Wer sind die Groypers?: Hass als Live-Event

Nach dem Mord an Charlie Kirk am 10. September 2025 wurde in Medien und Politik teilweise heftig über das Motiv des mutmaßlichen Täters gestritten. Auf Plattformen wie X und Mastodon gab es wilde Spekulationen. Experten wiesen darauf hin, dass der landesweit bekannte rechtskonservative Aktivist Kirk wegen seiner politischen Haltung nicht nur bei Linken angeeckt, sondern auch zum Feindbild rechtsextremer Gruppen geworden war. Eine davon: die sogenannten Groypers.
Doch wo haben die Groypers eigentlich ihren Ursprung und warum ist ihr Einfluss so groß, obwohl sie eine relativ kleine Gruppe sind? Ein Blick in die jüngere und ältere Geschichte zeigt jedenfalls: Ihre Motive und Methoden sind nicht neu – aber ihre Bühne.
Hervorgegangen ist die nationalistische Alt-Right-Bewegung aus der America-First-Szene um den ultrarechten Aktivisten Nick Fuentes(öffnet im neuen Fenster) . Der damals 18-Jährige hatte 2017 eine Online-Talkshow unter diesem Titel begonnen. Angelehnt war er an den Wahlkampf-Slogan von Donald Trump(öffnet im neuen Fenster) , den dieser schon 2016 benutzt hatte. Ursprünglich aber stammt "America First" aus einer isolationistischen Studentenbewegung der 1940er Jahre.
Hass als Live-Event
Fuentes machte aus dem alten Slogan ein neues Programm. America First sollte für eine "weiße, christliche Nation" stehen – frei von jüdischem Einfluss und Einwanderung. Rasch baute er sich damit eine große Gefolgschaft auf(öffnet im neuen Fenster) .
Seine Anhänger benannten sich nach Groyper, einer Abwandlung des unter Alt-Right-Internetnutzern beliebten Pepe-the-Frog-Memes. Sie organisierten sich online und wurden für ihre provokativen Aktionen bekannt. Von Herbst 2019 an störten sie konservative Großveranstaltungen wie die von Turning Point USA, führten Trollaktionen gegen Politiker und Journalisten durch und überzogen Gegner mit digitalen Hasskampagnen.
Fuentes radikalisierte seine Rhetorik unterdessen weiter: In Streams und Reden verbreitete er offen antisemitische und rassistische Verschwörungserzählungen und sprach von einer angeblichen "zionistischen Kontrolle" der Medien.
Groypers gegen Kirk
Kirk hatte schon früh Fuentes' Hass auf sich gezogen(öffnet im neuen Fenster) . Immer wieder gab es die Aufforderung, dem Influencer die Bühne zu nehmen, was sich im Lauf der Jahre zu stets mit herabwürdigenden Bezeichnungen gepaarten Vorwürfen steigerte, wonach Kirk ein "Gatekeeper des Establishments" , ein Heuchler und ein Verräter an der Sache der Weißen(öffnet im neuen Fenster) sei.
Außerdem warf Fuentes Kirk immer wieder seine pro-israelische Haltung vor und legte nach dem Mord an seinem Gegner sogar noch nach: "Es ist jetzt nach Charlie Kirks Tod am wichtigsten, dass wir die Reihen schließen und verhindern, dass Dreck wie Ben Shapiro, Josh Hammer und Mark Levin (jüdische Mitstreiter von Kirk, Anm. d. Red.) die Kontrolle über die Rechte übernehmen." Fuentes ist politisch zwar weitgehend marginalisiert, aber durch Rumble und X wieder reichweitenstark, seit Elon Musk seinen Account wieder freigegeben hat. Dazu griff er auch Kirks Witwe Erika explizit an und warf ihr vor, ihre Trauer zu inszenieren(öffnet im neuen Fenster) .
Auch die Groypers existieren heute nur noch als loses Netzwerk. Die von Nick Fuentes geprägte Ideologie wirkt jedoch weiter und hat Anschluss an Teile der republikanischen Rechten gefunden. Auffällig ist dabei, dass prominente Kongressabgeordnete wie Marjorie Taylor Greene und Paul Gosar Rhetorik und Codes aus dem Groyper-Umfeld übernommen haben und dabei nicht nur inhaltliche, sondern auch persönliche Nähe suchten(öffnet im neuen Fenster) . Beide traten bei Fuentes' America First Political Action Conference (AFPAC) auf und werteten die Bewegung damit politisch auf – sehr zum Ärger gemäßigter Konservativer(öffnet im neuen Fenster) .
Während Fuentes und seine Anhänger offen mit Neonazi-Begriffen wie der JQ (Jewish Question) operieren(öffnet im neuen Fenster) , greifen Greene und Gosar abgeschwächte Varianten derselben Erzählmuster auf.
Dazu zählen Formulierungen wie America First im Fuentes-Sinn, der Replacement-Frame oder offen christlich-nationalistische Positionen. Sie vermeiden die härtesten Codes, bedienen aber die dahinterliegenden Narrative und tragen so dazu bei, dass diese Ideologie aus den Rändern weiter in den republikanischen Diskurs einsickert(öffnet im neuen Fenster) .
Vom rechten Rand in die Timeline
Auch wenn Fuentes und seine Groypers organisatorisch weitgehend zerfallen sind, wirken ihre Muster weiter – nicht in Parteistrukturen, sondern im Stil der neuen rechten Popkultur.
Die Bewegung hat ästhetisch und rhetorisch eine Sprache geprägt, die inzwischen weit über ihr eigenes Milieu hinausreicht: das ironische Augenzwinkern beim Hetzen, das Spiel mit religiöser Rhetorik, die Gleichzeitigkeit von Meme-Humor und aggressiver Ideologie.
In den Streams von Fuentes entstanden früh Codes, die längst im breiteren digitalen Diskurs zirkulieren; Begriffe wie "based" , "redpilled" oder "Christ is King" markieren Zugehörigkeit, ohne offen extremistisches Vokabular zu verwenden.
So finden sich Elemente des Groyper-Stils inzwischen auch bei europäischen Influencern, die sich selbst als "konservativ" oder "libertär" bezeichnen oder unter dem Label "politisch unkorrekt" auftreten.
Das rhetorische Muster ist dabei immer ähnlich: radikale Aussagen, meist als Witz getarnt, gezielte Provokationen, die Verwendung von Begriffen, die Uneingeweihte nicht immer automatisch zuordnen können – dazu Memes, die sich perfekt als schnelle Reaktion auf Ereignisse und Skandale eignen.
Politische Hetze als angebliche Rebellion
Auch Plattformen wie Rumble, Cozy.tv oder Telegram haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich diese Form des digitalen Aktivismus verselbstständigt hat. Dort verschmilzt Unterhaltung mit Agitation, und die Grenze zwischen Influencertum und Ideologie wird bewusst verwischt.
Selbst jenseits der rechtsextremen Szene – etwa bei Tiktok-Formaten mit nationalistischer Ästhetik oder auf X-Accounts mit "Christlicher Patriotismus"-Hashtags – sind Bildsprache, Ton und Gestus der Groypers erkennbar.
Die eigentliche Wirkung dieser Bewegung liegt also weniger in ihrer politischen Schlagkraft als in der Populärkultur: Fuentes hat vorgemacht, wie man Hass als Content inszeniert, wie Empörung Reichweite erzeugt und wie sich politische Hetze als jugendliche Rebellion tarnen lässt. In dieser Logik entstehen aus digitalen Subkulturen heute politische Narrative.
Alter Hass auf neuen Bühnen
So sehr die Groypers durch ihre Memes, ihre auf diversen Internetplattformen verbreiteten Parolen und ihr Auftreten wie ein Phänomen des digitalen Zeitalters wirken, so alt sind ihr Hass auf Minderheiten, die aggressiven Vereinfachungen, die emotionalisierten Feindbilder und das inszenierte Gemeinschaftserlebnis im Kreis Gleichgesinnter. Alt ist auch die Idee, moderne Kommunikationsformen für Propaganda zu nutzen.
Die ersten gedruckten Flugblätter stammen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie und andere Schriften entstanden häufig in denselben Werkstätten, in denen auch Bibeln, Andachtsbücher und Heiligenlegenden gedruckt wurden. Die einseitig bedruckten Blätter erzählten von angeblichen Wundern, religiösen Visionen und Kriegsereignissen, manchmal auch von außergewöhnlichem Wetter.
Was zunächst noch der Verbreitung von Geschichten und Wundern diente, wurde bald zu einem machtvollen Instrument der Meinungsmache. Mit Beginn der Reformation erkannten sowohl Reformatoren wie Martin Luther und Ulrich von Hutten als auch ihre Gegner wie Johannes Cochlaeus das Potenzial des neuen Mediums.
Diese Zeit gilt als Beginn der modernen Propaganda und von Medienevents(öffnet im neuen Fenster) – und wohl auch als der Moment, in dem sich Hass auf Andersdenkende und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften erstmals systematisch über Druckerzeugnisse verbreitete.
Wie Memes heute gab es auch in Hass-Flugblättern klare Feindbilder in reduzierter Komplexität. Ebenso wie Trolle blieben auch die Verfasser der gedruckten Hetze meistens anonym, das Impressum wurde erst viel später eingeführt.
Populäre Informations- und Desinformationsmedien
Flugblätter blieben auch in den folgenden Jahrhunderten populäre Informations-, aber auch Desinformationsmittel – wenn sie auch nicht so viele Menschen erreichten und vor allem nicht so kostengünstig waren wie heute Retweets, verlinkte URLs und geteilte Videos.
1819 kam es zu den sogenannten Hep-Hep-Krawallen, einer Welle antisemitischer Ausschreitungen, mancherorts angefacht durch antijüdische Flugblätter(öffnet im neuen Fenster) .
Von der Bühne auf den Bildschirm
Neben Flugblättern war das Theater lange vor dem Internet der Ort, an dem Hass nicht nur verbreitet, sondern erlebbar gemacht wurde. Passionsspiele des Mittelalters zeigten Juden als "Christusmörder" – eine Erzählung, die Pogrome rechtfertigte, indem sie abstrakte Vorurteile in greifbare Bilder goss – die antisemitischen Passagen im Text der berühmten Passionsspiele von Oberammergau wurden erst im Jahr 2000 entfernt(öffnet im neuen Fenster) . In den Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach leben antijüdische Klischees dagegen fort. Erst im April 2025 sagte der niedersächsische Antisemitismusbeauftragte Gerhard Wegner(öffnet im neuen Fenster) , Aufführungen ohne entsprechende Hinweise seien "verantwortungslos" .
Auch bei den Volksstücken des 19. Jahrhunderts galt das Prinzip: Heldenmärtyrer wurden gefeiert, Feindbilder kollektiv verachtet. Es war eine Mischung aus Spektakel und Indoktrination – und funktionierte, weil es sich wie Unterhaltung anfühlte.
Hetze mit globaler Reichweite
Heute hat sich die Bühne nur verlagert: Talkshows, Youtube-Videos oder Livestreams übernehmen die Rolle des Theaters. Sie inszenieren "den Fremden", die Juden oder den "Systemling" als Bedrohung, oft mit denselben narrativen Mustern wie einst die Passionsspiele.
Der Unterschied? Die Reichweite ist global, die Emotionen werden in Echtzeit geteilt. Und die Algorithmen liefern das Publikum dafür gleich mit, indem sie dafür sorgen, dass die Botschaften genau diejenigen erreichen, die ohnehin schon empfänglich sind.
Doch warum funktionieren diese Mechanismen – trotz Aufklärung, trotz historischer Lehren – bis heute? Weil sie auf tief verwurzelte menschliche Psychologie setzen: Das Gehirn reagiert stärker auf Bedrohungen als auf Fakten, Gemeinschaftsgefühle entstehen schneller durch gemeinsame Feindbilder als durch rationale Debatten.
Neue Bühne für uralte Muster
Die Technologie hat sich zwar geändert – die Algorithmen beschleunigen, was einst durch Mundpropaganda oder gedruckte Flugblätter lief -, aber die Strukturen bleiben gleich. Damals wie heute geht es um emotionale Zuspitzung, um einfache Schuldzuweisungen, um das Gefühl, auf der "richtigen" Seite zu stehen.
Die Gegenstrategien von damals – Zensur, Aufklärung durch liberale Medien – reichen heute nicht mehr aus. Stattdessen brauchen wir Medienkompetenz, die nicht nur Fakten prüft, sondern auch die Mechanismen hinter Hasskampagnen entlarvt.
Und vielleicht vor allem: eine Erinnerung daran, dass wir es nicht mit einer neuen Erfindung zu tun haben, sondern mit uralten Mustern – die nur neue Bühnen gefunden haben.