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"Zizianer": Gewalt aus dem Silicon Valley

Sie waren Wissenschaftler und Technikerinnen und wollten die Welt zu einem besseren Ort machen. Heute werden die sogenannten Zizianer mit sechs Todesfällen in Verbindung gebracht. Was ist passiert?
/ Elke Wittich
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Die Caleb (hier ein Bild aus dem Jahr 2022) sollte die Basis für eine "Tech Fleet" als alternatives Wohnprojekt werden. (Bild: San Mateo County Harbor District, Public domain, via Wikimedia Commons)
Die Caleb (hier ein Bild aus dem Jahr 2022) sollte die Basis für eine "Tech Fleet" als alternatives Wohnprojekt werden. Bild: San Mateo County Harbor District, Public domain, via Wikimedia Commons
Inhalt
  1. "Zizianer": Gewalt aus dem Silicon Valley
  2. Aus Rationalisten werden Zizianer
  3. Traum von einer eigenen Tech Fleet
  4. Ein vorgetäuschter Tod und ein Mordversuch
  5. Silvester 2022, Philadelphia: Mord an Rita und Richard Zajko in Philadelphia

Die Geschichte der Menschen, die später als Zizianer bekannt werden sollten, lässt sich nicht an einem einzigen Ort und nicht mit einem klaren Gründungsdatum beginnen. Es gab keine Mitgliederlisten, keine offizielle Organisation und lange Zeit nicht einmal einen gemeinsamen Namen. Was sie verband, waren persönliche Beziehungen, ein zunehmend geschlossenes Weltbild und Konflikte, deren Bedeutung Außenstehende zunächst kaum erkennen konnten.

Erst Jahre später wurden Ereignisse in Kalifornien, Pennsylvania und Vermont zu einer gemeinsamen Erzählung zusammengesetzt. Vieles daran ist bis heute umstritten: Wer tatsächlich zur Gruppe gehörte, wie groß der Einfluss ihrer zentralen Figur Ziz Lasota war und wann aus philosophischer Radikalität eine Bereitschaft zur Gewalt entstand. Einer der ersten öffentlich sichtbaren Momente ereignete sich im November 2019 in einem abgelegenen Camp nördlich von San Francisco.

Es begann mit einem Notruf

Der Notruf, der am 15. November 2019 aus dem nordkalifornischen Westminster Woods, einem christlich orientierten Camp, das demonstrativ mit der Regenbogenflagge für Toleranz warb, abgesetzt wurde, klang ernst. Schwarz gekleidete und maskierte Menschen hatten mit ihren Fahrzeugen die Aus- und Eingänge des Areals versperrt. Für das alarmierte Sheriff-Department war die Situation unübersichtlich, wie sich beteiligte Polizisten später erinnerten(öffnet im neuen Fenster).

Dass sich eine Gruppe von 18 Schulkindern zu einem Kletterkurs in Westminster Woods befand, machte die Lage wohl besonders brisant. Dazu kam, dass angeblich mindestens eine der maskierten Personen eine Waffe bei sich trug. Sofort wurde Verstärkung angefordert. Vier Eindringlinge konnten verhaftet werden, sie gaben an, lediglich eine Demonstration abhalten zu wollen. Ein Swat-Team kümmerte sich um die mit ihren Betreuern in ein Gebäude geflüchtete Kindergruppe, auch ein Helikopter kam zum Einsatz.

Was wie ein Fall polizeilicher Überreaktion aussah, sollte der Beginn für die weitgehende Isolation einer Gruppe junger hochbegabter Menschen werden. Am Ende werden sechs Menschen tot sein.

Die vier Protestierenden, die Transfrauen Emma Borhanian, Gwen Danielson, Ziz Lasota und Somni Leatham, waren zunächst verhaftet worden, weigerten sich jedoch, mit der Polizei zu kooperieren und bezeichneten die Beamten als "Nazis" und "Sklavenhalter".

Sie gaben an, lediglich einen gewaltlosen Protest gegen ein Treffen von Rationalisten geplant zu haben. Alle vier kamen nach wenigen Tagen auf Kaution frei, erklärten aber später, die Haftzeit sei für sie traumatisierend gewesen. Sie seien von den Beamten grundsätzlich mit ihren "Deadnames" (ihren alten, abgelegten Namen) angeredet worden, dazu seien sie verspottet und bedroht worden, außerdem seien die Zellen in katastrophalem Zustand gewesen.

Die Vier kündigten an, zu klagen. Für die Gruppe, deren Leben sich bislang auf dem Universitätscampus, in philosophischen Gesprächszirkeln und gut dotierten Jobs abgespielt hatte, dürfte die Haft ein schockierender Bruch gewesen sein. Hinzu kam, dass ihre Motive von den Beamten offenkundig nicht verstanden wurden. Dem US-Magazin Wired sagte einer von ihnen später, er habe nicht begriffen, worüber die Vier sprachen.

Tatsächlich hatten die Zizianer keine Ideologie, wohl aber ein Weltbild, das sich zunehmend radikalisierte. Ziz Lasota mischte Ideen aus dem Rationalisten- und Effective-Altruism-Milieu mit eigenen Versionen von Anarchismus, kompromisslosem Veganismus und der Überzeugung, dass alle empfindungsfähigen Wesen moralisch gleichberechtigt seien. Zugleich hielt sie eine fehlgeleitete künstliche Superintelligenz für eine existenzielle Gefahr und warf etablierten Rationalisten-Organisationen vor, bei ihren Überlegungen zur KI-Sicherheit die Rechte von Tieren nicht ernst genug zu nehmen.

Hinzu kamen eigene Theorien über Entscheidungstheorie, Moral und Bewusstsein, darunter die Vorstellung, die beiden Gehirnhälften könnten gewissermaßen unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen moralischen Eigenschaften beherbergen. Aus diesem Gemisch entstand zunehmend ein manichäisches Weltbild, in dem Kompromisse als moralisches Versagen und vermeintliche Gegner leicht als grundsätzlich böse erscheinen konnten.

Für die Polizisten damals dürfte der Protest wie eine obskure Auseinandersetzung aus einem um Welten von ihnen entfernten Universitätsmilieu gewirkt haben. Für die Gruppe war der Konflikt dagegen längst zum zentralen Teil ihrer Identität geworden.


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