Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mr-808-drumsticks-statt-bits-1308-100969.html    Veröffentlicht: 15.08.2013 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/100969

MR-808

Drumsticks statt Bits

Raus aus dem Rechner: Moritz Simon Geist hat den Kult-Drumsynthesizer TR-808 als Roboter nachgebaut, mit dem er die Klangerzeugung aus dem Computer zurück in die echte Welt holt.

Wenn Moritz Simon Geist nach drei Stunden Aufbau und eineinhalb Stunden Soundcheck mit dem MR-808 auf der Bühne steht, ist das ein Spektakel. In den setzkastenartigen Kammern des MR-808 trommeln elf Miniroboter begleitet von blitzartigen Lichtimpulsen. Die Installation im Retrolook in Form und Größe eines schwarzen Expedit-Wandregals, neben der Geist an Rechner und Kontrollpult agiert und tanzt, ist ein Drumroboter. Unten und an der Seite ist der MR-808 verziert mit roten, gelben und weißen Buttons und Reglern. Ein kleineres Ebenbild kennen Fans elektronischer Musik seit rund 30 Jahren bestens. Der Musiker Geist hat als Erster ein Kultobjekt nachgebaut: den Drumsynthesizer TR-808 der Firma Roland, der 1981 auf den Markt kam, als Geist gerade geboren wurde.

Geist macht damit etwas völlig anderes als andere Musikroboter wie das Robotertrio Compressorheads oder der Roboterbassist von Kolja Kugler: Mit seiner mechanischen Variante des TR-808 holt er die Klangerzeugung aus dem Rechner zurück in die Realität. Seine 3,30 x 1,70 m große Installation bildet elf Klänge des etwa koffergroßen TR-808 nach. Motoren und Elektromagneten schlagen die Instrumente an: Snare, Bassdrum, Hi-Hat, Carabassa, Clave, Ride, Clap, Cowbell und drei Toms.

Musik hacken

Geist kommt gedanklich aus der Hacker-Ecke. Im Fall des Music Hacking bedeutet das, sehr gut zu verstehen, wie Instrumente funktionieren und wie Klang entsteht - um dann Einfluss darauf zu nehmen und für sich zu verändern. Als immer mehr Software mit unzähligen digitalen Möglichkeiten für quasi jedermann auf den Markt kam, wurde dem Künstler langweilig. "Das ist für meine persönliche Kreativität nicht so reizvoll gewesen." Er wollte es bewusst restriktiv.

"Irgendwann möchte man die musikalischen Möglichkeiten hacken und erweitern", sagt Geist, der auch das Blog Sonic Robots betreibt. Hinzu kam der Reiz des Haptischen: "Wenn man ein Musikstück anlegt, und das wird von einer realen Maschine in der realen Welt gespielt, das ist faszinierend."

Fast drei Jahre hat Mastermind Geist am MR-808 gebaut. Einzelne Instrumente wie die Snare Drum eines Schlagzeugs konnte er sich kaufen. Bei anderen Instrumenten musste er unheimlich viel ausprobieren, um den Klang des TR-808 zu erzeugen. Beim Clap, einer Art Handklatschen, zum Beispiel. Nach etlichen Versuchen entstanden fünf "Finger" aus Holz, die aufeinanderschlagen - fünf Klaviermechaniken, verfremdet, abgesägt und wieder etwas drangeleimt. "Diese Experimentierphase am Anfang, die war schon echt exzessiv", sagt Geist. Denn der studierte Mechatroniker musste sich alles selbst beibringen. "Das Handwerkliche lernt man im Studium nicht."

Einzelteile aus dem 3D-Drucker

Einen 3D-Drucker besaß er erst, als die Maschine fast fertig war. Doch viele Kleinteile aus Holz wie Halterungen, Einfassungen oder Winkel konnte er noch bequem damit drucken. Inzwischen kommt sein Makerbot regelmäßig bei Reparaturen zum Einsatz. Einige Instrumente des in fünf Einzelteile zerlegbaren Drumroboters sind sehr fragil. Die Transporte zu Auftritten, der Auf- und Abbau, setzen ihm zu: "Die meiste Arbeit besteht gerade darin, das am Laufen zu halten", sagt Geist. Wie teuer der MR-808 war, lässt sich nicht sagen. Versichert hat ihn Geist auf 35.000 Euro. Bedient wird der deterministische Roboter vom Laptop aus. Und zwar relativ konventionell: Arduino-Controller steuern die Mechanik und die Lichtimpulse. Die Ansteuerung erfolgt über Midi, eine Hard- und Software umfassende serielle Schnittstelle. Via Midi-Standard lassen sich musikalische Informationen zwischen computergesteuerten Instrumenten übertragen. Alle Midi-Geräte können so miteinander kommunizieren. Seine Patterns entwickelt Geist mit der Musiksoftware Ableton Live, die ebenfalls Midi sprechen kann.

Kompliziert wurde es, als es an die Latenzsteuerung ging.



Das Problem mit den Latenzen: Wie ein betrunkener Trommler

Erst die Latenzsteuerung macht es möglich, mit dem Musikroboter koordiniert zu spielen. Latenz bedeutet Verzögerung und im Fall des MR-808 folgendes Szenario: Der Computer befiehlt dem Roboter, eine Trommel zu spielen. Der digitale Übertragungsmechanismus geht los, bis sich der Motor oder Magnet bewegt. Dann dauert es weitere 100 oder 200 Millisekunden, bis der Schlägel auf das Schlagzeugteil trifft. Diese Latenz, die bei allen Instrumenten unterschiedlich ist, muss man synchronisieren.

"Ich kann aber nicht einfach bei allen elf Trommeln 100 Millisekunden früher anfangen. Das mag nicht viel klingen, aber wenn etwas 100 Millisekunden im Rhythmus verschoben ist, denkst du, der Trommler ist betrunken", sagt Geist. Er löste das Problem, indem er in der Programmierumgebung Max/MXP Musiksteuerdaten manipulierte - den Midi-Datenstrom auseinandernahm, die Instrumente unterschiedlich verzögerte und die Latenzen ausglich.

Als er an dem Latenzproblem tüftelte, tauschte sich Geist auch per E-Mail mit Musikrobotik-Experten in den USA aus, wo die Szene schwerpunktmäßig beheimatet ist. Eric Singer gründete 2000 in New York The League of Electronic Musical Urban Robots (LEMUR), eine Gruppe von Künstlern und Technikern, die sich dem Bau robotischer Instrumente widmet.

Nur noch Roboter und Menschen

Mal nennt Geist seinen Roboter Installation, mal Maschine. Das drückt gut die Symbiose von Kunst und Technik aus, die er dafür einging. Er ist leidenschaftlicher Bastler, doch noch lauter schlägt sein Künstlerherz. Für den Dresdner ist der MR-808 kein Erfinderexponat, sondern ganz klar Instrument zum Musikmachen. "Ich schreibe elektronische Musik und trete damit auf", betont er. Der Drumroboter ist für die Bühne konzipiert, rund 30 Konzerte absolvierte er bereits. Geist tritt mit dem MR-808 allein oder mit seiner Band Science Fiction Children auf, die durch einen Freund und seinen Bruder mit Gitarre, Synthesizer und Percussions komplettiert wird.

Geists Vision ist es, dass die elektronische Musikerzeugung noch weiter in den Hintergrund rückt. "Dass man keine Synthesizer und keine elektronischen Instrumente mehr auf der Bühne hat, sondern nur noch Roboter und Menschen, die die Roboter bedienen." Aktuell arbeitet er an einem mechanischen Synthesizer, der einen Basssound erzeugt und im Experimentierstadium fertig ist. Seine Bandmates von Science Fiction Children wären dann irgendwann theoretisch überflüssig. "Das Damoklesschwert schwebt die ganze Zeit über allen außer mir", scherzt Geist.  (nae)


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