Xenial Xerus: Ubuntu will weiter mit Alleingängen punkten

Das Ubuntu-Projekt hatte bei seiner Gründung das Ziel, die Desktop-Nutzung einer Linux-Distribution klar zu vereinfachen. Auf die Desktop-Innovation mit dem konvergenten Unity8, die sich seit Jahren in Entwicklung befindet, müssen die Nutzer aber auch mit der Veröffentlichung von Ubuntu 16.04 alias Xenial Xerus weiter warten. Umso mehr sieht es so aus, dass Canonical seinen Fokus auch mit teils umstrittenen Entscheidungen mehr und mehr auf die Server-Variante von Ubuntu verlagert.
Desktop-Funktionen von anderen
Das heißt aber nicht, dass die Entwickler die klassische Desktopnutzung von Ubuntu vernachlässigen würden. So hat sich das Team zum Beispiel dazu entschieden, sein eigenes Software Center zur grafischen Installation von Anwendungen nicht mehr weiterzupflegen, sondern stattdessen auf die Alternative aus dem Gnome-Projekt zu setzen, das schlicht Software heißt.
Dieses ist in Version 3.20 in Xenial enthalten, also der derzeit aktuellen Version von Gnome. Zusätzlich dazu, dass Nutzer nun sowohl bei Gnome als auch bei Unity die gleiche Anwendung zur Verwaltung ihre Software verwenden können, ergibt sich aus der Wahl aber noch ein weiterer Vorteil. Mit Gnome-Software und den dazugehörigen Kommandozeilenwerkzeugen ist es sehr einfach möglich, das UEFI eines Rechners zu aktualisieren, vorausgesetzt das Gerät unterstützt dieses Vorgehen.
Außerdem nutzt Unity nun standardmäßig den Gnome Kalender, verzichtet aber auf die Installation des Messaging-Clients Empathy und Brasero, ein Werkzeug zum Brennen von CDs und DVDs. Der größte Teil der von Gnome integrierten Bestandteile basiert in Ubuntu 16.04 auf Gnome 3.18, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Sämtliche Standardanwendungen nutzen nun zudem Webkit2 zum Darstellen von Webinhalten. Für Libreoffice wird das Breeze-Icon-Theme genutzt, das vom KDE-Design-Team stammt.
Große Kleinigkeiten bei Unity
Für die Oberfläche hat das Ubuntu-Team außerdem die Unterstützung für Displays mit sehr hohen Auflösungen verbessert. Nach längerem Zögern reagiert Canonical mit zwei eher unscheinbaren Änderungen auch auf teils massive Kritik der Nutzer von Ubuntu.
Um zu vermeiden, dass Suchanfragen in dem Startmenü von Unity auch an Server von Canonical übertragen werden, mussten Nutzer dies bisher explizit in den Systemeinstellungen festlegen. In Xenial ist es nun die Standardeinstellung, dass keine Daten versendet werden. Canonical hatte die Möglichkeit zum Abschalten der Online-Suche erst nach heftiger Kritik umgesetzt und auch danach weiterhin die Vorteile des Systems der Online-Suche beworben.
Eine vergleichbare Kehrtwende macht das Team bei der Positionierung des Launchers. Die Schnellstartleiste mit Knöpfen für verschiedene Anwendungen war bisher auf die linke Seite der Anzeige beschränkt, was eigentlich auch so bleiben sollte. Doch mit Xenial ist es nun möglich, den Launcher an den unteren Bildschirmrand zu verschieben.
Unity8 ist immer noch nicht fertig
Auf Grundlage von Qt, QML und der Eigenentwicklung Mir als Displayserver versucht Canonical seit 2013 mit Unity8 eine neue Oberfläche zu erstellen, die geräteübergreifend funktionieren und damit auf Smartphones, Tablets und dem Desktop laufen soll. Mobilgeräte sollen sich so auch als tragbare Desktops eignen, sofern diese an Monitor und Eingabegeräte angeschlossen werden.
Zwar gibt es bereits einige Smartphones, die mit Ubuntu verkauft werden, von einer vollständigen Konvergenz ist Unity8 wohl aber immer noch ein Stück entfernt. So stürzte die Oberfläche in einem kurzen Test mehrfach ab, die verfügbaren Anwendungen wie etwa die Systemeinstellungen reagierten nicht und die für X11 geschriebenen Programme waren nicht auffindbar.
Snap-Pakete, Fehlende Treiber, PHP 7 als Standard und ZFS
Als Konsequenz zu den Arbeiten an dem Konzept zum konvergenten Desktop ist bei Ubuntu auch ein neues Paketformat zum Verteilen von Software entstanden. Damit soll die Verbreitung von Anwendungen mehr oder weniger unabhängig vom darunterliegenden Betriebssystem erfolgen können. Die Anwendungen der Nutzer sollen damit schneller aktualisiert werden können, wobei die stabile Basis des Betriebssystems beibehalten wird. So sollen künftig Updates für den Firefox-Browser in Ubuntu mit Hilfe von Snap bereitgestellt werden, wie Mozilla mitteilt(öffnet im neuen Fenster) .
Ein neues Werkzeug, das den Namen Snapcraft trägt, soll dazu genutzt werden, Software in dem neuen Paketformat zu bündeln. Auch bestehende Deb-Pakete sollen mit dem Werkzeug zu Snaps umgewandelt werden können. Noch ist die Auswahl an Snaps für Desktop-Nutzer eher gering. Doch im vergangenen Jahr hat Canonical das Format bereits für eine Vielzahl von IoT- und Embedded-Geräten getestet, darunter ein Kühlschrank, eine Drohne oder auch ein Router von Dell. Canonical hat mehrfach versichert , dass Snaps die Deb-Pakete langfristig nicht ersetzen werden, sondern beide Formate koexistieren sollen.
Kein proprietärer AMD-Treiber
Anders als in vorherigen Versionen fehlt in den Archiven von Xenial zurzeit auch ein proprietärer Treiber für Grafikkarten von AMD. Der alte proprietäre AMD-Treiber, der unter dem Namen Fglrx gepflegt worden ist, ist schlicht nicht mehr kompatibel zu den Versionen des Linux-Kernels und des X-Servers, die in Ubuntu 16.04 vorhanden sind. Bei einem Update wird der alte Treiber samt seiner Konfigurationsdateien zwangsweise entfernt.
Als Ersatz empfiehlt Canonical die Verwendung der freien Treiber, die inzwischen ähnlich wie bei Intel von AMD selbst gepflegt werden. Etwas ältere Grafikkarten mit AMD-Chip nutzen in Ubuntu deshalb den Radeon-Treiber, für neuere Modelle mit GCN-Architektur wird der AMDGPU-Treiber verwendet. Um für eine entsprechend gute Leistung zu sorgen, hat das Kernel-Team von Canonical einige Funktionen der Treiber aus Linux 4.5 auf die in Ubuntu genutzte Version 4.4 zurückportiert.
Nutzer, die etwa wegen der besseren Leistung von OpenGL dennoch auf die Verwendung des proprietären Treibers angewiesen sind, müssen auf den neuen hybriden Treiber AMDGPU-Pro(öffnet im neuen Fenster) zurückgreifen. Dieser enthält freie Kernel-Bestandteile und proprietäre Userspace-Komponenten. Offiziell befindet sich der AMDGPU-Pro-Treiber noch in der Betaphase und wird nur für Ubuntu 14.04 bereitgestellt. Wohl deshalb bietet Canonical diesen noch nicht offiziell in seinen Archiven an, was aber noch geschehen soll.
PHP 7 könnte Mehrarbeit bedeuten
Wohl relativ kurzfristig haben sich die Paketbetreuer von Ubuntu dafür entschieden, PHP in Version 7 in ihre Archive aufzunehmen. Die ältere und noch gepflegte Version 5.6 wird dagegen nicht offiziell als Paket angeboten. Für Webhoster, die Ubuntu einsetzen, könnte dies einiges an Mehraufwand bedeuten und Nutzer, die etwa einen kleinen Heimserver mit Webanwendungen betreiben, sollten sich ein Update deshalb gut überlegen. Das ist aber stark vom jeweiligen Einsatzzweck abhängig.
Denn der Versionssprung von PHP 5.6 auf 7 bringt einige syntaktische ebenso wie semantische Änderungen. Damit müssen auch die PHP-Anwendungen angepasst werden, was für die meisten Pakete im Ubuntu-Archiv jedoch bereits geschehen sein soll. Einzige Ausnahme davon soll das Content-Management-System Drupal 7 sein, das offiziell noch nicht PHP 7 unterstützt. Sobald dies der Fall sein wird, will Canonical das Paket in die Archive von Xenial aufnehmen.
ZFS-Verwendung könnte Lizenzstreit erzwingen
Als besonderes Angebot für seine Server-Kunden bietet Canonical nun auch kompilierte Treiber für das Dateisystem ZFS an. Dieses ist ursprünglich bei Sun für Solaris entstanden und wird etwa in FreeBSD häufig genutzt. Dass ZFS auf Linux bisher keinen breiten Einsatz gefunden hat, liegt an den Lizenzbestimmungen der CDDL, denen ZFS unterliegt.
Laut Meinung einiger Entwickler und Juristen ist die CDDL aber nicht zur GPL kompatibel, weshalb die ZFS-Treiber nicht in den GPL-lizenzierten Linux-Kernel eingepflegt werden dürften und auch nicht mit diesem als Binärcode vertrieben werden dürften. Mit der Entscheidung von Canonical, dies nun trotzdem umzusetzen, verletzt der Linux-Distributor also möglicherweise die Urheberrechte von Linux-Entwicklern. Klären könnte diese Frage letztlich aber nur eine juristische Auseinandersetzung, die einer der Kernel-Hacker gegen Canonical anstreben müsste.
Weitere Neuerungen von Ubuntu 16.04 alias Xenial Xerus finden sich in den Release Notes(öffnet im neuen Fenster) sowie in einer Pressemitteilung von Canonical(öffnet im neuen Fenster) . Die Distribution wird fünf Jahre lang mit Updates versorgt und läuft außer auf x86-Rechnern auch auf ARM-Geräten, verschiedenen PowerPC-Chips sowie auf IBM Z-Systems als Teil des Angebots Linux One.



