Wissensbasis: Wikipedia braucht eine neue Dimension
Wikipedia-Nutzer kennen das Problem nur allzu gut: Man stolpert über eine Seite und versteht nur noch Bahnhof. Ein zweites Durchlesen des Abschnitts lässt den Gedanken aufkommen, dass ein themennahes Fachstudium vielleicht ganz hilfreich wäre, um das Geschriebene verstehen zu können. Dann fängt man an, den Text auseinanderzunehmen, baut sich ein eigenes, vereinfachtes Bild im Kopf zusammen, nimmt daran Änderungen vor, stellt fest, dass es doch ganz anders ist, baut ein neues Bild auf, hat am Ende ein leicht wackliges Verständnis der Sache und hofft, dass es hinreichend akkurat ist. Zumindest für den aktuellen Auslöser des zugrundeliegenden Wissensdurstes.
Viel schöner wäre es doch, wenn Wikipedia an dieser Stelle eine zusätzliche Dimension hätte: einen Link auf eine einfacher verständliche Version, die vielleicht nicht ganz so wissenschaftlich korrekt, dafür aber für den Alltag praktikabel ist.
Verkürzte Darstellungen als probates Mittel
Menschen nutzen eine solch verkürzte Darstellung zum Wissensgewinn ständig. Wenn in der Grundschule gerechnet wird, dass 1+2+3 gleich 6 ist, kommt niemand auf die Idee, den Schülern die Gauß'sche Summenformel zu erläutern – und schon gar nicht wird daran gedacht, den Kleinen Gauß gleich mit vollständiger Induktion zu beweisen.
In der Physik wird bei der Gravitation Newton verwendet, während Einsteins allgemeine Relativitätstheorie noch ein paar Jahre auf einen Einsatz warten muss. Und in Sachen Atomen werden zur Veranschaulichung weiterhin Atommodelle verwendet, obwohl Werner Heisenberg, einer der Schöpfer der zwischen 1925 und 1932 erarbeiteten Quantenmechanik auf die Frage, wie man sich denn nun ein Atom vorstellen könnte, geantwortet(öffnet im neuen Fenster) haben soll: "Versuchen Sie es gar nicht erst."
Bei klassischen Publikationen wie Büchern oder Zeitschriften ist es selbstverständlich, dass sie auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet sind. Ein Lehrbuch für die Mathematik in der 3. Klasse unterscheidet sich nun einmal von einem Skript eines Professors für Numerik II im Mathematikstudium – nicht nur vom Stoff her, sondern vor allem dadurch, welche Wissensvoraussetzungen die Autoren von ihrem Publikum erwarten können. Diese Voraussetzungen bestimmen dann nicht nur, welche Fachbegriffe definiert und erklärt werden müssen, sondern auch, in welcher Tiefe diese Erklärung erfolgen muss.
Was fehlt, ist die Zielgruppe
Die Zielgruppe zu definieren, ist aber nicht nur für wissenschaftliche Texte wichtig. Ein gutes Beispiel sind hier Handbücher und Bedienungsanleitungen. Während vor 40 Jahren beim C64 noch ein Handbuch beilag, das alles vom Aufstellen des Gerätes bis hin zu Schaltplänen und der Programmierung inklusive Programmierbeispiele umfasste, ist das heute anders. Heutzutage kaufen sich nicht mehr nur sehr technikaffine Lötkolbenbesitzer oder Programmierinteressierte einen Computer. Folglich befassen sich die Bedienungsanleitungen für Computer nun damit, wie sie einzuschalten sind und wo welche Stecker hingehören – nebst dem Hinweis, dass sie nicht gut darauf reagieren, im Betrieb mit Flüssigkeiten überschüttet zu werden.
Auch wenn man eine Präsentation erstellt, ist eine der ersten Fragen die nach der Zielgruppe: Wenn ich ein neues Stück Software plane, enthalten die Präsentationen für Firmenleitung und Finanzvorstand ganz andere Details als die für einen CTO oder für andere Gruppen mit technischem Verständnis.
Bei Wikipedia fehlt eine Zielgruppendefinition aber fast vollständig. Zwar werden Artikel ab und an als verbesserungswürdig in Sachen Verständlichkeit, Belege oder Neutralität getaggt. Das allein sagt aber noch nicht aus, für wen genau ein solcher Artikel zu wenig verständlich ist.
Das HTML-Verlinkungsproblem
Fachbegriffe werden in Wikipedia nur selten an Ort und Stelle erklärt – stattdessen wird ein Link auf die entsprechende Seite gesetzt. Was zuerst nach einen guten Konzept klingt, hat ganz eigene Nachteile. Denn auf der Seite des zu erklärenden Begriffs wird wieder alles allgemein erklärt, der Themenbezug zur verlinkenden Seite fehlt aber völlig.
Das klingt zwar auf den ersten Blick nicht so wichtig, stellt aber jedes Mal einen Kontextverlust dar. Eine allgemeine Erklärung ist eben etwas anderes als eine Erklärung, die für den einen speziellen Kontext eines Artikels ausreicht. Was daraus resultiert, ist, dass man nach dem Wunsch, über ein Thema mehr zu erfahren, schließlich aufgibt, weil man bereits eine Stunde verlinkende Seiten gelesen hat und noch weitere 15 Tabs zur Klärung offen sind.
Spezielle Kultur in deutschsprachigen wissenschaftlichen Texten
Gerade in der deutschsprachigen Version der Wikipedia wird das Verständlichkeitsproblem noch einmal dadurch verschärft, dass in deutschsprachigen wissenschaftlichen Papern eine Neigung zu einer möglichst komplizierten und komplexen Ausdrucksweise mit langen verschachtelten Sätzen, Fremdwörtern, Anglizismen und einer explizit synonymlastigen Struktur besteht. Wie dieser Satz, der sich auch mit "Deutsche wissenschaftliche Texte sind oft komplizierter geschrieben als nötig" beschreiben lässt.
Dieses Problem ist schon lange bekannt(öffnet im neuen Fenster) und es gibt immer wieder Ansätze, das zu ändern. Allerdings ist das nicht so einfach, wie es klingt. Zum einen lernen schon Studenten zumindest unterbewusst aus den kompliziert geschriebenen Beiträgen, die sie lesen, dass wissenschaftliche Texte genau so geschrieben sein müssen, um ernstgenommen zu werden. Zum anderen gibt es anscheinend den Wunsch, dazugehören zu wollen: Wenn man sich kompliziert auszudrücken vermag, ist man offensichtlich hoch gebildet und darf mitreden. Wer das Geschriebene nicht versteht, ist es nicht und kann daher sowieso nichts zum Thema beitragen.
Die FAZ schrieb vor zehn Jahren in einem Artikel(öffnet im neuen Fenster) , dass "Sie schreiben ja schön" für viele Wissenschaftler ein schlimmes Kompliment sei, weil elegante Prosa einfach nichts gelte. Ludwig Eichinger, damals Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, wird hier mit dem Satz zitiert: "Leider herrscht immer noch das Vorurteil, dass die Komplexität eines Textes mit der Tiefe der Gedanken korrespondiert."
Ein weiterer oft genannter Grund für eine komplizierte Ausdrucksweise ist fast noch bestürzender: Angst. "Wissenschaftler und Studenten benutzen gerne Fremdwörter und bauen Schachtelsätze. Sie wollen gelehrt klingen. Oft haben sie aber nur Angst davor, verstanden zu werden." Denn wenn man einfach verstanden wird, ist man auch angreifbar.
Natürlich ist nicht jede wissenschaftliche Arbeit allgemeinverständlich auszudrücken. Das soll sie auch gar nicht sein. Kritisiert wird nur das unnötige Verkomplizieren, wenn es Allgemeinverständliches, wie eben auf Wikipedia, unverständlich macht.
Dabei soll die wissenschaftliche Version auch gar nicht verschwinden, stattdessen sollte es Artikel auf verschiedenen fachlichen Niveaus geben: einfach und allgemeinverständlich bis hin zum Level von Dissertationen. Und Nutzer können wählen, welche Dimension zu dem Thema für sie zu diesem Zeitpunkt die beste ist.
Dimensionen und Perspektiven
Artikel, die in mehreren Verständlichkeitsleveln vorliegen, würden nicht nur dazu führen, dass mehr Menschen die Grundlagen verstehen. Sie würden es auch ermöglichen, Neues einfacher zu lernen. Leser könnten in ein neues Thema mit einer einfachen Version einsteigen und die Grundlagen zum Thema völlig verstehen. Im nächsten Schritt könnten sie zur komplexeren Version wechseln – und weil sie die Grundlagen und Prinzipien bereits verstanden haben, haben sie nun auch kein Problem mehr, diese Version zu verstehen.
Solche Perspektiven oder Dimensionen würden übrigens jeder Wiki-Software guttun. Wer schon länger in der Softwareentwicklung arbeitet und dort in Projekten Wikis nutzt, wird das eine oder andere Projekt erlebt haben, in dem gleich drei Wikis parallel befüllt wurden: das technische, das fachliche und das für die zukünftigen Benutzer.
Wie viel einfacher wäre es, wenn ein Wiki alles in einem mit unterschiedlichen Perspektiven könnte. Niemand müsste sich mehr erinnern, wo genau welche Begriffsdefinitionen zu suchen sind. Die Frage, ob eine Erklärung schon technisch oder vielleicht gerade noch fachlich ist, ist im Prinzip die gleiche wie die, ob es schon wissenschaftlich oder gerade noch allgemeinverständlich ist.
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