Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/reportage-pes-2014-wenn-der-fussballkommentator-das-spiel-nicht-sieht-1307-100156.html    Veröffentlicht: 16.07.2013 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/100156

Reportage PES 2014

Wenn der Fußballkommentator das Spiel nicht sieht

Wie kommentiert man eigentlich das Geschehen einer Fußballpartie, die erst noch stattfinden wird? Golem.de hat Wolff-Christoph Fuss und Hansi Küpper bei den Sprachaufnahmen für Pro Evolution Soccer 2014 ins Tonstudio begleitet.

"Corinthians gegen Boca Juniors - das ist natürlich irgendwie auch Brasilien gegen Argentinien. Ein Spiel mit unheimlichem Zündstoff", spricht Hansi Küpper ins Headset-Mikrofon. Ganz so, wie er es von seinem Beruf als Fernsehkommentator gewohnt ist. Von Fußballteams ist allerdings weit und breit nichts zu sehen, weder auf den Monitoren noch beim Blick aus dem Fenster.

Zusammen mit seinem Reporterkollegen Wolff-Christoph Fuss sitzt Küpper nicht etwa im Sportstadion, sondern im Aufnahmestudio von Globaloc in Berlin. Sie sprechen Tonschnipsel ein, aus denen später im PC- und Konsolenspiel Pro Evolution Soccer 2014 ein dynamischer Livekommentar zusammengesetzt werden soll.

Wolfgang Ebert von Konami dirigiert das Duo in der Sprecherkabine. Ob es gerade um bestimmte Teams, Wettbewerbe oder Modi gehen soll, entnimmt er einer Vorgabenliste der Pro-Evolution-Soccer-Entwickler aus Japan. Ein ausformuliertes Drehbuch für die beiden Sprecher gibt es nicht.

"Wir haben sogar darauf gedrängt, in all den Jahren, dass man sagt: möglichst wenig Script, wo wirklich abgelesen wird - und möglichst viel Freestyle. In dem Moment ist man ja relativ nah dran an dem, was wir im wahren Leben auch machen", erklärt Hansi Küpper. Sich passende Fußballszenen vor dem geistigen Auge vorzustellen, sei angesichts langjähriger Erfahrung als Fernsehkommentator keine große Hürde.

Bratwürstchen im Lizenzminenfeld

Als größerer Stolperstein stellt sich die immer wiederkehrende Frage heraus, ob bestimmte Namen aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden dürfen. Ohne das allumfassende Lizenzpaket des weltweiten Fußballverbands Fifa darf Konami nur die Spieler, Mannschaften, Wettbewerbe und Stadien nennen, für die es einzelne Nutzungsrechte erworben hat. Manchester United gehört dazu, Lokalrivale Manchester City dagegen nicht. Küpper und Fuss machen aus Letzterem gemäß der Vereinsfarben also einfach "den blauen Teil von Manchester".

Wiederholt gibt es Unklarheiten und Diskussionen rund um die Namensrechte: "Ich weiß gar nicht, ob wir Alex Ferguson sagen dürfen." Die französische Ligue 1 wurde lizenziert, die Austragungsstätte Stade de la Mosson des Vereins Montpellier jedoch nicht. Solche Details stehen nicht immer in Konamis Unterlagen, bei dringender Nachfrage helfen Kollegen aus London via Chat.

Deren bereits fertig aufgenommener Kommentar dient als zusätzliche Orientierung. Kommt auch so keine hundertprozentige Klarheit zustande, geht Wolfgang Ebert kein Risiko ein und verzichtet lieber auf spezifische Namensnennung: "Die Fifa ist ja superschwierig. Die versuchen sogar noch den Bratwürstchen um die Ecke ihren Stempel aufzudrücken." Und eben diese Fifa leiht ihren eigenen Namen ausgerechnet dem großen Fußballspielkonkurrenten von EA Sports.

Ob es um nichtlizenzierte Vereine oder eine weniger populäre Liga aus Chile geht, Fuss und Küpper füllen ihre Sprechzeit in solchen Fällen mit Anekdoten über Land und Leute. Dass sie sich dabei auch mal ins Wort fallen, verhaspeln oder kleine Späße erlauben, ist Teil des Konzepts und wird ungefiltert ins Spiel übernommen. Laut Konami soll es viele dieser Kommentare, zumeist sind es Einleitungen vor dem Anstoß, in Pro Evolution Soccer 2014 nur einmal zu hören geben. Es sei denn, der Nutzer löscht sein Spielerprofil und legt ein neues an.

'Ich krieg 'nen Einwurf und du redest vom Eckball.'

Küpper und Fuss verbringen nur die geringste Zeit der auf mehrere Tage verteilten Aufnahmesitzungen miteinander in einer Kabine. Kurzkommentare über Pässe, Schüsse und andere schnelle Aktionen sprechen die beiden individuell ein. Auch viele Spielernamen werden einzeln und mit unterschiedlicher Betonung aufgezeichnet. Je nach Art der Aktion und Position auf dem Spielfeld soll sich Pro Evolution Soccer später nach dem Baukastenprinzip an den Einzelteilen bedienen können. Fuss würde Arjen Robbens Namen beim Schuss an der gegnerischen Strafraumgrenze beispielsweise sehr viel aufgeregter ins Mikrofon rufen als beim unbedrängten Rückpass zum eigenen Torhüter. So verspricht es Konami zumindest.

Dieses dynamische System hat in Vorgängerversionen der Fußballsimulation nicht immer fehlerfrei funktioniert. "Bei der einen Szene musst du aufpassen. Da habe ich knapp am Tor vorbeigeschossen und du erzählst mir irgendwas von 'nem Lattenschuss", wurde Wolff-Christoph Fuss schon mal von Gamern im Stadion zur Rede gestellt. Hansi Küpper zitiert im Gegenzug Fanpost: "Ich krieg 'nen Einwurf und du redest vom Eckball." Mit einem Augenzwinkern haben beide immer wieder erklären müssen, dass sie keinesfalls live beim Spieler im Fernseher oder der Konsole sitzen.

Bei der Gelegenheit fragen wir sie nach ihrer Meinung zu sozialen Plattformen im Internet, die regelmäßig Schauplätze regelrechter Shitstorms gegen Fußballkommentatoren sind. "Du hast natürlich im Zeitalter von Youtube, Facebook und Twitter dieses Phänomen, dass jeder, der sich mal richtig auskotzen möchte, das machen kann", stellt Hansi Küpper fest. "Grundsätzlich polarisieren wir halt", ergänzt Wolff-Christoph Fuss. "Aber mein Gott, wir leben im 21. Jahrhundert. Das heißt, wir leben ein Stück weit im Zeitalter des Austauschs. Man kommt sich insgesamt näher. Und wenn's dann nur über soziale Plattformen ist, ja dann ist das eben so."

Pro Evolution Soccer 2014 erscheint im Herbst 2013 auf PC, Xbox 360 und Playstation 3. Es nutzt die für Metal-Gear-Solid-Titel entwickelte Fox Engine von Kojima Productions. Zu den lizenzierten Wettbewerben gehören die Uefa Champions League, Uefa Europa League, der Uefa Super Cup, die AFC Champions League sowie die Copa Libertadores, Copa Sudamericana und Recopa Sudamericana.  (dp)


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