlte die Bilder aus. Und auch Amateurfilmer hielten das Unglück fest.

Scheinbar hatte ein Fehler im Antriebssystem der Rakete für den teuren Fauxpas gesorgt. Der Schaden dürfte sich auf umgerechnet etwa 153 Millionen Euro belaufen. Opfer und Verletzte gab es nicht. Allerdings mussten wegen des giftigen Flüssigtreibstoffs etliche Gebäude in der kasachischen Stadt Baikonur evakuiert werden.

Der Absturz war bereits die dritte schwere Panne in diesem Jahr. Im Januar konnte ein Militärsatellit vom Typ Rodnik nicht mehr erreicht werden, und Anfang Februar stürzte ein Kommunikationssatellit nach dem Start von einer Plattform im Pazifik ins Meer.

Die Ausfälle und Abstürze sind für die russische Raumfahrt ein echtes Drama. Die Nation will mit dem Satelliten-Navigationssystem Glonass eine russische Antwort auf das amerikanische GPS-System bieten. Dafür sollen bis 2020 umgerechnet 6,8 Milliarden Euro fließen.

Hoffen auf Milliardenprojekt Exomars

Außerdem werfen die wiederkehrenden Unfälle die Frage auf, wie zuverlässig die Raketensysteme der einstigen stolzen Raumfahrtnation eigentlich noch sind. Die Zurückhaltung beim Abschluss neuer Projekte auf der Messe MAKS lässt jedenfalls nichts Gutes hoffen.

Aktuell hoffen die Russen darauf, an dem Milliarden-Projekt Exomars teilnehmen zu können. Von 2016 bis 2018 will die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos gemeinsam mit der Europäischen Weltraumbehörde Esa auf dem Mars nach Spuren von Leben suchen. Als Träger werden Proton-Raketen benötigt. In Russland ist man nun besorgt, die Esa könne von dem gemeinsamen Projekt abrücken.

Das ist unwahrscheinlich, weil die staatliche Raumfahrt überall auf der Welt finanziell in der Krise steckt. Sie lebt von Kooperationen, um die kostspieligen Missionen überhaupt noch durchführen zu können. So ist auch die Kooperation Esa und Roskosmos zustande gekommen.

Als die Esa feststellte, dass die Obergrenze von einer Milliarde Euro für den Orbiter und die Rover der Mission nicht zu halten waren, kooperierte sie vorerst mit der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. Das darauffolgende Konzept aus dem Jahr 2009 sah einen Nasa-Orbiter vor, der die Atmosphäre des Mars untersuchen sollte sowie zwei Rover. Sparmaßnahmen zwangen die Nasa am Ende auszusteigen. Selbst die Finanzierung des inzwischen erfolgreich arbeitenden Rovers Curisosity stand damals auf der Kippe. Die Esa entschied sich im Anschluss an eine Mission mit nur einem Rover: Exomars. Als neuen Partner konnten die Europäer Roskosmos gewinnen.

Auch die deutschen Partner bauen künftig weiter auf Kooperationen mit Russland. "In den kommenden Jahren werden gemeinsame Vorhaben, nicht nur in der bemannten und unbemannten Raumfahrt, sondern auch in der Luftfahrtforschung die Zusammenarbeit unserer beiden Länder vertiefen", betonte Johann-Dietrich Wörner vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) beim Moskauer Aerosalon.

"Ein Teil der Missionen und Projekte, die das DLR in Moskau zeigt, wurden und werden gemeinsam mit unseren russischen Partnern realisiert", sagte Wörner. Dazu zählt zum Beispiel eRosita. Das wissenschaftliche Instrument soll im mittleren Röntgenbereich Bilder in räumlicher Auflösung liefern und so schwarze Löcher und nahe Galaxien nachweisen. Dafür wird es voraussichtlich 2014 an Bord eines russischen Satelliten gebracht.

Im Ergebnis wird die Krise in der Raumfahrt die Russen zwar zurückwerfen. Doch die Ingenieure, Physiker und andere Wissenschaftler werden mit ihrem Know-how weiter gebraucht und ihren Platz in der Branche finden.  (wiwo-ml)


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