Umfangreiche Quelle
Ein Großteil der heute bekannten Details über Leben und Arbeit von Schwester Mary Kenneth Keller geht auf einen umfangreichen biografisch-historischen Aufsatz zurück, den die Informatikhistorikerin Dianne O'Leary gemeinsam mit der Archivarin Jennifer Head verfasst hat.
Der Text bündelt Archivmaterial des BVM-Ordens, Zeitzeugenberichte und technische Einordnung und bildet die bislang umfassendste Darstellung von Kellers Werdegang.
Auf dieser Grundlage lässt sich ihr Lebensweg heute ungewöhnlich dicht nachzeichnen: von der Ordensschwester aus einem katholischen Frauencollege bis zur Informatikerin, die Lehre, Verwaltung und Forschung gleichermaßen prägte.
Im Gespräch mit Golem ordnete Dianne O'Leary Kellers Bedeutung zusätzlich ein und macht deutlich, warum ihr Wirken bis heute relevant ist. "Sie war eine Evangelistin für das Computing."
Dianne O'Leary im Interview mit Golem
O'Leary nimmt Keller nicht nur als historische Figur, sondern als Persönlichkeit wahr. Sie betont, dass Schwester Kenneth nicht von Karriereambitionen angetrieben gewesen sei. "Sie war nicht karriereorientiert, sondern von ihrer Berufung geleitet," sagte sie im Interview.
Im Kern sei Keller immer Lehrerin geblieben. Eine Kollegin habe sie als "Evangelistin für das Computing" beschrieben, vor allem mit Blick auf den Einsatz von Technologie "im Dienst der Menschheit" . Diese Haltung, sagte O'Leary, sei immer gleich geblieben. "Das ist der Punkt, auf den sie ihre Energie verwendet hat – in jeder Epoche."
Schwester Kenneth habe ihre Hauptaufgabe darin gesehen, junge Frauen auf die Herausforderungen und Möglichkeiten eines technologischen Zeitalters vorzubereiten. Dass das Clarke College ein Frauencollege war, sei dafür entscheidend gewesen.
Im Interview unterstreicht O'Leary zudem, dass Kellers Bedeutung nicht an populären Zuschreibungen hänge. "Ihre Errungenschaften stehen für sich," sagte O'Leary.
Besonders hebt sie Kellers frühe Auseinandersetzung mit Fragen hervor, die heute als hochaktuell gelten: Lernen durch Beispiele in der künstlichen Intelligenz, Computerbildung für alle gesellschaftlichen Gruppen und ethische Leitlinien für den Einsatz neuer Technologien.
Keller habe sehr früh erkannt, dass Computer das Leben grundlegend verändern würden – und dass diese Veränderung verantwortungsvoll gestaltet werden müsse. Auch persönlich zeichne sich Keller durch Konsequenz aus.
Während in den späten 1960er und in den frühen 1970er Jahren viele Ordensschwestern ihre Berufung neu hinterfragten und den Orden verließen, sei sie geblieben. O'Leary zitiert in diesem Zusammenhang die Ordensfrau Thea Bowman: Es sei entscheidend zu wissen, "wer man ist und wessen man ist" .
Genau das habe Schwester Kenneth gewusst. "Selbst als sie schwer krank war, erklärte sie anderen Schwestern noch den Umgang mit Computern," sagte O'Leary. "Sie hatte das Herz einer Lehrerin – und verlor es nie."