Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/maker-faire-baut-staunt-teilt-baut-1308-100801.html    Veröffentlicht: 06.08.2013 12:18    Kurz-URL: https://glm.io/100801

Maker Faire

Baut! Staunt! Teilt! Baut!

Es dröhnt, rumpelt und sirrt auf dem ersten Jahrmarkt der deutschen Maker: Eine bärtige Dame fehlt zwar, dafür treten der bassspielende Roboter und der tanzende Affe auf. Bastler bestaunen die Schöpfungen der anderen und denken vor allem über drei Dinge nach: bauen, mehr bauen und noch mehr bauen.

Knapp 30 Grad im Schatten und von Kopf bis Fuß in Kunststoff gehüllt: Wer sich das antut, muss schon sehr begeistert sein. Wie Naisho: Trotz der Temperaturen hat er sich in einen knallroten Umhang mit weiten Ärmeln geworfen. Dazu trägt er eine schwarze Lackhose und schwarze Stiefel. Auf dem Rücken hat er ein Paar schwarze Flügel. Dann verschwinden seine Hände kurz in den Ärmeln - und majestätisch breitet der Falke seine schwarzen Schwingen aus. Draußen im normalen Leben, so erzählt er Golem.de, sei er Mathematiklehrer - aus Süddeutschland, wie sich unschwer am Akzent erkennen lässt. Aber hier ist er der Falke - japanisch: Taka - aus dem Manga Taka no Shiro - zu Deutsch: die Burg des Falken. Hier - das ist der erste Maker Faire in Deutschland, und Naisho alias Rudolf Arnold ist ein Maker.

Cosplay nennt sich das - die Kurzform für Costume Play, Kostümspiel. Die Kostüme stammen aus Japan, genauer gesagt aus den dort so beliebten Comics und Trickfilmen, Mangas und Animes genannt. Arnold ist der einzige Vertreter dieser Bewegung, der am 4. August 2013 zum ersten deutschen Maker Faire nach Hannover gekommen ist.

Auf dem Hightech-Rummel treffen sich die neuen Tüftler, die Laubsäge und Stechbeitel eingetauscht haben gegen Lötkolben, Computer, Laserschneider und 3D-Drucker. Veranstaltungsort ist das Hannover Congress Centrum (HCC). In der Halle werden computergesteuerte Kocher oder Computer im Retrolook vorgestellt und die unterschiedlichsten Projekte mit Open-Source-Hardware präsentiert. Es sirrt, blinkt und riecht - nach geschmolzenem Plastik und Karamell.

Luftakrobatik mit Quadro-, Hexa und Oktokoptern

Draußen, wo die Temperaturen deutlich erträglicher sind, geht es laut zu: Auf dem Rasen ist ein großes Terrain für die Drohnen abgesteckt. Mit einem Sirren wie von einem riesigen Bienenschwarm heben Quadro-, Hexa- und Oktokopter ab und drehen ihre Runden vor dem staunenden Publikum.

Getöse kommt auch vom Stand nebenan: Eine Gruppe Jugendlicher führt ein Luftkissenfahrzeug vor, das sie mit Hilfe eines Rasenmähermotors gebaut hat. Ein Holzrahmen, Schürzen aus Plastik und das Gebläse - fertig. Allerdings: Einen Antrieb hat das Gefährt nicht - zumindest keinen maschinellen: Wer Luftkissenfahrzeug fahren möchte, braucht deshalb einen Assistenten, der schiebt. Beide tragen Ohrenschützer. Besser so.

Sehen Sie: den Riesenroboter am Bass...

Richtig ohrenbetäubend wird es zur vollen Stunde: Dann greift auf der Freilichtbühne Afreakin Bassplayer in die Saiten. Gut 2,5 Meter hoch ragt der Roboter auf der Bühne auf, der ausschließlich aus wiederverwerteten Teilen besteht. Kolja Kugler hat ihn aus Schrottteilen zusammengebaut.

Unsung von der US-Band Helmet intoniert der Roboter. Das passt: Die Band, die früher hierzulande ihre Auftritte gern mit der Ansage: "Wir heißen wie euer Bundeskanzler" einleitete, ist schließlich nicht durch filigrane Harfentöne bekanntgeworden. Dazu schüttelt der Roboter wild seinen schnittigen Schädel. Das Flöten der acht Stahlvögel, die auf einer Stange am Rand der Bühne sitzen, geht im Bassspiel des Roboters unter.

Gesteuert wird der Roboter durch seinen Erbauer. Der steht am Laptop und musiziert. Luftdruck bewegt die 250 Kilogramm Stahl - Arme, Finger, Kopf und Körper. Doch was nach brachialer Grobmotorik aussieht, ist in Wahrheit sehr präzise: Die Ansteuerung des Roboters erfolgt über eine Midi-Schnittstelle. Die Reaktionszeit liege im Bereich von Millisekunden, erklärt Kugler. Aber sie müsse noch besser werden. Wenn nämlich seine neuen Musikroboter - ein Schlagzeuger und ein Keyboarder - fertig werden, müsse der Bass noch genauer werden.

...und den pneumatischen Pausenclown!

Neben dem Afreakin Bassplayer hat Kugler einen zweiten Roboter mitgebracht: Sir Elton Junk ist der klassische Jahrmarktunterhalter, der seinen Hut steigen lässt, herzzerreißend weint und das Publikum mit Wasser bespritzt. In der Zeit zwischen den Auftritten seiner Roboter erschreckt der Berliner Passanten mit seiner pneumatischen Mülltonne. Die öffnet auf Knopfdruck ihren Deckel und speit den erstaunten Zuschauern ihren Inhalt vor die Füße.

Glänzend, schwebend, zauberhaft

Wesentlich sanfter geht es in der Halle am Stand des Projekts Silent Runner zu: Die Gruppe aus Düsseldorf hat sich dem Bau von Luftschiffen verschrieben. Elegant schwebt das rund 2 Meter lange, silbern glänzende Prallluftschiff durch die Halle. Es bestehe, so erzählt Andres Burkart, aus einer sehr leichten Spezialfolie, die mit einem Bügeleisen verschweißt wird. Die Leitwerke am Heck bestehen aus einem Schaumstoff, die Halterungen wurden mit einem 3D-Drucker hergestellt.

Der Blimp ist mit 200 Litern Helium gefüllt, das genauso viel Auftrieb erzeugt wie das Luftschiff wiegt. Als Antrieb reichen zwei kleine Motoren aus, die von einem Arduino, einer Open-Source-Hardware, angesteuert werden. Wie die Hardware ist das ganze Projekt quelloffen. Pläne, Listen mit dem Zubehör und sogar Schnittmuster für die Folien sind auf der Website abrufbar. Silent Runner sei eine Gruppe mit Spaß an Luftschiffen, erzählt Burkart, und damit wollten sie andere anstiften, eigene Luftschiffe zu bauen und damit zu experimentieren.

Baut! Teilt! Und baut, baut, baut!

Make! Dieser Imperativ schwebt an diesem Samstag durch das HCC: Baut! Baut nach! Baut um! Baut weiter! Hauptsache, ihr baut - und teilt! Ladet aus dem Internet und gebt wieder zurück, auf dass andere weiterbauen! Seinen Ursprung hat die neue Selbermach-Bewegung - im Original: Maker Movement - in den USA, wo sie schon sehr viel weiter fortgeschritten ist als hierzulande. Sie zentriert sich um zwei Zeitschriften, Make und Craft. Einer der wichtigsten Protagonisten der Szene ist Bre Pettis, Rapid-Prototyping-Aktivist und Gründer des 3D-Druckerherstellers Makerbot Industries.

Von dort stammt auch die Marke Maker Faire - das "e" steht dafür, dass es sich mehr um einen Jahrmarkt als um eine Messe handelt. Jahrmarktstimmung herrschte im vergangenen Jahr auch in New York: Zum dortigen Maker Faire 2012 strömten 55.000 Besucher, die sich die Exponate von 500 Makern anschauten. Ganz so groß wie das US-Vorbild ist die deutsche Ausgabe noch nicht: In Hannover stellten sich 85 Maker vor, und über 4.300 Besucher kamen ins HCC.

Heimwerken 2.0

Das Makertum ist sehr technisch orientiert: kaum ein Projekt, in dem kein Computer, kein elektronisches Bauteil oder Werkzeug eine Rolle spielt. Basteln mit Computer quasi: Heimwerken 2.0. Dabei haben die neuen Bastler durchaus auch Verwendung für die Werkzeuge der traditionellen - wenn auch nicht unbedingt in der vom Hersteller intendierten Art und Weise: Den Akkuschrauber etwa nutzen sie nicht, um Schrauben festzuziehen. Das grüne Werkzeug gibt nämlich einen prima Antrieb für Fahrzeuge ab: Der Dessauer Riccardo Düring hat für seine Kinder ein Tretauto und ein Dreirad gebaut, die von so einem Schrauber angetrieben werden.

In der Halle präsentiert das Studententeam von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HWAK) in Hildesheim seine Akkuschrauberrenner. Die Studenten haben ihre Hightech-Fahrzeuge selbst entworfen und gebaut. Das Modell, mit dem sie 2011 beim Rennen angetreten sind, stammte aus dem 3D-Drucker, das aktuelle haben sie aus Papier gebaut.

Genauer gesagt aus Kraftplex. Dieser neuartige Werkstoff wird am Stand nebenan vorgestellt. Er besteht wie Papier zu 100 Prozent aus Zellulose. Kraftplex ist ein überaus vielseitiges Material: Es ist stabil genug, um daraus Akkuschrauberrenner oder Möbel zu bauen. Es lässt sich aber auch Kinderspielzeug daraus herstellen, wie das Puzzle, das auf dem Maker Faire gezeigt wird.

Hier gibt's Süßigkeiten

Vom Stand nebenan weht derweil ein Duft nach Karamell herüber: Alexis Wiasmitinow hat soeben seinen Kochautomaten, den Everycook, geöffnet und bietet nun die frische, noch warme Süßigkeit an. Everycook ist der Universalkocher für das digitale Zeitalter: Das analoge Abwiegen und Rühren mit verschiedenen Gerätschaften hat ausgedient: Der Koch sucht sich im Browser ein Rezept, und der Everycook macht den Rest.

Das Gerät sei nämlich Waage, Mixer und Kocher in einem, erzählt Wiasmitinow, der den Everycook auch schon im vergangenen Dezember auf der Hackerkonferenz 29C3 gezeigt hatte: Die Zutaten werden einfach in den Topf geworfen. Auf dem Bildschirm wird angezeigt, wann es genug ist. Den Rest mache der Everycook - sei es Kochen, Dampfgaren oder Frittieren. Angebranntes Karamell gebe es bei seinem Gerät nicht. In dem Moment schnappt sich ein Passant das letzte Stückchen. Wiasmitinow überlegt kurz: noch eine Portion Karamell oder lieber Risotto? Er entscheidet sich für süß und entschwindet, um den Topf zu spülen für die nächste Runde.

Wer ist hier der tanzende Affe?

Weit weniger ernsthaft geht es einige Meter weiter zu: Ein Stoffaffe hängt vor einer Wand. Darüber ist eine Kinect angebracht. Monkey Business heißt die Installation von Ralph Kistler und Jan Sieber. Ein wenig ratlos stehen die Passanten und schauen auf den Affen. Dann wagt sich einer vor die Kinect. Ob der Affe vielleicht...? Ja: Eine Bewegung erst des einen, dann des anderen Arms - und der Affe fängt an zu zappeln.

Die Kinect fängt die Bewegungen des Menschen auf und setzt sie in Steuerbefehle an den Affen um. Im Inneren des Stofftieres befindet sich ein Skelett mit zehn Servomotoren, die die Arme, Beine und Körper animieren. Auf diese Weise ahmt der Affe - Monito mit Namen - die Bewegungen der Menschen nach. Die lassen sich immer neue Verrenkungen einfallen, die der Affe imitieren soll - bis am Ende die Perspektiven verschwimmen und sich der Betrachter fragt, wer eigentlich vor- und wer nachmacht.

An und aus

Selbst kompletter Nonsens hat seinen Platz - wie die Maschine, die der Steampunk Horatius Steam präsentiert: Zwischen Tesla-Spulen und viktorianisch anmutenden Kofferrechnern steht ein kleines Kästchen mit einem Schalter. Wird dieser umgelegt, öffnet sich der Deckel, ein Arm fährt aus und legt die Schalter zurück in die Ausgangsposition.

Zum Ende der Messe ist auch der Mathelehrer aus Schwaben geschafft. Kein Wunder: Sechs Kilogramm wiegt das Gestell mit seinen ausklappbaren Flügeln. Befestigt ist das Gestell an einem Moto-Cross-Protektor - quasi einer modernen Variante des Brustharnischs. Daran ist das Gestell für die Flügel befestigt: Aluprofile, über die Stoffbahnen gelegt, an denen schwarze Putenfedern befestigt sind. Ausgebreitet werden die Schwingen von zwei Elektrozylindern. Deshalb verschwanden auch die Hände des Cosplayers kurz in den Ärmeln: In deren Tiefen verbergen sich zwei Schalter, mit denen er die Zylinder aktiviert.

Ein Bier für den Falken

Immerhin ein Zugeständnis an das Wetter hat der Cosplayer dann doch gemacht: Normalerweise gehörten Lackstiefel zum Kostüm, gesteht er am Abend am Bierstand. Aber neun Stunden in Lackstiefeln seien dann doch etwas zu unbequem. Deshalb habe er für den Auftritt auf der Messe Schuhwerk aus Leder den Vorzug gegeben. Dann macht er sich auf, um einen Gehilfen zu suchen, der ihm bei Abnehmen der Schwingen assistiert.  (wp)


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