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Wissenschaft: Auf der Suche nach den Social Bots

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Der Informatik-Professor Florian Gallwitz suchte nach Belegen für den Einsatz von Social Bots – und fand fragwürdige wissenschaftliche Methoden.
/ Hanno Böck
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Das Tool Botometer findet immer viele Bots, wenn man ihm eine Liste von Twitter-Accounts gibt. (Bild: GNOME icon artists/Krzysztof Franek)
Das Tool Botometer findet immer viele Bots, wenn man ihm eine Liste von Twitter-Accounts gibt. Bild: GNOME icon artists/Krzysztof Franek / CC-BY-SA 3.0

Dass Social Bots politische Diskussionen beeinflussen, liest man öfter in Medienberichten und wissenschaftlichen Studien. Doch stimmt das überhaupt? Der Informatik-Professor Florian Gallwitz bezweifelt, dass es das Phänomen der Social Bots überhaupt gibt und hält die meiste Forschung dazu für unsinnig. In einem Vortrag auf dem RC3 erläuterte Gallwitz seine Kritik(öffnet im neuen Fenster) .

Als Social Bots werden Accounts bezeichnet, die sich automatisiert in Online-Diskussionen auf Social-Media-Plattformen einmischen und dabei wie menschliche Akteure erscheinen.

In den vergangenen Jahren sind mehrere Studien veröffentlicht worden, die versucht haben, den Einfluss solcher Bots zu messen. Doch hinter diesen Studien stecken laut Gallwitz äußerst fragwürdige Methoden. Es habe ihm bisher niemand einen echten Social Bot zeigen können.

50 Posts am Tag und du bist ein Bot

Viele Studien, die die Häufigkeit von Bots bestimmen, nutzen dabei entweder das sogenannte Oxford-Kriterium oder automatisierte Tools, um Bots zu identifizieren. Laut dem Oxford-Kriterium werden Accounts, die mehr als 50 Posts am Tag verfassen, als Bots klassifiziert. Gallwitz nennt als Gegenbeispiel hierfür einige Accounts bekannter politisch aktiver Personen, die sehr viel posten, bei denen es sich aber eindeutig um reale Menschen handelt, etwa der Netzaktivist Cory Doctorow oder der Journalist Glenn Greenwald.

Zum anderen kommen oft automatisierte Tools zum Einsatz, das bekannteste nennt sich Botometer und wird von Wissenschaftlern der Indiana University betrieben. Botometer nutzt Machine-Learning-Algorithmen, um auf Twitter vermeintliche Bots von den Accounts realer Menschen zu unterscheiden und gibt eine Wahrscheinlichkeit aus.

Das Problem dabei: Vielfach konnte bereits gezeigt werden, dass Botometer sehr unzuverlässig arbeitet und echte Accounts als Bots klassifiziert.

Unzuverlässiges Tool Botometer als Basis von Studien

In einer 2018 veröffentlichten Studie(öffnet im neuen Fenster) wurde die angebliche Anzahl an Bots gezählt, die vor und während des Bundestagswahlkampfs 2017 den politischen Parteien in Deutschland folgten. Gemeinsam mit Michael Kreil, der das Thema schon länger verfolgt , versuchte sich Gallwitz an einer Replikation dieses Szenarios(öffnet im neuen Fenster) . Er untersuchte manuell eine Stichprobe der Accounts, die den Parteien in Deutschland folgten und von Botometer als Bots identifiziert wurden.

Bei den meisten dieser Accounts handelte es sich aber um wenig aktive Twitter-User, oft alte Accounts, die lediglich ein oder zwei Tweets geschrieben hatten. Bei anderen Stichproben handelte es sich um die Accounts realer Personen, die unter ihrem realen Namen posteten. Keiner der Accounts machte den Eindruck, als handle es sich um einen Social Bot.

Zu ähnlichen Schlüssen kamen auch andere Wissenschaftler. Gallwitz verweist etwa auf eine Studie(öffnet im neuen Fenster) , die die Diskussionen zu Impfungen auf Twitter analysierte. Die Studienautoren untersuchten ebenfalls eine Stichprobe von Accounts, bei denen es sich laut Botometer um Bots handelte.

Von 68 Accounts war nur einer automatisiert, allerdings handelte es sich auch da nicht um einen Social Bot, sondern lediglich um einen Account, der automatisch neue Artikel eines privaten Blogs postete. Die Studienautoren entschieden daraufhin, diese Daten nicht weiter zu berücksichtigen.

Teilweise basierten Behauptungen über Bots schlicht auf Missverständnissen. Eine Datenauswertung, die nicht als wissenschaftliche Studie veröffentlicht wurde, aber immerhin zu Medienberichten(öffnet im neuen Fenster) geführt hat, nahm die Follower britischer Politiker in den Blick.

Dabei wurden Twitter-Nutzer als Bots eingestuft, die als Benutzernamen einen Namen und eine achtstellige Zahlenkombination hatten. Dabei handelt es sich schlicht um das Schema, das Twitter neuen Nutzern seit einigen Jahren als Standard-Benutzername vorschlägt.

Social Bots mit heutiger Technik unplausibel

Generell hält es Gallwitz für unplausibel, dass Bots dafür geeignet sind, Menschen zu simulieren, die in politische Diskussionen eingreifen. Der Grund dafür ist, dass die Technologie dafür nicht gut genug ist. Heutige Chatbots seien nicht sonderlich beeindruckend, sagt Gallwitz, und häufig nicht einmal in der Lage, simple Dinge wie eine Verneinung in einem Satz zu verstehen.

Gallwitz behauptet nicht, dass es keine gezielte politische Beeinflussung von Social-Media-Debatten gibt. So gebe es sehr glaubwürdige Berichte über derartige Akteure. Dabei handelt es sich aber eben nicht um automatisierte Bots, sondern schlicht um Menschen, die dafür bezahlt werden, entsprechende Posts zu schreiben und sich in Diskussionen einzumischen.

Was Gallwitz sagt, mag unglaublich klingen, doch seine Argumente überzeugen. Es scheint sich ein gesamter Wissenschaftszweig herausgebildet zu haben, der auf Basis untauglicher Methoden Studien über den angeblichen Einfluss von Social Bots produziert – und nicht selten berichten große Medien unkritisch über diese Resultate.


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