Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/iphone-5c-plastik-iphone-wird-unter-schlechten-bedingungen-produziert-1307-100675.html    Veröffentlicht: 30.07.2013 10:37    Kurz-URL: https://glm.io/100675

iPhone 5C

Plastik-iPhone wird unter schlechten Bedingungen produziert

Die Hinweise auf ein Billig-iPhone verdichten sich. Nun bestätigt ausgerechnet China Labor Watch Arbeiten am neuen Apple-Smartphone, das wohl den Namen iPhone 5C tragen wird. Der erwartete günstige Preis werde auch durch katastrophale Arbeitsbedingungen ermöglicht, so der Vorwurf.

Gleich in der Einleitung des 60 Seiten umfassenden Berichts über die Zustände in Pegatron-Fabriken, die für Apple Produkte fertigen, offenbart China Labor Watch die Arbeiten am kommenden iPhone mit Kunststoffgehäuse. Ein Mitarbeiter berichtet sogar direkt, dass er Schutzfolie auf die Kunststoffhüllen des neuen iPhones kleben muss. Die Massenfertigung hat dem Bericht zufolge noch nicht begonnen. Das vermutlich iPhone 5C genannte Gerät soll besonders günstig werden, und das dürfte auch mit Pegatron als Auftragshersteller zusammenhängen.

Bereits am Wochenende wurde grob bekannt, dass Apple dort zu entsprechend günstigen und schlechten Arbeitsbedingungen fertigen lässt. Die Mitarbeiter arbeiten demnach weit mehr Wochenstunden, als gesetzlich erlaubt sind, machen teilweise unbezahlte Überstunden, wohnen in schlechten Unterkünften und werden nicht ausreichend bezahlt.

Jetzt ist der Bericht mit vielen Details und einigen Fotos offen zugänglich. Bisher waren vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen bei Auftragshersteller Foxconn bekanntgeworden. Das Unternehmen verbesserte aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit auf Apple, das seinerseits Druck auf Foxconn ausübte, die Arbeitsbedingungen. Dem Bericht zufolge gilt das offenbar nicht für Pegatron. Dort arbeiten demnach 10.000 Mitarbeiter im Alter zwischen 16 und 20 Jahren sowie weitere 60.000 ältere Mitarbeiter unter unwürdigen Arbeitsbedingungen in drei von China Labor Watch untersuchten Fabriken, die alle zur Pegatron-Gruppe gehören.

16-jährige Schüler müssen einen Teil des Lohns an die vermittelnde Schule und Lehrer abgeben

Der Spiegel, dem der Bericht vorab vorlag, berichtete zuvor von Minderjährigen, Schülern und Studenten, was eine deutlich weitere Altersgruppe bedeuten würde und vor allem sehr viel jüngere Mitarbeiter einschließt. Der veröffentlichte Bericht von China Labor Watch stellt nun klar, dass mit minderjährigen Schülern die Altersgruppe ab 16 Jahren gemeint ist. Sie müssen allerdings genauso arbeiten wie die Erwachsenen und genießen keinen besonderen Schutz. Schüler werden durch ihre Schulen an zwei der drei Pegatron-Fabriken vermittelt, die einen Teil des Gehalts einbehalten. Sie verdienen also auch noch weniger als die Erwachsenen. Einen Unterschied gibt es zudem bei der Beschäftigungsdauer: Die Schulen vermitteln auch Arbeitsbeschäftigungen für drei Monate. Pegatron hat normalerweise Interesse an längerfristigen Beschäftigungen.

Die schlechten Arbeitsbedingungen werden von China Labor Watch im Detail ausgeführt und unterscheiden sich in einigen Punkten von Fabrik zu Fabrik. Insgesamt 200 Interviews hat China Labor Watch mit Pegatron-Mitarbeitern in einem Zeitraum von März bis in den Juli 2013 hinein geführt, um sich einen Überblick zu verschaffen, und das auch mit Fotos dokumentiert. Angehörige der Organisation waren zudem als Mitarbeiter getarnt unterwegs. Pegatron werden dutzendfach allgemeine Rechtsverletzungen, Arbeitsrechtsverletzungen und ethisch nicht akzeptable Methoden vorgeworfen. So arbeiten laut China Labor Watch die Mitarbeiter häufig an sechs Tagen pro Woche in Schichten, die bis zu 10,5 Stunden lang andauern. Überstunden gelten als Pflicht, und so sind 66-Stunden-Arbeitswochen die übliche Arbeitszeit. In China sind allerdings nur 49 Stunden erlaubt. Apples eigene Richtlinien werden damit nur geringfügig verletzt. So gestattet Apple 60-Stunden-Wochen bei seinen Auftragsherstellern. In Ausnahmefällen ist mehr zulässig.

So schafft Pegatron ein 2-Schicht-System in den Fabriken. Der Basisstundenlohn beträgt 1,50 US-Dollar, der in Grenzen, etwa durch einen Nachtzuschlag oder Überstunden, gesteigert werden kann. Teils müssen feste Quoten erzielt werden. Ein Pegatron-Mitarbeiter kommt so auf einen Basislohn von etwa 264 US-Dollar ohne Überstunden. Der Lohn steigert sich noch durch Überstunden, die in der Regel nicht freiwillig sind, so China Labor Watch. Zudem werden bis zu 14 Überstunden je Monat nicht bezahlt. Notwendige Besprechungen vor der Arbeit gelten nicht als zu bezahlende Arbeitszeit. Sie sind auch keine Freizeit oder gar freiwillig. Wer den Besprechungen fernbleibt, muss mit Lohnabzügen rechnen. In einer Fabrik gibt es in Hochzeiten sogar 7-Tage-Wochen à 11 Stunden.

Dem Bericht zufolge gibt es Kontrollen durch Apple, doch Pegatron zwingt die Mitarbeiter zu falschen Angaben, um etwa Überstunden zu verschleiern, so der Vorwurf, der wegen der laxen Kontrollen auch an Apple gerichtet ist. Die Mitarbeiter müssen sich zudem mit elf weiteren Personen die 20-Quadratmeter-Räumlichkeit teilen, wollen sie in der Nähe der Fabrik wohnen. Die sind zudem unbelüftet, und Duschen sind in einigen Fällen in so geringer Menge vorhanden, dass es zu langen Wartezeiten kommt.

Auch Schwangere müssen mehr als 10 Stunden arbeiten

Beschimpfungen durch Vorgesetzte oder das Vorführen vor Kollegen wegen schlechter Arbeit gehört in den Fabriken zum Job. Dem Bericht zufolge arbeiten auch Schwangere in langen 10,5-Stunden-Schichten an Apple-Produkten, obwohl für werdende Mütter 8-Stunden-Schichten gesetzlich zulässig sind. Auch ein besonderer Schutz ist in vielen Fällen nicht vorhanden. Vermittlerfirmen begehen weitere Gesetzesverstöße. Sie behalten etwa die ID-Karten teils wochenlang ein, ohne die kein anderer Job angenommen werden kann. Während der Anheuerung werden etwa Notizbücher und Kugelschreiber verteilt. Allerdings darf der Arbeiter diese nicht behalten. Sollte der Mitarbeiter denken, es wären kostenlose Utensilien, und sie mitnehmen, muss er immerhin fast drei Stundenlöhne bezahlen: 4,07 US-Dollar. Während der Anheuerung fallen zudem zahlreiche Gebühren an. Arbeiter müssen für die medizinische Untersuchung bezahlen oder auch die Arbeitskleidung. Das addiert sich schnell zu Kosten in Höhe von mehreren Tagen Lohn, nur um den Job anzutreten.

Zudem wird Mitarbeitern mitunter angedroht, dass sie ihr Gehalt nur bekommen, wenn sie mindestens drei Monate in den Fabriken durchhalten. Das ist durch weitere Regeln nicht so einfach. So dürfen Mitarbeiter kein Wasser an ihre Einsatzorte mitnehmen, und auf die Toilette zu gehen, erfordert teils eine Erlaubnis des Teamleiters, der diese nicht unbedingt geben muss. Zudem gibt es viele Arbeitsplätze, bei denen nur Stehen erlaubt ist. Rund ein Viertel der Mitarbeiter in der Einführungsphase hält diesem Druck nicht stand und muss aufgeben.

In der Folge müssen sie mitunter auf mehrere Wochen Lohn verzichten, etwa durch anfallende Gebühren. Pegatron und damit Apple erhalten dadurch kostenlose Arbeit. Diese Vorteile kann, so zynisch es klingt, Pegatron direkt weitergeben und sich so als günstiger Produzent anbieten. Apple kann dadurch die Kosten senken und so beispielsweise das iPhone 5C günstiger anbieten oder die ohnehin sehr hohe Marge des Konzerns auch beim iPhone für die Masse halten. Ob das mit einer Produktion in Foxconn-Werken möglich wäre, ist unbekannt. Insgesamt listet der Bericht von China Labor Watch neben allgemeinen Rechtsverstößen auch 17 Verstöße gegen Apples eigene Richtlinien (Supplier Code of Conduct) auf.

Pegatron arbeitet nicht nur für Apple

Pegatron ist, wie auch Foxconn, einer der größten Hardwareproduzenten und einer der wichtigsten Partner von Apple. Nicht nur für Apple produziert die Firma mit Sitz in Taipeh (Taiwan), die einmal eine Tochter von Asus war. Auf dem chinesischen Festland der Volksrepublik China werden unter anderem Desktops, Notebooks, Tablets, Smartphones, Grafikkarten, Spielkonsolen und E-Book-Reader gefertigt. Eine der drei untersuchten Fabriken produziert laut China Labor Watch auch für Nokia, Panasonic, HP, Dell, Asus, Acer und Sony, wie die Organisation sagt, auch wenn der Bericht sich hauptsächlich auf die Produktion von Apple-Hardware konzentriert.

Der 60-Seiten-Bericht steht als PDF bereit und zeigt deutlich, wie schlecht Arbeitsbedingungen in China sind. Viele Zustände sind für europäische Verhältnisse kaum vorstellbar.  (ase)


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