Weltbilder bis ganz nach unten
In einem gewissen Ausmaß gilt dasselbe auch für Meinungen darüber, ob ein Sprachmodell nun schlussfolgern kann. Denn Melanie Mitchell vom Santa Fe Institut hat aus ihrer Sicht genauso gute Gründe, mit "nein" zu argumentieren wie Ryan Greenblatt, Chefwissenschaftler bei Redwood Research, für das Gegenteil(öffnet im neuen Fenster) .
Das gilt auch für die Diskussion der Golem-Leserschaft. Und genauso für diesen Artikel. Naranayan und Kapoor nennen ihre Perspektive zwar "eine Beschreibung der aktuellen KI, eine Prognose über die absehbare Zukunft der KI und eine Empfehlung, wie wir damit umgehen sollten." Aber auch das, sagt Samuel, sei am Ende "eine Mischung aus Wahrheitsansprüchen und persönlichen Werten" .
Das Wichtigste sei deswegen, sagt Jasper Korte, "realistisch über Versprechen und Folgen von KI zu diskutieren" . Jenseits von Untergangsprophezeihungen oder der Idee, dass KI die Welt retten könne. Und für Tania Duarte wäre es dann schon mal ein wichtiger Schritt, zumindest die angebliche Unvermeidbarkeit von KI anzuzweifeln.
Gemeinsam lieber langsam machen
Ein erster Schritt auf den sich alle einigen könnten, dürfte sein, die Outputs von Sprachmodellen kritischer zu betrachten. Früher habe ja auch jeder Lehrer die Klasse vor Wikipedia gewarnt, sagt Jens Ohlig, weil "da ja jeder mitschreiben kann" . Aber wenn ein Sprachmodell heute etwas frei erfindet, heißt es: "Manchmal produziert ein Computer eben Fehler, da kann man nichts machen" .
Gerade deswegen brauchen wir ein realistisches Bild davon, was KI ist und was die verschiedenen Technologien können, in deren allgemeine Richtung wir mit diesem Sammelbegriff winken. Also diskutiert weiter fleißig in den Kommentaren. Erzählt einander, wie ihr die Welt seht. Gebt bloß acht auf die Weltbilder, die sich hinter der Art verbergen, wie ihr den Begriff "KI" verwendet.
Das immer wieder zu erklären, mag zwar ganz schön ermüdend sein – aber wie viele erschütternde(öffnet im neuen Fenster) , übertriebene(öffnet im neuen Fenster) und ratlos-machende(öffnet im neuen Fenster) Schlagzeilen könnten wir vermeiden, wenn wir hinter die Meinungsmache blicken.
Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler(öffnet im neuen Fenster) . Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.



