Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ox-documents-200-jahre-staroffice-erfahrung-fuer-eine-bessere-office-suite-1308-100793.html    Veröffentlicht: 06.08.2013 15:53    Kurz-URL: https://glm.io/100793

OX Documents

200 Jahre Staroffice-Erfahrung für eine bessere Office-Suite

Einige der ehemaligen Kernentwickler von Staroffice und Openoffice arbeiten wieder an einem Office-Projekt. Es sind die Komponenten, die unter dem Namen OX Documents als webbasiertes Office-Paket angeboten werden sollen.

Einige der ehemaligen Openoffice- und Staroffice-Entwickler arbeiten wieder an einer Textverarbeitung, einer Tabellenkalkulation und einem Präsentationsprogramm. OX Documents ist jedoch webbasiert. "Warum sollten wir unser Know-how einfach wegwerfen?", fragt Götz Wohlberg, als er das neue Projekt und die Arbeit seines Teams vorstellt. Denn bereits bei Staroffice gab es ein Projekt namens Portal, das eine Java- und serverbasierte Version der Textverarbeitung sein sollte. "Insgesamt verfügen wir zusammen über 200 Jahre Erfahrung", sagt Wohlberg. Auf den Schreibtischen liegen Bücher zu jQuery, HTML5 und Javascript.

Der Schritt von C++ zu der Skriptsprache sei nicht so schwierig gewesen, sagt Wohlberg. Damit lasse sich OX Text jeweils unabhängig vom verwendeten Browser und dem Betriebssystem nutzen. Die OX-Documents-Komponente OX Text ist nur der Anfang, geplant sei ein komplettes webbasiertes Büropaket mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramm.

Das Büro im Browser

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zu Google Docs oder Microsofts Office 365: OX Documents soll sämtliche verbreiteten Formate unterstützen, darunter auch Docx und ODF. Hier soll die langjährige Erfahrung der Entwickler helfen, die teils bereits an Staroffice gearbeitet haben und für das Open Document Format mitverantwortlich waren.

Dabei gehen die Entwickler einen ungewöhnlichen Weg: Statt das komplette Dokument aus einem Fremdformat zu konvertieren, werden nur Komponenten in das Browser-DOM (Document Object Model) geladen. Inhalte aus anderen Formaten, die OX Text nicht kennt und demnach nicht bearbeitet werden können, werden nur als nicht editierbare Platzhalter angezeigt, etwa Smart Art. Nach und nach wollen die Entwickler weitere Komponenten zum Editieren nachreichen. Diese nicht destruktive Arbeitsweise soll den Inhalt und vor allem das Layout komplexer Dokumente beibehalten. Nebenbei erlaubt diese Herangehensweise die kollaborative Arbeit an Dokumenten.

Manipulationen im DOM

Schlüssel zu der Technik seien die sogenannten Operations und der hybride Editiermodus, sagt Entwickler Malte Timmermann. Dabei kommen zwar mit Content Editable markierte HTML-Elemente zum Einsatz, sämtliche Eingaben werden aber von der Software schon im Browser abgefangen, so dass der Browser lediglich Dinge wie Cursor-Steuerung und Auswahl übernimmt, aber keine direkten DOM-Manipulationen durchführt. Die Eingaben werden stattdessen umgeleitet, wandern über den Server und zurück, um dann via Javascript ins DOM geschrieben zu werden, das der Browser dann rendert. Das ist notwendig, um die Operations umzusetzen, mit denen es möglich ist, dass mehrere Nutzer gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können und das Dokument bei allen Nutzern immer den aktuellen Stand hat.

Für ODF-Dokumente greift OX Text auf die Odfdom-Bibliothek zurück, ein Apache-Projekt. XML-basierte Dokumente werden für die Bearbeitung über Docx4j konvertiert. Alle anderen Formate werden über den herkömmlichen Dokumentenkonverter aus dem Openoffice-Projekt umgewandelt. Über das OSGi-Framework werden die konvertierten Inhalte auf einem Server bereitgestellt, der Datenaustausch mit dem Browser erfolgt über JSON.

Office-Paket mit Grenzen

Beim Bearbeiten im Browser wird das Dokument ständig gespeichert. Einen Offlinemodus gibt es noch nicht. Änderungen werden wieder in XML konvertiert und in das Original zurückgespielt. Außerdem fehlt noch der Bearbeitungsmodus für zahlreiche Komponenten, die in späteren Versionen nachgereicht werden sollen, darunter die Unterstützung für Fußnoten. Die To-do-Liste umfasse mehrere Hundert Einträge, sagt Wohlberg. Sein Team werde dabei zuerst die Wünsche der Kunden berücksichtigen. Weitgehend funktional sind Änderungen am Text samt Schriftgröße und -art oder die Ausrichtung. Auch Formatierungen lassen sich inzwischen bearbeiten, etwa die Platzierung von Text und Bild.

Dass die Textverarbeitungskomponente OX Text schließlich alle Formatierungen und Elemente aus allen Dokumentformaten unterstützt, ist aber unwahrscheinlich und auch gar nicht erwünscht. Die Grenzen liegen bei einigen wenigen Elementen aber auch beim Browser als Plattform und den unterstützen Geräten. Abgesehen von Funktionen, die gar nicht dokumentiert sind, gebe es auch welche, die für das Bearbeiten im Browser kaum sinnvoll seien, etwa Pivot-Tabellen, sagt Wohlberg. Ihr Kundenkreis seien kleine und mittlere Unternehmen.

Webbasiert und Open Source

Eine Tabellenkalkulation namens OX Spreadsheet will das OX-Doc-Team bereits in wenigen Wochen präsentieren. Sämtliche Formeln sollen unterstützt werden. Dazu haben die Entwickler die Formel-Engine aus Apache Openoffice extrahiert. Das Präsentationsprogramm OX Presentation soll noch Ende 2013 folgen.

Sonst haben die Entwickler kaum Code aus ihrem ehemaligen Projekt übernommen. Aus Openoffice stammen die Druckfunktion. Den SVG-Viewer und -Konverter hat das OX-Documents-Team selbst entwickelt. Die Kernkomponenten von OX Documents werden unter der GPLv2 veröffentlicht, die Benutzeroberfläche steht unter der Creative Commons Attribution-Noncommercial-Sharealike 2.5 License.

Oberfläche für Smartphones und PCs

Als Basis für die Benutzeroberfläche dient Halo View aus der OX App Suite von Open-Xchange. Die Benutzeroberfläche passt sich an die Displaygröße des Geräts an (Responsive Design), vom PC-Bildschirm bis zum Smartphone. Ein kontextabhängiger Werkzeugkasten zeigt nur die Optionen an, die gerade benötigt werden. Die Icons sind so angepasst, dass sie auch per Touch bedient werden können.

Staroffice Portal sei einer der Gründe dafür gewesen, dass Sun Staroffice damals übernehmen wollte, sagt Wohlberg. Es wurde intern sogar eine fertige Version präsentiert, die für die Verwendung auf Thin-Clients zugeschnitten war. Es sei aber der falsche Zeitpunkt gewesen, deshalb sei das Projekt zunächst untergegangen. Danach wurde Openoffice.org präsentiert und Staroffice war als kommerzielles Produkt nur noch durch Zugaben wie kostenpflichtige Fonts von der Open-Source-Variante von Openoffice.org zu unterscheiden.

Software war nur Beiwerk

Für Sun sei Software generell nur Beiwerk gewesen, die Firma sei in erster Linie daran interessiert gewesen, ihre Solaris-Server zu vermarkten, sagt Wohlberg. Dennoch arbeitete sein Team zwischen 2006 und 2009 weiterhin an einer webbasierten Lösung, deren Veröffentlichung aber durch Sun immer wieder verschoben wurde.

Dann wurde Sun von Oracle übernommen. Der neue Eigner machte aus Staroffice eine eigene Business Unit und vertrieb die kommerzielle Variante von Openoffice.org unter dem Namen Oracle Office. Zeitweilig arbeiteten in Hamburg 110 Angestellte in der Abteilung, davon 50 Kernentwickler. In Asien und den USA gab es Zweigstellen. Oracle habe zunächst durchaus ein aktives Interesse an der Weiterentwicklung des Büropakets gehabt, sagt Wohlberg.

Büro in der Cloud

Ende 2010 präsentierte Oracle dann eine weitere webbasierte Variante - unter dem Namen Cloud Office 1.0. Und es sollte 2011 noch Version 2.0 folgen - mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramm. So weit kam es aber nicht, denn Oracle stoppte die Entwicklung und löste die Business Unit kurzerhand und ohne Vorwarnung auf. Das war Mitte April 2011. Die Nachricht erhielten die Entwickler am Freitagabend. Die Veröffentlichung von Cloud Office 2.0 fand nie statt. Die offizielle Begründung: Oracle bediene keine Desktopkunden.

Wohlberg überlegte gleich nach seiner Entlassung, wie es weitergehen sollte. Er habe viel Arbeit in Openoffice gesteckt, in "Lesen und Rechnen", sagt er. Es sei eine Leidenschaft, ein Spleen. Und an dem Marktanteil von Openoffice sei zu sehen, wie erfolgreich die bisherige Arbeit gewesen sei. Zunächst habe er überlegt, ob er Supportverträge übernehmen solle. Als dann Oracle Openoffice an die Apache-Foundation übergab, sah er auch dort keine Zukunft.

Office für Telkos

Gleichzeitig bemerkte er einen zunehmenden Bedarf an SaaS-Anwendungen bei den Telekommunikationsanbietern und mit Hilfe seiner Kontakte zu United Internet entstand das OX-Documents-Projekt.

2012 übernahm Open-Xchange ihn und sein Team von damals noch neun verbliebenen Entwicklern aus Openoffice. Die Entwickler haben sich komplett auf ihren Aufgabenbereich konzentrieren können, da sich Open-Xchange um das Marketing und die Kundenanbindung kümmert. Inzwischen hat United Internet mehrere Millionen in Open-Xchange investiert.

Erfahrung weitergeben

Als Teil der OX App Suite wird OX Documents bei vielen Service Providern auch künftig kostenlos sein. Geld soll mit Zusatzfunktionen wie einem erweiterten Speicher auf den Servern der Telekommunikationsanbieter generiert werden. Wer will, kann sich den Quellcode der OX App Suite holen und selbst installieren - samt OX Documents.

Inzwischen besteht sein Team aus 15 Entwicklern. Weitere ehemalige Kollegen sind hinzugekommen. Es gibt zum Mittagessen Gegrilltes vom Balkon im Bürogebäude im Hamburger Stadtteil Barmbek. Es fehle aber weiterhin an erfahrenen Programmierern, sagte Wohlberg. Außerdem suche sein Team junge Entwickler und Absolventen. Die langjährige Erfahrung würde das Team gerne weitergeben.  (jt)


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