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WM: Wie viel Technik verträgt der Fußball?

Nicht nur die Spieltechnik der Fußballer wird immer ausgefeilter, sondern auch die, mit der sie überwacht, ausgewertet, analysiert werden. Und doch gibt es noch viel Potenzial.
/ Felix Lill
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Training zur WM 2014 (Bild: Stringer Brazil/Reuters)
Training zur WM 2014 Bild: Stringer Brazil/Reuters

Wenn am Donnerstag die Weltmeisterschaft in Brasilien startet, dürften zumindest durch Fehler bei der Sicht auf die Linie keine irregulären Tore mehr fallen. Die deutsche Technologie Goalcontrol(öffnet im neuen Fenster) wird mit sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor arbeiten, die ein Signal an die Schiedsrichteruhr senden, sobald der Ball die Torlinie vollständig überquert hat. Und auch sonst ist die beliebteste Sportart der Welt längst stärker technisiert, als es vielen Traditionalisten lieb wäre. Tendenz klar steigend.

Am wichtigsten Objekt des Spiels, dem Ball, wird in letzter Zeit besonders viel gearbeitet. Im Vorfeld der WM hat der Sportartikelhersteller Adidas eine eingebaute 360-Grad-Ballkamera präsentiert, die das Spiel von allen Seiten filmen kann. Seit Mai vermarktet die Firma einen weiteren Hightech-Ball. Ein Sensor im Inneren solle Spielern helfen, "Technik, Schusskraft, Spin und Treffsicherheit" mit einer automatischen Anleitung zu optimieren, wie es in einer Pressemeldung heißt.

Brazuca - Trailer (Adidas)
Brazuca - Trailer (Adidas) (00:43)

Der Sensor im Ball wertet Kraft und Schusshaltung aus, per Bluetooth und Smartphone-App können die Daten auf das Handy geladen werden. Die App ist kostenlos, der Ball kostet 299 Euro(öffnet im neuen Fenster) . Vor zehn Jahren waren noch Maschinen modern, die wie Blitzanlagen auf der Straße, manchmal eher schlecht als recht, die Geschwindigkeit eines Schusses messen konnten. Heute wirkt so etwas fast altmodisch.

Der gläserne Fußballer

Eine weitere der jüngsten Innovationen erregte auf der Cebit 2014 Aufsehen, ausprobiert durch eine Nachwuchsmannschaft des von SAP-Gründer Dietmar Hopp gesponserten Bundesligaklubs TSG Hoffenheim 1899. Durch an die Schienbeinschützer angebrachte Transponder sollen Spielerdaten wie Laufleistung, Schussstärke, Geschwindigkeit und dergleichen in Echtzeit vergleichbar werden(öffnet im neuen Fenster) .

Big Data im Fußball(öffnet im neuen Fenster) , eine Tendenz, die im US-amerikanischen Baseball so ähnlich schon existiert und für Datenschützer als weitere Form des gläsernen Bürgers gilt. So wird die Entwicklung, wenn auch fußballerisch förderlich, mit Skepsis betrachtet.

Daten gegen Wettbetrug

Eine Fülle an Daten und wenig Angst vor deren Nutzung gibt es dagegen bei den Bemühungen, das Spiel sauber zu halten. Denn in den vergangenen Jahren kamen auch immer wieder Korruptionsskandale ans Licht. Anfang 2013 deckte Interpol einen internationalen Mafiaring auf(öffnet im neuen Fenster) , der Spiele geschoben hatte. Lange vorher war so etwas schon in Deutschland bekanntgeworden; neben Profis waren auch Schiedsrichter in Manipulationen verwickelt(öffnet im neuen Fenster) . Einige Länder und der gesamte Sport fürchten deshalb um ihren Ruf.

Der Weltfußballverband Fifa arbeitet für diese WM daher mit unterschiedlicher Analysesoftware, um Spielmanipulationen ausfindig zu machen und ihnen so vorzubeugen. Die Algorithmen basieren(öffnet im neuen Fenster) zum großen Teil auf Wettquoten und dem entsprechenden Geschehen auf dem Spielfeld, anhand dessen Auffälligkeiten beobachtet werden können.

Auch die Wettquoten beruhen wiederum auf Algorithmen, wobei das grundsätzliche System der Buchmacher die jüngsten Resultate beider spielenden Mannschaften heranzieht, zudem die Heim- und Auswärtsstärke berücksichtigt sowie die Historie bisheriger Aufeinandertreffen der Teams. Aber je komplexer die Wette, desto mehr Daten sind vonnöten. Und, weil sie undurchsichtiger sind, bei so detailreichen Wetten wie etwa darüber, wer die erste Ecke schießt oder das erste Foul bestreitet, ist der Sport besonders anfällig für Manipulation - und damit für Reputationsverlust.

Lügendetektor gegen Korruption

So der Fall in Singapur, von wo aus ein einflussreiches Wettkartell über Jahre Spiele auf dem ganzen Globus schob. Um den Ruf der eigenen, sportlich eher schwachen, nationalen Liga zu schützen, nutzt der Singapurer Fußballverband nun einen Lügendetektor(öffnet im neuen Fenster) , an den jeder verdächtigte Spieler und Funktionär angeschlossen werden muss. "Wir verfolgen eine Null-Toleranz-Strategie bei der Korruption" , sagt Jason Lee vom nationalen Fußballverband dazu. "Wer nichts zu verbergen hat, muss nichts befürchten."

Über Messungen des Blutdrucks, der Atmung oder des Pulses soll der von Fußballergewerkschaften als technisch fragwürdig kritisierte Polygraph ausfindig machen, ob ein Befragter die Wahrheit sagt. "Wir haben sehr positive Resultate" , sagt Jason Lee. Die Anzahl von Bestechungsfällen sei schon stark gesunken.

Da geht noch viel mehr - aber wollen wir das?

Natürlich wäre noch viel mehr denkbar. Ähnlich wie Schiedsrichter und Linienrichter könnten etwa auch Trainer und ihre Spieler oder die Spieler untereinander per Funk verbunden sein. Spielsituationen könnten auf die Schnelle abgesprochen, von der Tribüne aus Analysen aus der Vogelperspektive auf das Spielfeld getragen werden.

Alternativ könnten Datenanalysen durch strategisch einsetzbare Spielunterbrechungen an die Spieler herangetragen werden, wie es im Handball oder American Football auch üblich ist. Auch die SAP-Technologie, die derzeit am Nachwuchs erprobt wird, könnte dem Trainer während des Spiels wichtige Informationen für Ein- und Auswechslungen bringen. Es wären wenige von vielen Möglichkeiten, dem Spiel noch mehr technische Finesse zu verleihen.

Datenanalyse im Fußball mit SAP Hana
Datenanalyse im Fußball mit SAP Hana (00:51)

Modernisierer gegen Romantiker

Immer wieder wird diskutiert: Wie viel Technologie kann der Sport vertragen? Und die Antwort spaltet die Fußballfans in zwei Lager - wie es geschah, als bei der Klubweltmeisterschaft in Japan vor anderthalb Jahren erstmals bei einem großen Turnier eine Torlinientechnologie eingesetzt wurde. Die zwei Modelle, das aus dem Tennis bewährte Kamerasystem Hawkeye und das System mit Chip im Ball, Goalref, zeigten mit verschiedenen Ansätzen, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht.

"Nun wird Fußball fair und transparent" , jubelten die Modernisierer, zu denen sich auch der Fifa-Präsident Sepp Blatter zählte. Aber dem Sport gehe doch die Romantik der Fehlentscheidungen verloren, zauderten die Gegner. Tore wie 1966 im Londoner Wembleystadion, als Deutschland wegen eines irregulären Tores das WM-Finale gegen England verlor, hätten so nie ihren heutigen Mythenstatus erreicht. So ähnlich argumentierte unter anderem Michel Platini, der Chef des europäischen Fußballverbands.

Wenn schon die Torkamera, die den Sport offensichtlich fairer macht, mehr als zehn Jahre bis zu ihrem ersten Einsatz brauchte und auch dann noch umstritten war, wären bei Änderungen am Spielverlauf - zumal technologischer Natur - die nächsten Revolten programmiert. Vielleicht auch deshalb, weil viele Liebhaber gar nicht merken, wie sehr ihr Sport schon auf Hightech beruht.


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