Writers Strike: Was der Autorenstreik für die Serienproduktion bedeutet

Der letzte Autorenstreik dauerte 100 Tage, in denen keine neuen Drehbücher produziert wurden. Er begann im Herbst 2007 und erst im Frühjahr 2008 einigten sich die WGA (Writers Guild of America) und die AMPTP (Alliance of Motion Picture and Television Producers). Vor zwei Tagen hat nun wieder ein Streik begonnen: Nachdem der bisherige Vertrag zwischen beiden Partnern am Dienstag ausgelaufen war und davor keine Einigung erzielt werden konnte, rief die WGA den Arbeitskampf aus. 98 Prozent der Autoren haben die Streikentscheidung der WGA unterstützt.
Was fordern die Autoren?
Die Entertainment-Industrie hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. Der Vertrag, der nach dem Streik im Jahr 2008 zustande kam, spiegelt diese Veränderungen nicht wider. Es geht unter anderem um Tantiemen für Streaming, an das damals noch nicht zu denken war. Mittlerweile sind die Streamingangebote immens gewachsen, es gibt immer weniger Serien, die für die großen US-Sender und deren lineares Programm produziert werden - was immense Auswirkungen auf den Arbeitsprozess hat.
Früher hatten Staffeln meist 22 Folgen. Während die Dreharbeiten der ersten beiden Folgen begannen, arbeiteten die Autoren an den Drehbüchern der fünften und sechsten Episode. Auf diese Weise sind sie stärker in den Produktionsprozess eingebunden und lernen den Tagesablauf einer Produktion im Verlauf von etwa 40 Wochen für eine Staffel kennen - für den Fall, dass sie selbst einmal Showrunner werden möchten.
Bei den Streamern ist es anders. Hier haben sich Staffeln mit sechs, acht oder zehn Folgen etabliert. Praktisch alle Streamingserien sind short-order series und es gibt keinen Writer's Room mit zehn Autoren, sondern einen Mini-Room mit vier oder fünf Autoren. Die komplette Staffel wird geschrieben, dann entscheidet der Streamer, ob er die Show wirklich produzieren wird. Produziert er sie, ist der Autor außen vor. Am Produktionsprozess ist er nicht mehr beteiligt.
Da Autoren traditionell kein Gehalt bekommen, sondern pro Episode bezahlt werden, sinken ihre jährlichen Einnahmen. Die WGA möchte, dass mit den Mini-Rooms Schluss ist und eine feste Quote an Autoren an jeder Serie beteiligt sein muss. Die AMPTP kontert, dass das schon alleine deswegen nicht möglich sei, weil es Serien wie The White Lotus gibt, die von einem einzigen Autor geschrieben werden. Außerdem will die AMPTP sich nicht vorschreiben lassen, wie viele Leute sie anheuern darf.
Feste Autorenquote und höhere Tantiemen
Eine andere Forderung der WGA ist, dass zugesichert wird, dass KI nicht genutzt werden darf, um Arbeitsbedingungen, Kompensation für Rewrites, Tantiemen, weiterführende Rechte und Stabsnennungen zu unterminieren. Kurz gesagt: Die WGA fürchtet, dass die Produzenten auf die Idee kommen könnten, Drehbücher von KI schreiben zu lassen. Etwas, das die Produzenten (noch) verneinen.
Chris Keyser, der Ko-Vorsitzende der WGA-Verhandler, erklärte(öffnet im neuen Fenster) : "Sie wollten über KI nicht mal reden, was meines Erachtens ein guter Indikator dafür ist, wo sie die Zukunft sehen." Es dürfe nicht so sein, dass die KI eine erste Drehbuchfassung liefert, die die Autoren dann überarbeiten sollen. "KI kann für Recherchezwecke benutzt werden, aber sie darf nicht originärer Autor sein. Keiner von uns weiß, wie sich KI entwickeln wird, aber dass die Produzenten nicht darüber reden wollen, zeigt, dass wir Grund haben, sie zu fürchten."
Ein weiterer Punkt, der der WGA wichtig ist: Sie möchte angesichts der weltweiten Auswertung von Filmen und Serien von Streamern höhere Tantiemen. Die WGA forderte Erhöhungen von sechs, fünf und fünf Prozent im Verlauf der nächsten drei Jahre, die AMPTP offerierte vier, drei und zwei.
Die AMPTP repräsentiert Netflix, Paramount Global, Warner Bros. Discovery, Fox, Disney, Comcast/NBCUniversal, Apple und Amazon. Deren CEOs haben im vergangenen Jahr zusammen fast 800 Millionen US-Dollar verdient. David Zaslav, der CEO von Warner Bros. Discovery, kam allein schon auf eine Zahlung von 250 Millionen US-Dollar.
Das ist in etwa das Äquivalent dessen, was die WGA mehr fordert. "Eine Viertelmilliarde - das ist in etwa die Summe, die mehr als 10.000 Autoren kollektiv fordern. Ich würde sagen, wenn man einem Manager eine Viertelmilliarde Dollar bezahlen kann, dann machen diese Firmen einen immensen Profit. Ihre Profite steigen, sich als arme Schlucker zu gerieren, greift einfach nicht," erklärte Autor Adam Conover im Interview mit CNN(öffnet im neuen Fenster) .
Und weiter: "Autoren, die diese Shows machen, verdienen so wenig, dass sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können. Diese Firmen machen jedoch mehr Geld als je zuvor. Die Leute aber, ohne die die Shows gar nicht existieren würden, machen weniger."
Was die Produzenten wollen
Die AMPTP hat per se einen recht schlechten Stand. Sie vertritt Konzerne - die Sympathien all jener, die diesen Streik von außen verfolgen, liegen also eher bei den Autoren. Bei diesen hat sich wiederum eine gewaltige Einkommensschere geöffnet. Einige wenige Star-Autoren wie Ryan Murphy oder Shonda Rhimes schließen Deals über 200 bis 300 Millionen US-Dollar ab, die anderen arbeiten in einer Gig Economy, wie die WGA sagt - wandern also von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten.
Die AMPTP bleibt in dem, was sie will, vage. Man kann es wohl darauf herunterbrechen: Sie will mehr Profit machen und darum weniger zahlen.
Was bedeutet der Streik für kommende Filme und Serien?
Gerne wird als Begründung angeführt, dass der Aufbau der Streamer mit immensen Kosten versehen war und einige erst jetzt in die Gewinnzone kommen.
Schlecht geht es ihnen aber nicht. Netflix wird zum Beispiel in diesem Jahr 17 Milliarden US-Dollar für Content ausgeben. Am Ende des ersten Quartals hat man aber 2,1 Milliarden US-Dollar an sogenanntem Free Cash Flow. Das sind liquide Mittel, die ein Unternehmen am Ende eines Quartals für Tilgungen, Dividenden, Investitionen und Ähnliches übrig hat. Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2022 waren es "nur" 800 Millionen US-Dollar.
Als erstes trifft es Late-Night-Shows, dann Soaps
Die Frage ist nun, worauf die Konsumenten sich einstellen müssen. In den USA wird es als erstes die Late-Night-Shows treffen, da die Autoren hier natürlich tagesaktuell schreiben. Als nächstes wird es die Daily Soaps erwischen, bei denen der Vorlauf auch nur wenige Wochen beträgt.
Was die Serien bei den großen Networks betrifft, enden die aktuellen Staffeln ohnehin im Mai und sind längst fertig. Allerdings kann es nun sein, dass es länger dauert, bis die neuen Staffeln beginnen - abhängig von der Länge des Streiks. Es ist also gut möglich, dass Network-Serien erst Anfang des nächsten Jahres mit neuen Staffeln kommen werden, statt im Spätsommer dieses Jahres.
Die Streamingdienste sind vorerst noch auf der sicheren Seite. Viele ihrer Shows befinden sich bereits in Produktion. Aufgrund des Systems, dass ganze Staffeln geschrieben werden, bevor die Dreharbeiten beginnen, ist hier in absehbarer Zeit noch mit neuem Material zu rechnen.
Allerdings gibt es auch hier Auswirkungen. Beispielsweise wird sich die sechste und letzte Staffel der Erfolgsserie Cobra Kai verschieben, weil der Autorenraum hier erst seit ein paar Wochen aktiv ist und nun die Arbeit abbrechen muss.
Was wird aus Starfleet Academy, was aus Section 31?
Ein weiteres Beispiel ist das Star-Trek-Franchise: Die Serie Strange New Worlds ist vorerst nicht betroffen, die zweite Staffel ist komplett fertig und startet im Juni, die dritte ist bereits in Produktion. Die Drehbücher dafür sind fertig.
Auf die neu angekündigte Serie Starfleet Academy und den Section-31-Film mit Michelle Yeoh wird man aber wohl länger warten müssen. Dagegen sind die Drehbücher für die fünfte und letzte Staffel von Star Trek: Discovery bereits fertig.
Weiter produziert werden Star Trek: Lower Decks und Star Trek: Prodigy, da Animationsserien nicht unter die Ägide der WGA fallen. Hier ist die TAG (The Animation Guild) aktiv und deren Vertrag läuft noch. Natürlich werden aber keine neuen Projekte entwickelt - man denke etwa an einen möglichen Spin-off der letzten Picard-Staffel(öffnet im neuen Fenster) .
Generell wird man den Streik im Programm der Streamer in den nächsten sechs Monaten nicht bemerken. Sollte der Streik lange dauern, könnte es dann aber zu Verzögerungen und einem im ersten und zweiten Quartal 2024 ausgedünnten Programm der Streamingdienste kommen.
Gleiches gilt für das Kino. In diesem Jahr werden die meisten Filme noch wie geplant an den Start gehen. Allerdings könnten die großen Firmen auch dazu übergehen, einige Filme, die für das letzte Quartal 2023 geplant waren, ins Jahr 2024 zu schieben, damit die Lücke dann nicht so groß ist.
Können ausländische Autoren übernehmen?
Da Streamer international produzieren, stellt sich natürlich die Frage: Könnten nicht Autoren aus anderen Ländern übernehmen? Das kann die WGA nicht verhindern. In ihren Statuten heißt es aber: "Die Guild kann Nicht-Mitglieder wegen Streikbrechens nicht disziplinieren. Jedoch kann und wird die Guild jeden streikbrechenden Autor künftig auch nicht in ihre Reihen aufnehmen."
Was effektiv heißt, dass eine Karriere als Drehbuchautor in den USA ausgeschlossen wäre, weil die großen Studios mit Mitgliedern der WGA arbeiten müssen. Zudem gibt es in vielen Ländern ein Äquivalent der WGA. Die Writers Guild of Great Britain hat ihren Mitgliedern beispielsweise empfohlen, nicht als Streikbrecher zu fungieren. Sie hat sich zudem wie viele andere Interessenvertretungen mit der WGA solidarisch erklärt(öffnet im neuen Fenster) .
Folgen weitere Streiks?
Solidaritätsbekundungen gibt es auch von Schauspielern und Regisseuren. Deren Gewerkschaften, die Directors Guild of America und die Screen Actors Guild of America, könnten potenziell ebenfalls in einen Streik eintreten.
Nicht jetzt und nicht, um der WGA beizustehen, sondern weil deren Verträge zum 30. Juni 2023 auslaufen. Die harten Verhandlungen haben bereits begonnen(öffnet im neuen Fenster) .
Die Schauspieler streikten zuletzt im Jahr 1978, die Regisseure im Jahr 1983 - letztere aber nur für gerade mal drei Stunden. Würden die Schauspieler aber in Streik treten, wäre die Produktion praktisch aller Formate mit sofortiger Wirkung gestoppt.
Bei den Autoren haben die Studios mehr Zeit. So stellt sich nun nur die Frage, ob es ein langer oder ein kurzer Streik wird. Der längste fand 1988 statt und dauerte 153 Tage, der kürzeste war mit 100 Tagen der von 2007/2008.



