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Zone 3: Peter Thiels Überwachungstraum als Dystopie im Kino

Palantir ist heute, Alma kommt morgen. Zone 3 zeigt Paris in 20 Jahren als KI-Überwachungsstaat. Ein Sci-Fi-Krimi unweit unserer Gegenwart.
/ Daniel Pook
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Filmposter von Zone 3 (Bild: Studiocanal)
Filmposter von Zone 3 Bild: Studiocanal

Die Landespolizei Baden-Württemberg wird 2026 Zugriff auf Palantirs Überwachungsplattform Gotham erhalten. In Bayern ist mit dem Analysesystem Vera bereits solch ein Programm in Betrieb, das ebenfalls auf der umstrittenen Technologie basiert. Geheimdienste und Militär setzen weltweit längst in unterschiedlichsten Bereichen auf künstliche Intelligenz.

Ob das erste Schritte zu KI-gestützten Überwachungsstaaten sind? Überraschen würde es wohl niemanden mehr. Ganz bestimmt nicht Palantir-Mitgründer Peter Thiel, der so etwas in den USA unter Trump(öffnet im neuen Fenster) schon in fortgeschrittener Form umsetzt.

Der französische Sci-Fi-Film Zone 3 zeigt uns ein derartiges Szenario jetzt noch ausgeprägter, anhand von Paris im Jahr 2045. Er ist glaubwürdig gegenwartsnah inszeniert und mit mahnendem Unterton, jedoch leider auch mit einer einfallslosen Geschichte.

Wer dient hier eigentlich wem?

Es beginnt mit bewaffneten Terroristen auf der Flucht. Das Überwachungssystem Alma erfasst und verfolgt sie, alarmiert alle Einsatzkräfte in der Umgebung. Als die Verfolgten nicht aufgeben, schießen sowohl menschliche Beamte als auch selbstständig fliegende Drohnen mit Maschinenpistolen auf die Flüchtenden.

Bereits in dieser frühen Szene wirkt diffus, wer hier eigentlich die Befehlsgewalt hat. Polizisten bekommen datenbasierte Anweisungen ständig live von der KI und folgen ihr praktisch blind. Schießbefehle richten sich nach computerberechneter Einschätzung.

Ist das Programm Alma ein Hilfsmittel oder sind die Beamten Werkzeuge der KI, die längst unkontrolliert alle Strippen zieht? Würden die Verantwortlichen bemerken, wenn die Software manipuliert wurde? Und wer schaut dem Staat beim Umgang mit einem so mächtigen Tool überhaupt auf die Finger?

Zone 3 (Filmtrailer)
Zone 3 (Filmtrailer) (01:10)

KI-Bias aus familiären Gründen

Derlei Fragen stellen sich bald auch Zem Brecht (Gilles Lellouche) und Salia Malberg (Adèle Exarchopoulos), die als Duo in einem Mordfall ermitteln, der in Verbindung mit der geschilderten Verfolgungsjagd steht. Das Opfer heißt George Kessel (Thomas Bangalter(öffnet im neuen Fenster)) und ist kein Geringerer als Almas Schöpfer.

Die getöteten und geflüchteten Verdächtigen gehören einer KI-kritischen Aktivistengruppe an, im Film klar erkennbar dem Hacker-Kollektiv Anonymous nachempfunden. Sie wurden vom Polizeisystem, wenig überraschend, als Terroristen eingestuft. Doch natürlich geben die Gesamtumstände Anlass dazu, Almas Neutralität bei dieser Einschätzung infrage zu stellen. Sofern man der selbstständig arbeitenden KI noch nicht völlig hörig geworden ist.

Generative Überwachungsvideos

Salia und Zem fallen zunehmend Unstimmigkeiten in den Simulationen auf, die Alma automatisch auf Basis aller gesammelten Daten von Tatorten generiert. Die volumetrischen 3D-Videos stellen bereits geschehene Situationen virtuell so nach, als wären die Ermittler live dabei, selbst wenn es keine tatsächlichen Videoaufnahmen des Hergangs gibt. Auch vom Mord an Kessel existiert eine solche Visualisierung.

Dass die angegebene "Zuverlässigkeit des Szenarios" laut Wahrscheinlichkeitsberechnung nie 100 Prozent beträgt, gibt den meisten Ermittlern selbst bei Werten wie 88 Prozent längst keinen Grund mehr, von der KI-Prognose abzuweichen. Wer ALMAs Hypothese hinterfragt, andere Theorien verfolgt, sitzt schnell dem Polizeichef gegenüber, der genervt eine Erklärung fordert. Man würde es ja nur allen anderen und sich selbst umständlicher machen, obwohl die KI doch mit höchster Wahrscheinlichkeit zeigt, wer's war.

Der Hund aus Zone 3

Protagonist Zem gehört von Beginn an zu den wenigen Alma-Skeptikern im Staatsdienst. Er wird uns als kauziger Cop mit Schlafproblemen vorgestellt, der in Zone 3 lebt. So heißt der Armenbezirk im konzentrisch unterteilten Paris, dessen Bevölkerung nach Wohlstand sortiert auf drei Bereiche verteilt ist.

Obwohl er bemüht ist, sich in die Lage der ausgestoßenen Slumbewohner hineinzuversetzen, sehen sie in Zem bloß einen Diener des Überwachungsstaats, der wie ein abgerichteter Hund auf Befehl zum Feind wird. Für seine Kollegen von Zone 2 und 1 ist er ebenso nur ein Köter, eine despektierlich als Chien bezeichnete Spürhund-Einheit, die im Dreck von Zone 3 wühlen soll. Zusammen mit seiner Dienstnummer leitet sich daraus der französische Originaltitel Chien 51 des Films und seiner Romanvorlage ab. Das Buch kam in Deutschland übrigens als Hund 51(öffnet im neuen Fenster) auf den Markt.

In der Buchvorlage ist fast alles anders

Vielleicht wurde die Verfilmung bei uns bewusst in Zone 3 umbenannt, weil sie mit dem Buch nur noch die beiden Hauptfiguren, eine pessimistische Zukunftsvision und grundlegende Motive sozialer Disparität gemein hat. Sonst fast nichts. Als Spielort dient im Roman sogar statt Paris eine erfundene Megastadt, Magnapolis(öffnet im neuen Fenster), deren Glaskuppel nur die Wohlhabenden vor Säureregen schützt.

Künstliche Intelligenz spielt für die Handlung des Buchs keine übergeordnete Rolle. Es geht mehr um Politik in einer gescheiterten Megalopolis, rätselhafte Fälle von Organdiebstahl und die Menschheit in Händen skrupelloser Großkonzerne.

Überhaupt legt Originalautor Laurent Gaudé bei dem wirklich lesenswerten Roman mehr Wert darauf, seinen Schauplatz und die Bevölkerung darin detailliert zu beschreiben, bevor er Zems Untersuchung einer grausamen Mordserie in den Fokus rückt. Gerade der Protagonist bekommt so viel zusätzliche Vorgeschichte, dass die allein einen Film hätte füllen können. Im Kino erleben wir jetzt hingegen eine vollkommen andere, inhaltlich flachere Story, die sich kaum mit mehr aufhält, als vom Kriminalfall des ermordeten Entwicklers Kessel und seiner Überwachungs-KI zu erzählen.

Game Show als Zuckerbrot, Drohnen als Peitsche

Zem aus dem Film erlebt täglich aus nächster Nähe, dass Alma nicht nur der allgemeinen Sicherheit, sondern auch als Machtwerkzeug für die Oberschicht dient. Schutzwälle, Grenzkontrollen und ständige Identitätsprüfung per smartem Armband, das für alle Bürger Pflicht ist, stellen sicher, dass arme Menschen im Slum der Stadt unter sich bleiben, wenn sie nicht gerade im Dienst reicherer Menschen arbeiten sollen.

Den Aufstieg von einer Zone in die nächsthöhere schaffen nur wenige. So wie Zems Ermittlungspartnerin Salia, die den Umzug nach Zone 2 ihrem Sieg bei einer Activity-Game-Show zu verdanken hat.

Die öffentlichkeitswirksam beworbene Sendung Destiny ist ein kleines Zugeständnis, damit sich in Zone 3 keine komplette Hoffnungslosigkeit ausbreitet, die schnell zu einer Revolution heranwachsen könnte. Das Fernseh-Event ist so etwas wie Zuckerbrot, schussbereite Drohnen dienen als Peitsche. Beides zusammen hält das klassische Zonensystem – ganz im Sinne der besser gestellten Gesellschaften aus Zone 1 und 2 – erfolgreich aufrecht.

Das mag bis hierhin sehr nach The Hunger Games oder The Running Man klingen. Solch zumeist viel teureren Hollywoodproduktionen hat Zone 3 als ambitioniertes französisches Projekt (40 Mio. Euro Budget(öffnet im neuen Fenster)) aber einiges voraus, wenn es darum geht, sein Setting nicht wie von einem ganz anderen Planeten aussehen zu lassen.

Erweiterte Gegenwart anstatt Futurismus

Regisseur Cédric Jimenez gestaltet sein dystopisches Paris von 2045 bewusst realistisch, zeigt nur fortentwickelte Technik, die heute schon zum Greifen nah scheint.

Er selbst bezeichnet diesen Ansatz im Pressematerial von Herausgeber Studiocanal als "erweiterte Gegenwart", sieht die in Zone 3 abgebildete Gesellschaft nur als überhöhte Form momentaner Zustände, nicht als Futurismus. Im selben Bewusstsein hat auch Laurent Gaudé nach eigenen Worten(öffnet im neuen Fenster) die Romanvorlage erdacht: "Dies sind keine Science-Fiction-Bücher. Ich nähre sie, indem ich Zeitungen lese."

Maut-Kontrollpunkte der Pariser Stadtautobahn oder Smartphones, die wir immer bei uns tragen, bezeichnet Zone-3-Regisseur Jimenez als gar nicht so weit weg von seiner Orwellschen Dystopie(öffnet im neuen Fenster), in der jeder Mensch widerstandslos von einer gebündelten Datensammelstelle aus verfolgt werden kann. Was ja auch die Ambitionen von Palantir und vieler anderer Silicon-Valley-Konzerne aus unserer Wirklichkeit ganz treffend beschreibt. Vom NSA-Abhörskandal ganz abgesehen.

Palantir-Mitgründer Peter Thiel macht längst keinen Hehl mehr aus seinem Interesse an autoritären Ideen und Plänen abgekoppelter Stadtstaaten(öffnet im neuen Fenster) für Tech-Milliardäre wie ihn selbst. Einer seiner meistzitierten Sätze lautet: "Ich glaube nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit kompatibel sind."

So jemandem würden wir zutrauen, mit genügend politischem Einfluss aus Paris in den kommenden 20 Jahren ein ähnliches Ungetüm werden zu lassen, wie es uns Zone 3 vor Augen führt.

Dass dieses Paris aus dem Kino in nicht allzu ferner Zukunft liegt, erkennen wir auf den ersten Blick. Alltägliches wie Fahrzeuge und Kleidung unterscheiden sich im Film nicht wesentlich von unserer jetzigen Welt. Menschenähnliche Androiden suchen wir im Stadtbild genauso vergebens wie rundherum von Häuserfassaden grüßende 3D-Hologramme.

Paris wirkt hier dennoch verändert, bedrückend steril und leblos. Als sei die Stadt selbst traurig darüber, dass sie Grenzen zwischen den Menschen zieht. Wirklich glücklich wirkt im gesamten Film tatsächlich niemand. Und der einzige kurze Blick, den wir ganz am Ende in die gut gehütete Zone 1 werfen dürfen, ist ernüchternd trostlos. Denn die vermögendsten Menschen leben dort in ihren riesigen Anwesen offensichtlich am einsamsten.

Kleidungssponsor für die Dystopie

Das groß aufgezogene Product Placement für Lacoste mutet unter solch tristen Bedingungen wie Antiwerbung an. Der Bekleidungshersteller wird sich das aber gut überlegt haben, fungiert die Firma doch sogar als Co-Produzent und maßgebliche Geldquelle zur Umsetzung des Films Zone 3 – nicht der Zone 3 des gleichnamigen Armutsgebiets aus dem Film, dessen Bewohner sich über finanzielle Zuwendung sicherlich mehr gefreut hätten als über gigantische Videoreklame, wie sie im Kino auf Hochhausfassaden projiziert erscheint.

Total absurd heißt es dazu auf der realen Firmenwebseite(öffnet im neuen Fenster): "In diesem Thriller setzt Lacoste ein starkes Zeichen mit einer eigens co-kreierten Szene, die zeigt, wie die Marke in einer dystopischen Welt existieren könnte."

Wären wir für reinste Banalität genauso zu begeistern wie die hier zitierte Werbeagentur, hätte uns Zone 3 im späteren Verlauf mit seiner Story wohl nicht so sehr enttäuscht. Die Ermittlungen von Zem und Salia treten inhaltlich erst lange auf der Stelle und enden dann viel zu abrupt mit der offensichtlichsten aller Auflösungen.

Minority Report als erklärtes Vorbild

Co-Drehbuchautor Olivier Demangel gibt, neben den üblichen Sci-Fi-Klassikern, Steven Spielbergs Minority Report als Inspiration für seine lose Adaption von Hund 51 an. Beide Filme erzählen von mächtigen Justizapparaten, die sich dank des Einsatzes moderner Technologie als unfehlbar anpreisen, obwohl ihre Systeme von innen heraus korrumpiert werden können.

Im Gegensatz zum Hollywood-Vorbild bleibt es in Zone 3 nur bei einer gut aufgebauten Prämisse. Wer daran anknüpfend eine ausgeklügelte Intrige erwartet, die sich uns Stück für Stück durch aufregende Ermittlungsarbeit offenbart, sitzt im falschen Film. Nicht einmal die zentralen Motive, KI-Überwachung und soziale Ungerechtigkeit, werden je angemessen vertieft.

Kaum Substanz in gelungener Atmosphäre

Machtbefugnisse und technische Fähigkeiten von Alma zeichnet Zone 3 bis zum Schluss nur vage und widersprüchlich. Wir sollen glauben, die KI sei tödlich und habe Augen überall. Später lässt sie sich dann wiederholt mit einfachsten Mitteln austricksen. Ihre Drohnen, gefühlt gibt es davon nur eine Handvoll, schießen so unpräzise wie die Sturmtruppen aus Star Wars(öffnet im neuen Fenster).

Haben sich gesuchte Verbrecher einmal ihrer smarten Armbändchen entledigt, hat Alma außerdem große Schwierigkeiten, sie noch ausfindig zu machen. Ganz so gut im Überwachen scheint dieser Überwachungsstaat gar nicht zu sein.

Obwohl der Film in Deutschland Zone 3 heißt, ist das Randgebiet des Pariser Schauplatzes kaum von besonderer Bedeutung. Unser Heldenduo hat dort zwar gemeinsame Wurzeln, was ihre Beziehung zueinander stärkt. Es ergibt auch Sinn, dass ausgerechnet diese beiden weniger privilegierten Außenseiter als einzige Polizisten misstrauisch gegenüber Alma werden.

Ohne die Zonen wäre es der gleiche Film

Ansonsten bleibt das nach Klassen zonierte Paris bloß dekorativer Umstand, ein verkümmertes Überbleibsel der Romangeschichte. Die Bezirke werden nie so in die Handlung eingewoben, als das Drehbuch sie wirklich bräuchte. Zumal es in Paris, wie in den meisten Metropolen, ohnehin heruntergekommene Armutsviertel, zwielichtige Vergnügungsmeilen und teure Upper-Class-Bezirke gibt, wie sie im Film vorkommen.

Das wirkliche Paris ist jetzt schon gut erkennbar sozial gespalten, mit teuren Wohngebieten im Zentrum und prekären Banlieues am Rand(öffnet im neuen Fenster). Im Rest Frankreichs sieht es kaum anders(öffnet im neuen Fenster) aus.

Zone 3 ist wieder so ein Projekt, bei dem die Autoren merkbar Lust auf das Szenario hatten, aber eigentlich gar nicht wussten, was sie darin überhaupt erzählen wollten. Mit jeder neuen Szene merken wir: Dem Plot geht zunehmend die Luft aus und alle kurz mal angerissenen Ideen, haben andere Sci-Fi-Werke schon konsequenter zu Ende verfolgt. Oder sie wurden bereits von der Gegenwart eingeholt.

Dichte Neo-Noir-Atmosphäre und sympathische Hauptfiguren sind trotzdem gute Gründe, Zone 3 eine Chance zu geben. Für mehr Genuss empfehlen wir jedoch gedämpfte Erwartungen an die Handlung. Oder gleich das viel bessere Originalbuch, das immer noch eine richtige Verfilmung verdient hätte.

Zone 3 ist am 27. November 2025 in deutschen Kinos gestartet.


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