Westworld Staffel 4 auf DVD: Aufstieg und Fall einer großen Science-Fiction-Serie

Spoiler-Hinweis: Wir decken in diesem Artikel zwar nicht jedes einzelne Mysterium der Serie auf, erzählen aber viel aus der Handlung der Staffeln eins bis vier.
Als die Science-Fiction-Serie Westworld 2016 auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender HBO anlief, erwies sie sich schnell als Hit, den man sich auch einiges hat kosten lassen. Bei nur zehn Folgen verschlang die erste Staffel das gigantische Budget von 100 Millionen US-Dollar – eine Summe, die auch nötig war, denn die Serie ist edel besetzt. Der größte Name im Ensemble ist sicher Anthony Hopkins, daneben spielen aber auch Evan Rachel Wood, James Marsden, Thandiwe Newton, Ed Harris und Jeffrey Wright mit. Hopkins war für den Serien-Einsatz nur bereit, weil man ihm im Vorfeld versicherte, dass seine Figur nur in dieser ersten Staffel dabei sein sollte.
Zu Spitzenzeiten hatte Westworld fast zwei Millionen Zuschauer(öffnet im neuen Fenster) , am Ende waren es noch ein paar hunderttausend. Also wurde die Serie vorzeitig eingestellt. Die Serienmacher hatten eigentlich mit einer weiteren Staffel gerechnet. Seit heute (8. Dezember) gibt es die vierte und letzte Staffel auf DVD und Blu-ray – Anlass genug für eine Würdigung dieser tollen Serie.
Vom alten Film zur neuen Serie
Westworld basiert auf dem von Michael Crichton geschriebenen und inszenierten Film aus dem Jahr 1973(öffnet im neuen Fenster) . Es ist der Name eines Vergnügungsparks, der von den Reichen besucht wird. Sie können hier tun und lassen, was sie wollen: massakrieren und vergewaltigen – und zwar die Hosts, wie die Roboter dort genannt werden. Den niederen Instinkten wird gänzlich freier Lauf gelassen.
Dabei erzählen die Serienmacher Jonathan Nolan und Lisa Joy ihre Geschichte, anders als im Film, aus Sicht der Roboter – zum Teil auch mit Figuren, die sich lange Zeit für Menschen halten. Dabei wird ein Blade-Runner-Gefühl heraufbeschworen, indem gezeigt wird, dass diese künstlichen Intelligenzen außerhalb ihrer programmierten Routine zu funktionieren beginnen. Im Verlauf der ersten Staffel steigert sich das, wobei die Serie elegant mit sehr komplexen Erzählebenen spielt.
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Westworld spricht viele interessante Themen an. Es befasst sich mit der Verantwortung der Erschaffer, wenn der Mensch als Schöpfer der Roboter gottgleichen Status erlangt. Ebenso wird die Frage untersucht, was es über den Menschen an sich aussagt, wenn er sich einer solchen Vergnügung hingibt – kann er in Westworld doch ungestraft morden.
Da alles lebensecht ist, wirkt es für den Spieler auch absolut authentisch. Wie aber kann ein Mensch diese dunkle, mörderische Seite im Rahmen eines Spiels ausleben – und im normalen Leben trotzdem funktionieren? Diese Frage stellt sich vor allem, wenn man sich Ed Harris' Figur betrachtet, der eine tiefere Spielebene sucht.
Seine Figur ist eines der Mysterien dieser Serie. Zum Ende der ersten Staffel wird es teilweise aufgelöst; das Spannungsfeld zwischen zivilisatorischem Korsett und dem Ausleben niederer Instinkte bleibt aber bis zum Finale der Serie am Ende der vierten Staffel bestehen.
Der frühe Erfolg
Die Serie erwies sich als Quotenhit, weswegen schnell eine zweite Staffel geordert wurde. Auf die musste man allerdings warten, da die Produktion sehr aufwendig war. Das galt sowohl für das Entwickeln der komplexen Drehbücher als auch für die ausufernden Dreharbeiten, so dass die zweite Staffel erst im Laufe des Jahres 2018 herauskam.
Nach dem fulminanten Ende der ersten Staffel ging es nahtlos weiter: Die Hosts im Park rebellieren und machen Jagd auf die Gäste. Parkbetreiber Delos schickt Sondereinheiten los, aber nicht, um die Gäste zu retten, sondern um etwas aus dem Park zu holen, das viel, viel wertvoller ist, von dem aber nur die Wenigsten wissen.
Die Serie entwickelte sich: Das "lustige" Treiben im Park war vorbei, jetzt ging es um die essenziellen Dinge. Vor allem ums Überleben – nicht nur der Menschen, sondern auch der Hosts.
Der Maschinenmensch sucht seinen Platz in der Welt
Schon in der ersten Staffel befasste sich die Serie mit der Frage, was einen Menschen ausmacht und wie Gewalt auf ihn wirkt. Diese Frage spielt auch hier eine große Rolle, allerdings geht es in der zweiten Staffel zusätzlich darum, dass hier eine neue Spezies erwacht.
Es ist der Maschinenmensch als logische Fortführung der Evolution des Menschen und er sucht seinen Platz in der Welt. Dieses klassische Thema der Science-Fiction wird hier sehr intensiv aufbereitet, wobei keine der Figuren nur schwarz oder weiß gezeichnet ist. Viele tun verwerfliche Dinge, einige kann man aber verstehen.
Die Erzählweise ist interessant. Von Anfang an spielten die Serienmacher mit dem Thema Zeit und wie sie manipuliert werden kann, um etwas zu erzählen, das der Zuschauer nicht gleich durchschaut. Hier wird das noch potenziert, etwa indem Bernards (Jeffrey Wright) Erinnerungen durcheinandergeworfen werden. Wie er erlebt man Vergangenes und Gegenwärtiges auf gleicher Bedeutungsebene, bis sich am Ende erst ein Gesamtbild ergibt.
Das macht es nicht leicht, die Serie zu sehen – mit Binge-Viewing haut es aber deutlich besser hin als im wöchentlichen Turnus. Mit der zweiten Staffel wird auch ein großes Mysterium gelöst, das den Evolutionsgedanken der Geschichte noch stärker fokussiert und von einem uralten Menschheitstraum berichtet. Allerdings fragte man sich als Zuschauer am Ende, wie es überhaupt weitergehen sollte, war doch für einige Figuren ein echter Abschluss gefunden worden.
In der dritten Staffel, die 2020 herauskam, spielt sich das Geschehen mehrheitlich in der echten Welt ab. Einige der Hauptfiguren sind noch da, andere kommen hinzu, etwa der von Aaron Paul (Breaking Bad) gespielte Caleb Nichols. Nachdem in der zweiten Staffel schon zwei weitere Parks – Shogunworld und das indische The Raj – vorgestellt worden waren, gibt es in der dritten einen weiteren mit Zweiter-Weltkriegs-Thematik.

Man könnte sagen: Die Serie erlebte einen soften Reboot. Oder sie erfand sich neu. Tatsächlich ist die dritte Staffel eine logische Fortführung der Geschichte. Die erzählerische Komplexität nahm zu, das Interesse der Zuschauer jedoch ab.
Das Ende von Westworld
Die vierte Staffel kam 2022 und hatte nur noch acht anstelle der üblichen zehn Episoden – eine Auswirkung der Pandemie, aber auch eine Kostenersparnis. Bei HBO sah man hier längst nicht mehr einen Quotenhit – im Schnitt schalteten in dieser Staffel nur noch knapp 900.000 Zuschauer ein(öffnet im neuen Fenster) .
Dabei haben Jonathan Nolan und Lisa Joy die Serie erneut konsequent weitergedacht. Sie führen innerhalb der Staffel einen mehrjährigen Zeitsprung aus, lassen die Hauptfigur Dolores (Evan Rachel Wood) in einem neuen Setting erscheinen, zeigen, dass sie sich selbst nicht mehr kennt, und greifen ein Element des alten Films Futureworld(öffnet im neuen Fenster) auf, indem nach und nach echte Menschen durch Hosts ersetzt werden, um so Knotenpunkte der Macht kontrollieren zu können.
Denn in der vierten Staffel ist es nun so, dass der Konflikt zwischen Mensch und Maschine auf dem Höhepunkt angekommen ist. Es ist ein evolutionärer Krieg, bei dem längst nicht ausgemacht ist, wer ihn am Ende gewinnen wird.
Zudem zeigt sich eines: Ein Host, der nach einem Menschen geformt wird, kann dessen charakterliche Defizite weitertragen. Er ist nicht unbedingt eine formgetreue Kopie, sondern eher ein Bewahrer der Essenz. Das zeigt sich besonders bei Ed Harris' Figur, die am Schluss dieser Staffel das Ende von allem einleitet, indem sie auf Chaos und Anarchie setzt.
Das Ende, das keines ist
Nolan und Joy hatten eigentlich damit gerechnet(öffnet im neuen Fenster) , noch eine fünfte Staffel zu bekommen – und die hätten sie gebraucht, um ihre Geschichte wirklich abschließen zu können. Dennoch taugt das Finale der vierten Staffel erstaunlich gut als Serien-Finale. Denn am Ende führt die Serie zurück zum Anfang, wenn auch unter gänzlich veränderten Umständen. Es geht zurück in den Park, mit nur geringfügiger Variation der Szenen, die man in der ersten Folge gesehen hat.
Das könnte ein wunderbares Ende sein, wären da nicht die offenen Handlungsstränge zum endgültigen Schicksal von Maschinen und Menschen. Für einige Figuren gibt es ein Ende, für andere wird es zumindest in Aussicht gestellt. Besonders hoffnungsfroh ist es nicht, sondern beschreibt eher das Gefühl einer ewigen Schleife. Und es lässt darüber sinnieren, was das ultimative Endspiel der fünften Staffel hätte sein können. Vielleicht die endgültige, miteinander verschmolzene Evolution von Mensch und Maschine – hin zu einer neuen Art von Wesen?
Dass HBO kurz vor Schluss der Serie den Stecker zog, ist eine merkwürdige Entscheidung. Schließlich muss der Sender wegen bestehender Verträge die Gagen der Stars für die nun nicht kommende fünfte Staffel trotzdem bezahlen. Da hätte man im Grunde auch noch eine kürzere letzte Staffel produzieren können, um dem Ganzen einen echten Abschluss zu geben. Das Ende der Serie kam wohl auch wegen der immensen Schulden beim Mutterkonzern Warner Discovery, wo man an allen Ecken und Enden sparen muss(öffnet im neuen Fenster) – und damit auch bei HBO.
Westworld bleibt aber eine der aufregendsten, intelligentesten und durchaus auch schwierigsten Science-Fiction-Serien aller Zeiten. Eine, die etwas über die Gesellschaft, aber auch über die Menschen auszusagen hat – und eine, der das eigentliche Ende vorenthalten blieb. Aber mit dem Ende, das sie nun hat, ist sie dennoch sehenswert.



