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Wire-Chef Schilz: US-Investoren "haben keinerlei Einfluss auf Wire"

Nach den Phishing-Angriffen auf Signal-Nutzer plant der Bundestag einen Wechsel zu Wire. Firmenchef Schilz erläutert die Unterschiede zwischen beiden Messengern.
/ Friedhelm Greis
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Benjamin Schilz leitet den Messengerdienst Wire seit Anfang 2024. (Bild: Wire)
Benjamin Schilz leitet den Messengerdienst Wire seit Anfang 2024. Bild: Wire

Die erfolgreichen Phishingangriffe auf Signal-Konten hochrangiger Politiker haben Sicherheitsexperten und die Bundesregierung aufgeschreckt. Obwohl der Messengerdienst nicht gehackt wurde, könnten die Angriffe einen Umstieg auf Konkurrenzprodukte wie den Bundesmessenger oder Wire Bund forcieren.

Wir haben mit dem französischen IT-Unternehmer und derzeitigem Wire-Chef Benjamin Schilz über die Unterschiede zwischen den Produkten sowie Herausforderungen für einen sicheren Messengerdienst gesprochen.

Golem: Herr Schilz, in den vergangenen Wochen ist der Eindruck entstanden, als gäbe es ein Problem mit Signal. Können Sie das nachvollziehen?

Schilz: Ich habe keinerlei Probleme mit Signal und halte es für ein großartiges Produkt. Und es gibt keinerlei Sicherheitsprobleme. Es ist ein Ende-zu-Ende-verschlüsselter Messenger und ein sehr gutes Produkt.

Aber es ist eine normale Verbraucher-App. Wenn man eine Verbraucher-App nutzt, also eine App auf dem Handy installiert, die mit der Telefonnummer verknüpft ist, kann man jeden Kontakt erreichen, den man finden kann. Das ist super für Verbraucher-Apps, weil man die Hürde senken möchte, um mit jemandem in Kontakt zu treten oder sich auszutauschen. Aber es bedeutet auch, dass man keinen Schutz für die Identität des Gesprächspartners hat, also dafür, wer sich mit einem verbinden kann.

Golem: Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Signal und Wire?

Schilz: Wire ist ganz anders. Das Produkt, über das wir im Zusammenhang mit dem Bundestag, der deutschen Bundesregierung und vielen anderen Kunden sprechen, ist für Organisationen konzipiert, in denen Sicherheitsrichtlinien festgelegt werden können.

Wir bieten Schutz vor dem unbeabsichtigten Hinzufügen von Nutzern, indem man Gruppen oder sogar ganze Teams einrichten kann, die verhindern, dass externe Benutzer oder Gäste versehentlich hinzugefügt werden. Man kann die Identität des Benutzers, der hinzugefügt wird, auch automatisch überprüfen. Diese Funktionen sind mit dem Single Sign-On (SSO) und der Multi-Faktor-Authentifizierung verknüpft, die in der Organisation verwendet wird.

Wir bieten außerdem ein Zertifikat zur Identifizierung von Geräten oder Benutzern an, insbesondere für die deutsche Bundesregierung.

Golem: Braucht es für Wire eine besondere Hardware?

Schilz: Wire Bund ist für VS-NFD vom BSI zertifiziert. Die VS-NFD-Kommunikation entspricht den BSI-Richtlinien. Das bedeutet, dass VS-NFD für die Kommunikation auf gehärteten Geräten verwendet wird. Aber man kann Wire auch in verschiedenen Backends nutzen, insbesondere für die Kommunikation und Zusammenarbeit mit externen Partnern. Man hat also im Prinzip Zugriff auf verschiedene Sicherheitszonen, je nach Art der Kommunikation.

Golem: Wären solche gehärteten Geräte nicht generell für hochrangige Politiker zu empfehlen?

Schilz: Ich sage nicht, dass es nicht nützlich ist. Es ist nützlich. Es kommt immer darauf an, um welche Art von Informationen es sich handelt. Aber kein Produkt auf der Welt bietet absolute Sicherheit. Letztendlich geht es darum, wie schwer es ist, jemanden zu kompromittieren. Und wie viel man bereit ist zu investieren.

Generell halte es für extrem wichtig, Schatten-IT(öffnet im neuen Fenster) und die Nutzung anderer Anwendungen zu verhindern. Das wäre unsicher und läge außerhalb der Kontrolle der Sicherheitsbehörden.

Schilz: Phishing-Angriffe werden immer ausgefeilter

Golem: Nach Einschätzung von Kritikern bringt ein sicheres Produkt wenig, wenn die Nutzer beispielsweise auf Phishing-Angriffe hereinfallen. Wie lässt sich das ändern?

Schilz: Natürlich ist die Aufklärung der Nutzer extrem wichtig, aber gleichzeitig werden Phishing-Angriffe, insbesondere im Bereich der KI, immer ausgefeilter. Es gibt sogar Fälle, in denen Mitarbeiter der Technologiebranche Opfer von sehr raffinierten Phishing-Angriffen wurden. Deshalb müssen wir sie aufklären und weiterhin präventive Maßnahmen ergreifen.

Dazu gehören natürlich Schulungsprogramme und so weiter. Aber gleichzeitig kann man sich nicht hundertprozentig auf die Nutzer verlassen, denn Fehler können passieren. Daher benötigen wir auch in den von uns verwendeten Tools integrierte Sicherheitsfunktionen und Sicherheitsrichtlinien. Und ich spreche hier nicht nur von Messenger- oder Videokonferenz-Tools.

Da Fehler passieren können, benötigen wir zusätzlich mehrere Sicherheitsebenen. So muss beispielsweise verhindert werden, dass Parlamentsmitglieder von unbekannten Kontakten aus erreichbar sind. Oder standardmäßig müssen die Chatgruppen verhindern, dass Benutzer ohne entsprechende Authentifizierung hinzugefügt werden.

Golem: Es gab Kritik an Signal, weil Nutzernamen wie Signal Support gekapert werden konnten(öffnet im neuen Fenster). Ist das auch bei Wire möglich?

Schilz: Wir haben gewisse Schutzmechanismen. Aber es gibt auch eine öffentliche Version von Wire, bei der wir manchmal auch Probleme mit Identitätsdiebstahl und anderem haben.

Alle Regierungsbehörden und großen Unternehmen, von denen wir sprechen, nutzen dedizierte Backend-Systeme mit zusätzlichen Sicherheitsrichtlinien und Schutz vor solchen Fälle.

Golem: Wie wird Wire derzeit vor allem eingesetzt? Vor allem on premise oder als SaaS?

Schilz: Wir sind ein Open-Source-Unternehmen, daher sind sowohl unsere Clients als auch unsere Backend-Server Open Source. Manche Kunden können einfach ein dediziertes Backend installieren, ohne unsere Beteiligung. Kritische Kunden, ob aus der Privatwirtschaft oder dem öffentlichen Sektor, verlassen sich jedoch in der Regel auch auf unseren Support, manchmal auf kundenspezifische Entwicklungen und unseren 24/7-Support.

Golem: Welche Lösung würden Sie dem Bundestag empfehlen?

Schilz: Der Bundestag nutzt Wire bereits seit Längerem. Insbesondere in der Verwaltung und auch in einigen politischen Parteien. Und ihre Idee ist es, die Nutzung auf die globale Sicherheit auszuweiten.

Golem: Die für IT-Fragen zuständige Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz will Wire auch deshalb einsetzen, weil es ein europäisches Unternehmen ist. Kritiker verweisen jedoch auf Investoren in den USA.

Schilz: Vor vielen Jahren hatte Wire eine Holdinggesellschaft in den USA. 2020 haben wir unsere Holdinggesellschaft aber zurück nach Deutschland mit Sitz in Berlin verlegt. Alle unsere Investoren sind in der deutschen Holding investiert.

Wir haben auch Gesellschaften in der Schweiz und in Frankreich, die Tochtergesellschaften der deutschen Holding sind.

Golem: Wer sind die Hauptinvestoren in Wire?

Schilz: Über 85 Prozent der Anteile von Wire werden von Aktionären mit Sitz in Europa gehalten, namentlich Janus Friis, dem Mitbegründer von Skype, der Schwarz Gruppe, den deutschen Fonds Cipio Partners und UVC Partners, wobei etwa 50 Prozent von deutschen Investoren gehalten werden.

Wir haben noch einige Prozent amerikanische Aktionäre. Und wir haben im vergangenen Jahr zwei von ihnen ausgeschlossen. Und wir werden dieses Jahr wahrscheinlich noch einen weiteren ausschließen. Aber es handelt sich wirklich nur um wenige Personen. Sie haben keinerlei Einfluss auf Wire.

Golem: Verdient Wire bereits Geld mit seinen Angeboten?

Schilz: Wir sind fast profitabel. Es fehlt nur ein kleines bisschen. Und wir haben langfristige Unterstützung von unseren Investoren, Janus Friis und der Schwarz-Gruppe.

Golem: Wie viele Mitarbeiter hat Wire und wo sind diese angesiedelt?

Schilz: Wir sind rund 140 Mitarbeiter. Etwas mehr als 60 Prozent sind in Deutschland, hauptsächlich in Berlin. Aber wir haben auch Mitarbeiter in Hamburg, München und Frankfurt. Zudem gibt es Mitarbeiter in Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. Aber nahezu alle Mitarbeiter sind in Europa ansässig.


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