Windows-10-Test-Ringe: Insider-Builds sind frisch und deshalb riskant
Sieben Millionen Mitglieder gibt es mittlerweile im Windows-Insider-Programm, das sowohl für Microsoft als auch für die späteren Anwender Testaufgaben in großem Stil übernimmt. Das ist für Microsoft ein großer Vorteil, denn Windows 10 muss mit rund 8,5 Millionen unterschiedlichen Geräten funktionieren, die mit 21,5 Millionen unterschiedlichen Apps bespielt werden. Laut Microsoft lassen sich diese zwar in Cluster ähnlicher Geräte fassen, trotzdem ist die Zahl hoch und Inkompatibilitäten sind logischerweise nicht auszuschließen. Die beiden für das Programm hauptverantwortlichen Manager Gabe Aul und Bill Karagounis haben auf der Microsoft-Entwicklerkonferenz Build 2016 einen Einblick in die Interna des Programms gegeben.
Das Insider-Programm ist in verschiedene Testphasen für Vorschauversionen gegliedert, die Microsoft als Ringtheorie bezeichnet. Dabei gibt es interne und externe Ringe. Die externen Ringe sind die bereits bekannten: Fast-Ring und Slow-Ring. Der Slow-Ring ist der von Microsoft standardmäßig eingestellte Update-Weg. Nutzer, die den Fast-Ring gewählt haben, bekommen die Vorschauversionen schneller, nämlich schon, nachdem sie nur zwei Microsoft-interne Ringe durchlaufen haben. Diese sind der Canary- und der Selfhost-Ring. Die Mitarbeiter im Canary-Ring sind Entwickler. Sie bekommen jeden Tag ein neues Build, das von rund 75.000 Maschinen erzeugt wird. Dahinter steht die Windows & Devices Group von Microsoft. Der Selfhost-Ring bekommt etwa drei dieser Builds pro Woche ab. Es gibt also dann schon einen Ausschuss. Fehler führen dazu, dass es ein Build nicht in den nächsten Ring schafft.
Fast-Ring-Builds sind nur wenige Tage alt
Der Windows Insider, der sich für den Fast-Ring entscheidet, ist der Empfänger für eines dieser Builds pro Woche. Interessanterweise dauert der Vorgang von der Ersterzeugung über den Selfhost-Ring bis zum Fast-Ring nur eine Woche. Die Builds sind also äußerst neu und wurden Microsoft-intern maximal eine Woche getestet. Dazu kommen stark automatisierte Tests, die Grundfunktionen immer und immer wieder überprüfen.
Das erklärt auch, warum die Nutzung des Fast-Rings, der noch nicht sehr lange an der dritten Stelle der Testphase steht, vergleichsweise riskant ist. Ende Februar gab es beispielsweise ein Build, das Systeme lahmlegen konnte . Wer mit Testsoftware arbeitet, muss aber mit derartigen Fehlern rechnen. Microsoft weist darauf explizit hin.
Nach dem Windows-10-Fast-Ring sind die Microsoft-Mitarbeiter an der Reihe
Erst wenn er den Fast-Ring erfolgreich durchlaufen hat, wird das Build hausintern an alle Microsoft-Mitarbeiter ausgegeben. Danach folgt der Slow-Ring, der stabilste aller Testringe, für vorsichtige Windows Insider. Anschließend kommt der neue Release-Preview-Ring. Diese Version erscheint nochmals stabiler und seltener und ist vor allem für App- und Treiberentwickler von Interesse.
Diese aggressive Taktik hat für Microsoft massive Vorteile, vor allem im Vergleich zu den Entwicklungszyklen der vorherigen Betriebssysteme. Microsoft geht früher an die Öffentlichkeit, so dass der Anwender schneller Einfluss nehmen kann. Zu Windows-8-Zeiten war es beispielsweise längst zu spät, um zu erkennen, dass das Startmenü nicht gut ankommt, als das Betriebssystem an die Öffentlichkeit ging. Darauf aufbauende Entwicklungen ließen sich nicht rückgängig machen.
Das alte Entwicklungskonzept sah vor, dass die Entwickler zwischen 30 und 60 Tagen auf Code aufbauen konnten, ohne öffentliches Feedback einzuholen – sofern das Betriebssystem bereits in einer öffentlichen oder halböffentlichen Betaphase war. Zu Windows-7- und -8-Zeiten entwickelte Microsoft das Betriebssystem noch überwiegend, ohne die öffentliche Meinung einzubeziehen.
Offene Entwicklung
Diese rein hausinterne Phase ist jetzt nur noch kurz, Microsoft geht eigenen Angaben zufolge schon nach wenigen Builds an die Öffentlichkeit. Das nächste Windows-10-Update, das Anniversary-Update genannt wird , hat bisher 16 Vorschauversionen gehabt. Bis das finale Build der Build-Serie 14xxx (Version 1607 für 2016-07) erscheint, wird es noch zahlreiche weitere Test-Builds für Insider geben. Die hausinterne Entwicklung spielt kaum noch eine Rolle, wobei davon auszugehen ist, dass Microsoft einzelne Funktionen bewusst ausspart. Tatsächlich werden die auf der Build angekündigten Neuerungen erst noch als Fast-Ring-Build erscheinen.
Im Einzelnen heißt das: Kommt eine Änderung bei den Insidern des Fast-Rings nicht gut an, haben die Programmierer im Zweifelsfall nur ein paar Tage auf der Codebasis aufgesetzt und das Verwerfen einer Fehlentwicklung ist kein großer Kostenfaktor. Die Insider freuen sich, direkt an der Entwicklung teilnehmen zu können, auch wenn sie faktisch unbezahlte Betatester sind.
In Zukunft will Microsoft stärker direkt auf Feedback reagieren und hat damit bereits begonnen – mit bisher rund 63.000 Reaktionen. Der Insider kann also direkter erfahren, ob eine Meldung eine Auswirkung hatte. Insider und Microsoft-Entwickler sollen in Zukunft sogar untereinander Bereiche kommentieren.
Die sehr schnelle Entwicklung vom Canary Build zum potenziellen Fast-Ring-Build birgt aber auch enorme Gefahren. Das zeigte sich in den vergangenen Wochen immer wieder. Diese Risiken geht Microsoft bewusst ein, um Fehlentwicklungen möglichst schnell zu stoppen. Dabei greifen die Insider laut Microsoft auf dieselben Feedback-Werkzeuge zu wie die internen Builds.
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