Wunderchip Tachyum Prodigy: Lügen haben erstaunlich lange Beine
Ich habe mir schon mehrfach vorgenommen, erst wieder über Tachyum zu schreiben, wenn die Staatsanwaltschaft dem Unternehmen einen Besuch abstattet – oder das slowakische Äquivalent. Doch immer wieder lügt Tachyum noch dreister , als ich es mir hätte vorstellen können. Die jüngste Ankündigung zum Wunderprozessor Prodigy(öffnet im neuen Fenster) treibt das so auf die Spitze, dass ich mich frage: Ist Tachyum in Wahrheit ein Krisenexperiment, das die Grenzen der Naivität ausloten will?
Statt einfach ohne großes Aufsehen von der Bildfläche zu verschwinden, streicht das Unternehmen weiter fleißig Investorengelder ein. Während es für andere Start-ups in Europa richtig schwer sein soll, an Geld zu kommen – Stichwort Due Diligence -, konnte Tachyum in einer Finanzierungsrunde jüngst 220 Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) einsammeln. Ich hätte nie erwartet, dass Investoren auf so offensichtliche Unwahrheiten hereinfallen. Daher schreibe ich nun doch wieder darüber, um die neuesten Behauptungen auseinanderzunehmen.
Tachyum schafft angeblich in Monaten, wofür andere Jahre brauchen
Tachyum zufolge soll sein Prodigy-Chip jetzt in der größten Ausbaustufe mit vier Chiplets, die jeweils 256 selbst entwickelte Rechenkerne enthalten, die 20-fache KI-Rechenleistung erreichen, die Nvidia für seine nächste GPU-Generation Rubin verspricht. Die besteht aus zwei Chiplets, die das technisch Machbare bereits ausreizen.
Selbst für einen reinen KI-Beschleuniger wären das enorme Zahlen, aber Tachyum will die 20-fache Leistung bieten und gleichzeitig soll Prodigy für General-Purpose-Anwendungen ebenfalls bestens geeignet sein. Diesen Widerspruch muss man erst einmal sacken lassen.
Außerdem hat Tachyum Prodigy angeblich nicht nur auf eine Chiplet-Architektur umgestellt, sondern auch mal eben den Fertigungsprozess gewechselt: Dem Unternehmen zufolge sollen die Prodigy-Chiplets nun in einem 2-nm-Prozess gefertigt werden. Das alles innerhalb weniger Monate, denn noch im Februar 2025 war von Viersockelsystemen mit 256-Kern-Prozessoren die Rede(öffnet im neuen Fenster).
Halten wir uns kurz vor Augen: Diese Ankündigung kommt von dem Unternehmen, das angeblich mit seinem Projekt fast scheiterte, weil Synopsis angeblich falsche Versprechungen zu zugekauften Speicher- und PCIe-IP-Cores (Intellectual Property) gemacht hatte. Dasselbe Unternehmen will nun einen eigenen Speicher-Controller entwickelt haben, welcher der Industrie um Jahre voraus ist, und stellt mal eben von PCIe 5.0 auf PCIe 7.0 um. Bei Tachyum arbeiten eben die Besten der Besten der Besten.
Die Regeln der Physik sind dazu da, gebrochen zu werden!
Ich muss es einmal ganz deutlich sagen: Was Tachyum verspricht, widerspricht den Regeln der Physik. Auch mit einem 2-nm-Prozess – bei wem die Prodigy-Dies gefertigt werden sollen, erfahren wir übrigens nicht – ist die versprochene Funktionalität niemals in einem Chiplet zu implementieren.
Denn jedes Chiplet soll nicht nur 256 Prozessorkerne mit Matrix- und Vektoreinheiten enthalten, die neben dem eigenen Befehlssatz auch x86-, ARM- und RISC-V-Programme effizient ausführen (wie, bleibt unklar), sondern auch insgesamt 256 MByte L2- und L3-Cache, sechs Speicher-Controller, 32 PCIe-Lanes, das Die-to-Die-Interface sowie ein Chip-to-Chip-Interface. Die großen Prozessorhersteller sind dafür offensichtlich zu blöd, das schafft nur Tachyum.
Auch auf Systemebene ist Tachyum der Konkurrenz um Jahre voraus: Bis zu 16 Prozessoren mit jeweils 16 Speicher-Controllern will Tachyum verbinden können. Explizit gesagt wird es nicht, aber all dies müsste auf einem Mainboard sitzen – wenn Tachyum nicht auch noch eine zu Nvidias Nvlink vergleichbare Schnittstelle entwickelt hätte. Wundern würde mich eine solche Behauptung nicht. Aber selbst mit vier CPUs und je 16 Speichersockeln würde es in einem normalen 19-Zoll-Gehäuse schon verdammt eng.
Tachyum ist hier aber auch sicherlich der Konkurrenz einfach um Jahre voraus.
Tachyum gibt sich beim Lügen nicht einmal Mühe
Davon abgesehen müsste Tachyum nicht nur einen eigenen Prozessorsockel entwickeln – die größten versprochenen Prodigy-Varianten müssten weit über 10.000 Kontakte haben -, sondern auch eine Kühllösung. Denn das versprochene, mit 6 GHz taktende Spitzenmodell mit 1.024 Kernen, 24 Speicher-Controllern und 128 PCIe-7.0-Lanes (warum eigentlich so wenige?) soll eine TDP von sagenhaften 1.600 W haben.
Das ist selbst für Nvidia-Verhältnisse viel, und Nvidia hat mit Partnern eigene Racks entwickelt, um die enorme Leistungsdichte in den Griff zu bekommen. Und dennoch hatte Blackwell wohl anfangs thermische Probleme.
Aber für die Universalgenies bei Tachyum ist auch das sicher kein Problem. Vielleicht haben sie auch einfach eine KI trainiert, die auf dem FPGA-Prototyp bereits dank der eigenen Tachyum-AI-Datentypen supereffizient läuft und alle Engineering-Probleme löst. Wenn Tachyum das nächste Woche behauptet, würde mich das kein bisschen wundern.
Denn Tachyum ist es nicht zu blöd, Dinge zu versprechen, die erst für in einigen Jahren angekündigt sind. DDR5-Speicher mit 17.600 MTransfers/s etwa. Der ist tatsächlich geplant, die Zahl stammt aus einer Roadmap des Speicher-Konsortiums Jedec für MCR-RAM (Multiplexer Combined Ranks). Bei dem vereint ein Modul quasi zwei Speicherriegel, auf die abwechselnd zugegriffen werden kann. Auf der Jedec Roadmap steht DDR5-17.600 allerdings erst für 2030.
Das Risikokapital liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben
Es ist traurig, dass in der EU Geld – auch Steuergeld – in ein Unternehmen fließt, das seit Jahren ganz offensichtlich Unhaltbares verspricht, bislang abseits eines FPGA-Prototyps nichts vorzuweisen hat und statt Hardware nur immer neue Fantastereien liefert. So wird das nichts mit eigener, in der EU entwickelter Hardware.
Mit den 300 Millionen US-Dollar, die Tachyum nach eigenen Angaben mittlerweile eingesammelt hat, hätte man einen wirklich tollen Prozessor oder Beschleuniger entwickeln können. Stattdessen bekommen wir dafür nur eine schlechte Show. Auf ein Bild eines Prozessors gephotoshoppte Renderings (im Prodigy Datasheet, PDF(öffnet im neuen Fenster)) eines Dies sind wirklich alles, was es für hunderte Millionen braucht? Von Tachyum auf so plumpe Weise für dumm verkauft zu werden, macht mich ebenso wütend wie das verschwendete Steuergeld.
Aber vielleicht macht das schlechte Beispiel ja Menschen Mut, die echte Hardware entwickeln wollen. Denn wenn Tachyum mit so schlechtem Theater 300 Millionen US-Dollar einsammeln kann, dann scheint es echt nicht schwer zu sein, an Risikokapital zu kommen. Nehmt das Geld, bevor Tachyum es tut! Denn mittlerweile glaube ich, dass uns das Unternehmen noch eine Weile erhalten bleiben wird.
Eine gute Nachricht gibt es aber auch: Die Ferroelectric Memory Corporation aus Dresden konnte 100 Millionen Euro Kapital einwerben(öffnet im neuen Fenster). Mit einem echten Produkt.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
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