Windows 365 im Test: Neustart in der Cloud

Ein Klick und wir landen auf dem Desktop, komplett mit vorinstalliertem Office 365 plus eingeloggt in Teams: Die ersten Schritte in Windows 365 sind erfreulich, wir haben direkt Zugriff auf all unsere Daten und Projekte. Erst im späteren Verlauf zeigt sich, dass doch nicht alles heile Welt ist in der Cloud.
Laut Microsoft soll Windows 365 einfacher zu nutzen sein als Azure Virtual Desktop, gerade aus Admin-Perspektive. Denn es handelt sich nicht rein um eine virtuelle Windows-Maschine, sondern um ein komplettes System samt vorinstallierten Apps (für die allerdings ebenfalls eine kostenpflichtige Lizenz nötig ist).
Um einen Cloud-PC einzurichten, braucht es das Microsoft 365 Admin Center(öffnet im neuen Fenster) . Dort findet sich die entsprechende Verwaltung, um virtuelle Maschinen (VM) zu mieten. Microsoft unterscheidet(öffnet im neuen Fenster) zwischen Business für KMUs und Enterprise für Großunternehmen, außerdem gibt es 18 Prozent Hybrid-Rabatt, sofern der Host-PC für Windows 365 über eine Lizenz von Windows 10 Pro verfügt.
Desktop as a Service
Die Spannbreite der VMs(öffnet im neuen Fenster) reicht von einem Prozessorkern (1 vCPU) mit 2 GByte Arbeitsspeicher bis hin zu acht Kernen mit 16 GByte RAM, dazu gibt es 128 GByte bis 512 GByte als virtuellen Speicherplatz. Davon sind ab der 2-vCPU-Variante aufwärts schon pauschal 30 GByte belegt, da neben Windows 10 noch Microsoft 365 sowie unter anderem Teams vorinstalliert (Lizenz zur Aktivierung nötig!) ist.





















Wir haben uns für eine der mittleren Business-Varianten entschieden: Diese hat vier vCPUs mit 16 GByte Arbeitsspeicher und eine 128-GByte-SSD-Partition, die Monatsmiete liegt bei rund 64 Euro vor Steuern und ohne Hybrid-Vorteil. Via windows365.microsoft.com(öffnet im neuen Fenster) rufen wir anschließend unseren Cloud-PC für die Ersteinrichtung auf, nach knapp zehn Minuten ist diese abgeschlossen und wir können loslegen.

Windows 365 lässt sich direkt im Browser verwenden oder per Remote-App auf dem Client-System ausführen. Letztere gibt es für Android, für iOS, für MacOS und für Windows - nicht aber für Linux. Die Web-Version hat den Nachteil, durch den Browser lokal mehr CPU- und RAM-Last zu erzeugen als per Remote-Desktop, auch gibt es keine Vollbild- oder Dual-Screen-Unterstützung.
Um via App zuzugreifen, müssen wir per Arbeitsbereichs-URL ein Abonnement einrichten, die passende Adresse listet uns Windows 365 praktischerweise auf. Noch die Account-Daten eingeben und fertig ist der Zugriff auf den Cloud-PC.
Ein besseres Office-System ohne Grafik
Damit wir in der VM arbeiten können, fragt Windows 365 ab, ob lokale Ressourcen wie Drucker und Mikrofon freigegeben werden sollen - was wir bejahen. Ein paar Sekunden später erscheint der Desktop: Installiert ist Windows 10 Enterprise v21H1 in der 64-Bit-Version, die automatische Update-Versorgung übernimmt Microsoft. Wir selbst können Windows 365 allerdings manuell neustarten oder zurücksetzen, nicht jedoch ausschalten.
Wie erwähnt, ist die Desktop-Version von Office 365 bereits vorhanden und wir sind auch schon eingeloggt. Dasselbe gilt für Microsoft Teams, weshalb uns Windows 365 einen nahtlosen Übergang verschafft: Dank durchgeschliffener Verbindung waren Golem-interne Video-Meetings kein Problem, auch die Integration von Onedrive funktioniert tadellos.
Etwas irritiert hat uns allerdings die englische Sprache samt entsprechendem Tastatur-Layout, auch "Neuigkeiten und interessante Themen" in der Taskleiste wirkte etwas fehl am Platz. Trotz sonniger 25 Grad in Berlin gab Windows 365 an, es sei stark bewölkt bei nur 17 Grad. Ein Klick zeigt warum: Das Rechenzentrum für deutsche Nutzer steht im irischen Dublin.
Schnelle Anbindung, lahme CPU
Dementsprechend flott ist die Anbindung, der Downstream lag bei über 1 GBit/s und der Upstream bei 3 GBit/s. Hinzu kommt, dass aus Datenschutzgründen die mit Office 365 erstellten und zu bearbeitenden Daten offenbar auf denselben Servern liegen, weshalb der Zugriff extrem flott erfolgt. Da es sich um ein vollwertiges Windows 10 handelt, können wir beliebige Software installieren - via Browser oder aus dem Microsoft Store.





















Unsere virtuelle Maschine nutzt einen Xeon Platinum 8272CL ( Cascade Lake ) mit fixen 2,6 GHz. Dahinter verbirgt sich eine Spezialanfertigung für die Azure-Server(öffnet im neuen Fenster) , die insgesamt 28 Kerne hat und bis zu 4,5 TByte Arbeitsspeicher nutzen kann. Microsoft spricht von vier vCPUs, tatsächlich handelt es sich um zwei physische Kerne mit Hyperthreading (also 2C/4T). Die Performance entspricht einem aktuellen Pentium-Dualcore für Desktops, der mit niedrigem Takt läuft, oder einem zehn Jahre alten Quadcore wie dem Core i5-2500K.
Für Office 365 und Teams reicht diese Geschwindigkeit aus, zumal wir dank 16 GByte genügend RAM in der VM haben. Die 128 GByte fassende SSD-Partition hat Microsoft bei der Geschwindigkeit stark limitiert, mehr als 250 MByte/s lesend und schreibend sind nicht drin. Eine dedizierte Grafikkarte fehlt der virtuellen Maschine, es gibt einzig den Remote Display Adapter mit WDDM 1.3 und theoretischer Direct3D-12-Unterstützung.
Keine Grafikkarte
Anwendungen, die eine GPU-Beschleunigung benötigen, laufen daher ebenso wenig wie Spiele. Zwar gibt es einen Software-Rasterizer (WARP) , der ist aber für solche Zwecke nicht ausgelegt. Diverse Youtube-Videos, die im Edge-Browser mit VP9-Codec und 1080p30 dargestellt werden, hingegen sind ruckelfrei. Für Office-Arbeiten störender ist ohnehin der Server-Lag: Die Roundtrip-Zeit liegt bei 25 bis 40 ms, was zu etwas stotternden Eingaben führt. Der Desktop selbst wird mit bis zu 30 fps gerendert.
Vom Bediengefühl her machte es mit der Remote-App keinen Unterschied, ob wir einen Atom-basierten Mini-PC (Asus PN41) oder ein schnelles Ultrabook (Thinkpad X1 Carbon Gen9) oder gar einen äußerst leistungsfähigen Desktop-Rechner (Ryzen 7 5800X mit 32 GByte) verwendet haben.
Windows 365: Verfügbarkeit und Fazit
Microsoft bietet Windows 365 in allerhand Varianten(öffnet im neuen Fenster) an, wobei grundsätzlich zwischen Business für KMUs via Direktkauf für bis zu 300 Nutzer und Enterprise für Großunternehmen via Microsoft Endpoint Manager für eine beliebige Anzahl unterschieden wird. Die Preisspanne reicht von 18,20 Euro (1 vCPU, 2 GByte RAM, 64 GByte Speicher) bis hin zu 143,90 Euro (8 vCPU, 32 GByte RAM, 512 GByte Speicher) - pro Monat und zuzüglich Mehrwertsteuer.
Dabei gilt es zu beachten, dass bei der Business-Version das Volumen an ausgehenden Daten je nach Konfiguration beschränkt ist. Bei den 2-vCPU-Maschinen etwa sind es bis zu 20 GByte pro Monat und Nutzer, bei den 8-vCPU-Pendants hingegen bis zu 70 GByte. Bei Windows 365 Enterprise hingegen fallen die regulären Bandbreiten-Kosten des Azure Virtual Network(öffnet im neuen Fenster) an. Zwar sind Office 365 und Teams vorinstalliert, die Lizenzen kosten aber extra.
Fazit
Windows 10 aus der Cloud - diese Idee ist nicht neu, sogar Microsoft selbst bietet so etwas mit dem Azure Virtual Desktop schon seit knapp zwei Jahren an. Windows 365 aber geht einen Schritt weiter: Statt einfach nur die Infrastruktur samt Betriebssystem zu stellen und die Konfiguration sowie Updates dem Kunden zu überlassen, gibt es quasi ein Komplettpaket inklusive Apps.
Abseits der 1-vCPU-Variante sind Office 365 und Teams vorinstalliert, ab der 4-vCPU-Ausstattung werden auch Video-Calls unterstützt. Betriebssystem und Software hält Microsoft automatisch auf aktuellem Stand, außer bei Updates ist die virtuelle Maschine daher jederzeit verfügbar. Sobald wir uns eingeloggt haben, stehen sofort sämtliche Inhalte in der Cloud bereit - egal ob Chats, Dokumente oder per Onedrive geteilte Informationen.
Für Endkunden ist Windows 365 nicht gedacht, auch für Unternehmen mit vergleichsweise wenigen Angestellten eignet es sich nur bedingt. An dieser Stelle sei vorab gesagt: Wir konnten und können Windows 365 nicht in dem Umfang testen, wie es von Microsoft angeboten wird. Als typische Einsatzzwecke nennt der Hersteller beispielsweise Callcenter, Firmen aus dem Finanz- und Medizinsektor oder staatliche Behörden.
Hinzu kommen Unternehmen, bei denen entweder das private System im Homeoffice verwendet wird oder wo Angestellte ihre eigenen Geräte mit an den Arbeitsplatz bringen (BYOD). In diesem Fall reichen ein billiger Thin-Client oder ein leistungsschwaches Notebook, denn mehr als die Remote-Desktop-App muss das verwendete System nicht schultern. Ungeachtet der Geschwindigkeit des Rechners weist Windows 365 immer einen leichten Lag auf, auch gibt es nur 30 fps.
Mit Windows 365 als 24/7 laufendem Desktop-as-a-Service (DaaS) bietet Microsoft unterm Strich die unkompliziertere und teurere Lösung an, wohingegen der Azure Virtual Desktop die flexiblere und zumindest monetär günstigere Variante ist - aber entsprechend mehr Zeit für die Administration erfordert.
Aufruf: Du oder ein Unternehmen haben vor, Windows 365 (Enterprise) in großem Stil einzusetzen? Melde dich bitte bei uns und teile deine Erfahrungen mit.



