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Wolfenstein 2 im Test: Harte Action in der Motorrüstung

Hauptfigur B.J. Blazkowicz ist eigentlich nur noch ein Häufchen Elend - aber dank seiner Motorrüstung kann er trotzdem als Ein-Mann-Armee in den USA gegen deutsche Besatzer antreten. Der Egoshooter Wolfenstein 2 inszeniert das als zynisch-morbides Spektakel.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Wolfenstein 2. (Bild: Bethesda/Screenshot: Golem.de)
Artwork von Wolfenstein 2. Bild: Bethesda/Screenshot: Golem.de

Schon während des mehr als zehnminütigen Intros des Egoshooters Wolfenstein 2 - The New Colossus gibt es mehrere Stellen, an denen wir uns schlecht fühlen. Wir sehen als B.J. Blazkowicz eine Operation am eigenen Bauch, werden fast erwürgt, sollen unseren Hund erschießen und werden Zeuge eines bösen Streits zwischen unseren Eltern. Und als es dann endlich losgeht, stellen wir fest, dass wir im Kampf gegen eine Nazi-Armee schwer verletzt im Rollstuhl antreten müssen.

Wolfenstein 2 - Test
Wolfenstein 2 - Test (02:21)

Die Situation wird nicht besser. Das gilt für Blazkowicz, aber auch für uns. Denn nur der einfachste der sieben (!) Schwierigkeitsgrade ist halbwegs freizeitspielerkompatibel. In den höheren müssen wir uns auf zunehmend härtere Gefechte und entsprechend häufigere Respawns einstellen. Der knackigste Schwierigkeitsgrad namens "Mein Leben!" steht nach dem ersten Durchgang zur Verfügung, er hat als Besonderheit gar keinen Rücksetzpunkt und nur ein Leben - wer einmal stirbt, was fast unvermeidbar ist, muss ganz von vorne beginnen. In den anderen Schwierigkeitsstufen können wir jederzeit manuell Savegames anlegen, auch auf Konsole. Dazu kommen automatische Checkpoints.

Aber nicht nur wir leiden, sondern auch Blazkowicz. Um die Sache hier abzukürzen: Er bekommt nach einiger Zeit die sogenannte Maschinenrüstung, die ihn wieder auf zwei Beinen kämpfen lässt und ihm ein paar Spezialfähigkeiten verleiht. Mit einem Sprung können wir etwa an bestimmten Stellen den Boden durchbrechen, um in den nächsten Abschnitt zu gelangen.

Davon abgesehen ist die Action schnell, aber unkompliziert. Wir müssen in erster Linie darauf achten, dass wir jeden Feind so flott wie möglich ins Jenseits befördern. Das tun wir nach Abschluss der ersten Missionen in Neu York - die Schreibweise ist kein Fehler, schließlich hat in den 60er Jahren des Spiels das deutsche Regime die Macht jenseits des Atlantiks erobert. Später legen wir uns unter anderem in New Mexico mit Robotersoldaten an.

Ein Teil der aufwendig in Szene gesetzten, durch einige lange Zwischensequenzen erzählten Handlung greift das Thema Rassismus auf. Eingebettet darin ist auch eine sensibel erzählte Familiengeschichte rund um den Helden. Dieser Teil der Story wirkt anrührend, passt aber nicht so richtig zu den morbid-zynischen Sequenzen mit Nazi-Chefin General Engel.

Die KI wirkt ordentlich, hat aber auch kaum komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Die Feinde greifen uns meist frontal an, fein abgestimmte Manöver gibt es selten - das ist beim von Machine Games(öffnet im neuen Fenster) in Schweden produzierten Wolfenstein 2 aber offensichtlich auch gar nicht vorgesehen. Da stört es auch nicht weiter, wenn einer der vielen Hundert Opponenten stehenbleibt und ein paar Augenblicke früher von unseren Kugeln durchsiebt wird als sonst. Zwischendurch gibt es immer wieder Duelle mit großen und starken Bossgegnern.

Mit Blazkowicz kämpfen wir zwar nicht in offenen Umgebungen, die meisten Levels lassen uns aber an vielen Stellen zwei oder drei Wege. In der Trümmerwüste von Manhattan etwa ballern wir uns zum Teil durch die Reste von Straßenschluchten, können aber auch den Weg durch die zerstörten Gebäude an der Seite wählen. Gelegentlich führt das zu Orientierungsschwierigkeiten - aber irgendwie kommen wir doch immer ans Ziel. Die ersten Umgebungen sind trist gehalten, das Spiel steigert sich daber spürbar und im letzten Drittel kämpft sich Blazkowicz durch sehr sehenswerte Levels.

Damit wir mit den allmählich immer (noch) stärker werdenden Feinden fertigwerden, können wir unsere Fähigkeiten im Spielverlauf verbessern. Wenn wir beispielsweise eine bestimmte Zahl von finalen Kopfschüssen geschafft haben, richten wir beim Verwenden eines Visiers mehr Schaden an; im Spiel heißt dieses System " Vorteile ". Auch unsere Waffen können wir mit einem größeren Magazin oder mehr Durchschlagskraft optimieren, indem wir bestimmte Gegenstände in den Umgebungen finden und über die Menüs applizieren.

Das Aufnehmen von Gegenständen ist überhaupt ein größeres Thema in Wolfenstein 2. Eigentlich sollte das Programm Munition, Schutzpanzerung oder andere Gegenstände selbstständig beim Darüberlaufen verwenden. Das funktioniert aber nur zum Teil. Einerseits müssen wir ungewöhnlich präzise über das jeweilige Objekt gehen, andererseits ist die Funktion nicht für alle Gegenstände vorgesehen.

Wolfenstein 2 The New Colossus - Trailer (Launch, DE)
Wolfenstein 2 The New Colossus - Trailer (Launch, DE) (01:29)

Gesundheitsverbesserungen etwa könnte der Spieler, so die mutmaßliche Logik der Entwickler, auch für später liegen lassen. Das bedeutet, dass wir die Umgebungen sorgfältig mit der Ergreifen-Taste absuchen müssen; vor allem dann, wenn wir zur Optimierung der Trophäenliste Comics, Sammelkarten und weitere Extras suchen, kann das nerven.

Die Spielzeit von The New Colossus hängt stark vom Schwierigkeitsgrad ab, dürfte aber im Mittel bei ungefähr 12 bis 15 Stunden für einen Durchgang liegen. Wer dazu noch die zusätzlichen Enigma-Missionen absolviert, kommt auf knapp das Doppelte. Für diese Extraaufgaben müssen wir feindliche Kommandanten erschießen und ihnen eine Schlüsselkarte abnehmen. Die Enigma-Missionen führen uns allerdings nur in Umgebungen, die auf Orten aus der Haupthandlung basieren. Wer mag, kann die Aufträge auch nach Ende der Kampagne erledigen.

Verfügbarkeit und Fazit

Wolfenstein 2 ist für Windows-PC ( Systemanforderungen ), Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Im Spiel gibt es weder einen Onlinemodus noch Mikrotransaktionen. Der Titel erscheint in Deutschland nur mit exzellenter deutscher Sprachausgabe, die allerdings nicht immer lippensynchron ist. Die US-Tonspur wird nicht mitgeliefert und ist auch nicht ohne Weiteres als Download erhältlich. Laut Publisher Bethesda gibt es in der hierzulande verfügbaren Version gegenüber dem US-Original bei den teils krassen Gewaltdarstellungen keine inhaltlichen Änderungen.

Dafür werden laut Publisker "Inhalte, die gegen § 86a des deutschen Strafgesetzbuches oder vergleichbare Verbotsvorschriften verstoßen oder verstoßen können, durch atmosphärisch gleichwertige Alternativen ersetzt" . Das heißt, dass wie im Vorgänger Hakenkreuze und ähnliche Symbole ausgetauscht wurden. Von der USK hat das Programm mit diesen Maßnahmen eine Freigabe ab 18 Jahren erreicht.

Fazit

Wuchtige Waffen, der fordernde Schwierigkeitsgrad, düstere Umgebungen und eine stellenweise fast schon quälend morbide Handlung: Wolfenstein 2 ist das Gegenteil eines Wohlfühl-Actionspiels. Die neuen Abenteuer dessen, was von B.J. Blazkowicz noch übrig ist, können selbst Frohnaturen innerhalb weniger Missionen das Lachen im Hals stecken bleiben lassen - und das, obwohl es immer wieder Szenen mit gelungenem Humor gibt.

Immerhin ist das Spiel richtig gut gemacht. Der Story gelingt der Spagat, die schrägen Figuren aus der Widerstandsgruppe halbwegs glaubhaft darzustellen und ein Reich des Bösen auf der Gegenseite zu inszenieren. Vor allem aber wird das geschickt mit den Levels verbunden. Die Feuergefechte im zertrümmerten Neu York etwa machen als Ballerspiel sehr viel Spaß, wirken gleichzeitig - passend zur Geschichte - aber auch bedrückend.

Trotz der Stärken gefällt uns das Spiel etwas weniger als der Vorgänger. Uns fehlen dessen epische Momente, und das Szenario ist zu beliebig - wir verbinden mit Wolfenstein düstere Burgen und Alpenschlösser und nicht Roswell. Außerdem hätten wir uns stellenweise mehr Gegnervielfalt gewünscht. Genervt hat uns das unentschlossene Aufnehmen von Munition oder Medipacks - hoffentlich bessern die Entwickler noch per Update nach.

Gut gefällt uns das motivierende System der Vorteile mit ihren gezielt zu uns passenden Verbesserungen. Ein dickes Lob auch für die beiden frei konfigurierbaren Waffenhände - so etwas wünschen wir uns öfter, auch wenn die Bedienung dann gerne weniger fummelig sein darf. Ein bisschen Luft nach oben bleibt also für das nächste Wolfenstein.

Wolfenstein 2 - Test
Wolfenstein 2 - Test (02:21)

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