Wetterextreme und IPCC-Bericht: Ist der klimapolitische Stalingrad-Moment erreicht?
Dieses Jahr also Flutwellen und Überschwemmungen. Nachdem Deutschland in den vergangenen drei Jahren unter Hitze, Dürre und Trockenheit zu leiden hatte, gibt es im Sommer 2021 in vielen Regionen Wasser im Übermaß. Wer sich die Schäden an der Ahr mit eigenen Augen angesehen hat, erschaudert vor der brutalen Gewalt der Fluten. Es sind Bilder wie aus dem Krieg. Sollte Deutschland daher nicht im Kampf gegen die Erderwärmung aus den Fehlern zweier verlorener Weltkriege lernen?
Der Flutsommer könnte als Stalingrad-Moment in die Geschichte der deutschen Klimapolitik eingehen. Zusammen mit dem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltklimarats als Wendepunkt eines größenwahnsinnigen Projekts, das offensichtlich zum Scheitern verurteilt ist.
Dieses Projekt ist die rücksichtslose und unbeschränkte Verwertung fossiler Brennstoffe als Rückgrat eines hochindustriellen Wirtschaftssystems in Verbindung mit der großflächigen Abholzung von Wäldern. "Die Industrie der fossilen Brennstoffe zerstört unsere Zukunft", schrieb der britische Professor Simon Lewis im Guardian(öffnet im neuen Fenster) als Reaktion auf den IPCC-Bericht.
Das hat es doch immer schon gegeben
Doch wie im Zweiten Weltkrieg die Schlacht von Stalingrad lässt sich auch die Hochwasserkatastrophe an der Ahr sehr unterschiedlich interpretieren. Klimawandelskeptiker werden einwenden, dass es extreme Wettereignisse schon immer gegeben habe. Ein ähnliches Hochwasser soll sich schon vor 200 Jahren an der Ahr ereignet haben(öffnet im neuen Fenster). Doch man muss schon sehr die Augen vor der Realität verschließen, um die Häufung solcher Ereignisse, verbunden mit anderen Wetterextremen zu gleicher Zeit in vielen anderen Teilen der Welt, komplett zu ignorieren.
Solche Klimawandelskeptiker glauben vermutlich noch an den Endsieg der menschlichen Technik über die Natur. Dass am Ende alles nicht so schlimm sein wird und es keinen Grund gibt, die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas aufzugeben oder den eigenen Lebenswandel umzustellen. Eine verlorene Schlacht ist schließlich kein verlorener Krieg.
Ein Siegfrieden mit der Natur
Sehr unterschiedlich können die Reaktionen bei Menschen ausfallen, die den menschengemachten Klimawandel als Faktum anerkennen und irgendwie das Klima schützen wollen. So sehen Politiker wie CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet das Land auf dem richtigen Weg und wollen nur wegen eines Unwettertages nicht ihre Politik ändern(öffnet im neuen Fenster).
Dieses Konzept ist vergleichbar mit dem des Siegfriedens(öffnet im neuen Fenster), wie er im Ersten Weltkrieg von der deutschen Führung propagiert wurde. Damals war man nach zwei, drei verlustreichen Jahren durchaus kriegsmüde, wollte aber einen Frieden nach den eigenen Bedingungen durchsetzen. In diese Kategorie gehört auch das Konzept des Green New Deal(öffnet im neuen Fenster), mit dem das aktuelle Wirtschaftssystem ohne große Wohlstandsverluste in ein CO2-neutrales System überführt werden soll.
An den Plänen zum Kohleausstieg soll nicht gerüttelt werden, stattdessen will man innerhalb mehrerer Jahrzehnte die Wirtschaft auf klimafreundliche Techniken umstellen. Als mögliche Wunderwaffe wird sogar eine Renaissance der Atomenergie propagiert, wie es Bill Gates in seinem Buch vorgeschlagen hat. Weitere Wundermittel sind synthetische Treibstoffe, die das fossile Öl einfach ersetzen, oder Kernfusionsreaktoren, die das Sonnenfeuer kopieren sollen.
"Das Problem ist letztlich, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe eine 'Fortschrittsfalle' ist", schreibt Lewis und erläutert: "Vor Jahrzehnten haben fossile Brennstoffe das Leben im Vergleich zu anderen Energiequellen verbessert, aber jetzt bewirkt ihr Einsatz das Gegenteil und zerstört aktiv Leben und Lebensgrundlagen. Fossile Brennstoffe haben sich von einem genialen Wegbereiter des menschlichen Fortschritts zu einer Falle entwickelt, die ihn untergräbt."
Diesen Fortschritt will die Politik wie ein einmal erobertes Terrain natürlich nicht aufgeben.
Mit Naturgesetzen lässt sich nicht verhandeln
Doch mit den Naturgesetzen lässt sich nicht verhandeln. Das CO2 ist nicht aus der Atmosphäre verschwunden, wenn Politiker in ferner Zukunft eine Klimaneutralität versprechen. Emissionen, die in den kommenden Jahrzehnten zusätzlich ausgestoßen werden, dürften die Situation weltweit verschlimmern.
Die französische Klimatologin Valérie Masson-Delmotte sagte bei der Vorstellung des IPCC-Berichts: "Der einzige Weg, um die globale Erwärmung zu begrenzen, besteht darin, die CO2-Emissionen auf globaler Ebene auf null zu reduzieren. Jede zusätzliche Tonne an CO2-Emissionen trägt zur weltweiten Erwärmung bei." Viele klimatische Veränderungen wie das Schmelzen von Gletschern und Arktiseis sind ohnehin schon unumkehrbar.
Nur ein globales Handeln ist erfolgversprechend
Was die Situation erschwert: Selbst wenn große europäische Industrienationen wie Deutschland einen ernstzunehmenden Klimaschutz betreiben, bringt dies wenig, wenn Länder wie China, USA, Russland und Indien dem Beispiel nicht folgen. So haben China und Australien trotz des IPCC-Berichts angekündigt(öffnet im neuen Fenster), ihre Klimaschutzziele auf der kommenden Klimakonferenz im November 2021 in Glasgow nicht zu verschärfen. Es droht daher das übliche Klimaschutzmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.
Ist Deutschland schon ein Vorbild, weil es seit den 1970er Jahren den CO2-Ausstoß schon mehr als halbiert hat(öffnet im neuen Fenster)? Oder ein abschreckendes Beispiel, weil der Pro-Kopf-Verbrauch noch höher als in China oder Indien ist(öffnet im neuen Fenster)? Die Debatte ist müßig. Die Erderwärmung kann weder ohne Unterstützung der größten Emittenten eingedämmt werden, noch ohne starke Reduktionen bei den Industriestaaten.
Die Menschheit weiß im Grunde, dass sie einen aussichtslosen Kampf gegen die von ihr selbst entfesselten Naturgewalten führt. Doch anstatt die Konsequenz zu ziehen und zu kapitulieren, macht sie diese Gewalten in den nächsten Jahrzehnten noch stärker. Eine radikale CO2-Reduktion, wie von Extinction Rebellion(öffnet im neuen Fenster) oder Fridays for Future gefordert, ist ebenso wie der Pazifismus im Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht mehrheitsfähig.
Nach einem Besuch der Schlachtfelder von Verdun schrieb der Journalist Kurt Tucholsky im Jahr 1924 an seine Frau(öffnet im neuen Fenster): "Da ist im Fort Vaux ein Verbandsraum ... Dicker, wenn da einer nicht als Pacifist rauskommt, dann ist er eben ein Schwein." Beim Schreiben des Textes über Verdun(öffnet im neuen Fenster) habe er "Rotz und Wasser geheult". So kann es einem auch ergehen, wenn man sich die Verwüstungen an der Ahr anschaut. Auch wenn dies vom Ausmaß her nicht mit den Schlachtfeldern der Weltkriege vergleichbar ist. Hilfskräfte werden dort weiter dringend benötigt(öffnet im neuen Fenster).
Die Stunde Null wird bitter sein
Angesichts der dramatischen Entwicklungen weltweit verwundert, dass der Klimaschutz nicht ernster genommen wird. Hunderte Menschen im Ahrtal und an der Erft haben ihr Leben verloren. Tausende sitzen in Häusern und Wohnungen, die komplett entkernt werden mussten. Die Solidarität ist zwar groß, doch es ist zu befürchten, dass solche Flutwellen künftig noch häufiger kleine Flusstäler heimsuchen. Gegen Hitzewellen in Verbindung mit Dürreperioden, Waldbränden und Borkenkäferbefall ist die Gesellschaft ohnehin machtlos. Eine Art klimatischer Zweifrontenkrieg, über dem als nukleare Option die Abschwächung des Golfstroms droht.
Bis die Erderwärmung ihren Scheitelpunkt erreicht hat, wird der Klimawandel vermutlich sehr viel verbrannte und zerstörte Erde hinterlassen. Es wird irgendwann wohl eine Stunde Null(öffnet im neuen Fenster) geben. Aber sie wird nicht schön sein, wie schon jetzt zu besichtigen ist.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
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