Webcam-Überwachung: GCHQ schneidet Millionen Videochats mit
Was in George Orwells "1984" nur Fiktion ist, hat der britische Geheimdienst GCHQ einem Medienbericht zufolge seit Jahren in die Realität umgesetzt: Über das Abgreifen von Internetverbindungen ist es dem Nachrichtendienst gelungen, die Inhalte von Yahoos Webcam-Chats mitzuschneiden und damit Einblick in die Wohn- und Schlafzimmer unbescholtener Nutzer zu erhalten. Wie der Guardian unter Berufung auf Dokumente von US-Whistleblower Edward Snowden berichtet(öffnet im neuen Fenster) , diente das Spähprogramm Optic Nerve (Sehnerv) dazu, über Gesichtserkennung Bilder von gesuchten Personen aufzuspüren. "Yahoo-Webcam ist bekannt dafür, von GCHQ-Zielpersonen genutzt zu werden" , heißt es in einem der Dokumente, aus dem Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald zitiert.
Dem Bericht zufolge speicherte der Geheimdienst die Webcam-Bilder von Millionen Nutzern. Das geht aus Dokumenten aus den Jahren 2008 bis 2010 hervor. Allein in einem sechsmonatigen Zeitraum des Jahres 2008 sind demnach Bilder von weltweit 1,8 Millionen Yahoo-Nutzern gesammelt worden. Dabei ist das GCHQ nicht in der Lage, die Fotos von US- oder britischen Nutzern herauszufiltern. Ein großes Problem für den Geheimdienst bestand darin, Bilder mit sexuellen Inhalten vor den Augen der Mitarbeiter zu verbergen. Zwischen drei und elf Prozent der Aufnahmen sollen "unerwünschte Nackheit" zum Inhalt haben. Dabei sollen die Pornografiedetektoren häufig auch Gesichtsaufnahmen aussortiert haben, weil der Hautanteil in dem Bild zu groß gewesen sei. Empfindliche GCHQ-Mitarbeiter wurden davor gewarnt, Bilder aus der Datenbank zu öffnen.
Alle fünf Minuten ein Bild
Ein Prototyp von Optic Nerve ist 2008 gestartet. 2012 ist das Programm den Unterlagen zufolge noch in Gebrauch gewesen. Mit Optic Nerve wurden laut Greenwald keine kompletten Videosessions, sondern lediglich alle fünf Minuten Einzelbilder mitgeschnitten, da sonst die Server von GCHQ überlastet worden wären. In einem Dokument wird die Sammlung als ein "polizeiliches Fotoalbum von zuvor verhafteten Individuen" bezeichnet. Der Geheimdienst hat sich darum bemüht, den Zugriff auf die Webcam-Bilder für die Agenten zu begrenzen und Massenabfragen lediglich bei den Verbindungsdaten zu erlauben.
Die Daten stammen laut Guardian aus dem umfassenden Abhören von Internetverbindungen, wie sie auch mit dem Programm Tempora abgegriffen werden. Die Webcam-Informationen sind auch in das NSA-Programm XKeyscore eingespeist worden. Zudem hat die NSA dabei geholfen, das Tool zum Auslesen des Webcam-Traffics zu entwickeln. Der britische Geheimdienst wiederum experimentierte mit Programmen zur Gesichtserkennung. Aus den Dokumenten soll nicht eindeutig hervorgehen, in welcher Weise die NSA Zugriff auf die Webcam-Bilder hatte.
Der Internetkonzern Yahoo zeigte sich empört über die Enthüllungen. "Wir sind uns weder der berichteten Aktivitäten bewusst noch würden wir sie dulden" , heißt es in einer Stellungnahme laut Guardian. "Sollte dieser Bericht wahr sein, zeigt er eine neue Stufe der Verletzung der Privatsphäre unserer Nutzer, die vollkommen inakzeptabel ist." Yahoo appellierte an die Regierungen weltweit, die Überwachungsgesetze zu reformieren. Das GCHQ wiederholte seine stereotype Antwort auf Presseanfragen, wonach alle Aktivitäten notwendig und angemessen seien und im Rahmen der britischen Gesetze stattfänden.
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