Zoom Fatigue: Warum Videokonferenzen uns so anstrengen

Ein Kommunikationswissenschaftler aus den USA hat vier Gründe gefunden, weshalb Videokonferenzen mental anstrengender sind als reale Gespräche. Und er gibt Tipps zu Linderung.

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Videokonferenz: ab und zu mal abschalten
Videokonferenz: ab und zu mal abschalten (Bild: Franck Fife/AFP via Getty Images)

Für viele von uns gehört das inzwischen zum Alltag: Statt sich zu Besprechungen in einem Raum zu treffen, setzen wir uns vor den Bildschirmen zu einer Videokonferenz zusammen. Und oft machen wir abends mit Verwandten und Freunden weiter, die wir aktuell nicht besuchen können. Solche Videokonferenzen haben zweifellos Vorteile. Aber es gibt auch eine Kehrseite.

"Zoom Fatigue" oder genauer "Zoom Exhaustion & Fatigue", nennt Jeremy Bailenson den Überdruss an Videokonferenzen. Er ist Kommunikationswissenschaftler an der Stanford University und Gründer des Stanford Virtual Human Interaction Lab (VHIL). Er hat vier Gründe für das Problem ausgemacht und beschreibt sie in einem wissenschaftlichen Aufsatz in der Fachzeitschrift Technology, Mind and Behavior.

Grund 1: Intensiver Augenkontakt

Für eine Videokonferenz richten wir die Kamera normalerweise so ein, dass das Gesicht formatfüllend zu sehen ist. Es soll ja nicht einfach nur ein kleiner Punkt irgendwo in der Bildmitte sein. Für die anderen bedeutet das aber, dass sie einen ganzen Bildschirm voller großer Gesichter haben, die ihnen entgegenstarren.

Eine Situation, die manche aus Vortragssituationen kennen: "Soziale Angst vor dem Sprechen vor Publikum ist eine der größten Phobien, die es bei uns gibt", sagt Bailenson. "Wenn man da oben steht und jeder einen anstarrt, ist das eine stressige Erfahrung."

Hinzu kommt, dass intensiver Augenkontakt unser Gehirn in große Aktivität versetzt: Wenn sich ein Gesicht in der realen Welt so sehr unserem eigenen nähert, hält das Gehirn das für eine intensive soziale Situation: entweder für einen Konflikt oder für eine sich anbahnende Zweierbeziehung.

"Wenn man sehr viele Stunden Zoom nutzt, befindet man sich in einem hypererregten Zustand", folgert Bailenson. Er empfiehlt, die Videokonferenz nicht dauernd als Vollbildoption darzustellen, sondern das Fenster und so auch die Gesichtsgröße zu verkleinern. Außerdem könne Abstand zum Monitor helfen.

Grund 2: Sich selbst sehen

In einer Videokonferenz sieht man nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst, was eine ungewöhnliche Situation sei, wie Bailenson sagt: Es sei, als folge einem ständig in der realen Welt jemand mit einem Spiegel, in dem man sich bei allem sehe. "Das wäre einfach verrückt. Niemand würde das jemals in Betracht ziehen."

Studien kamen laut dem Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Menschen kritischer mit sich selbst umgehen, wenn sie ein Spiegelbild von sich sehen. Ein plastischer Chirurg aus Hamburg bestätigt das: Er erzählte in der Wochenzeitung Die Zeit von einer gestiegenen Nachfrage für Gesichtsbehandlungen wegen Videokonferenzen.

Die Lösung dafür ist einfach: erst schauen, ob der eigene Bildausschnitt stimmt, und dann das eigene Bild ausschalten.

Grund 3: Wenig Bewegung

Bei konventionellen Telefongesprächen kann man aufstehen und durch den Raum gehen. Diese Möglichkeit besteht bei einer Videokonferenz nicht. Man ist wegen des Kameraausschnitts auf seinen Platz festgelegt - was Konsequenzen hat: "Immer mehr aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen, die sich bewegen, kognitiv leistungsfähiger sind", sagt Bailenson.

Eine Lösung könnte sein, die Kameraposition zu ändern. Mit einer externen Kamera, die weiter vom Bildschirm entfernt sei, könne es möglich sein, auch mal in einer virtuellen Besprechung aufzustehen oder sich zu bewegen. Außerdem rät Bailenson dazu, in längeren Konferenzen die Kamera auch mal auszuschalten und sich eine Pause zu gönnen.

Grund 4: Kognitive Belastung

Zu einem Gespräch gehört immer auch nonverbale Kommunikation, also Gesten und Gesichtsausdrücke. Jeder nutzt sie und interpretiert die des Gegenübers. Letzteres ist einer Videokonferenz aber schwierig. So werde aus einem persönlichen Gespräch etwas, das unseren Geist anstrenge, erläutert Bailenson. "Man muss sicherstellen, dass sich der Kopf in der Mitte des Videos befindet. Wenn man jemandem zeigen will, dass man ihm zustimmt, muss man übertrieben nicken oder den Daumen nach oben strecken. Das erhöht die kognitive Belastung, weil man zum Kommunizieren mentale Kalorien verbraucht."

Hinzu komme, dass in einer Videokonferenz häufig jemand eine Geste mache, die gar nicht den anderen Teilnehmern gelte, sondern einer Person aus dem eigenen Haushalt, die gerade in den Raum kommt, ohne dass die anderen diese sehen können. Das komme zur kognitiven Belastung dazu, sagt der Forscher. Als Lösung empfiehlt er auch hier, die Kamera ab und zu einmal auszuschalten.

Wer bei sich selbst Zoom Fatigue feststellt, kann das Stanford-Team um Bailenson bei der Arbeit unterstützen: Es hat einen Fragebogen ins Netz gestellt, in dem nach Symptomen gefragt wird. Ein Zwischenergebnis ist als Preprint abrufbar.

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motzerator 28. Feb 2021

Wie man das überhaupt aushalten kann, ist mir schleierhaft. Was meinst Du mit "spürst...

FreiGeistler 28. Feb 2021

Das hast du nun wirklich falsch interpretiert. Musst du von jedem deiner Kontaktpartner...

Dumpfbacke 27. Feb 2021

Das ist das gute an Foren. Hin und wieder sagt einer, wie sie ein Problem gelöst haben...

lestard 26. Feb 2021

Bei uns in der Firma wird auch Plantronics genommen aber meine Erfahrungen damit waren...



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