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Waymo ausprobiert: Der KI-Chauffeur kriegt kein Trinkgeld!

Unterwegs mit dem Robotertaxi: Golem.de ist in San Francisco ins vollkommen autonome Waymo gestiegen. Mit Video!
/ Peter Steinlechner
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Golem.de-Redakteur Peter Steinlechner nach der ersten Fahrt mit Waymo (Bild: Peter Steinlechner / Golem.de)
Golem.de-Redakteur Peter Steinlechner nach der ersten Fahrt mit Waymo Bild: Peter Steinlechner / Golem.de

Fast hätte es einen Personenschaden im Rahmen meiner ersten Fahrt mit Waymo gegeben. Nachdem ich in San Francisco das autonome Auto per App angefordert habe, hüpfe ich aufgeregt zwischen Gehweg und Haltezone hin und her, um Ausschau nach dem computergesteuerten Vehikel zu halten.

Während ich das mache, saust ein goldfarbenes anderes Auto just durch die Haltezone, hält an und setzt noch mal zurück. Nicht in böser Absicht, vermute ich jedenfalls. Sondern einfach, weil der Fahrer verwirrt oder abgelenkt war, auf sein Handy gucken wollte oder unter Alkohol oder Drogen stand.

Nach einem kurzen Blick in meine Richtung fährt er weiter und macht Platz für das Auto von Waymo, das einige Augenblicke später angerollt kommt. Parallel vibriert mein Smartphone und ich kann die Tür durch das Antippen der blauen Unlock-Fläche entsperren und einsteigen.

Dabei kann ich mir Zeit lassen: Waymo, betrieben von der gleichnamigen Google-Schwesterfirma, lässt mich nach Möglichkeit nur an Orten einsteigen, wo das in Ruhe geschehen kann. Es ist dort auch möglich, den Kofferraum zu öffnen und Gepäck oder Einkäufe zu verstauen.

Hunde und sogar Miniaturpferde ( kein Scherz(öffnet im neuen Fenster) !) dürfen ebenfalls mitfahren. Allerdings nur, wenn es sich um zertifizierte "Service Animals" handelt, etwa um Blindenhunde.

Meine beiden Hunde sind weder Blindenhunde noch in San Francisco dabei, und ich befinde mich auch nicht in Begleitung eines Pferdes. Also steige ich im Fond ein, ziehe die Tür zu und höre mir vor meiner ersten Fahrt mit Waymo eine gut einminütige Begrüßungsansprache mit Hinweisen an.

Kurzversion: Anschnallen, nicht ins Lenkrad greifen, Fahrt genießen, Singen ist erlaubt - es hört niemand zu - und bei Bedarf kann ich über einen Touchscreen zwischen den Vordersitzen jederzeit Kontakt zu einem menschlichen Mitarbeiter aufnehmen.

Falls es noch nicht ganz klar ist: Ich bin allein in dem Auto. Ohne Hund, ohne Pferd - und ohne Fahrer. Links vor mir befindet sich zwar ein Fahrersitz, das Lenkrad dreht sich wie von unsichtbaren Händen gesteuert, aber das Vehikel wird vollständig von Computern kontrolliert.

Es gibt auch keinen Co-Piloten, der bei Problemen rasch die Kontrolle übernehmen könnte. Das Waymo, in dem ich gerade Platz genommen habe, beherrscht autonomes Fahren nach Level 4 - eben ohne menschliche Hilfe.

Peter Steinlechner fährt Waymo in San Francisco Probe
Peter Steinlechner fährt Waymo in San Francisco Probe (09:59)

Bei den Autos von Waymo handelt es sich um stark modifizierte vollelektrische I-Pace von Jaguar. Zur Orientierung kommen besonders detaillierte Karten, GPS sowie Radar und Lidar zum Einsatz.

Besonders markant sind eine Reihe von im Kreis angeordneten Kameras auf dem Dach. Der Waymo-Firmenchef deutete vor einiger Zeit an(öffnet im neuen Fenster) , dass jedes der Autos rund 180.000 US-Dollar kostet.

Waymo fährt seit einigen Monaten in San Francisco sowie in Phoenix/Arizona autonom, demnächst soll der Dienst auch in Los Angeles an den Start gehen. In einigen weiteren US-Städten wie New York laufen gelegentlich Versuche - allerdings bislang mit menschlichen Aufpassern auf dem Fahrersitz.

Es ist gar nicht so einfach, Waymo in San Francisco zu nutzen. Ich benötige erstens eine nur in den USA erhältliche App namens Waymo One (Android und iOS). Zweitens muss ich ein Zahlungsmittel aus den USA hinterlegen. Meine deutsche Kreditkarte funktioniert nicht - aber, wie sich herausstellt, eine Visa Gift Card aus dem Supermarkt sehr wohl.

Drittens gibt es Wartezeiten in der App. Hier half mir die Presseabteilung von Waymo mit einem Key, der mir eine Woche lang sofortigen Zugang zu dem System erlaubte (aber keine kostenlosen Fahrten oder sonstige Vorteile).

Ein kurzer Spaziergang gehört oft dazu

Wenn das alles vorhanden und aktiviert ist, kann die Fahrt beginnen. Ähnlich wie in Apps von Uber oder Free Now gebe ich den Abfahrtsort ein oder lasse ihn per GPS bestimmen. Und natürlich trage ich auch das Ziel ein, worauf mir die App eine ungefähre Ankunftszeit sowie die Kosten mitteilt.

Minimal anders als bei den beiden genannten Diensten ist die Sache mit der Haltezone - also dem Ort, an dem ich fast angefahren worden wäre. Waymo hält nicht einfach am Straßenrand, sondern nennt mir eine oder mehrere potenzielle Haltezonen in der Nähe.

Wenn der Weg dorthin - meist ein oder zwei Minuten - nicht offensichtlich ist, wechselt die Waymo-App auf Tastendruck zu Google Maps, so dass ich die paar Meter per Fußgängernavigation zurücklegen kann.

Nach dem Ordern des autonomen Autos muss ich auf dessen Ankunft warten, bei meinen vier Fahrten hat das jeweils zwischen zehn und 15 Minuten gedauert. Das ist etwas länger als das typische Uber-Taxi, das in San Francisco meist nach fünf Minuten da ist.

Zum Feierabend treffen sich die Waymos im Parkhaus

Aber irgendwann ist das geschafft. Und auch ich sitze, wie geschrieben, irgendwann auf dem Rücksitz. Nun muss ich nur noch auf dem Touchscreen im Auto bestätigen, dass es losgehen kann - und schon fährt mich das Ding vollautomatisch durch San Francisco.

Natürlich war ich vor allem neugierig, wie sich Bremsen und Beschleunigen, Spurwechsel und überhaupt das autonome Gefahrenwerden so anfühlen. Um es kurz zu sagen: prima! Mein Eindruck ist, dass Waymo sehr genau den idealen Punkt zwischen vorsichtig-behutsam und zügig getroffen hat.

Wenn da vor mir ein menschlicher Chauffeur gesessen hätte, hätte ich nie gedacht, dass er endlich mal Gas geben und nicht so trödeln, besser aufpassen oder ein wenig vorsichtiger fahren sollte. Das gilt sowohl in eher ruhigen Straßen als auch in Downtown mit Staus, vielen Ampeln, Fußgängern und Fahrradfahrern.

Vorab hatte ich ein Video von Waymo gesehen, in dem ich sogar vorgewarnt wurde, dass die autonomen Autos ein bisschen anders fahren als Menschen - was leider nicht näher ausgeführt wird. Obwohl ich geradezu auf Fehler oder Überraschungen gelauert habe, ist diesbezüglich nichts Auffälliges passiert.

Im Grunde wünsche ich mir jede Autofahrt wie mit Waymo! Und ehrlicherweise gefällt mir das Kutschiertwerden per KI auch sonst. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich das schreibe, aber ich finde Taxifahren ohne Menschen vor mir einfach angenehmer.

Klar, ich habe auch schon sehr nette Fahrer erwischt, die Spannendes über Stadt, Land und Leute erzählt haben, oder bei denen sich eine stumme Fahrt einfach nur entspannt angefühlt hat. Aber es gab eben auch die anderen, mit schlechter Musik und schlechten Scherzen, mit Bleifuß oder dem Verdacht auf ein Mittagsbierchen.

Ziemlich sicher bin ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der das so sieht. Mein Tipp nach den Erfahrungen mit Waymo: Der Anteil von vollständig autonomen Fahrtdiensten am Verkehr wird rasant steigen.

Mir tut das für die Menschen, die als Berufsfahrer unterwegs sind, sehr leid. Dennoch: Nach meinen Trips würde ich im Zweifel und bei Verfügbarkeit jederzeit lieber ein KI-Taxi wählen.

Neben der sozialen Komponente kommt noch die Sicherheit dazu. Offenbar ist es so, dass zumindest die Autos von Waymo nach aktueller Datenlage schlicht besser fahren als Menschen. Das sage nicht ich, sondern das sagen die mir bekannten Untersuchungen.

Um nur eine zu nennen: Der Rückversicherer Swiss Re stellte in einer Studie (laut einer Pressemitteilung von Waymo(öffnet im neuen Fenster) ) fest, dass die KI sicherer fuhr als wir Menschen und viel weniger Unfälle verursacht wurden. Laut der Studie kam es pro eine Million Meilen lediglich zu 0,78 Sachschäden, bei Menschen sollen es 3,26 Schäden gewesen sein.

Klar, es gab Unfälle mit Waymo. In manchen Situationen lassen sich Zusammenstöße oder andere Probleme weder von der besten KI noch vom besten Chauffeur vermeiden. Ein etwas größeres Problem von Waymo-Autos ist derzeit wohl noch, dass die Fahrzeuge manchmal einfach stehenbleiben und Zufahrten, Rettungswege oder Ähnliches blockieren.

Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung nichts zu diesem Thema beitragen. Mir kamen die Touren auch wegen der angenehmen Fahrweise viel sicherer vor, als ich es erwartet hatte.

Nur eine kleine Anekdote, die ich unter diesem Aspekt interessant finde: Vor meiner dritten Fahrt wollte sich ein Bus zwischen das Waymo-Auto und die vorgesehene Haltezone schieben.

Hier hatte ich den subjektiven Eindruck, dass das Waymo-Vehikel neben dem Bus abbremst, als müsse es kurz überlegen. Dann gab das Vehikel ganz ordentlich Gas, zog vorne an dem Bus vorbei und schwenkte flott in die Haltezone ein.

Mir kam das minimal mutige Manöver richtig vor; ein Bild in der Galerie vermittelt einen Eindruck von der Situation.

Eingebaute Fahrradfahrer-Warnung

Das Offboarding - also das Aussteigen am Ziel - funktioniert so ähnlich wie bei Uber: aussteigen und fertig. Das System passt auf, wenn sich von hinten ein Fahrradfahrer nähert, der in die unachtsam geöffnete Tür fahren könnte.

Nach der Fahrt kann ich Punkte vergeben und einen Kommentar für Waymo hinterlassen. Ein Feld für Trinkgeld ist nicht vorgesehen!

Kurz nach meinen Fahrten hatte ich übrigens noch eine weitere, ein bisschen unheimlich anmutende Begegnung mit Waymo: Ich kam am Abend an einem kleinen Parkhaus vor, das offenbar vom Betreiber des Dienstes zum Aufladen der Akkus, für Firmware-Updates oder Ähnliches verwendet wird.

Jedenfalls schien es so, als ob sich die Waymo-Autos dort zum gemeinsamen Feierabend trafen, um dann die Nacht im Rudel zu schlummern. Auf mich wirkte das merkwürdig menschlich ...


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