VW ID.3 Neo angeschaut: Fast schon der vollelektrische VW Golf
Auch in der E-Mobilität will gut Ding manchmal Weile haben. Im September 2016 stellte VW die erste Studie des Elektroautos ID.3 vor, die damals noch als ID.Neo bezeichnet wurde. Nun erhält der Kompaktstromer unter dem Namen ID.3 Neo seine zweite Modellpflege(öffnet im neuen Fenster). Allerdings setzt sich VW damit bewusst von dem futuristischen Konzept ab, das der damalige Konzernchef Herbert Diess auf dem Pariser Autosalon vorgestellt hatte.
Der 2020 auf den Markt gekommene ID.3 hatte anfangs mit schweren Softwareproblemen zu kämpfen. Inzwischen hat VW mehr als 600.000 Exemplare des kompakten Stromers ausgeliefert. Schon im Frühjahr 2023 gab es ein erstes Facelift, um die viel kritisierte, billig wirkende Innenausstattung aufzuwerten.
Ein Auto ohne Schalter und Hebel
Ein Jahr später erhielt der ID.3 einen stärkeren Antrieb und eine bessere Software. Sogar beleuchtete Touchslider zur Steuerung von Innenraumtemperatur und Lautstärke waren endlich verfügbar. Mit dem neuen ID.3 Neo geht VW noch einen Schritt weiter. Oder besser gesagt: einen großen Schritt zurück.
Bei der Präsentation des ersten ID sagte VW-Chef Diess noch stolz: "Die Steuerung des Autos wird völlig intuitiv sein. Keine Schalter, keine Hebel, nur Bildschirme." Der Weg hat sich inzwischen als Sackgasse herausgestellt.

VW will mehr auf die Kunden hören
Bei der Präsentation des ID.3 Neo vor wenigen Tagen in Hamburg sagte Vertriebsvorstand Martin Sander: "Früher erstellten Ingenieure lange Listen mit Funktionen und Anforderungen. Am Ende des Tages fragten wir uns manchmal, warum sich die Kunden bei der Nutzung unserer Produkte nicht wirklich wohlfühlten. Heute gehen wir anders vor. Wir beginnen nicht mit Funktionen, sondern mit den Menschen. Bevor wir über Technik sprechen, fragen wir uns, wer dieses Auto tatsächlich fahren wird."
Es erscheint erstaunlich, dass VW nicht vorher mit Kunden getestet hat, ob sie berührungsempfindliche Bedienfelder, winzige Fahrerdisplays oder unbeleuchtete Touchslider wollten. Möglicherweise ließ sich Diess zu sehr von Elon Musks Ideen beeindrucken und setzte darauf, dass VW-Kunden den Verzicht auf Taster und Schalter akzeptieren würden.
Das neue Entwicklungskonzept(öffnet im neuen Fenster) nennt sich "True Volkswagen" und soll diese Fehlentwicklung korrigieren.
Kein Smartphone auf Rädern
Die neuen Modelle im Klein- und Kompaktwagensegment, ID.Polo, ID.Cross und ID.3 Neo, sollen wieder "echte" Volkswagen sein. Der gemeinsame Nenner laute: "überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis, neue Designsprache, sicht- und fühlbare Wertigkeit, Technologien auf dem Level der jeweils nächst höheren Klasse und intuitive Bedienung". Ein Entwickler sagte dazu: "Ihr seht eben kein Smartphone auf Rädern. Das ist ein Auto. Und das Ding ist fürs Fahren gebaut."
Rein äußerlich fällt vor allem die Frontpartie auf. Die Scheinwerfer werden durch eine, wie VW schreibt, "breite, glasüberbaute Querspange" verbunden. Sie ist je nach Ausstattung im unteren Teil durchgängig beleuchtet und enthält dann auch ein beleuchtetes VW-Zeichen in der Mitte. VW verzichtet beim ID.3 Neo auf schwarz lackierte Elemente wie Heckklappe, Dach, Dachkantenspoiler und den Rahmen der Windschutzscheibe. Sie werden nun in Wagenfarbe lackiert.
Völlig neuer Innenraum
Völlig neu gestaltet wurde hingegen der Innenraum. Er entspricht im Wesentlichen dem im Januar 2026 vorgestellten Konzept des ID.Polo. Dazu zählen ein größeres Fahrerdisplay, mehr haptische Schalter und Tasten sowie eine größere Mittelkonsole. Darüber hinaus verzichtet VW künftig auf Klavierlackoptik und setzt auf weichere Materialien wie Stoffbezüge aus Recycling-Material und unterschäumten Kunststoff. Im Fond findet sich weiterhin Hartplastik.
Das neue Fahrerdisplay hat eine Diagonale von 10,25 Zoll (26 Zentimeter). Das ist fast doppelt so viel wie beim aktuellen ID.3 mit 5,3 Zoll. Der berührungsempfindliche Zentralbildschirm ist mit einer Diagonale von 12,9 Zoll (32,77 cm) ebenfalls größer als bisher.
Cooler Retrolook im Golf-Stil
Über eine Taste am rechten Lenkradbedienfeld lässt sich die Ansicht im Fahrerdisplay verändern. Darstellbar sind klassische Rundinstrumente, die Navigationskarte sowie Infokacheln mit der erkannten Fahrzeugumgebung. Der Clou ist jedoch der Retrolook, der an die erste Golf-Generation erinnert.
Das ist im Grunde nicht mehr als eine Spielerei, aber gut gemacht und sieht in der Tat cool aus. Neben den Rundinstrumenten für Geschwindigkeit und Leistung gibt es "mechanische" Kilometerzähler und die LED-Leiste mit der berühmten blauen Fernlicht-LED(öffnet im neuen Fenster), die damals noch nicht erfunden war und imitiert werden musste.
Der Retrolook lässt sich zudem auf dem Zentraldisplay darstellen. Dann erscheinen die Navigationskarte in einem kleinen Röhrenfernseher und die Musiktitel in einer Kompaktkassette. Der Akkustand wird wie eine analoge Tankanzeige dargestellt. Das Designteam bezeichnet solche Details als "Secret Sauce" des Fahrzeugs. Dazu zählen auch eingeprägte Fahrzeug-Silhouetten an den beiden Außenseiten des Armaturenbretts.
Das ist zwar ganz nett, aber sicherlich kein Kaufkriterium.
Mittelkonsole mit mehr Ablageflächen
Wichtiger dürfte die neugestaltete Mittelkonsole sein, die vielen Nutzern offenbar zu luftig war und nicht genügend Ablageflächen bot. Serienmäßig gibt es nun eine Smartphone-Ablage für induktives Laden, große Becherhalter und eine sogenannte Schmetterlingsarmlehne, die sich aufklappen lässt.
Leider befinden sich zwei USB-C-Buchsen nicht in der Nähe der Handyablage, sondern tief unten im Stauraum unter der Armlehne. Das ist eher unpraktisch, wenn sich ein Handy nicht kabellos aufladen lässt. Die Einbindung von Android Auto und Apple Carplay erfolgt jedoch kabellos.
Konfigurierbare Menüleisten auf Touchdisplay
Das neu entwickelte Infotainmentsystem Innovision auf Android-Basis löst das bisherige System Discover ab. Ebenso wie bei der Vorgängerversion gibt es Innovision in drei Abstufungen. Das bei der Präsentation in Hamburg ausprobierte System nutzte die Version ID. Software 6.0.0. Insgesamt liefen die Anwendungen schnell und flüssig, allerdings noch nicht fehlerfrei. Verbessern ließe sich zudem die Menüführung. So ist es beispielsweise in den Fahrzeugeinstellungen häufig nicht möglich, vom Untermenü wieder in die Übersicht zu gelangen.
Funktionen wie das Abschalten des Tempolimitwarners lassen sich als Favoriten in die obere Menüleiste ziehen. Allerdings gibt es nur vier Favoritenplätze für die 75 hinterlegten Anwendungen. Die untere Leiste für die Klimasteuerung lässt sich ebenfalls konfigurieren. Bevorzugte Einstellungen, wie ein Aufwärmen der Füße, lassen sich als Direktzugriff auf das Menü legen.
Kippschalter statt Touchslider
Als großen Fortschritt, beziehungsweise erfolgreiche Rolle rückwärts, dürften viele Kunden den Verzicht auf die ungeliebten Touchslider sehen. Unterhalb des Bildschirms befinden sich neun Tasten für Klimaeinstellungen sowie für den Warnblinker. Sie sind gut zu erreichen und leicht zu bedienen.
"Die griffigen Tasten mit einer Kippschalteranmutung wirken optisch und haptisch wie in ikonischen Sportwagen", schreibt VW. Eine Taste für die Aktivierung der Parkfunktionen gibt es hingegen nicht. Sie ließe sich jedoch als Favorit auf dem Touchdisplay hinterlegen. Über einen Dreh-Drück-Schalter in der Mittelkonsole lässt sich die Lautstärke und Musikwiedergabe steuern. Ein kurzer Druck auf den Regler schaltet die Wiedergabe stumm.
One-Pedal-Driving verfügbar
Laut VW ist das Vernetzungspaket VW Connect die ersten zehn Jahre kostenlos nutzbar. Es umfasst demnach mehrere bislang kostenpflichtige Dienste des Angebots VW Connect Plus wie den Online-Sprachassistenten IDA, Navigationsdienste, einen digitalen Fahrzeugschlüssel, verschiedene Ladedienste sowie mehrere Remote-Funktionen.
Gegen Aufpreis verfügt der ID.Neo über das Assistenzsystem Connected Travel Assist, das den Kompaktwagen automatisch an roten Ampeln zum Stehen bringen soll. Serienmäßig ist hingegen ein One-Pedal-Driving verfügbar.
Nicht nur die Mittelkonsole, auch das Lenkrad ist vom neuen ID.Polo übernommen.
Nur noch Tasten am Lenkrad
Die bisherigen kapazitiven Bedienfelder wurden durch Taster ersetzt. Sie steuern links die Assistenzsysteme und rechts die Anzeige im Fahrerdisplay. Darüber hinaus lassen sich über Lenkradtasten ebenfalls die Lautstärke regeln oder Musiktitel beziehungsweise Radiosender wechseln. Eine weitere Taste aktiviert die Spracherkennung.
Ebenfalls auf die Wünsche der Kunden hat VW bei der Bedienung der Fensterheber reagiert. So gibt es nun für jede Tür eine eigene Taste. Über eine zusätzliche Taste lässt sich das Öffnen und Schließen der Fenster im Fond blockieren.
Neuer Motor mit bis zu 170 kW Leistung
Doch nicht nur im Innenraum hat VW nachgebessert. Der ID.3 Neo nutzt ebenso wie der ID.Polo die neueste Version des Modularen E-Antriebsbaukastens: den MEB+. Allerdings wird der ID.3 Neo weiterhin von einem Heckmotor angetrieben, während der Polo einen Frontmotor vom Typ APP290 verwendet. APP steht dabei für die achsparallele Anordnung (Axial Parallel Position) von Antrieb und Getriebe, die 290 für das maximale Drehmoment in Newtonmetern.
Der neue APP350 des ID.3 Neo verfügt demnach über ein Drehmoment von bis zu 350 Newtonmetern. Er ist nicht nur effizienter als der bisherige APP310, sondern liefert mit bis zu 170 kW auch mehr Leistung. Damit beschleunigt der ID.3 Neo in 7 Sekunden von null auf 100 km/h.
Das leistungsstärkste Modell der Baureihe, der ID.3 GTI, erhält hingegen den APP550, der aktuell bis zu 210 kW liefert. Die genaue Leistung des ID.3 GTI nennt VW jedoch noch nicht.
Drei Ausstattungslinien bestellbar
Zum Start soll es den ID.3 Neo in den drei Ausstattungslinien Trend, Life und Style sowie in drei Leistungsstufen mit drei verschiedenen Batteriegrößen geben. Die E-Maschinen liefern jeweils eine Leistung von 125 kW (170 PS), 140 kW (190 PS) und 170 kW (231 PS). Die kleine Maschine ist nur mit 50-kWh-Akku lieferbar. Die Linie Trend gibt es nur mit kleinem Motor und Akku, die beiden anderen Linien sind mit allen drei Antriebsgrößen bestellbar.
Der 140-kW-Motor ist an einen 58-kWh-Akku gekoppelt, der 170-kW-Motor wird zusammen mit dem großen 79-kWh-Akku ausgeliefert. Die maximale Ladeleistung der beiden kleineren Akkus beträgt 105 kW, der große Akku lädt mit bis zu 183 kW. Dann dauert es 29 Minuten, um von 10 auf 80 Prozent zu laden. Die Ladeleistung bei Wechselstrom beträgt jeweils 11 kW. Über die Funktion Vehicle-to-Load können externe Geräte mit bis 3,6 kW Leistung betrieben werden.
LFP- und NMC-Akkus
Die beiden kleineren Akkus nutzen eine Zellchemie auf Lithium-Eisen-Phosphat-Basis (LFP), bei dem größeren handelt es sich um einen NMC-Akku (Nickel-Mangan-Kobalt). VW hat inzwischen damit begonnen, eine eigene Batteriezellproduktion in Salzgitter aufzubauen, allerdings bislang nur für NMC-Akkus. Die LFP-Akkus stammen weiterhin von asiatischen Zulieferern, was auch für die geplante Produktion des ID.Polo und ID.Cross noch zutreffen wird.
Die Baugröße der Motoren mit integriertem Inverter und Getriebe ist jeweils identisch. VW setzt weiterhin auf Permanenterregte Synchronmaschinen (PSM). Die unterschiedlichen Leistungen rühren daher, dass die Rotoren unterschiedlich stark magnetisiert sind, was durch den Einsatz von Seltenerdmetallen definiert wird und damit auch den Preis bestimmt.
Reichweite steigt auf bis zu 630 km
VW setzt inzwischen effizientere Pulswechselrichter auf Siliziumkarbid-Basis ein. Der Antrieb soll um bis zu 35 Prozent weniger als das Vorgängermodell verbrauchen. Dadurch steigt die Reichweite erstmals bei einem ID.3 auf einen WLTP-Wert von mehr als 600 km. Ein Wert, den Diess ebenfalls im Jahr 2016 angekündigt hatte. Demnach kommt die Version mit 79-kWh-Akku bis zu 630 km weit. Beim 58-kWh-Akku sind es noch bis zu 494 km. Die Einstiegsversion verfügt über eine Reichweite von 417 km.
Trotz der vielen Verbesserungen bleibt ein nicht unwichtiges Detail unverändert: Das Kofferraumvolumen ist mit 385 Litern relativ klein. Das liegt daran, dass im Gegensatz zum ID.Polo oder ID.Cross der Antrieb weiterhin im Heck sitzt und nicht an die Front versetzt wurde. Daher ist der Stauraum beim Polo deutlich tiefer und hat ein Volumen von 435 Litern. Einen Stauraum unter der Fronthaube gibt es weiterhin nicht.
Einstiegspreis unter 34.000 Euro
VW verweist jedoch darauf, dass der ID.3 Neo eine umklappbare Durchreiche im Fond besitzt, so dass längere Gegenstände wie Ski leichter transportiert werden können. Bei umgeklappten Rücksitzen steigt das maximale Gepäckvolumen des 1,6 m langen Laderaums auf 1.267 Liter.
Ab Werk ist für den ID.3 weiterhin keine Anhängerkupplung bestellbar. Optional ist eine Aufnahme für einen Fahrradträger mit einer Stützlast von 75 kg konfigurierbar. Sie ist "hinter der klappbaren Nummernschildblende verborgen und wird bei Bedarf einfach eingesteckt".
Genaue Preise nennt VW bislang noch nicht. Es heißt lediglich, dass die Einstiegsvariante Trend mit dem 50-kWh-Akku in der Basisversion weniger als 34.000 Euro kosten soll. Derzeit kostet der ID.3 Energy mit 52-kWh-Akku laut Konfigurator 36.530 Euro, allerdings gibt VW bis Ende Juni 2026 einen Rabatt von 4.000 Euro. Der ID.3 Pure startete bei 33.330 Euro. VW will noch im April 2026 den Vorverkauf des ID.3 Neo starten. Die Markteinführung soll im Juli 2026 erfolgen. Inzwischen hat VW den bisherigen ID.3 aus dem Konfigurator entfernt.
Wann kommt der richtige ID.Golf?
Angesichts der vielen Neuerungen stellt sich die Frage, warum VW noch nicht den Schritt zum ID.Golf gewagt hat. Schließlich soll der ID.4 noch in diesem Jahr in ID.Tiguan umbenannt werden.
| Trend | Life/Style | |
|---|---|---|
| Batterie | 50 kWh | 50/58/79 kWh |
| Leistung | 125 kW | 125/140/170 kW |
| Reichweite | 417 km | 417/494/630 km |
| Beschleunigung 0-100 km/h | 8,6 s | 8,6/8,0/7,0 s |
| Max. Ladeleistung | 105 kW | 105/183 kW |
| Ladedauer 10-80 Prozent | 26 min | 26-29 min |
| Basispreis | unter 34.000 Euro | noch unbekannt |
Doch VW will den Elektro-Golf offenbar weiterhin auf der neuen SSP-Plattform auf den Markt bringen. Daher könnte es bis 2030 dauern, bis der ID.3 endgültig von dem VW-Verkaufsschlager der vergangenen 50 Jahre abgelöst wird. Möglicherweise wird der Neo dann schon wieder ziemlich alt aussehen.
Offenlegung: Die Kosten für die Reise nach Hamburg hat VW übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.
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