Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Vera Rubin Space-1: Für Geld macht Nvidia jeden Quatsch mit

Jensen Huang präsentiert Hardware für Rechenzentren im All. Dass nur Edge-Anwendungen realistisch sind, weiß Nvidia – aber der Hype ist gut fürs Geschäft.
/ Johannes Hiltscher
8 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Nvidia-CEO Jensen Huang bei der Ankündigung des Space-1 Vera Rubin Module (Bild: Nvidia)
Nvidia-CEO Jensen Huang bei der Ankündigung des Space-1 Vera Rubin Module Bild: Nvidia

Früher war es so, dass Nvidia Trends wie die Nutzung von GPUs als Rechenbeschleuniger oder KI aufgriff und ihnen mit Hard- und Software Schwung gab. Das scheint nicht mehr zu reichen, jetzt greift der Konzern jeden Quatsch auf, Hauptsache er verspricht mehr Umsatz. Die Rede ist von Weltraumrechenzentren, deren Absurdität schon in diesem Artikel aufgezeigt wurde.

Auch Nvidia weiß eigentlich, dass die realistischen Nutzungsszenarien für die Hardware des Konzerns im All Edge-Anwendungen sind – Verarbeitung von Bild- oder anderen Sensordaten direkt im Satelliten etwa. Das zeigt die Pressemitteilung zu Nvidias Weltraum-Hardware(öffnet im neuen Fenster), die eigentlich in Anführungszeichen gesetzt werden müsste. Denn es ist praktisch die Hardware, die auch auf der Erde in Edge-Anwendungen eingesetzt wird.

In der Keynote von CEO Jensen Huang sieht das aber ganz anders aus: Die Präsentation zeigt ein Fantasierechenzentrum von Starcloud, einen riesigen, quadratischen Satelliten mit 4 Kilometern Kantenlänge (siehe Whitepaper, PDF(öffnet im neuen Fenster)). Vor dieser Kulisse kündigt Huang das Space-1 Vera Rubin Module an – angeblich die Plattform für KI-Rechenzentren im All, aber wohl eher eine kompakte Bauform für Edge-Rechenzentren auf der Erde.

Erdnahe Orbits brauchen keine Weltraum-Hardware

Irdische Hardware taugt nämlich auch fürs All. Zwar kommt schnell das Problem mit der Strahlung in den Sinn, die entweder Abschirmung oder sogenannte Radiation-Hardened-Hardware erfordert. In erdnahen Orbits ist das aber ein kleines Problem.

Dort wird etwa auf der ISS seit Langem ganz normale Hardware für den irdischen Einsatz genutzt – Laptops wie auch Server. In der Pressemitteilung hebt Nvidia sogar die Erweiterungen für funktionale Sicherheit der Thor-Plattform hervor. Diese sieht der Konzern, neben der RTX Pro 6000, ebenfalls im All.

Und Thor ist sinnvolle Hardware für den Einsatz im All. Mechanismen zur Umsetzung funktionaler Sicherheit sind in anspruchsvollen Umgebungen interessant, da sich Fehlfunktionen hier schnell erkennen lassen. So lässt sich sicherstellen, dass die Auswirkungen von Fehlern überschaubar bleiben.

Es ist also keineswegs so, als würde Nvidia für Space-1 TSMCs weltraumoptimierten N3S-Prozess nutzen (den gibt es auch nicht). Das eigentliche Problem sprach Huang sogar an: "Wir müssen herausfinden, wie man diese Rechenzentren im All kühlt." Dafür hat der sonst so innovative Konzern zwar auch keine Lösung. Aber das wird schon, denn, so Huang, es "arbeiten eine Menge großartige Ingenieure daran" – das wird die Physik sicher beeindrucken!

Dass in der Präsentation ausgerechnet Starcloud der Aufhänger war, ist kein Zufall. Das Start-up ist das einzige von fünf in der Pressemitteilung zur Weltraum-Hardware zitierten Unternehmen, das von großen Rechenzentren spricht. Dass in der Keynote die anderen vier ignoriert wurden, hat einen einfachen Grund: Edge-Rechenzentren sind nicht fancy und ein Business Case, der Investoren schwer zu vermitteln ist, wenn doch gleichzeitig Gigawatt-Rechenzentren gebaut werden.

Nvidia setzt auf einen medienwirksamen Blender

Starcloud ist also lediglich ein Blender, dafür aber ein sehr medienwirksamer. Nvidia spielt dessen Spiel nicht nur mit, sondern gibt dafür auch selbst Geld aus – das selbstverständlich in Form von Hardware-Käufen zurückkommt. Mit dem Geld streut Starcloud Investoren und der Öffentlichkeit Sand in die Augen ebenso wie mit nicht spontan erkennbaren PR-Stunts. Der letzte davon war, bei der Federal Communications Commission (FCC) eine Lizenz für 88.000 Satelliten zu beantragen (Annahmeerklärung der FCC, PDF(öffnet im neuen Fenster)).

Das klingt beeindruckend, ist es aber nicht. Es ist lediglich ein weiterer PR-Stunt, nachdem Starcloud einen Satelliten mit H100-GPU von Nvidia gestartet hatte, der nur kurze Zeit ausreichend Energie für den Volllastbetrieb der GPU liefern kann: Die Solarzellen des verwendeten Corvus Micro liefern maximal 130 W, zusätzlich ist standardmäßig ein 450-Wh-Akku verbaut (siehe Payload Bus User Guide, PDF(öffnet im neuen Fenster)).

Die verbaute H100 in der PCIe-Variante kommt aber auf eine Total Board Power (TBP) von mindestens 200 W (siehe Datenblatt, PDF(öffnet im neuen Fenster)). Dazu kommen noch das Mainboard sowie Kommunikationssystem und Steuerung. Finde den Fehler. Auch ein komplexeres Kühlsystem scheint nicht verbaut gewesen zu sein, denn so etwas sieht die Struktur des Satelliten gar nicht vor. Für kurze Lastphasen genügt es auch, eine massive Metallplatte auf die GPU zu schrauben.

Die FCC nimmt jeden Quatsch an

Die zehntausenden angeblich geplanten Satelliten halten einer genaueren Betrachtung ebensowenig Stand. Denn die FCC vergibt lediglich Lizenzen für die Nutzung bestimmter Frequenzbänder für die Funkkommunikation. Ob das Projekt realistisch ist, interessiert die Behörde nicht – sie nahm, ohne mit der Wimper zu zucken, auch einen Antrag von SpaceX an (Publikation zur Kommentierung, PDF(öffnet im neuen Fenster)), in dem von einer Million Satelliten die Rede ist. Auch sie sollen ein Weltraumrechenzentrum ergeben und "der erste Schritt auf dem Weg zur Kardaschow-Typ-II-Zivilisation" sein.

Aber zurück zu Starcloud, das gern Bilder des bereits erwähnten quadratischen Satelliten mit 4 Kilometern Kantenlänge zeigt. Der Großteil – das Kühlsystem, Netzwerk, Solarzellen sowie sämtliche Infrastruktur – wäre bei ihm wiederverwendbar. Lediglich die in kleinen Modulen verbauten Server würden am Ende ihrer Lebensdauer ausgetauscht.

Der FCC-Antrag spricht allerdings von einer Konstellation – also 88.000 einzelnen Satelliten. Verständlich, eine 16 km2 große Struktur bringt so einige Herausforderungen mit sich. Kleinere Satelliten steigern aber nicht nur die Kosten, sie bedeuten auch wesentlich mehr Müll. Denn am Ende ihrer Lebenszeit von wenigen Jahren würden die Satelliten wohl entsorgt. Eine Rückgewinnung der verbauten Ressourcen ist aufgrund des Aufwands zur Bergung praktisch ausgeschlossen, sie werden realistisch betrachtet einfach in der Atmosphäre verglühen.

Für die Bilanz zählt nur der Verkauf

Nvidia kann all das egal sein. Die Interessen des Konzerns enden, sobald die Hardware verkauft ist. Wenn die Hardware nach einigen Jahren verglüht, ist das für Nvidia sogar von Vorteil – dann taucht sie nicht auf dem Secondhand-Markt auf. Und die Kombination aus KI und Raumfahrt garantiert Aufmerksamkeit.

Zu oft werden Ankündigungen zu Weltraumrechenzentren unkritisch weiterverbreitet. Dabei sind sie entweder eine nur vermeintlich gute Idee oder haben eigentlich einen anderen Hintergrund. Nach Elon Musks Vorstellung sollen Weltraumrechenzentren eine Nachfrage für Starts des Starship schaffen – so wie Starlink es für die Falcon tut.

Nvidia hat es eigentlich nicht nötig, jeden Quatsch mitzumachen. Auch die irdische Nachfrage ist kaum zu decken, und es gibt in der Tat sinnvolle Anwendungen für leistungsfähige Hardware im All. Offensichtlich ist der Konzern aber auf dem besten Weg, selbst zu AI Slop zu werden, nachdem seine Hardware hilft, das Internet damit zu fluten.

IMHO ist der Kommentar von Golem. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


Relevante Themen