WiK-Gutachten: Doppelausbau von Glasfaser oft schlecht für die Versorgung

Ein Doppelausbau von Glasfasernetzen oder die bloße Ankündigung durch die Deutsche Telekom kann ein großes Problem darstellen. Das ergab das am 17. Oktober 2023 vorgelegte Gutachten von WIK-Consult, das vom Bundesdigitalministerium beauftragte wurde. Die Studie wertet 93 Fälle von Doppelausbau aus.
Danach könne Überbau nicht nur in Regionen problematisch sein, in denen entweder kein oder nur ein Glasfasernetz wirtschaftlich sei, sondern auch dort, wo zwei oder mehr Netze möglich wären. Entscheidend sei laut Studie die Verteilung der Marktanteile, die von der bestehenden Infrastruktur und der Zahl der Bestandskunden abhänge, sagte Sven Knapp, Leiter des Hauptstadtbüros des Branchenverbands Breko(öffnet im neuen Fenster) .
Die Einrichtung der Doppelausbau-Monitoringstelle bei der Bundesnetzagentur habe "zu keiner Verbesserung der Situation geführt. Dass fast vier Monate nach dem Start der Monitoringstelle noch keinerlei Auswertung der mehr als 290 gemeldeten Doppelausbau-Fälle vorliegt, erweckt den Eindruck, dass das Thema nicht mit der erforderlichen Priorität behandelt wird" , sagte Knapp.
Ausbau wird teurer und erfordert mehr Förderung
Strategischer Überbau entziehe gerade in ländlichen Regionen dem eigenwirtschaftlichen Ausbau die Wirtschaftlichkeit und führe zu einem erhöhten Förderbedarf. Der flächendeckende Glasfaserausbau werde teurer und durch mehr Bürokratie und verzögerte Bauphasen verlangsamt.
"Für den Ausbau eines flächendeckenden Glasfasernetzes und die Erreichung der Ausbauziele der Bundesregierung braucht es jetzt dringend klare regulatorische Schritte, um dem strategischen Überbau des marktbeherrschenden Unternehmens zu begegnen" , forderte der Geschäftsführer des VATM, Jürgen Grützner(öffnet im neuen Fenster) . Auf Basis des WIK-Gutachtens sei das wettbewerbs- und investitionsverdrängende Verhalten der Telekom behördlich zu prüfen.
Weiter heißt es in der WiK-Studie: "Es gibt einerseits Ballungsräume, in denen Infrastrukturwettbewerb und damit mehrere Infrastrukturen tragfähig sind, soweit sich Marktanteile hinreichend symmetrisch auf alle Netzbetreiber verteilen, so dass jeder seinen kritischen Marktanteil erreichen kann. Fallen Überbaufälle in diese Gebiete, sind sie aus ökonomischer Sicht nicht problematisch, sondern als effizienter Infrastrukturwettbewerb anzusehen."
Höchstens ein Netz langfristig ökonomisch tragfähig
In vielen Gemeinden sei jedoch höchstens ein Netz langfristig ökonomisch tragfähig: Doppelausbau könne dort zu Verdrängungseffekten führen und die Notwendigkeit der Förderung erhöhen.
Das WiK erklärte: "Je höher die durchschnittliche Kosten pro Anschluss sind, desto weniger sind parallele Netze ökonomisch tragfähig. Dies gilt vor allem für Gemeinden in suburbanen und ländlichen Regionen Deutschlands. Insbesondere in urbanen Gebieten kann langfristig mit tragfähigem Infrastrukturwettbewerb gerechnet werden kann."
Das WiK kommt nicht grundsätzlich zu einer kompletten Ablehnung des Doppelausbau: "Wenn ein Doppelausbau in einer Region stattfindet, in der zwei und mehr Netze tragfähig betrieben werden können, ist dieser langfristig zu erwarten gewesen und sollte daher in den Geschäftsplänen der ausbauenden Unternehmen hinterlegt gewesen sein."
Dies bringe Infrastrukturwettbewerb in Gewerbegebieten in großen Städten. "Zwar waren in unserer Stichprobe nur wenige Fälle aus dieser Kategorie enthalten, jedoch ist dort langfristig der höchste Anteil an Mehrfachausbau zu erwarten" , ergab die Studie des WiK.
Telekom: Studie will nicht alle Rechtsfragen lösen
ANGA-Geschäftsführerin Andrea Huber sagte Golem.de: "Die WIK-Studie zeigt keinen konkreten Weg auf, wie das große Problem des missbräuchlichen Doppelausbaus von Glasfasernetzen durch das marktmächtige Unternehmen gelöst werden kann." Vieles von dem, was die Studie ausführe, sei im Vorfeld bekannt und bereits im Workshop vor fünf Monaten Thema gewesen. "Aus unserer Sicht gibt es bereits heute regulatorisches Werkzeug, das die Bundesnetzagentur nutzen könnte und müsste. Das wird in der Studie nicht hinreichend berücksichtigt. Es bleibt zu diskutieren, ob das vom WIK vorgeschlagene Instrument des verstärkten Monitorings eine wirksame Abhilfe darstellen kann."
Deutsche-Telekom-Sprecherin Nicole Schmidt sagte Golem.de, dass die Studie selbst erklärt, "keine abschließende Klärung aller (...) aufgeworfenen Rechtsfragen" anzustreben. "Dass nun einige Wettbewerbs-Verbände die Studie in ihrem Sinne auslegen, ist verständlich, aber sachfremd. Mit praxisfernen Modelldebatten wird die Diskussion nicht versachlicht, sondern unnötig weiter aufgeheizt." Der Infrastrukturwettbewerb sei und bleibe der Motor für den Glasfaserausbau, das zeigten viele andere Länder wie etwa Spanien.
Zu den eher fragwürdigen Annahmen der Studie gehöre bei erster Lektüre die Marktbetrachtung. Paralleler Netzausbau sei vor allem ein städtisches Thema mit rund 70 Prozent der Anzahl der Fälle. "Dort findet aber bereits seit Jahren ein intensiver Infrastrukturwettbewerb vor allem mit den Kabelunternehmen statt. Die Telekom ist dabei in der Rolle des Herausforderers" , sagte Schmidt.