Wolfenstein angespielt: Agent Blazkowicz in historischer Mission

15 Jahre lange Jahre lebt B. J. Blazkowicz in einer Art Standby-Modus: Nachdem er sich 1946 eine Kriegsverletzung zugezogen hat, kann er weder sprechen noch sonst eine Gemütsregung zeigen. Aber was um ihn herum in einer polnischen Nervenheilanstalt geschieht, das versteht er schon – und wir mit ihm, natürlich im Zeitraffer. Als dann Anfang der 1960er Jahre ein paar Nazis ein Massaker in dem Krankenhaus anrichten und insbesondere die Pflegerin Anja zu Schaden kommt, reicht es: B. J. Blazkowicz wacht auf und beschließt, den Zweiten Weltkrieg zu einem nicht ganz so üblen Ende zu bringen.

Das ist die Ausgangslage in Wolfenstein: The New Order, das derzeit im Auftrag von Bethesda beim schwedischen Entwicklerstudio Machine Games(öffnet im neuen Fenster) entsteht. Beim Anspielen hat sich unter anderem herausgestellt, dass die neuen Abenteuer des alten Serienhelden Blazkowicz ein lange vernachlässigtes Genre bedienen: das der handlungsgetriebenen Ego-Shooter, die anders als die Call of Dutys dieser Welt eine ernst gemeinte Geschichte erzählen und sogar ohne Multiplayermodus auskommen.

















Die Kampagne soll für heutige Verhältnisse lang sein: rund 20 bis 25 Stunden, so Bethesda. Ausprobieren konnten wir das aber nicht, beim Anspielen hatten wir nur rund drei Stunden Zeit. Das Spiel bietet vier Schwierigkeitsstufen, eine fünfte und extrem herausfordernde wird nach dem ersten Durchgang freigeschaltet.

Als Einführung in die Geschichte haben wir einen gut einstündigen Prolog gespielt, der während der langen Auszeit von Blazkowicz im Jahr 1946 spielt. Er beginnt über der Nordsee, und zwar an Bord eines alliierten Flugzeugs, das ein paar kleine Probleme hat: Angreifer von allen Seiten. Blazkowicz darf Ballast abwerfen, an der Bordkanone auf die Gegner feuern und sich dann mit einem aufwendig inszenierten Stunt in letzter Sekunde in Sicherheit bringen.
Hoch hinaus an der Steilwand
Ab dann ist Wolfenstein ein "echter" Ego-Shooter, sprich: Wir kämpfen mit der Schusswaffe in der Heldenfaust gegen Feinde, meist gegen schwer bewaffnete Soldaten, aber ab und zu auch gegen Roboterhunde und ähnliche Spezialgegner. Das spielt sich in Schützengräben und einem großen Bunker ab, gelegentlich treffen wir verbündete Amerikaner, mit denen wir einen Teil des Weges zurücklegen. Besonders schick fanden wir einen Abschnitt, in dem wir eine Steilwand an einem straff gespannten Seil hochklettern und gleichzeitig mit unserer Waffe auf Feinde in den Fenstern feuern.

Kurz bevor Blazkowiczs Geist für 15 Jahre entschwindet, kommt es in einer längeren interaktiven Sequenz zu einem Treffen mit einem finsteren Nazigeneral namens Wilhelm Strasse, der den Kampfnamen "Totenkopf" trägt. Zu viel möchten wir nicht verraten, aber spätestens an dieser Stelle zeigt sich, dass Wolfenstein zurecht eine Freigabe erst ab 18 Jahren erhält.

















Einige Szenen in dem Spiel fanden wir extrem düster und brutal, außerdem zwingen sie den Spieler zu Handlungen, die er im echten Leben wahrscheinlich kaum aushalten würde. Stellenweise kam uns das Programm noch gewalthaltiger als der thematisch verwandte Film Inglourious Basterds vor.
Hierzulande erscheint das Spiel sehr umfangreich lokalisiert. Hakenkreuze und andere Symbole haben wir in der deutschen Version gar nicht gesehen, die Sprachausgabe hat einen sehr gelungenen Eindruck gemacht – etwa im Hinblick auf die betont schleimige Stimme von General Strasse.
Viele Plakate und sogar Hintergrundsongs etwa aus einem Radio sind in Deutsch gehalten: Dann singt eine Frau zur Melodie von The House of the Rising Sun den Text "Es steht ein Haus in Neu-Berlin"; in welcher Sprache der Song in der US-Version von Wolfenstein zu hören ist, wissen wir leider nicht...
Grafik auf Basis von id Tech 5
Nach dem Prolog, wenn das Programm in den 60er Jahren angekommen ist, will sich Blazkowicz dem Widerstand anschließen. Bis er zu dieser Entscheidung kommt, wird der Spieler Zeuge von ein paar Zwischensequenzen, die für die Serie ungewohnt ruhig sind und in denen eine Ernsthaftigkeit zu spüren ist, die wir beim Spielen angenehm fanden. Wir hoffen, dass wir Derartiges auch später noch in der Handlung finden – das ist einer der Punkte, bei denen wir wirklich neugierig auf die fertige Version sind.

Was das eigentliche Gameplay angeht, dürfte Wolfenstein eine gute Mischung aus unkomplizierter Action und etwas fortgeschrittenen Funktionen werden. Natürlich steht Ballern im Vordergrund, dafür müssen wir in manchen Abschnitten mit der automatisch mitgezeichneten Karte unseren Weg finden, besonders gefährliche Kommandanten ausfindig machen und sie möglichst vor den Standardgegnern ausschalten.

















Dazu kommt ein simples Fähigkeitensystem, mit dem wir etwa durch häufiges Schleichen unsere Schleichfähigkeiten verbessern können. Nervig fanden wir, dass wir zum Aufnehmen von Munition, Medizin oder anderen nützlichen Gegenständen immer eine Taste drücken müssen, statt einfach nur darüberzulaufen; außerdem gibt es jede Menge Kisten und andere Behälter zum Durchsuchen.
Wolfenstein: The New Order soll am 23. Mai 2014 erscheinen, und zwar für Windows-PC, Xbox 360 und One sowie Playstation 3 und 4. Die deutsche Version soll mit einer USK-Freigabe ab 18 Jahren erscheinen, über die Anpassung der Symbole hinausgehende Schnitte soll es keine geben.
Beim Anspielen stand uns die PC-Fassung zur Verfügung, die wie alle Versionen auf der Engine id Tech 5 basiert und grafisch einen sehr ansprechenden Eindruck gemacht hat. Und das, obwohl die höchste Detailstufe nicht zur Verfügung stand, weil daran noch gearbeitet wird. Auch die Playstation-4-Variante konnten wir kurz ausprobieren: Wir hatten den Eindruck, dass die Texturen nicht ganz so knackig aussahen, und auch die Levelgeometrie eine Spur schwächer war; die Xbox-One-Version hatte Bethesda nicht vor Ort.